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14 Februar 2022 / Lesezeit: 6 minuten

Vacoa und Vanille

La Réunions Rückkehr zur Natur

Die kleine französische Übersee-Insel La Réunion im Indischen Ozean bietet eine vielfältige und reichhaltige Natur. 

Bild: Morgane Llanque

Bild: Morgane Llanque

Früher war es auf der französischen Übersee-Insel La Réunion schick, alles aus Frankreich zu importieren. Jetzt entdecken die Bewohner:innen ihre eigenen Ressourcen wieder – und wehren sich gegen Umweltzerstörung.

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Halb verborgen von uralten Riesenfarnen steht die kleine Maison Folio. Durch die Flügeltür mit weißen Blumen-Ornamenten und tannengrünen Fensterläden schreitet eine Dame in bunter Tunika hinaus in den Garten. Flankiert von zwei Katzen bleibt sie zwischen dem Pavillon und dem Springbrunnen stehen. Es duftet nach Zimtbäumen.

Der Garten von Solange Folio, die alle nur Madame Folio nennen, ist eine botanische Schatztruhe: Er birgt die ganze Vielfalt der Natur von La Réunion. Die Insel, auf der es Korallenriffe und weiße Strände, Regenwald, eine Wüste und einen der aktivsten Vulkane der Welt gibt, ist gerade mal so groß wie das Saarland. Und obwohl sie vor der Küste Afrikas liegt, ist sie doch ein Département von Frankreich und damit Teil der EU. Im Talkessel Salazie im Herzen der Insel stürzen Wasserfälle von 2.000 Meter hohen Bergen hinab. Hier, im Dorf Hell-Bourg, hat Madame Folio ihr kreolisches Haus für Besucher:innen geöffnet. Im Garten führt die 94-Jährige auf eine Reise durch die Eigenschaften der Früchte und Kräuter ihrer Insel. Sie züchtet hier Orchideen, baut Kurkuma und die „Vier-Gewürze-Pflanze“ an, die gleichzeitig nach Muskat, Pfeffer, Zimt und Nelken duftet, und natürlich die Chayote, die auf La Réunion Chouchou genannte Lieblingsfrucht der Réunionnais. Der grün-gelbe Kürbis schmeckt wie eine zitronige Zucchini und dient als Zutat für Currys und ein vegetarisches Gratin. Vom Garten kann man in das offene Fenster des Schlafzimmers hineinblicken, in dem eine Reihe von Strohhüten hängt. „Auf Réunion machen wir traditionell aus den Stängeln von Chouchou oder den Blättern des Vacoa-Baumes ein Garn und flechten es zu Hüten, zu Flip-Flops und zu Taschen“, erklärt sie. Dann nimmt sie einen anderen Hut zur Hand. „Dieser hier ist aus Longose.“

Longose, so heißt die gelb, weiß oder rosa blühende Pflanze auf Französisch, die wir als Schmetterlingsingwer kennen. Auf Réunion nennt man sie  „das schöne Unkraut“. Sie ist ein invasives Gewächs, das aus Asien eingeschleppt wurde und nun die endemischen Pflanzen der Insel verdrängt. Der Umweltverein Srepen veranstaltet seit einem Jahr Aktionswochen, in denen Dorfgemeinschaften den wuchernden Wild-Ingwer ausreißen. „Wir erleben gerade eine Rückbesinnung auf Réunion“, erzählt Madame Folio. „Früher hat sich niemand für Umweltschutz interessiert, die Leute wollten alles aus Frankreich importieren. Jetzt sehen sie, was die Insel uns alles gibt.“ An jeder großen Straßenkreuzung steht auf Plakaten „Kauft lokal, auch wenn das Produkt aus Frankreich genauso viel kostet!“

Madame Folio in ihrem Gewürzgarten.
Bild: Morgane Llanque
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Süßgras festigt den Boden

Nico Cyprien, eindringliche, blaue Augen und auf dem Kopf eine Baseballcap gegen den warmen, tropischen Regen, der auf ihn hinabfällt, spaziert neben Madame Folio her und deutet auf ein Gras-Gewächs in einem ihrer Beete. „Das ist mein Parfum“, sagt er lächelnd, „Vetiver.“ Das Öl mit dem rauchig-erdigen Aroma, das man aus dem Süßgras gewinnt, ist eine der Zutaten des berühmtesten Duftes der Welt: Chanel Nr. 5. „Früher waren wir ein Hauptlieferant von Vetiver, dann wurde das Produkt an anderen Orten massenproduziert, die Preise fielen und es lohnte sich für die Leute hier nicht mehr, es anzubauen. Heute gibt es wieder zwei kleine Betriebe, die das Öl herstellen und vertreiben. Wir benutzen es hier auch als Mittel gegen Akne und andere Hautkrankheiten“, erzählt Cyprien.

Er arbeitet als Englischlehrer und als Guide auf La Réunion, in seiner Freizeit engagiert er sich in mehreren Umweltinitiativen. Das Wertvollste an Vetiver, erklärt er, sind die festen Wurzeln, die vor Erdrutschen schützen. Jedes Jahr sterben Dutzende Menschen an der Küstenstraße von Réunion durch Steinschlag, weil Tropenstürme und Erosion die Substanz der Berge bröckeln lassen. Vetiver wird daher auf Réunion gezielt angebaut, um den Boden zu festigen.

Nico Cyprien, Umweltschützer und Guide auf La Réunion führt durch den Garten.
Bild: Morgane Llanque

„Fass unsere Steine nicht an“

Doch das Süßgras allein reicht nicht aus. Um weitere Tote zu verhindern, wollte Paul Vergès, der ehemalige Präsident des Regionalrates von La Réunion, einen Zug bauen. Dieser sollte weiter weg von den gefährlichen Klippen um die Insel führen und eine grüne Verkehrswende einleiten. Aber sein Nachfolger, der 2021 abgewählte Präsident Didier Robert, setzte ein anderes Projekt durch: eine neue Küstenstraße, die zur Hälfte als Viadukt auf dem Meer gebaut wurde. Der andere Teil sollte auf Deichen errichtet werden. Doch die großen Steine, die für die Füllung eines solchen Schutzwalls erforderlich wären, gibt es auf der Insel kaum. Um an sie heranzukommen,  müsste der ohnehin schon völlig labile Boden aufgesprengt werden.

Aktivist Cyprien schloss sich mit anderen Einwohner:innen zusammen und bildete die Initiative Touch pa nout roche („Fass unsere Steine nicht an“). Gemeinsam mit weiteren Umweltvereinen der Insel bildeten sie Menschenketten, informierten auf den sozialen Netzwerken – und reichten schließlich Zivilklagen ein.

Ihr Kampf hatte Erfolg: 2019 wurde der Bau der Straße ausgesetzt. Gegen Didier Robert laufen mehrere Korruptionsuntersuchungen. Und im Sommer 2021  wurde Huguette Bello zur neuen Präsidentin gewählt. „Wir hoffen inständig“, sagt Cyprien, „dass sie den Bau der Deiche endgültig stoppt und sich für eine neue umweltfreundliche Lösung einsetzt.“ Stand April 2022 hat Bello sich entschieden gegen die umweltschädlichen Deiche ausgesprochen.

Vanille de l’île de La Réunion

In Frankreich ist die neue Küstenstraße vor allem deshalb ein Skandal, weil sie bereits zwei Milliarden Euro Steuergelder verschlungen hat. Ein Zug, sagt Cyprien, wäre nicht nur die umweltfreundlichere, sondern auch günstigere Alternative gewesen. „Die Leute müssen erkennen, dass Nachhaltigkeit sich auch wirtschaftlich lohnt.“ Schließlich ist Réunion vor allem für seine natürlichen, hochwertigen Produkte bekannt. Die berühmte Bourbon-Vanille stammt von hier. Vor der Französischen Revolution trug die Insel selbst den Namen des Bourbonen-Königshauses. An der Ostküste der Insel, in der kleinen Stadt Bras-Panon, hat die Kooperative Provanille ihren Sitz. Der süße Duft tausender trocknender Schoten erfüllt die Luft: Desto dunkler und länger die Stangen sind, desto kostbarer sind sie.

Zwischen den Vacoa-Bäumen, mit denen Vanille-Pflanzen in Symbiose wachsen, steht eine Gedenktafel mit dem Kupferstich eines Schwarzen Mannes im weißen Smoking: Edmond Albius. 1841 erfand er als zwölfjähriger Plantagensklave auf Réunion ein Verfahren, mit dem man die Vanilleblüte händisch befruchten kann: Er hob die Klappe zwischen dem Staubbeutel und der Narbe an und strich mit dem Daumen den Pollen über die Narbe.

Getrocknete Vanilleschoten der Kooperative Provanille : Die berühmte Bourbon-Vanille stammt von La Réunion. Vor der Französischen Revolution trug die Insel selbst den Namen des Bourbonen-Königshauses.
Bild: Morgane Llanque

Seine Entdeckung brach das Vanille-Monopol des spanischen Kolonialreiches, denn nur in Mexiko gab es eine heimische Bienenart, die Vanilleblüten natürlich befruchten konnte. Réunion stieg zum weltweit größten Produzenten von Vanille auf. Albius starb in Armut, er wurde nie an den Gewinnen seiner bahnbrechenden Entdeckung beteiligt. Doch die Vanille auf Réunion wird bis heute mit seinem Verfahren gewonnen. An der Theke des kleinen, von Palmen gesäumten Geschäfts der Kooperative steht Graziella Catan, kurzes schwarzes Haar und goldene Ohrringe. Sie arbeitet seit zwanzig Jahren für Provanille. „Unsere Schoten sind die besten der Welt“, sagt sie stolz. „Sie schmecken viel intensiver als die Vanille aus Mexiko oder aus Tahiti.“ Diesen Ruf lässt sich Réunion etwas kosten: Drei Stangen der edelsten Sorte kosten 18 Euro.

Aber obwohl ihre Vanille in der Sterneküche weltweit gefragt ist, hat die Insel es verpasst, sich die Bezeichnung Bourbon als Eigennamen zu sichern. Auf der Nachbarinsel Madagaskar wird mit dem Namen mittlerweile der meiste Gewinn gemacht: 52 Prozent des weltweiten Vanille-Exports stammt heute von dort. Das liegt zum einen daran, dass die Löhne für die Produktion im europäischen Réunion viel höher sind als auf Madagaskar, wo Bauern und Bäuerinnen von reichen Plantagen-Besitzer:innen oft ausgebeutet werden. Außerdem gibt es auf Réunion keine Massenproduktion. Die Plantagen sind klein, um Teil der Kooperative zu werden, muss man eine Ausbildung von vier bis fünf Jahren absolvieren. Nur ein bis zwei Lehrlinge werden pro Jahr angenommen. 2021 erreichte die Insel schließlich, dass die Europäische Union ihrem Produkt ein neues geschütztes Siegel verlieh: Die Kennzeichnung Vanille de l’île de La Réunion soll die einzigartige Qualität des Gewürzes gegen Ausbeutung von anderen schützen. „Wir benutzen keine Pestizide“, erzählt Catan, „sondern Bagasse, ein natürliches Abfallprodukt von Zuckerrohr, um die Pflanzen vor Fressfeinden zu beschützen.“

Eine noch geschlossen Vanilleschote: 1841 erfand der zwölfjähriger Plantagensklave Edmond Albius auf Réunion ein Verfahren, mit dem man die Vanilleblüte händisch befruchten kann. Seine Entdeckung brach das Vanille-Monopol des spanischen Kolonialreiches.
Bild: Morgane Llanque
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Gezielt in Nachhaltigkeit investieren

Zuckerrohr, das heißt auf Réunion vor allem: Rum. Im heißen Südwesten der Insel in der Destillerie Isautier steht der stellvertretende Direktor Yannick Guimard an der Bar und schenkt Rhum Arrangé aus – Rum, der mit Früchten und Gewürzen gemischt wird. Die angesagteste Sorte ist derzeit Flambierte Banane. Auch in Frankreich verkauft sie sich gut. Aber das Zuckerrohr, das die Destillerie bisher bezieht, ist unter dem Einsatz von schweren Pestiziden gediehen. „Um den amerikanischen und europäischen Markt für Produkte aus Réunion zu erobern, muss man gezielt in Nachhaltigkeit investieren“, sagt Guimard. Denn das sei gefragt. In zwei Jahren will er den ersten Bio-Rum von Réunion auf den Markt bringen.  

Die Recherchereise zu diesem Artikel wurde vom Verein Ile de la Réunion Tourisme unterstützt.

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