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10 Juli 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Dürre, Gift und Schottergärten

Das Verschwinden der Schmetterlinge

Ein Schachbrettfalter auf einem Grashalm – wunderschön, doch leider ein immer seltener zu beobachtendes Bild: Schmetterlinge aller Arten sind vom Aussterben bedroht.

Bild: imago images / Eibner Europa

Bild: imago images / Eibner Europa

Es ist eines der klassischen Sommermotive: Ein farbenprächtiger Schmetterling, der auf einer wunderschönen Blüte sitzt. Doch die geflügelten Insekten werden seltener. Dabei kann jede*r Einzelne den Schmetterlingen helfen.

Schmetterlinge sind das Sinnbild für Leichtigkeit, Sommer, Schönheit. Im Sonnenschein flattern sie von Blüte zu Blüte – ein Wunder der Natur. Kleine Kinder sind begeistert, wenn sich die „Raupe Nimmersatt“ aus dem gleichnamigen Bilderbuch verwandelt – in einen wunderschönen Schmetterling. Doch Eric Carles Buch ist mehr als 50 Jahre alt. Würde er die Geschichte heute schreiben, klänge sie wohl trauriger. Denn trotz vieler Appelle sehen Naturschützer*innen die Lage der geflügelten Insekten immer noch mit Sorge.

Mindestens 60 Schmetterlingsarten seien in Deutschland bereits ausgestorben, schreibt das Bundesamt für Naturschutz in Bonn. 494 weitere seien vom Aussterben bedroht oder unterschiedlich stark gefährdet. Insgesamt gebe es rund 3700 Arten. „Selbst viele Allerweltsarten wie zum Beispiel das Tagpfauenauge oder der Kohlweißling sind im Bestand merkbar rückläufig“, sagt Andreas Segerer, stellvertretender Direktor der Zoologischen Staatssammlung München und Experte für Lepidoptera, wie Schmetterlinge wissenschaftlich heißen. „Der Artenrückgang geht quer durch die Bank.“

Segerer macht das am Beispiel eines Naturschutzgebietes im Donautal in Regensburg deutlich. Dort würden seit mehr als 200 Jahren Daten über Schmetterlinge gesammelt. 39 Prozent von mehr als 120 Arten seien dort mittlerweile verschwunden, etwa die Hälfte davon allein in den letzten 20 Jahren. „Das zeigt die Dynamik besonders dramatisch.“

Insektensterben: Dürre, Glyphosat und intensive Landwirtschaft

Die Gründe für das Insektensterben sind nach Einschätzung der Expert*innen vielfältig. Der Klimawandel mit langen Dürreperioden und Hitze ist einer davon, ebenso die intensive Landwirtschaft. Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Berlin verweist auf den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln und auf das häufige Mähen von Wiesen. Der Verlust artenreicher Wiesen und Weiden sei dramatisch, sagt Wessel, beim BUND für Naturschutzpolitik zuständig. Er hofft auf das geplante Insektenschutzgesetz der Bundesregierung und auf ein Verbot des Pflanzenschutzmittels Glyphosat.

Schmetterlinge bräuchten nährstoffarme, offene und blütenreiche Landschaften und lichte, naturnahe Wälder, erklärt Segerer. Doch solche Biotope gebe es fast nur noch in Schutzgebieten. „Diese sind aus der Vogelperspektive nur noch winzige Inseln inmitten einer für alle Arten lebensfeindlichen Agrar- und Betonwüste“, bemängelt der Schmetterlingskundler. „Die Arten sind auf ihrer Insel gefangen, es mangelt an genetischem Austausch und birgt die Gefahr von Inzucht.“

Insektensterben: Kein Lebensraum für Insekten

Trostlos für Insekten sieht es auch oft in Dörfern und Städten aus – Stichwort Schottergärten. Zwar sind sie vielerorts bereits verboten. „Aber es gibt immer noch genügend Neubaugebiete, die trotzdem noch mit diesen Schotterwüsten zugepflastert werden“, bemängelt Markus Erlwein vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV). „Da geht wichtiger Lebensraum verloren.“ Er wünscht sich, dass Schottergärten ganz aus der Mode kommen.

Ein Meilenstein war für Naturschützer das Volksbegehren „Rettet die Bienen“, das in Bayern fast 1,75 Millionen Menschen unterschrieben hatten. Im Juli 2019 verabschiedete der Landtag daraufhin strengere Regeln im Umwelt-, Natur- und Artenschutz, nicht nur für Bienen. Biotope sollen besser vernetzt, Gewässerrandstreifen mehr geschützt, der Einsatz von Pestiziden eingeschränkt und der ökologische Anbau ausgebaut werden.

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„Mut zu Wildnis“

Als große Hoffnung gelten vielerorts zumindest in Bayern Blühpatenschaften. Die Pat*innen zahlen einen Geldbetrag und der Landwirt sät dafür auf ausgewählten Flächen eine Blühmischung aus. Eine gute Idee, doch Naturschützer*innen raten, die Angebote gut zu prüfen. Sie seien gut gemeint, erfüllten aber nicht immer ihren Zweck, etwa wenn Blumen ausgesät würden, die nur den Honigbienen nutzten. Zudem sollte eine Blühfläche mindestens fünf Jahre lang bleiben, nicht nur einen Sommer. „Sie beherbergen auch viele Überwinterer und Larvenstadien von Insekten“, schreibt der LBV im Internet. Würden die Flächen dann im Herbst gemulcht oder umgebrochen, würden dort lebende Tiere vernichtet.

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Doch es kommt nicht nur auf bunte Blumen an. „Wenn die Raupen keine Futterpflanzen haben, bringen die Blühpflanzen gar nichts, weil die Raupen gar nicht zum Schmetterling werden“, erklärt Erlwein. Jede Art hat ihre Vorlieben. Beim Tagpfauenauge und beim Kleinen Fuchs sind es die Brennnesseln. Andere brauchen etwa Gräser, Sauerampfer oder Klee – Unkraut nach Meinung vieler Hobbygärtner. „Mut zur Wildnis“, rät Erlwein. „Auch mal faul sein im Garten, etwas wachsen lassen”. Das empfiehlt auch der Lepidopterologe Segerer: „Ein Garten, der einen eher schlampigen Eindruck macht, ist für Insekten sexy und das sollte sich auch in den Köpfen der Leute ändern.“