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2 September 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Nachhaltige Meereswirtschaft

Von Inseln lernen

Die Shetlandinseln – Der nördlichste besiedelte Punkt Großbritanniens: Inseln haben eine besondere Beziehung zum Meer, denn es ist sowohl ihre größte Bedrohung als auch ihr Lebensraum. Was können wir von ihnen im Umgang mit dem Wasser lernen?

Bild: IMAGO / Panthermedia

Bild: IMAGO / Panthermedia

Entkoppelt vom Festland und mitten im Meer: Ihre isolierte Lage macht Inseln zu besonderen Orten, von denen wir lernen können. Sie bieten Inspiration für eine nachhaltige Nutzung der Meere und Lösungen im Kampf gegen die Klimakrise.

Empowerment durch Fischhandel

Im Pazifik nördlich von Australien tummelt sich der Echte Bonito – wieder. Jahrzehntelang wurde die begehrte Thunfischart von internationalen Flotten fast bis zur Erschöpfung gejagt. Leer gingen die sogenannten Nauru-Staaten aus, die die eigentliche Hoheit über die Gewässer haben: Papua-Neuguinea, Kiribati, Nauru, Palau, die Föderierten Staaten von Mikronesien, die Marshall-Inseln, die Salomonen und Tuvalu. 

2007 kam es zur cleveren Revolte. Sie trägt den Namen „Vessel Day Scheme“ (VDS) und ist ein Handelssystem für eine nachhaltige Fischwirtschaft. Das funktioniert so: Die Staaten entscheiden gemeinsam, was umweltschonender Fischfang bedeutet, und teilen den Wert in Tage auf. Unternehmen können die Fischfangtage ersteigern. Die Nachfrage treibt die Preise hoch, auf bis zu 14.000 US-Dollar pro Tag. 2011 wurde das VD-System erweitert: Wenn sich in den Hoheitsgewässern einer Nation aktuell keine Fische aufhalten, kann diese ihre Tage an einen Partnerstaat verkaufen. Das stabilisiert die Jahres-einnahmen. Innerhalb von zehn Jahren stiegen die Einnahmen der Nauru-Inseln von 60 Millionen US-Dollar im Jahr 2009 auf fast 500 Millionen US-Dollar 2019. Die Fischbestände haben sich erholt. In einem diesjährigen Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) wird das Programm als „eine nicht-konfrontative und wirksame Anpassung an die Klimaauswirkungen“ beschrieben. Für die Nauru-Nationen bedeutet es vor allem eines: ökonomisches Empowerment.

Von Inseln lernen: Shetland tankt blau 

Kraft tanken am Meer mal anders: Auf den Shetlandinseln im Norden von Schottland können Besitzer:innen von Elektroautos ihre Fahrzeuge künftig mit Strom aus dem Ozean befüllen. Die Nordinsel Yell, eigentlich bekannt als Paradies für Vogelbeobachter:innen, ist das Zuhause der ersten „blauen Tankstelle“ weltweit. Umgeben von den stürmischen Gewässern des Nordatlantiks bezieht Shetland bereits seit einigen Jahren Strom aus Wellenenergie, der mit der weltweit größten Unterwasser-Turbinenanlage gewonnen wird. Bisher floss der blaue Strom hauptsächlich in Haushalte und Unternehmen – jetzt sollen auch Elektroautos damit versorgt werden. Schottland ist weltweit führend in der Entwicklung von Wellenenergie-Technologie. Der Einsatz für Elektroautos könnte als Vorbild für alle Küstennationen der Welt dienen. 

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Ökosystem Bohrinsel

Mehr als 12.000 Öl- und Gasplattformen gibt es weltweit auf den Meeren. Was, wenn die fossilen Brennstoffe nicht mehr fließen? Die schwarzen Kolosse aus dem Wasser zu holen ist teuer, sie verrosten zu lassen eine Gefahr für das Ökosystem Meer. Die fünf US-Küstenstaaten am Golf von Mexiko haben eine andere Nutzung entdeckt: Sie verwandeln Bohrinseln in künstliche Riffe. „Rigs-to-Reefs“, von Bohrinseln zu Korallenriffen, heißt das Programm. Bereits 500 Plattformen wurden im Golf von Mexiko zu künstlichen Riffen umgebaut. Dabei wird der größte Teil der Bohrinsel entfernt, der über die Wasseroberfläche hinausragt, das übrige Gerüst wird von schädlichen Substanzen und Materialien befreit und der Natur überlassen.

Das Erstaunliche: Fische, Muscheln, Schwämme und Korallen siedeln sich an den stählernen Monstern in Windeseile an. Korallen bieten die Stahlstreben der verlassenen Bohrinseln ein ideales Skelett, für manche Fischarten, wie Felsenfische, sind sie ein optimales Terrain zum Aufwachsen. Denn während sich der Nachwuchs in natürlichen Riffen mit zunehmendem Alter aus dem flachen Wasser ins tiefe Meer hinauswagen muss, kann er an den Plattformen einfach in die Meerestiefe hinabwandern, ohne sich aus dem Schutz der Pylone entfernen zu müssen. Die künstlichen Korallenriffe rund um die riesigen Stahlgerüste gehören zu den artenreichsten Lebensräumen weltweit.  

Seit 2014 tragen die Meereswissenschaftlerinnen Emily Hazelwood und Amber Sparks den „Riffing“-Ansatz in andere Weltregionen. Mit ihrer gemeinnützigen Organisation Blue Latitudes Foundation haben sie den Umbau künstlicher Riffe von Thailand bis Westafrika begleitet und so für den Schutz riesiger mariner Ökosysteme gesorgt.

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Autark auf hoher See

Die Weltbevölkerung wächst, aber es steht immer weniger Wohn- und Arbeitsraum zur Verfügung. Das Projekt Space@Sea entwickelt daher mithilfe von EU-Fördermitteln künstliche Inseln aus Betonmodulen, die je nach Bedarf miteinander kombiniert werden und sich fortbewegen können. Die schwimmenden Plattformen sollen vor den Küsten Europas als Basis für Logistik, Wohnen, Energie und Aquakultur genutzt werden. Durch die Unterteilung in Module sind die Inseln wesentlich schneller und energieeffizienter mobilisierbar. Strom soll aus Solaranlagen und Wellenenergie erzeugt, danach in einem intelligenten Netz (Smart Grid) und Akkus gespeichert werden. Auf einer der Plattformen soll ein Elektrolyseur grünen Wasserstoff produzieren. Getestet werden verschiedene Anwendungen der Module, darunter eine bewohnbare Energieinsel in der Nordsee, eine Aquafarm im Mittelmeer und ein schwimmender Logistik-Knotenpunkt im Schwarzen Meer. Koordinator des Projekts ist das niederländische Meeresforschungsinstitut MARIN.

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Dieser Text erschien in der Ausgabe August/September 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Schatzinseln: Diese Orte zeigen uns, wie wir den Kampf gegen die Klimakrise meistern“. Das aktuelle Heft könnt ihr hier kaufen.