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21 June 2019 / Lesezeit: 7 minuten

Interview mit Andrew Sharpless

„Nur mit kluger Politik schützen wir die Meere vor dem Überfischen“

Buntes Fischtreiben – wie es einst war und in Zukunft wieder wird

Titelbild: jean wimmerlin/Unsplash

Andrew Sharpless leitet Oceana, die weltweit größte NGO zum Schutz der Meere. Zur Rettung der Ozeane setzt er auf mehr Transparenz, bessere Kontrollen und nachhaltige Fangmethoden

Herr Sharpless, unsere Ozeane sind nicht nur der größte Lebensraum der Erde. Indem sie das Klima regulieren und CO2 absorbieren, ermöglichen sie auch das Leben auf ihr. Zudem liefern sie Nahrung für Milliarden von Menschen. In welchem Zustand befinden sich die Weltmeere?

Es gibt alarmierende Warnsignale, dass die Ozeane weitgehend erschöpft, verunreinigt und überfischt sind. Daten der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, zeigen, dass die Menge der weltweit gefangenen Fische seit den 90er-Jahren zurückgeht. Auch die chemische Zusammensetzung der Ozeane hat sich verändert. Sie ziehen CO2 aus der Atmosphäre und werden durch dessen höhere Konzentration säurehaltiger. Das hat Folgen für die Lebewesen, die beispielsweise Kalziumkarbonat für die Herstellung ihrer Schalen benötigen. Auch für die Riffe hat der Klimawandel mit steigenden Temperaturen und extremeren Witterungen gravierende Konsequenzen. Zusätzlich ist die Verschmutzung mit Öl und Kunststoffen weltweit ein riesiges Problem. Bei Autopsien findet man Plastik in den Verdauungssystemen von Meeressäugern ebenso wie in den Eingeweiden von Schildkröten, Schalentieren, Muscheln und Austern. Es gibt viele Gründe, sehr beunruhigt zu sein.

Haben Sie trotzdem noch Hoffnung, dass wir die Ozeane retten können?

Ja, denn es gibt auch sehr gute Nachrichten: In einigen Gebieten erholen sich die Fischbestände auf messbare und signifikante Weise. Die atlantischen Fischbestände in Europa sind beispielsweise wieder viel gesünder. Dort leben inzwischen weitaus mehr Fische als noch vor 15 Jahren. Das Gleiche gilt auch für die Meeresgebiete der USA. Diese Erholung veranschaulicht eine wunderbare Eigenschaft von Fischen: Sie legen oft millionenfach Eier und sind dadurch ein sehr robuster Teil der Natur. Regenwald braucht 100 Jahre, um sich zu erholen. Viele Fischbestände können sich dagegen innerhalb von fünf oder zehn Jahren erholen, wenn sie wissenschaftlich gemanagt werden. Allerdings gibt es Ausnahmen: Meeressäuger und Haie pflanzen sich nur sehr langsam fort. Aber denken Sie an Heringe, Sardinen oder Sardellen. Die vermehren sich wie die Kaninchen.

Was sind dann die Voraussetzungen für einen wirksamen Meeresschutz? Können wir ihn durch kluge Politik erreichen?

Definitiv. Die Europäische Union hat erfolgreich Fangquoten eingeführt, die Forscher berechnet haben. In den USA wurden mit dem Magnuson-Stevens-Gesetz die Fischbestände in vergleichbarer Weise wieder aufgebaut. Entscheidend ist: Die Länder müssen dafür sorgen, dass sich die Fischbestände erst einmal erholen können. Wenn sie anschließend wissenschaftlich ermittelte Fangbeschränkungen einhalten, sind sie künftig in der Lage, nachhaltig und dauerhaft zu fischen. So können wir in Zukunft sogar mehr Fische fangen als heute.

Mit welchen Fischbeständen rechnen Sie, wenn man sie weltweit nach dem Vorbild der EU und der USA aufbauen würde?

Wir gehen davon aus, dass sich künftig eine Fangmenge von bis zu 100 Millionen Tonnen Fisch pro Jahr erreichen ließe. Aktuell sind es rund 80 Millionen Tonnen, deutlich weniger als in den 90er-Jahren. Wenn wir dagegen weiter überfischen, sinken die Fangmengen bis Mitte des Jahrhunderts vermutlich sogar auf 60 oder 70 Millionen Tonnen.

Langfristig würden sich die Maßnahmen also auszahlen. Warum gelingt es trotzdem nicht in mehr Regionen, die Überfischung zu stoppen?

Häufig gibt die Politik auf. Entweder, weil die Menschen nicht geduldig genug sind, fünf oder zehn Jahre lang auf die Regeneration zu warten. Oder die Fischereiflotten kommen anschließend in das Gebiet und sagen: Ist das nicht toll? Lasst uns jetzt so viele Fische fangen, wie wir können. Das ist so, als hätte man zehn Jahre hart gearbeitet, um ein Alterskonto aufzubauen, das einen für den Rest des Lebens unterstützen kann, und dann entscheidet man sich, alles auf einmal für einen Urlaub auszugeben.

Sind Sie optimistisch, dass sich das ändert?

Ich bin ermutigt durch die europäischen und US-amerikanischen Erfolge. Chile, das siebtwichtigste Fischereiland der Welt, ist zudem gerade dem Beispiel gefolgt – mit einem Gesetz, das den Wiederaufbau seiner Bestände vorschreibt. Ein weiteres gutes Signal ist, dass immer mehr Länder Grundschleppnetze verboten haben. Doch wir müssen noch verdammt viel besser machen.

Sie haben Asien und Afrika gar nicht erwähnt. Gibt es dort keine Fortschritte?

Ich habe auch das Mittelmeer nicht genannt. Es ist eine echte Katastrophe. Kein anderes Meer der Welt ist in einem so schlechten Zustand, und es gibt kaum Hinweise auf Verbesserung. Wir sollten also nicht nur die Afrikaner und die Asiaten kritisieren. Tatsächlich gibt es auch dort positive Entwicklungen: Südafrika hat große Fortschritte beim Erhalt seiner marinen Lebensräume gemacht. Und auf den Philippinen wurde vor Kurzem der Einsatz von Grundschleppnetzen vor allen Küsten verboten. Zudem verhaften Patrouillen im Meeresschutzgebiet Tañon Strait illegale Fischer. Ein weiteres Beispiel ist Indonesien, eines der wichtigsten Fischereiländer der Welt. Dort ist die Fischereiministerin Susi Pudjiastuti in den letzten fünf Jahren massiv gegen illegalen Fang vorgegangen. Sie hat über 350 Boote von illegalen Fischern zerstört, ihre Kapitäne vor Gericht gebracht und die Botschaft verbreitet, dass sie Wilderei nicht dulden wird. Sie ist wirklich eine außergewöhnliche Heldin der Ozeane.

Ohne ein entschiedenes Vorgehen gegen Wilderei werden sich die bedrohten Fischbestände tatsächlich nur schwer retten lassen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 30 Prozent des Fangs illegal eingeholt werden. Wie können Regierungen dagegen noch effektiver vorgehen?

Die Lösung heißt Transparenz. Gemeinsam mit Google und Sky Truth haben wir daher vor zwei Jahren Global Fishing Watch herausgebracht. Die Software veröffentlicht im Internet nahezu in Echtzeit die Aktivitäten der weltweit größten Fischereiflotten, insgesamt 70.000 Schiffe. Es zeigt ihre Identifikationsnummern und wo sie gefischt haben. Man kann sehen, von welchen Häfen aus sie operieren. Zudem erkennt das Programm, wenn ein Schiff seinen Transponder an der Grenze zu einem geschützten Bereich plötzlich ausschaltet. Behörden, Flotten, Wissenschaftler und Journalisten haben so die Möglichkeit, illegale Aktivitäten zu identifizieren. Zusätzlich braucht es künftig aber auch vom Fanggebiet bis zum Supermarkt eine klare Dokumentation. Damit das gelingt, müsste im Prinzip verboten werden, dass Fischer ihren Fang auf hoher See auf Kühlboote verladen. Dieser Umschlag ist ja fast schon eine Einladung zur Illegalität.

Nicht nur Innovationen und Fanggrenzen, auch Meeresschutzgebiete sollen dazu beitragen, dass sich die Bestände erholen. In vielen von ihnen ist Fischerei dennoch erlaubt. Was bewirkt die Deklaration als Reservat überhaupt?

Die Schutzmaßnahmen sind sehr unterschiedlich: In einigen Gebieten sind einfach besonders zerstörerische Fischereitechniken verboten – etwa der Einsatz von Grundschleppnetzen, die den Meeresboden regelrecht zerschneiden. Überall, wo es gelingt, die Fischerei mit Grundschleppnetzen zu verbieten, wird etwas Wichtiges für die Zukunft der Meere getan. Denn die Geräte zerstören einen Lebensraum, den die Fische für ihre Fortpflanzung brauchen. Das ist, als würden Sie im Wald Kaninchen mit einem Bulldozer jagen. Andere Meeresschutzgebiete sind sogar vollständig geschützt: Kommerzielle Fischerei ist in ihnen verboten. Diese Zonen ermöglichen es uns, wieder eine Vorstellung davon zu bekommen, was ein lebendiger Ozean ist. Da wir seit dem Zweiten Weltkrieg angefangen haben, massiv industriell zu fischen, sind unsere Erwartungen, wie viel Leben in den Meeren sein sollte, bereits stark gesunken. Die vollständig geschützten Bereiche schaffen nun Beweise dafür, wie viel mehr Leben in den Ozeanen möglich ist.

Aktuell lautet das Ziel der Weltgemeinschaft, bis 2020 zehn Prozent der globalen Meeresoberfläche unter Schutz zu stellen. Wird das reichen?

Nein, zehn Prozent sind definitiv zu wenig. Die Vereinten Nationen verhandeln deshalb gerade ein umfangreiches, neues Meeresschutzabkommen. Mit anderen Organisationen verlangen wir in einer Petition, dass 30 Prozent der Ozeane bis 2030 unter Schutz gestellt werden.

Nicht nur die Politik, auch die Verbraucher tragen Verantwortung. Letztlich ist es ja unser wachsender Konsum von Meeresfrüchten, unter dem die Ozeane leiden. Dürfen wir überhaupt noch guten Gewissens Fisch essen?

Ja. Aber wir sollten darauf achten, dass wir Sorten essen, die reichlich vorhanden sind. Das sind vor allem die kleineren Fische am unteren Ende der Nahrungskette – zum Beispiel Sardinen, Heringe und Sardellen. Außerdem ist es besser, lokalen Fisch zu essen. Daneben sind auch Muscheln und andere Schalentiere gute Proteinquellen. Von ihrer Zucht profitiert sogar das Meer, da sie das Wasser filtern und ihre Farmer immer Verbündete im Kampf für den Meeresschutz sein werden. In Gebieten mit starker Umweltverschmutzung können sie nämlich keine Schalentiere züchten.

Würden Sie grundsätzlich empfehlen, besser Fisch aus Farmen zu essen?

Es kommt sehr darauf an, was es für ein Fisch ist. Die entscheidende Frage ist: Was frisst der Zuchtfisch? Ist es ein Buntbarsch oder Wels, der Getreide frisst, können Sie ihn mit gutem Gewissen essen. Wenn es dagegen Zuchtlachs ist, der mit Wildfischen gefüttert wird, schadet das dem Meer eher. Denn um ein Pfund Lachs zu erhalten, wird er vorher oft mit bis zu drei Pfund Wildfisch gefüttert. Hinzu kommt der Einsatz von Antibiotika in der Lachszucht.

Wenn ich Fisch esse, muss ich inzwischen auch damit rechnen, dass dieser Plastik in sich trägt. Sind Meeresfrüchte überhaupt noch gesund?

Das ist eine wichtige Frage, die Mediziner bislang noch nicht endgültig beantwortet haben. Es gibt Befürchtungen, dass Mikrokunststoffe das Hormonsystem beeinträchtigen und andere Gifte an den Körper abgeben. Allerdings werden wir nicht verhindern, dass Plastik in unseren Körper kommt, wenn wir aufhören, Fisch zu essen. Denn Plastik ist überall. Kunststoffe sind nicht nur in den Ozeanen ein Problem, sondern in der ganzen Welt. Sie sind in unseren Flaschen und im Leitungswasser, sie sind sogar in der Luft.

Um die Meere von all dem Müll, der bereits in ihnen schwimmt, zu befreien, versuchen immer mehr Initiativen, ihn einzusammeln. Werden wir es so schaffen, die Ozeane wieder zu reinigen?

Leider können wir die Meere nicht ohne Weiteres vom Abfall befreien, denn Plastik zerbricht mit der Zeit in winzig kleine Mikrokunststoffe. Diese werden durch die Strömungen überall verteilt und gelangen bis in die tiefsten Stellen der Ozeane. Projekte wie „The Ocean Clean-up“ oder „The Pacific Garbage Screening“ haben daher meiner Meinung nach eher Symbolcharakter. Praktikabel sind sie nicht. Wir können den Kunststoff nicht in einem signifikanten Umfang einfach aus den Ozeanen heraussieben. Das ist nicht umsetzbar und kann sogar schädlich sein. Denn der Lebenskreislauf der Ozeane basiert auch auf sehr kleinen Lebewesen, dem Phytoplankton. Es ist ähnlich groß wie die Mikrokunststoffe. Bei den Aufräumarbeiten würden auch sie mit eingefangen werden.

Die meisten Kunststoffe gelangen über Flüsse in die Ozeane. Man könnte auch versuchen, das Plastik vorher herauszufischen, oder?

Ja, in Baltimore, Maryland in den Vereinigten Staaten, gibt es inzwischen „Mr. Trash Wheel“. Das Gerät sammelt Kunststoffe, wenn sie vom Jones Falls River in den Baltimore Harbor einlaufen, schon bevor sie stark zersetzt sind. Es ist sehr effektiv.

Könnte zudem besseres Recycling und Filtern helfen, das Problem in den Griff zu bekommen?

Nein, denn auf globaler Basis funktioniert Recycling nicht. Weltweit werden weniger als zehn Prozent aller Kunststoffe recycelt. Es ist also nicht realistisch, damit das Problem zu lösen. Das ist so, als würde die Badewanne überlaufen. Das erste, was Sie tun, ist den Wasserhahn abzudrehen, dann erst nehmen sie den Wischmop. Die Reduzierung ist der Hahn. Das Recycling ist der Wischmop.

Die Menschheit ist allerdings noch weit davon entfernt, den Hahn zuzudrehen. Noch nie wurde so viel Plastik produziert wie heute. Was braucht es für einen Richtungswechsel?

Die Europäer versuchen das bereits mit einer neuen Kunststoffrichtlinie, die eine Reduzierung des Plastiks vorschreibt. Auch in Peru wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Einsatz von Kunststoff in Lebensmittelverpackungen reduzieren soll. Darüber hinaus sollten aber auch die Verbraucher anfangen, ihre Kaufkraft zu nutzen und Alternativen fordern. Sie können sich auch für die Einrichtung plastikfreier Zonen in Städten, Hochschulen und anderen Einrichtungen einsetzen. Erste Initiativen gibt es bereits – Geschäfte und Hotels, die kunststofffreie Gänge und Räume einrichten. Wir müssen aufhören, uns schuldig zu fühlen und anfangen, Maßnahmen zu ergreifen.

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Die UNESCO und die UN-Generalversammlung haben den Zeitraum 2021 bis 2030 zur UN-Dekade der Ozeanografie erklärt. Welche Veränderungen wünschen Sie sich?

Ich hoffe, dass noch mehr Länder in der Welt Gesetze verabschieden, die den Wiederaufbau ihrer Fischbestände vorschreiben. Darüber hinaus sollte es künftig vorausgesetzt werden, dass jede kommerzielle Fischerei ab einer bestimmten Größe ein voll sichtbarer Akteur in unserem Fischereisystem sein muss. Die subventionierte Fischerei sollte beendet werden. Denn die staatliche Unterstützung hat die Überfischung erst richtig vorangetrieben. Außerdem wünsche ich mir eine Erhöhung der Zahl der Schutzgebiete und große Fortschritte beim Kampf gegen den Klimawandel. Und ich hoffe, dass die Dekade dazu beiträgt, dass sich künftig genauso viele Menschen um die Meere kümmern wie um das Leben auf dem Land.