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8 Februar 2022 / Lesezeit: 3 minuten

Kampf gegen die Klimakrise

„Moore sind die wichtigsten Kohlenstoffspeicher“

Renaturierte Moore sind im Kampf gegen die Klimakrise mitunter wichtiger als Wälder.

Bild: IMAGO / blickwinkel

Bild: IMAGO / blickwinkel

Viele Moore sind auf den ersten Blick kaum noch zu erkennen. Entwässert werden sie als Grünland oder Acker genutzt. Überall in Deutschland setzt nun ein Umdenken ein, denn die nassen Flächen haben großes Potenzial als CO₂-Speicher.

Vermoderte Stümpfe längst abgestorbener Birken ragen als Zeugen früherer Entwässerung noch vereinzelt aus dem sumpfig-flachen Moorsee. Längst wachsen hier wieder Torfmoose. Das kleine Wittmoor an der Grenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein ist ein Beispiel für gelungene Renaturierung. Bereits vor Jahrzehnten wurden hier nach dem Torfabbau die Entwässerungsgräben wieder verschlossen und der Wasserspiegel angehoben.

Inzwischen hat sich in Deutschland die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Trockenlegung und landwirtschaftliche Nutzung von Mooren erheblich zum Ausstoß der klimaschädlichen Gase Kohlendioxid (CO₂) und Lachgas (N₂O) beiträgt. Mit rund 53 Millionen Tonnen Treibhausgasen im Jahr 2019 waren das nach Angaben der Bundesregierung zuletzt fast sieben Prozent aller Emissionen in Deutschland.

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Mitunter wichtiger als Wälder im Kampf gegen die Klimakrise

„Global gesehen sind Moore die wichtigsten Kohlenstoffspeicher, da kommen Wälder nicht hinterher“, sagt der Moorexperte der Umweltorganisation Nabu, Tom Kirschey. Sie nähmen etwa drei Prozent der weltweiten Landfläche ein und seien auch noch weitgehend intakt.

Nach Angaben der Universität Greifswald finden sich 78 Prozent der deutschen Moore in der Norddeutschen Tiefebene und 20 Prozent im Voralpenland. Die Gesamtfläche der Moorböden in Deutschland wird auf 14 190 Quadratkilometer (km²) geschätzt. Etwa 65 Prozent werden landwirtschaftlich genutzt.

Das Problem trockener Moore – in Deutschland betrifft das nach Kirscheys Angaben 98 bis 99 Prozent der Flächen – ist die natürliche Zersetzung der organischen Bodenschicht unter Sauerstoffeinfluss. „Die Aufgabe besteht darin, das in kürzester Zeit wieder umzukehren.” Gerät der Torf wieder unter Wasser, wird der Abbauprozess gestoppt. Nach einiger Zeit beginnt die Speicherung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre, denn es wachsen Torfmoose und damit langfristig neuer Torf heran.

Allein das Bundesumweltministerium will in den nächsten zehn Jahren 48 Millionen Euro in vier Pilotprojekte zum Moorschutz stecken. Dabei geht es um die Bewirtschaftung von wiedervernässten Moorböden in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Bayern. Zahlreiche Projekte zur Moorrenaturierung gibt es in ganz Deutschland.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) nennt als Ziel, in diesem Bereich die jährlichen Emissionen bis 2030 um 5 Millionen Tonnen CO₂ zu reduzieren. „Ich würde mir wünschen, dass wir bei der Wiedervernässung und Renaturierung von Moorlandschaften schneller vorankommen.” Als Naturschützerin sei sie hier von der letzten Bundesregierung sehr enttäuscht. Die Moorschutzstrategie sei nicht von allen Ressorts gemeinsam verabschiedet worden. „Das Wichtigste ist für mich, dass wir in der Praxis Dinge beschleunigen, besser vorankommen mit dem Naturschutz”, sagt Lemke.

Die Herausforderung ist gewaltig. Nach dem Pariser Klimaziel und dem Klimaziel der EU müssten alle Moore in Deutschland bis 2045 wieder nass gemacht werden, sagt Nabu-Experte Kirschey. „Wir müssen Lösungen für Flächeneigentümer und Flächennutzer finden.”

Landwirtschaftliche Nutzung von Moorlandschaften

Nicht mehr entwässerte Moorflächen können weiter landwirtschaftlich genutzt werden. So ist der Anbau von Schilf möglich, das als Reet zur Dacheindeckung dient. Die Biomasse von Niedermooren kann nach Angaben des Greifswald Moor Centrums zur Energiegewinnung genutzt werden. Röhrichte könnten demnach für neue Baustoffe und Torfmoose als Torfersatz im Gartenbau eingesetzt werden.

Kirschey sagt, an Stelle von Milchkühen könnten Landwirte künftig auf Wasserbüffel setzen, die sich in Feuchtgebieten wohl fühlen und auch deren Vegetation fressen. In Brandenburg etwa sei das bereits ein gutes Geschäft, das ausgebaut werde.

Der Umbau müsse entsprechend gefördert werden. Die europäische Agrarförderung sollte entsprechend geändert werden. „Damit wir künftig eine moorfreundliche Landwirtschaft fördern und nicht mehr die Zerstörung der Moore subventionieren.”

In Schleswig-Holstein hat die Stiftung Naturschutz bereits zahlreiche Moorflächen erworben und wieder vernässt. Bis 2030 sollen es weitere 200 Quadratkilometer sein. In Erfde in der Niederung der Flüsse Eider, Treene und Sorge entsteht in Zusammenarbeit mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ein landwirtschaftlicher Modellbetrieb. Der Bund fördert das Vorhaben mit mehr als zwölf Millionen Euro. (dpa)

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