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12 June 2018 / Lesezeit: 4 minuten

Kommentar

Klimaschutzziele: Wir sind schuld

Das Klima leidet – und mit ihm unser Planet. Und wir alle haben Schuld daran

Titelbild: Gian-Reto Tarnutzer/Unsplash

Titelbild: Gian-Reto Tarnutzer/Unsplash

Politik, Verbraucher, Wirtschaft: Wer hat eigentlich Schuld, dass das Land im Kampf gegen die Klimaerwärmung so gnadenlos versagt? Und was tun wir jetzt? Ein Kommentar

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Wir schaffen es nicht. Deutschland wird die selbstgesteckten Klimaschutzziele nicht erreichen. Der von der Regierung selbst verabschiedete Klimaschutzbericht für das Jahr 2017 kommt – nach Vorberichten des Spiegel – zu dem Schluss, dass wir bis 2020 nicht 40 Prozent, sondern nur etwa 32 Prozent Treibhausgase gegenüber 1990 einsparen werden.

Das heißt, wir verfehlen unser selbst gestecktes Mindestziel um 20 Prozent. Das ist nicht knapp vorbei, das ist erbärmlich, vor allem für das „Land der Energiewende“. Man zeigt nicht gerne mit dem Finger auf andere, in dem Fall muss man ihn aber 80 Millionen mal zeigen – auf jeden von uns.

Denn wer jetzt sagt, dass ja die Politik daran schuld ist, dass Deutschland seine Ziele verfehlen wird, macht es sich bemitleidenswert einfach. Schuld haben wir alle. Da sind die, für die sich eine Mahlzeit fast immer nur ums Fleisch organisiert, die einen Tag Verzicht in der Woche als Gefährdung ihrer Menschenrechte sehen – aber sich ohne zu mucken an der nächsten roten Ampel in ihrer Freizügigkeit einschränken lassen. Von überbordender Überwachung und so, so vielen anderen Dingen gar nicht angefangen.

Im Privaten kann – und sollte – jeder etwas tun

Nicht viel besser sind diejenigen, die zwar wissen, wie viel Schaden der Konsum von Fleisch und Milchprodukten für unser Klima verursacht, und sich daher reduzieren – doch dann dreimal im Jahr schön mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Und selbst, wenn sie dann die CO2-Emissionen kompensieren, wartet zuhause der SUV, mit dem man Kind und Biogemüse mit zwanzig Kilometern pro Stunde durch die Stadt fährt.

Und nein, ich bin da keine Ausnahme. Es gibt genügend Dinge, die auch ich anders und besser machen könnte. Und ich hasse mich dafür, es nicht zu tun. Ich arbeite bei enorm, ich sollte am allerbesten wissen, was alles möglich ist und mit welchen tollen Dingen im Alltag man das Klima schützen kann. Aber es ist genau dieser Selbsthass, dieses konstante Ringen und Abmühen um das Richtige, das mir in der öffentlichen Wahrnehmung fehlt.

Jeder von uns sollte den eigenen Konsum und die eigene Lebensweise massiv auf den Prüfstand stellen. Aus dem einfachen Grund, weil es das Richtige ist. Gute, richtige Taten sollten keinen Ansporn brauchen. Tun sie im Fall des Klimawandels aber anscheinend. Wir geben uns ein bisschen Mühe und machen dann mit einem Schulterzucken so weiter wie bisher. Oder rechnen unsere guten Taten gegeneinander auf.

Denn so sehr ich weiß, wie viel jeder von uns im Privaten gegen die Erderwärmung tun kann, habe ich den Glauben daran verloren, dass diese Veränderungen im Kleinen die Lösung für das Große sein können. Die Politik hat Mittel und Wege, für mehr Klimaschutz zu sorgen – auch wenn das Einschränkungen und große Veränderungen für uns alle bedeuten könnte.

Mutlose Politik versagt ebenso im Kampf gegen den Klimawandel

Denn sind wir einmal ehrlich: In fünf Jahren haben wir uns eh an alles gewöhnt. Es gibt so unendlich viele Beispiele dafür: von der Gurtpflicht über das Rauchverbot bis hin zu Pfand und Mülltrennung oder sogar die Praxisgebühr, deren Leben lächerlich kurz war. Wer wegen Krankheit die eigene Ernährung umstellen muss, murrt auch kurz rum und isst dann trotzdem das, was der Gesundheit am zuträglichsten ist.

Dafür braucht es aber auch eine Politik und eine Regierung, die sich genau dorthin wagt, wo es für ein, zwei Legislaturperioden mal unbequem wird. Und genau die haben wir nicht. Warum? Weil das Volk es anscheinend teilweise so gewollt und gewählt hat. Bei der Agenda 2010, mit der das deutsche Sozialsystem massiv umgebaut wurde, können sich alle Beteiligten bis heute einreden, dass die schmerzhaften Einschnitte die deutsche Wirtschaft gerettet haben und den „kranken Mann Europas“ gesunden haben lassen. Aber geht es um die Welt, unseren verdammten Planeten, ist plötzlich alles ein zu harter Eingriff? Vor allem, weil man es auch einfach umgekehrt machen könnte, indem man umweltfreundliches Verhalten belohnt.

Aber auch daran sind wir letztlich selbst Schuld. Die Große Koalition wurde abgewählt, als es dann holprig wurde, war eine Regierung um der Regierung willen dann doch wichtiger als alles andere. Dabei kann auch beim Thema Klimaschutz niemand sagen, er hätte von nichts gewusst. Es war sehr früh sehr klar, dass man von dieser Koalition in Sachen Klimaschutz keine großen Sprünge erwarten kann. Beispiel Kohleausstieg: Die jetzige Bundesregierung hat erst einmal eine Kommission eingesetzt, die schauen soll, ob und wie das gelingen kann.

Unser System ist schuld – und das sollte uns zu denken geben

Heißt auch nur: Bis zum nächsten Wahlkampf ist das Thema abgehakt. Dabei gibt es längst einen ausführlichen Plan, wie sich Deutschland ein für alle mal aus der Kohle verabschieden könnte, sogar ganz sozialverträglich. Doch die SPD predigt lieber weiter ihr 150 Jahre altes Verständnis von Gerechtigkeit und stellt deutsche Arbeitsplätze über das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit. Und die Union ist sowieso nur noch am Machterhalt interessiert – und wirft dafür eben notfalls den Rechtsstaat über den Haufen oder verliert so nach und nach ihre Hemmungen vor einer Koalition mit Rassisten.

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Aber egal, ob man mit dem Finger auf die phlegmatische Politik oder hart ignorante Einzelpersonen zeigt, sind die wahren Schuldigen zum Glück schon gefunden: Wie der Spiegel berichtet, führt der Bericht der Bundesregierung als Gründe, wieso Deutschland seine Klimaschutzziele nicht erreichen wird, das höhere Bevölkerungswachstum und die gute Konjunktur an.

Das kann man jetzt weglachen und wieder auf die Politik zeigen, die nicht richtig vorbereitet war. Es sollte den Blick aber auf die eigentlichen Probleme lenken. Denn wenn mehr Leute und eine gute wirtschaftliche Lage in der Kausalkette zu einem kaputten Klima führen, dann ist es Zeit, sich zu fragen, in welchem System wir eigentlich leben. Und ob es so bleiben sollte, wie es ist.