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8 September 2021 / Lesezeit: 6 minuten

Inselstaat Kiribati

Starke Stimmen einer sinkenden Nation

Kiribati von oben: eine Landschaft aus 33 Korallenatollen und Inseln. Der ansteigende Meeresspiegel bedroht die Existenz des Inselstaates, doch die Einwohner:innen Kiribatis geben den Kampf um ihre Heimat nicht auf. 

Bild: IMAGO / VWPics

Bild: IMAGO / VWPics

Versunkene Inselreiche wie der Mythos von Atlantis sind für die meisten Menschen fantastische Romanerzählungen. Für die Einwohner:innen des Inselstaates Kiribati ist diese Bedrohung bitterer Ernst. Die „Pacific Islander“ Ruth Arotaing Garry, Oten Thomas, Mererita Thomas, Claire Anterea und Nawere Tatake kämpfen um die Existenz ihrer Heimat.

Kiribati ist bekannt als das Inselparadies, dessen winzige Punkte bald von unseren Landkarten verschwinden könnten, wenn wir den Anstieg des Meeresspiegels nicht aufhalten. Die weit abgelegene Pazifik-Inselgruppe besteht aus einer erhöhten Insel und 32 flach liegenden Atollen entlang des Äquators. Zwischen blauen Lagunen, weißen Stränden und grünen Palmen spielt sich das Leben der I-Kiribati (Selbstbezeichnung der Bewohner:innen von Kiribati, Anm. d. Red.)  normalerweise in „Coconut Time“ ab. Doch der entspannte Inselalltag, den die kiribatische Redewendung beschreibt, gerät zunehmend in Unruhe: Kiribatis ehemaliger Präsident Anote Tong glaubt, dass sein Land in 30 bis 60 Jahren aufgrund des Meeresspiegelanstiegs nicht mehr bewohnbar sein wird. Daten des Weltklimarats IPCC kommen zum gleichen Schluss. 2014 kaufte Tong deshalb Land auf Fidschi zur Umsiedlung der Einwohner:innen von Kiribati.

Taneti Maamau, der 2016 Tongs Amt übernahm, folgt einer neuen Strategie: Eine teure Landanhebung und eine stark umstrittene wirtschaftliche Kooperation mit China sollen das Land retten. Doch auch dadurch können das Korallensterben, die Küstenerosion und die Versalzung von Boden und Süßwasser auf Kiribati nicht verhindert werden. Das Errichten neuer Deiche und die Suche nach sauberem Trinkwasser gehören für die Bewohner:innen bereits heute zum Alltag. Hier erzählen fünf Einheimische, wie sie durch ihren Aktivismus die Weltgemeinschaft in die Verantwortung für ihre Zukunft ziehen wollen. Außerdem teilen sie das Wissen ihrer Vorfahr:innen, das sie gegen die ökologische Krise vor Ort anwenden.

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Ruth Arotaing Garry

22, Studentin, Brisbane
Strategie: Umweltrecht als Menschenrecht

Als „Pacific Islander“ möchte ich im globalen Diskurs über den Klimawandel für mein Land einstehen. Eine der liebsten Redewendungen meines Vaters „Te tei ibukin abam“ bedeutet wörtlich übersetzt, für sein Land und seine Herkunft aufstehen. Das habe ich bei unseren kiribatischen Festen früh gelernt, bei denen die Gäste der Reihe nach aufstehen, um sich und ihre Familie vorzustellen. Als ich für mein Studium von Recht und internationalen Beziehungen nach Brisbane zog, kam diesem Spruch immer mehr Bedeutung zu. Ich fokussiere mich im Studium stark auf das Thema Klimaflucht. Leider wird meine Sorge um die Auswirkungen der Klimakrise außerhalb meiner Heimat oft nicht verstanden. Zwar bemitleiden viele das Schicksal meiner bedrohten Insel, aber ich habe nicht das Gefühl, dass in der Folge etwas dagegen unternommen wird. Unsere Menschenrechtserklärung verordnet die internationale Gemeinschaft dazu, die Rechte der zukünftigen Generationen zu sichern. Menschenrechte und Umweltschutz sind also untrennbar miteinander verflochten. Von dem Image als „Drowning Nation“ fühlen sich manche I-Kiribati verletzt – für mich ist es okay. Immerhin schafft es Aufmerksamkeit, doch es wirkt noch zu wenig. Mit meinem Wissen aus dem Studium kehre ich in wenigen Monaten zurück nach Kiribati. Ich möchte mich dort für eine bessere Klimapolitik einsetzen. Ich würde mir wünschen, im Ministry of Foreign Affairs zu arbeiten, um die Interessen meines Landes in der Welt zu vertreten. Wir müssen fordern, dass die Industriestaaten endlich ihrer Verantwortung gerecht werden und ihre Emissionen eindämmen. Außerdem muss es konkrete Pläne geben, um unsere Rechte als Migrant:innen im Ausland zu sichern, wenn es eines Tages wirklich zur Umsiedlung kommt.

Oten Thomas

21, Musiker/Tänzer
Strategie: Kultur erhalten durch Verbundenheit

Unsere Selbstbezeichnung „I-Kiribati“ – also: Ich-Kiribati oder Mein-Kiribati – zeigt, wie stark wir uns mit unserem Land, unserer Kultur und der Natur um uns identifizieren. Mich ergreift das Gefühl der Verbundenheit immer besonders, wenn ich bei unseren Volksfesten mit meiner traditionellen Tanzgruppe performe. Unsere lauten Gesänge, Rufe und Trommelschläge durchdringen dabei unsere Körper, das Publikum und den Sand unter unseren Füßen. Unsere Bewegungen imitieren manchmal die des Fregattvogels oder die der jagenden Fische. Jedes Atoll hat seine eigenen Tänze und Geschichten. Gerade liegt zwischen mir und meiner Heimat eine halbe Weltumrundung. Denn vor knapp einem Jahr bin ich mit meiner Frau Sara nach Deutschland gezogen. Sie ist ein echtes Nordlicht und es war wohl großes Glück, dass sie 2018 einen Freiwilligendienst auf Kiribati machte. Wir lernten uns kennen, als dort gerade starke Überschwemmungen meine Heimatinsel Tarawa erschütterten. Auf unseren Schlafplätzen standen wir plötzlich knietief im Wasser und mussten in den Süden der Insel flüchten. Zum Glück sind auf Kiribati in der Not helfende Verwandte nie fern. In Deutschland werde ich bei Fragen über meine Herkunft ständig an solche Situationen erinnert. Der einzige Bezug zu Kiribati ist hierzulande der Klimawandel. Deshalb zeige ich gerne durch Musik, Tanz und meinen kiribatischen Humor, wie bunt und fröhlich meine Heimat eben auch ist. Unsere Traditionen und unsere Verbundenheit sind das, was uns bleibt, wenn meine Kultur eines Tages in der Fremde überleben will. Sara und ich hoffen, dass Kiribati noch lange bewohnbar bleibt. Denn eines Tages möchten wir gemeinsam Kinder bekommen. Ich möchte, dass sie ihre Großeltern in Norddeutschland mit „Moin“ und ihre Großfamilie auf Kiribati mit „Mauri“ begrüßen können.

Mererita Thomas

19, Highschool-Schülerin
Strategie: Traditionelles Handwerk auf Social Media

Der Klimawandel ist eines der häufigsten Themen meines Schulalltags – in meinem Wahlfach Geografie lernen wir, weshalb der Meeresspiegel steigt und was das für unser Land bedeutet. Für den lokalen Umweltschutz ist jedoch das Wissen unserer Vorfahren noch viel wichtiger. Als Kind brachte meine Mutter mir bei, wie man aus den Fasern der Kokosnuss feste Stränge herstellt. So können wir beim Bau unserer Buias, unserer traditionellen Häuser, auf Nägel und Schrauben verzichten. Auch die richtigen Blätter und Palmwedel auszuwählen, muss gelernt sein. Daraus weben wir Fächer, die uns vor der Hitze schützen und unsere Taktgeber beim Singen sind. „Te Buibui“ ist ein traditioneller Prozess der Landgewinnung. Aus natürlichen Materialien bauen wir kleine Dämme, deren bürstenartige Struktur den Sand bei Ebbe aufhält. Durch unser traditionelles Handwerk lernen wir, mit den Ressourcen unserer Natur schonend umzugehen. Gleichzeitig streben Teenager:innen in meinem Alter zunehmend nach westlichen Lebensstandards, zu denen andere Kleidung, teures Make-up oder auch Fast Food gehören. Das Internet präsentiert uns den Luxus anderer Länder. Doch diese Dinge schaden unserer Umwelt enorm, denn schon jetzt häufen sich auf Tarawa die Müllberge importierter Waren, die oft samt Containern hier zurückgelassen werden. Die sozialen Medien sind für uns aber Fluch und Segen zugleich. Ich denke, dass Social Media auch eine Möglichkeit bieten, unsere Stimme in den globalen Klimadiskurs zu integrieren. Die beliebte Facebook-Seite „Humans of Kiribati“ tut das, indem sie die Geschichten einzelner I-Kiribati teilt und unser traditionelles Wissen öffentlich macht.

Auch auch enorm: Nachhaltige Meereswirtschaft: Von Inseln lernen

Claire Anterea

42, Gründerin KiriCan
Strategie: Female Empowerment

Der Klimaaktivismus auf Kiribati war ursprünglich eine Frauenbewegung. Nachdem im März 2005 Zyklon Pam verheerende Schäden auf unserer Insel anrichtete, schlossen sich Frauen in Kirchengemeinden zusammen und forsteten unsere Mangrovenwälder auf, die als natürlicher Schutz vor Überschwemmungen dienen. Auch ich begann meinen Aktivismus in einer katholischen Schwesternschaft. Seit 2009 arbeite ich für KiriCan, unser erstes nationales Klimanetzwerk. Anfangs kümmerten wir uns um Anpassungsmethoden vor Ort, heute arbeiten wir verstärkt an den Sensibilisierungs- und Verhandlungsstrategien unserer Klimaverteidiger:innen bei internationalen Konferenzen. Wir möchten die Stimmen derer sein, die nicht für sich sprechen können. In meinem Land sind das oftmals Frauen, weil sie für alle Tätigkeiten im Haus verantwortlich sind und seltener Ämter in der Politik oder Führungspositionen übernehmen. Dabei leiden sie am stärksten unter den Schäden des Klimawandels. Vor ein paar Tagen kam es in meinem Dorf durch eine länger anhaltende „King Tide“ (Springflut) dazu, dass das Wasser unserer Brunnen stark versalzen ist. Nun müssen wir Frauen viele Kilometer laufen, um unsere Wasservorräte zum Kochen und Waschen aufzufüllen. Bei KiriCan hat sich ein starker Kern junger engagierter Frauen gebildet, die Verantwortung für solche Probleme übernehmen wollen. Wir verstehen uns als „Climate Warriors“ und nicht als „Climate Victims“. Wir möchten zeigen, dass wir unsere Mutter Erde mit allem, was wir geben können, beschützen werden. Barmherzigkeit und Hingabe sind Teil meines christlichen Selbstverständnisses. Doch Menschen, die ein ständiger Luxus umgibt, wie in Amerika oder Deutschland, können sich nur schwer für das Klima aufopfern. Denn wieso sollte man zu Fuß gehen, wenn man ein Auto hat? Wieso Gemüse selbst anbauen, wenn man es kaufen kann? Einen Wandel in Gang zu bringen ist schwer, doch es muss etwas passieren, denn der Klimawandel eilt uns im höchsten Tempo voraus.

Nawere Tatake

36, Seemann
Strategie: Zusammenhalt

Ich komme aus einer Seefahrernation. Wir I-Kiribati gelten als die robustesten Männer an Bord großer Containerschiffe. Wir sind kräftig, schrecken vor nichts zurück und halten vor allem zusammen. Die meisten Männer in meinem Alter haben schon einmal auf dem Schiff gearbeitet, denn viele berufliche Möglichkeiten gibt es auf Kiribati nicht. Schuld daran ist auch der Klimawandel. Fischer haben durch den Anstieg der Wassertemperatur und die Korallenbleiche Schwierigkeiten, in naher Umgebung gute Fänge zu machen. Auch für Landwirte ist es schwer, auf unserem versalzenen Boden lokale Gemüsesorten wie die Tarowurzel anzubauen. Ich bin froh, dass ich durch mein Einkommen als Seemann die Schulbildung meiner zwei Töchter finanzieren kann. Allerdings vermissen wir uns sehr, wenn ich wieder bis zu zwölf Monate nonstop auf See bin. Ich mache mir oft Sorgen, dass ich sie in gefährlichen Extremwettersituationen, die sich seit einigen Jahren stark häufen, nicht beschützen kann. 2017 hatten wir eine lange Dürrephase, im folgenden Jahr war unser Dorf durch Überschwemmungen von unserer Hauptstadt abgetrennt. Ich denke, es ist wichtig, mit dem Wissen über unser Land und das Wasser an unseren eigenen Strategien zu arbeiten, unsere eigenen Anpassungsmethoden zu fördern. Aber auch die Hilfen aus anderen Ländern wie Australien oder der EU sind für uns überlebenswichtig. Ich mache mir Sorgen, dass einige I-Kiribati diese Hilfen nicht annehmen, weil ihnen ihr Medien-Image als hilflose „sinkende Nation“ unangenehm ist. Einige Dörfer trinken weiterhin aus ihren versalzenen Brunnen, statt Regentanks ausländischer Projekte einzufordern. Ich denke, es ist wichtig, unseren inneren Zusammenhalt wie auch unsere internationalen Beziehungen zu stärken.

Dieser Text erschien in der Ausgabe August/September 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Schatzinseln: Diese Orte zeigen uns, wie wir den Kampf gegen die Klimakrise meistern“. Das aktuelle Heft könnt ihr hier kaufen.