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29 November 2021 / Lesezeit: 7 minuten

Gemeindebasierter Naturschutz in Namibia

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 37

Der gemeindebasierte Naturschutz ist ein Erfolg in Namibia. Das Konzept zahlt sich für die Menschen in den Naturschutzgebieten wirtschaftlich aus und schützt gleichzeitig den Wildtierbestand.

Bild: IMAGO / agefotostock

Bild: IMAGO / agefotostock

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 37 von „Good News enorm“. Trophäenjagd und Umweltschutz – wie passt das zusammen? In dieser Folge sprechen wir darüber, wie sich kommunale Gemeinschaften in Namibia für den Schutz von Wildtieren einsetzen – und wie Tiere und Menschen davon profitieren. 

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Theresa Lang, Redakteurin beim enorm Magazin, über kommunebasierten Naturschutz. 

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm! Gute Nachrichten und konstruktive Gespräche – ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um kommunebasierten Naturschutz. Aber erst einmal: der Gute-Nachrichten-Überblick:

Ob in Orchestern oder in Popformationen: Frauen sind in der Musikindustrie immer noch stark unterrepräsentiert. Die Komikerin Carolin Kebekus will den Musikerinnen darum endlich eine Bühne bieten und veranstaltet im Juni 2022 das erste Open Air Festival mit ausschließlich weiblichen Acts.

Wiederaufbau von Spielplätzen, mobile psychologische Beratung und Austausch mit Kindern aus Ghana: Die Kinderrechts-Organisation Plan International will ab Januar 2022 die Kinder und Jugendlichen in der Region Eschweiler bei Aachen mit einem zweijährigen Hilfsprogramm unterstützen.

Frankreich untersagt künftig den Kauf, Verkauf und die Zucht von wilden Tieren für Auftritte im Wanderzirkus. Im Pariser Parlament wurde dazu ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Auftritte, Haltung und Transport von wilden Tieren sollen in sieben Jahren illegal sein.

Die jahrelange Goldgewinnung bei Johannesburg hat die Böden mit Chemikalien vergiftet. Nun hat der Student Tiago Campbell möglicherweise eine Methode gefunden, die Böden wieder zu entgiften: Mit der Hanfpflanze Cannabis Sativa – sie könnte mit Hilfe von Phytosanierung die Toxine aus dem Boden ziehen.

Das Metropolitan Museum of Art in New York (MET) hat drei Raubkunstobjekte an Nigeria zurückgegeben. Als eines der bedeutendsten Museen der westlichen Welt hat das MET so ein Zeichen gesetzt gegen das Ausstellen von kolonialer Raubkunst.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca, ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich, dass wir heute über gemeindebasierten Naturschutz sprechen. Was ist das eigentlich genau? Das werdet ihr gleich erfahren. Ich freue mich besonders, dass wir heute wieder mit Theresa sprechen können. Sie hat als Redakteurin beim enorm Magazin gearbeitet und einen Text genau darüber geschrieben. Hallo Theresa!

Theresa: Danke, dass ich hier sein darf.

Bianca: Danke, dass du dir noch mal die Zeit nimmst! Du hast in der vorletzten Ausgabe des enorm Magazins, in der Insel-Ausgabe, einen Text geschrieben über Naturschutz in Namibia. Ich habe mich als allererstes gefragt: Warst du in Namibia? Wie kamst du auf dieses Thema?

Theresa: Ich habe 2019 im Sommer ein Praktikum bei der Allgemeinen Zeitung in Namibia gemacht. Das ist die einzige deutschsprachige Zeitung in Afrika. Und in Namibia dreht sich sehr viel um den Naturschutz, weil sehr viele Leute in diesem Sektor beschäftigt sind. Und deswegen haben viele Themen, über die ich damals während meines Praktikums geschrieben habe, auch indirekt oder direkt mit diesem Thema zu tun gehabt. Und ich dachte, fürs enorm Magazin wäre das vielleicht auch ein ganz spannendes Thema, das noch mal aufzugreifen.

Bianca: Was hast du da herausgefunden – was ist das eigentlich überhaupt, „gemeindebasierter“ oder „kommunebasierter Naturschutz“? Und wie sieht das aus in Namibia?

Auch auf enorm: Trophäenjagd und Safari-Tourismus: Namibia setzt auf gemeindebasierten Naturschutz

Theresa: Also, vielleicht würde ich mit dem Grundproblem anfangen: Tourist:innen, die nach Namibia kommen, die sind natürlich ganz beeindruckt von den ganzen Wildtieren, die es da gibt, von den Elefanten, den Giraffen und den Nashörnern. Aber du kannst dir sicher vorstellen, wenn du da dauerhaft lebst und eine Elefantenherde über deine Felder zieht oder in deinem Vorgarten steht, dann ist das natürlich ein ambivalenteres Verhältnis zwischen Tier und Mensch, als das jetzt vielleicht aus unserer europäischen Tourist:innen-Perspektive ist. Und der gemeindebasierte Naturschutz ist sozusagen ein Vermittlungsversuch zwischen den Menschen und den Tieren. Und es geht darum, dass die Menschen vor Ort die Natur und die Wildtiere schützen sollen – und gleichzeitig aber auch einen Anreiz brauchen; also in irgendeiner Form von den wilden Tieren profitieren müssen, finanziell und wirtschaftlich, um den Schaden, den die Tiere auch immer wieder verursachen, auszugleichen.

Bianca: Und wie sieht das genau aus? Wie wird das gemacht?

Theresa: Man hat vor der Unabhängigkeit Namibias gemerkt, dass die Zahlen an Wildtieren immer weiter zurückgegangen sind, weil die Menschen Tiere geschossen und gewildert haben, damit sie ihre Landwirtschaft effektiver betreiben konnten. Und der Staat hat sich dann zu einem sehr außergewöhnlichen Schritt entschieden: Und zwar den Menschen das Recht an den Wildtieren auf ihrem Land zur Verfügung zu stellen – und gleichzeitig aber auch die Verantwortung für die Tiere zu übertragen. Und so hat der Staat einen Anreiz geschaffen für die Farmer:innen, die Tiere auf ihrem Land nachhaltig zu bewirtschaften, also auch dafür zu sorgen, dass sich der Bestand erholen kann. Und das hat sich sehr schnell in den Zahlen bemerkbar gemacht. Und nach der Unabhängigkeit Namibias wollte man dieses Recht auch nicht nur den weißen Farmer:innen mit Privatbesitz ermöglichen, sondern auch der Schwarzen Landbevölkerung. Und das Problem war aber, dass diese kein Land besaßen, auf dem sie dieses Recht hätten ausüben können. Und deshalb hat man sich dazu entschlossen, Gemeindegebiete festzulegen, die der Gemeinschaft gehören, und wo sich die Menschen, die auf diesem Gebiet leben, die Rechte an den Wildtieren teilen, die dann gejagt und am Tourismus beteiligt werden dürfen. Und gleichzeitig sind sie aber auch dafür verantwortlich, dass sich die Bestände wieder erholen und dass die Wildtiere geschützt werden. Und das sind sogenannte Hegegebiete, auf denen dieser gemeindebasierte Naturschutz betrieben wird. Und ich habe mich dafür mit Chris Brown, dem Vorsitzenden der Namibischen Umweltkammer unterhalten, der diesen Prozess von Anfang an begleitet hat. Und er sagt, dass Wildtiere am besten von den Menschen beschützt werden können, die auch am engsten mit ihnen zusammenleben. Und das ist der Kerngedanke des gemeindebasierten Naturschutzes.

Bianca: Und wenn man sich die Zahlen anguckt, dann scheint dieses Konzept auch aufzugehen, oder?

Theresa: Genau, das ist ziemlich beeindruckend. Also 1994 gab es nur vier Hegegebiete in Namibia und mittlerweile sind das über 80, ich glaube, 86 im Moment. Und auch auf die Zahlen von den Tieren, die dort leben, hat sich das sehr positiv ausgewirkt. Also 1970, zum Beispiel, gab es eine halbe Million Wildtiere – und heute sind es über drei Millionen! Und auch bei den Elefanten: 1990 waren es 7000 Elefanten in Namibia und heute sind es 24.000! Und Chris Brown, betont, dass in Namibia heute die größte Population an Spitzmaulnashörnern lebt, und – das war ihm sehr wichtig zu betonen – dass das vor allem auf den gemeindebasierten Naturschutz zurückzuführen ist.

Bianca: Ja, ich habe auch gelesen, und das wird ja wahrscheinlich dann auch eine Erfolgsgeschichte, dass man jetzt versucht, in Namibia die braunen Hyänen wieder anzusiedeln. Oder sind da schon angesiedelt und man geht davon aus, dass man dort wahrscheinlich wieder die größte Population erreichen wird, weil das eben so gut funktioniert mit diesem gemeindebasierten Naturschutz. Die braune Hyäne heißt auch Strandwolf, das fand ich sehr süß.

Theresa: Ja, das kann sehr gut sein. Mittlerweile sind 20 Prozent der Fläche Namibias sogenannte Hegegebiete und weitere 17 Prozent sind Nationalparks. Also insgesamt stehen 44 Prozent der Fläche entweder unter Naturschutz oder werden nachhaltig bewirtschaftet. Ich finde, das ist schon sehr beeindruckend.

Bianca: Ich finde auch. Ich will noch mal kurz auf die Landverteilung zu sprechen kommen. Du hast gesagt, nach der Apartheid hatten die Schwarzen Menschen in Namibia gar kein Land. Wie hat denn dann dieser Prozess ausgesehen, wie konnte man dann fair dieses Land wieder so umverteilen, dass die Menschen, die da leben, auch tatsächlich davon profitieren konnten?

Theresa: Ich glaube, am Anfang muss man sagen, dass es auch heute noch nicht fair verteilt ist zwischen der Schwarzen und der weißen Bevölkerung. Aber ein Versuch, die Schwarze Bevölkerung an den natürlichen Ressourcen des Landes zu beteiligen, sind die Hegegebiete. Chris Brown hat mir erzählt, dass ein Hauptproblem, auf das sie damals gestoßen sind, war, dass es keine Grenzen gab, anhand derer man hätte festmachen können, wem welches Land gehört, außerhalb der großen Farmen. Und sie sind dann so vorgegangen, dass sie die Menschen gefragt haben, was sie denn als ihr Land betrachten. Und dann haben sie gesagt: „Von dem Baum bis zu dem Fluss, das ist unser Gebiet und dahinter beginnt ein anderes Land“. Und so haben sie mit den verschiedenen Stämmen gesprochen und dann die Grenzen anhand dieser Selbstzuschreibungen festgelegt. Und wenn 70 bis 80 Prozent innerhalb einer Conservancy, so heißen diese Gebiete, gesagt haben, sie würden gerne ein Hegegebiet gründen, dann wurde der Bevölkerung das Recht an diesem Land übertragen.

Bianca: Das klingt mega gut. Normalerweise hört man ja immer nur, dass so Grenzen von außen irgendwie im Nachhinein künstlich geschaffen worden sind. Ich kann mir vorstellen, dass das auch ein Teil des Erfolgsmodells ist; dass die Menschen, die da leben, auch einfach mitbestimmen konnten und sagen konnten: „Bis da und da geht halt unser Land.“ Und dass das nicht so künstlich von außen kam.

Theresa: Ja, das glaube ich auch. Ich glaube, dass bestimmt auch zur Akzeptanz beigetragen hat, dass man die Menschen an dieser wichtigen Entscheidung beteiligt hat und dass das bestimmt auch dazu geführt hat, dass es auch heute immer mehr Gebiete werden.

Bianca: Und meinst du, dieses Konzept könnte man auch auf andere Länder übertragen? Oder ist das was sehr Namibia-spezifisches?

Theresa: Das habe ich Chris Brown auch gefragt, weil es klingt ja nach einer perfekten Lösung und er hat mich da ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zurück geführt und hat gesagt, dass sich dieses Konzept auf ungefähr 60 Prozent des afrikanischen Kontinents und große Teile Asiens und Lateinamerikas übertragen lassen würde – in Europa wäre es allerdings schwierig anzuwenden. Und der Grund dafür, den er mir genannt hat, ist, dass es nur in Gebieten funktioniert, in denen heimische Pflanzen und Tiere einen höheren Ertrag erzielen können als konventionelle Landwirtschaft. Und weil hier in Europa die Böden fruchtbar sind und es viel Niederschlag gibt, würde das hier nicht funktionieren. Er hat als Grenze für den Niederschlag gesagt: Es funktioniert, wenn in einem Gebiet weniger als 800 Millimeter Niederschlag im Jahr fallen. Wo man es schon anwenden könnte in Europa, sind Gebiete, in denen der Boden sehr karg ist, also zum Beispiel in den Alpen, wo Landwirtschaft nicht besonders ertragreich ist und der Tourismus dagegen schon. Oder in den schottischen Highlands. Aber das sind wahrscheinlich eher Ausnahmefälle, wo das funktionieren würde.

Und noch was: Das Geld das in diesen Conservancys verdient wird, das wird auch von den Menschen, die dort leben, selbst verwaltet. Also Chris Brown hat mir ein paar Beispiele genannt: Zum Beispiel kann das in einen Gemüsegarten, in Gemeinschaftsgärten investiert werden oder davon können Schulen und Waisenhäuser gebaut werden. Manche Conservancys zahlen die Überschüsse auch in bar an die Bewohner:innen der Conservancys aus. Aber er hat auch gesagt, langfristig kann das Geld auch in Infrastruktur investiert werden, das machen vor allem etablierte Conservancys, die schon länger existieren, die können zum Beispiel investieren in die Stromleitungen oder in die Wasserversorgung. Und das ist dann wieder ein Sprungbrett für andere Businesses, die dann entstehen, wenn wenn es Strom gibt und Wasserversorgung. Also er hat das Beispiel genannt, dass dann kleine Restaurants entstehen in diesen Dörfern oder Friseursalons. Conservancys sind eigentlich nur der Anfang, aus dem viel mehr wirtschaftliche Entwicklung entstehen kann.

Bianca: Und von der anscheinend alle profitieren, also Tiere und Menschen, die dort leben. Das klingt nach einem sehr runden Konzept.

Theresa: Ja, das finde ich auch.

Bianca: Vielen Dank, Theresa!

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