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6 Juli 2022 / Lesezeit: 5 minuten

Klimaschutz durch freilebende Weidetiere

Sollten wir die Natur in Ruhe lassen, um sie besser zu schützen?

Ist ein „Ökosytem-Ingenieur“: das Wisent (Europäischer Bison). Hier in de Maashorst in den Niederlanden.

Foto: Hans Koster / Rewilding Europe

Foto: Hans Koster / Rewilding Europe

Wir sollten die Natur auch einfach mal machen lassen, statt vor allem in technischen Lösungen zu denken, um Klimakrise und Artensterben aufzuhalten. Wie gut das funktionieren kann, erklärt Frans Schepers von der NGO Rewilding Europe. Er sagt, die Natur sei unsere stärkste Verbündete im Kampf um unser eigenes Überleben.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Juni/Juli 2022 des enorm Magazins. Du kannst sie bei GoodBuy versandkostenfrei und klimapositiv bestellen.

Worum geht es bei Rewilding?

Frans Schepers: Bei Rewilding geht es um die Wiederherstellung der Natur in großem Maßstab. Und das meiste davon geschieht durch die Natur selbst. Wenn wir nicht mähen, nicht schneiden, nicht jagen und schießen, werden Tiere und Pflanzen von selbst zurückkommen. Meistens ist menschliches Eingreifen nur am Anfang nötig, um die richtigen Bedingungen zu schaffen. So müssen etwa Deiche und Dämme entfernt werden, damit die Flüsse über die Ufer treten und Feuchtbiotope wie Auen entstehen.

Heißt Rewilding auch, heimische Tierarten wieder anzusiedeln?

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Die meisten Arten brauchen keine Unterstützung. Aktiv wieder angesiedelt werden nur Tiere, die für das Funktionieren des Systems von entscheidener Bedeutung sind und die nicht aus eigener Kraft zurückkommen können. Wir nennen sie „Keystone Species“ oder auch „Ökosystem-Ingenieure“, weil sie einen größeren Einfluss auf die Landschaft haben als andere Arten. Von selbst zurückgekommen sind im Oderdelta an der Grenze zwischen Deutschland und Polen zum Beispiel Elch, Wolf und Luchs, das Wisent (Europäischer Bison) sowie Kegelrobben.

Auch auf enorm: Wie wir die Biodiversität bewahren

Woher kommen die Wildtiere, die angesiedelt werden?

Das hängt von der Spezies ab. Aktuell bringen wir Mönchsgeier von Spanien nach Bulgarien, damit sich die dortige Population erholen kann. In Spanien dagegen leben viele. Davon auch einige in Gefangenschaft, weil sie verletzt sind oder gezüchtet werden. Wisente holen wir immer aus Wildparks, auf keinen Fall aus Zoos. Die Tiere dürfen nicht ihr Leben lang gefüttert worden sein, sonst überleben sie die Auswilderung nicht. Vor der Freilassung werden sie erst in Quarantäne beobachtet und ärztlich betreut, danach verbringen sie längere Zeit miteinander. So bildet sich langsam die soziale Struktur einer Herde, mit einem weiblichen Leittier, mit Jungtieren und Männchen.

Das Auswildern des Wisents läuft gut in Polen, Mensch und Tier koexistieren. Als aber ein Tier über die Grenze nach Deutschland kam, wurde es sofort abgeschossen. Wie gehen Rewilding-Initiativen damit um?

Die lokale Akzeptanz und Unterstützung ist extrem wichtig. In den rumänischen Karpaten etwa haben wir deswegen erst mal zwei Jahre lang nach dem richtigen Ort gesucht, den Bürgermeister einbezogen und die Menschen, die in der Region wohnen. Es geht um Zusammenarbeit auf Augenhöhe, denn die ganze Initiative kann scheitern, wenn die Leute die Tiere nicht als Nachbarn haben wollen. Natürlich werden sich die Wisente und Bären irgendwann einem Dorf nähern und Straßen überqueren. Nach dem Wisent-Vorfall in Deutschland gab es regen Austausch zwischen Verantwortlichen vor Ort und Einwohner:innen der Grenzregionen, damit alle vorbereitet sind, wenn sich wieder mal ein Wisent auf den Weg macht.

Frans Schepers

Der Mitgründer und Leiter von Rewilding Europe hat zuvor beim WWF gearbeitet. Die NGO Rewilding Europe sitzt in den Niederlanden und unterstützt Initiativen in zehn Regionen Europas: vom Côa-Tal in Portugal über Schottland, Schweden und Bulgarien bis ins Oderdelta an der deutsch-polnischen Grenze. Ein Teilprojekt ist die Wiederansiedlung dort einst heimischer Tierarten wie Elch und Seeadler.
Bild: Bart van Dieken / Rewilding Europe

Eine mögliche Lösung des Konflikts liegt Ihrer Organisation zufolge in Wildlife-Tourismus – dadurch werden neue Jobs und Verdienstmöglichkeiten geschaffen.

Vergangene Woche erst war ich in Kroatien. Dort haben wir fünf „Hides“, also Verstecke für Safaris, eröffnet. Von dort kann man etwa Braunbären und Wildkatzen beobachten. Es gibt einen riesigen Markt für professionelle Wildtierfotografie. Die Hides werden von einem lokalen Unternehmen betrieben. Das Ziel ist nicht Massentourismus, sondern ökonomische Chancen für abgelegene Communitys.

Europäer:innen reisen bis nach Kanada, um Bären in freier Wildbahn zu spotten, dabei leben rund 16.000 auf ihrem eigenen Kontinent. Überall, wo wir als Rewilding Europe aktiv sind, haben wir lokale Organisationen mit eigenem Personal und Vorstand. Es ist nicht so, dass wir aus den Niederlanden heraus in Rumänien agieren. Das müssen Rumän:innen verwalten, die genau verstehen, wie ihre Mitmenschen ticken. Das ist entscheidend. Man kann nicht von außen kommen: „Hey, wir denken, das ist gut für euch.“

Wem gehört das Land, das Rewilding Europe nutzt?

In einigen Fällen handelt es sich um Privatland, heißt, wir kaufen das Land, pachten es oder arbeiten eng mit Landbesitzer:innen, Reservatsverwalter:innen und Behörden zusammen. Unsere zehn Initiativen finden in Schutzgebieten statt. Manchmal handelt es sich auch um brachliegendes Land. In den italienischen Apenninen legen wir jetzt große Korridore zwischen verschiedenen Nationalparks an, damit Bären sich bewegen und neue Gebiete erkunden können. Das birgt Konfliktpotenzial mit Menschen, denn Bären mögen Bienenstöcke. Also schützen wir die Kolonien, indem wir wiederverwendbare Elektrozäune errichten. Oder passen Mülltonnen so an, dass sie kein Bär aufbekommt. „Bear-smart Communities“ nennen wir diese Initiative. Ihre Mitglieder verstehen: Ein lebendiger Bär ist mehr wert als ein toter.

Sie kritisieren, dass die Biodiversität in europäischen Schutzgebieten und selbst in Nationalparks oft zu gering ist und zu viel gemanagt wird.

Bei Rewilding geht es nicht darum, Wildnis zu schaffen. Stellen wir uns eine Skala von 0 bis 10 vor. 0 ist der Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs, 10 ist unberührte Wildnis im Hochgebirge. Wir haben in Europa keine 10 mehr, dafür gibt es zu viele direkte oder indirekte Einflüsse. Aber wir können die Skala hochklettern. Ein Beispiel: Wenn wir einen steinigen Garten verwildern lassen, Wildblumen und Insekten willkommen heißen, dann erreichen wir auf der Skala vielleicht eine 2 oder 3. Wir können auch einen Stadtpark verwildern lassen, anstatt die Bäume zu beschneiden und das Gras zu mähen. So klettern wir von einer 3 auf eine 5. Überlassen wir ganze Landschaften sich selbst, schaffen wir es von einer 6 auf eine 8. Dies sind alles wichtige Verbesserungen. Rewilding Europe fordert weniger menschliche Eingriffe und mehr Wildnis – auf den Straßen, in den Meeren und in den Nationalparks.

Klimaschutz durch Wildtiere

Freilebende, weidende Tiere spielen auch im Kampf gegen die Klimakrise eine wichtige Rolle: Pferde und Wisente verteilen beim Weiden Samen und Nährstoffe über weite Flächen und verdichten dabei mit ihren Hufen den Untergrund. Pflanzen, Sedimente und Böden können so mehr Kohlendioxid aufnehmen und langfristig speichern. Indem die Tiere beim Weiden sogenannte Mosaiklandschaften kreieren, also eine Mischung aus Feldern, Grasland und Wäldern, verhindern sie außerdem die verheerende Ausbreitung von Wildfeuern. Die Wiedervernässung von Feuchtbiotopen und zurückkehrende Tierarten wie Biber schützen außerdem vor Überschwemmungen.

Laut der UN müsste die Welt bis 2030 eine Landfläche von der Größe Chinas wiederherstellen, um die Artenschutz- und Klima-Verpflichtungen zu erfüllen. Schaffen wir das, wenn wir die Natur einfach in Ruhe lassen?

Wenn ich mich heute entschließe, einen Ort verwildern zu lassen, explodiert dort innerhalb von fünf Jahren das pure Leben! Natürlich sind größer angelegte, sogenannte Landschaftstransformationen langwieriger. Deswegen benutzt Rewilding Europe skalierbare Modelle, die sich überall anwenden lassen. Wir demonstrieren an zehn verschiedenen Orten, wie Rewilding funktionieren kann. Außerdem haben wir ein wachsendes europäisches Rewilding-Netzwerk mit heute 78 Mitgliedern in 27 Ländern. Um andere von Rewilding zu überzeugen, versuchen wir es außerdem mit dem Kohlenstoffmarkt zu verknüpfen, das heißt: Menschen zahlen dafür, dass CO2 gebunden wird, während gleichzeitig die Natur wiederhergestellt wird. Es wird also vielleicht bald „Rewilding Credits“ geben.

Wir müssen es schaffen, dass Rewilding mit anderen Formen der Landnutzung konkurrieren kann. Zum Beispiel, indem Banken und Konzerne unsere Arbeit unterstützen. Das Interesse ist da. Landbesitzer:innen würden Geld für die Wiederherstellung der Natur bekommen statt für den Anbau von Mais. Wir müssen uns von dem Panik-Narrativ lösen, denn es gibt Hoffnung. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre das „Nature Restoration Law“ der EU, das für jeden Mitgliedsstaat verbindliche Ziele für die Wiederherstellung der Natur festlegt. Die Veröffentlichung im März 2022 wurde aber erst mal kriegsbedingt zurückgestellt. Grundsätzlich glaube ich: Wir schaffen das, indem wir aufhören, die Natur wie ein krankes Kind zu behandeln – sie ist stark. Und nebenbei unsere wichtigste
Verbündete im Kampf um unser eigenes Überleben.

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