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25 November 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Trophäenjagd und Safari-Tourismus

Namibia setzt auf gemeindebasierten Naturschutz

Der gemeindebasierte Naturschutz ist ein Erfolgsprojekt in Namibia. Seit das Konzept in den 90er Jahren umgesetzt wurde, ist die Anzahl an Naturschutzgebieten stark gestiegen und auch die Wildtierpopulationen haben sich erholt.

Bild: IMAGO / agefotostock

Bild: IMAGO / agefotostock

Trophäenjagd und Umweltschutz – wie passt das zusammen? In Namibia setzen sich kommunale Gemeinschaften für den Schutz von Wildtieren ein. Dafür werden sie an den Einnahmen aus Jagd und Tourismus beteiligt.

Früh morgens machen es sich Namibia-Tourist:innen auf den Bänken der offenen Safarifahrzeuge so bequem, wie es eben geht. Der Sand in den Haaren und der Sonnenbrand im Nacken sind schnell vergessen, wenn die erste Elefantenherde die staubige Straße kreuzt. Doch die gigantischen Tiere, die rund um die Salzpfanne des Etosha-Nationalparks so friedlich und erhaben wirken, können in ländlichen Gebieten die Ernte eines Jahres in wenigen Sekunden zerstören.

Gemeindebasierter Naturschutz: Rechte und Verantwortung

„In den 1960er-Jahren gehörten Namibias Giraffen, Nashörner und Löwen allein dem Staat“, erinnert sich Christopher Brown, Vorsitzender der namibischen Umweltkammer. Für die Farmer:innen bedeutete das vor allem Frust. Ihr Vieh konkurrierte mit den Wildtieren um das wenige Gras und wurde regelmäßig von ihnen gefressen. „Die Farmer hatten keinen Nutzen von den Wildtieren, sondern nur Probleme und Kosten“, sagt der Ökologe und Umweltwissenschaftler. Die Konsequenz: Viele Wildtiere wurden illegal geschossen und ihr Bestand ging immer weiter zurück. Die namibische Regierung reagierte mit einem revolutionären Schritt: Sie übertrug die Rechte und damit auch die Verantwortung für die Wildtiere an die Farmer:innen. Diese durften das Wild von nun an wirtschaftlich nutzen, aber verpflichteten sich gleichzeitig dazu, den Bestand der Tiere und deren Lebensraum zu erhalten – die Geburtsstunde des gemeindebasierten Naturschutzes in Namibia.

„Niemand kann die Wildtiere besser schützen als die Menschen, die deren Lebensraum teilen“, fasst Brown das Kernprinzip zusammen und fügt hinzu: „Aber die Menschen müssen auch von den Tieren profitieren.“ Das Einkommen, das die Farmer:innen über das Fleisch der Wildtiere, die Trophäenjagd und den Safari-Tourismus erzielten, wurde zum Anreiz, deren Bestand zu erhalten.

Ein revolutionärer Schritt: In den 90er Jahren übertrug die namibische Regierung die Rechte und Verantwortung für Wildtiere an Farmer:innen. Diese dürfen das Wild wirtschaftlich nutzen, aber verpflichten sich gleichzeitig dazu, den Bestand der Tiere und deren Lebensraum zu erhalten. Seither ist die Anzahl der Naturschutzgebiete stark gestiegen.
Grafik: Eva Leonhard

Gleiche Rechte für Schwarze Farmer

Bis zur Unabhängigkeit herrschte in Namibia die Apartheid – die Rechte an Antilopen und Nashörnern waren ausschließlich weißen Farmer:innen mit Privatgrund vorbehalten. „Nach der Unabhängigkeit 1990 stellten wir uns die Frage, wie sich die exakt gleichen Rechte auch auf die Schwarzen Farmer übertragen ließen“, erinnert sich Brown. Doch das gestaltete sich schwierig, da die in traditionellen Gemeinschaften lebende Bevölkerung auch nach der Apartheid kein eigenes Land besaß. „Wir haben gefragt, was sie als ihr Land betrachten, und dort dann die Grenzen gezogen.“ Wenn sich 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Gebiets zu einer Conservancy zusammenschließen wollten, übertrug ihnen der namibische Staat die Rechte und die Verantwortung für die dort lebenden Wildtiere.

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Die Schutzgebiete werden an den Einnahmen aus der Tourismus- und Jagd-Industrie beteiligt und verwalten ihre Anteile autonom – wofür sie die Einnahmen nutzen, bleibt ihnen überlassen. Anfangs fließe meist ein großer Teil des Geldes in die Verwaltung oder in Gemeinschaftsprojekte, wie Gemüsegärten und Waisenhäuser. Manche Gemeinschaften zahlen Überschüsse in bar an alle Haushalte aus. Etablierte Conservancys könnten aber auch langfristig investieren – „zum Beispiel in die Elektrifizierung des gesamten Gebiets in den nächsten fünf Jahren“, sagt Brown.

Trophäenjagd und Umweltschutz?

Auf die Trophäenjagd angesprochen, holt Christopher Brown tief Luft. Fotos von Jäger:innen, die stolz den Kopf einer geschossenen Kudu-Antilope in die Kamera halten, dürften bei den meisten westlichen Naturschützer:innen Entsetzen hervorrufen. Doch in Namibia ist die Trophäenjagd ein wichtiges Element des gemeindebasierten Naturschutzes. Die Jagd ist notwendig, um ein ökologisches Gleichgewicht zu erhalten. So wird der Bestand reguliert und die Vegetation geschützt. Trophäenjagd betreffe dabei nur ein Prozent der Wildtiere, sei jedoch eine wichtige Einnahmequelle für die Conservancys. „Wenn man ein Tier zum Verzehr tötet, ist es nicht mehr wert als das eigene Gewicht“, erklärt Brown. Für eine Trophäe zahlen Jäger:innen dagegen einen Preis, der oft hundertfach höher liegt als der Wert des Fleisches. Er selbst ist kein Jäger und lebt seit seinem elften Lebensjahr vegetarisch. Die Jagd befürwortet er trotzdem, weil sie einen großen Beitrag zum Erhalt des Ökosystems in Namibia leiste. Der gemeindebasierte Naturschutz ist ein Erfolgsprojekt in Namibia. Gab es 1994 nur vier Schutzgebiete, so sind es heute über achtzig. Sie machen 20 Prozent der Fläche Namibias aus. Damit steht ein Fünftel des Landes unter Naturschutz oder wird nachhaltig genutzt. Auch die Zahl der Wildtiere stieg von 500.000 Anfang der 1970er-Jahre auf über drei Millionen. „Zur Zeit der Unabhängigkeit lebten nur 7.000 Elefanten in Namibia, heute sind es 24.000“, sagt Brown stolz. Außerdem sei in Namibia die größte Population an Spitzmaulnashörnern weltweit zu Hause, und die einzige außerhalb eines Nationalparks.

Der gemeindebasierte Naturschutz ist ein Erfolgsprojekt. Seit der Einführung ist auch die Zahl der Wildtiere in Namibia stark gestiegen.
Grafik: Eva Leonhard
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Das Konzept lasse sich auf andere Länder übertragen, sagt Brown – vorausgesetzt, dass einheimische Pflanzen und Tiere einen höheren Ertrag erzielen können als konventionelle Landwirtschaft. Das betrifft Regionen mit weniger als 800 Millimeter Niederschlag im Jahr, und damit 60 Prozent des afrikanischen Kontinents sowie trockene Gebiete in Asien und Südamerika. Brown erklärt: „In Europa, wo es gute Böden und viel Regen gibt, könnte der Ertrag aus der Nutzung wilder Pflanzen und Tiere nie mit den Profiten der Landwirtschaft konkurrieren.“ Wirtschaftliche Interessen und Umweltschutz widersprechen sich. „Im südlichen Afrika dagegen wirken die Kräfte des Marktes und der Schutz der Natur Hand in Hand.“ So ist der Elefant aus Etosha nicht nur eine Attraktion für Tourist:innen, sondern auch ein lukrativer Nachbar für die lokale Bevölkerung rund um den Nationalpark.

Auch in unserem Podcast „Good News enorm“ geht es in der Folge vom 25. November um gemeindebasierten Naturschutz in Namibia. Du findest den Podcast auf Spotify, Apple Podcasts und überall da, wo es Podcasts gibt. Den RSS-Feed findest du hier.
Außerdem gibt es ein Audio-Transkript der Folge.

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