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27 November 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Tierschützerin Jessika Coker

„Mit Füchsen zu leben, ist kein Märchen“

Tierpflegerin Jessika Coker spielt mit Fuchs Juniper. Ihre fünf Füchse hat Coker alle aus dem illegalen Wildtierhandel und von Pelzfarmen gerettet.

Bild: Jessika Coker

Bild: Jessika Coker

Die US-amerikanische Tierpflegerin Jessica Coker erreicht mit ihrem Instagram-Account „Juniper and Friends“ über drei Millionen Follower*innen. Hier zeigt sie ihr Leben mit Fuchs Juniper und vier anderen Füchsen, die sie gerettet hat – von Pelzfarmen und aus dem illegalen Handel.

Jessika, du lebst in einem wunderschönen Haus voller exotischer Tiere in Florida. Viele deiner drei Millionen Follower*innen sagen: Ich will das auch! Auf deinen Social-Media-Kanälen warnst du jedoch davor.

Füchse sind keine guten „Haustiere“. Sie können großartige Begleiter sein, sind aber ganz anders als eine Katze oder ein Hund. Sie sind äußerst intelligent und eigensinnig. Sie wollen dir nicht gefallen, wie ein Hund das tut. Sie bleiben in einem kleinkindähnlichen Zustand, bis sie ungefähr zwei bis drei Jahre alt sind. Ich habe nie Ferien, denn es ist fast unmöglich, jemanden zu finden, der auf sie aufpasst, während ich weg bin. Sie benötigen einen spezialisierten Tierarzt, was sehr teuer werden kann. Außerdem sind sie nachtaktiv und halten dich die ganze Nacht wach, wenn du keine strenge Routine einhältst.

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Wie sind die gesetzlichen Vorschriften für das Halten von Füchsen in den USA?

Man ist gesetzlich verpflichtet, eine Lizenz für ihre Haltung zu besitzen und in vielen Staaten ist jegliche Haltung von Füchsen illegal. Ich würde jedem empfehlen, der ein exotisches „Haustier“ in Betracht zieht: Bitte stell sicher, dass du gründliche Nachforschungen anstellst, bevor du so eine Verpflichtung eingehst. Tierheime füllen sich deshalb so schnell, weil die Menschen diese wilden Tiere sehen und den Fehler machen, zu denken, dass das Leben mit ihnen wie ein Märchen sein wird. In Wirklichkeit ist es aber ein Vollzeitjob.

Jessika Coker ist Tierpflegerin und lebt in in ihrem Haus in Florida mit insgesamt fünf Füchsen, außerdem zwei Hunden, Reptilien, einem Chinchilla und einem Opossum zusammen. Finanzieren kann sie die Pflege ihrer Schützlinge unter anderem mit einer PatreonPage und dem Verkauf von Merchandise. Über Juniper, ihren ersten Fuchs, veröffentlichte sie das Buch: „Juniper Fox. Ein Fuchs zum Verlieben“, das in Deutschland beim Knesebeckverlag erschien.
Bild: Jessika Coker

Du hast neben deinen fünf Füchsen unter anderem auch einen Hund, mehrere Schlangen, einen Chinchilla und ein Opossum in deiner Familie. Wie schaffst du es, dich alleine um all diese Tiere zu kümmern?

Ein großer Faktor bei der Pflege so vieler Tiere ist eine feste Routine, an die wir uns täglich halten. Sich um sie zu kümmern ist mir zur zweiten Natur geworden und ich habe nicht das Gefühl, dass ich dabei irgendwie den Kürzeren ziehe. Ich habe aber zum Glück die Hilfe meines Bruders, der vor Kurzem der Aufseher unseres kleinen Heimes geworden ist. Er kümmert sich um die Instandhaltung, baut Gehege, und hält das Grundstück sauber. Er hilft mir auch bei der Aktivierung der Tiere (geistige und körperliche Stimulation und Beschäftigung von Tieren in Gefangenschaft, Anm. d. Red.). Auch der Rest meiner Familie, sowie ein paar enge Freunde, helfen häufig mit.

Ihr seid gerade in ein neues Haus gezogen und weit entfernt von eurer Heimat. Ist es da nicht sehr schwierig, ein Sozialleben aufrechtzuerhalten?

Wegen meines strengen Tagesablaufs habe ich das mit Freunden und Familie bisher immer geschafft. Mein Liebesleben ist eine andere Geschichte. Es ist eine Herausforderung, jemanden zu finden, der nicht nur meinen eigenen Standards entspricht, sondern auch jemanden, der bereit ist, an diesem sehr seltsamen Lebensstil teilzunehmen. Ich verstehe das sehr gut: Die Füchse sind laut, sie riechen streng, Juniper verlangt den größten Teil des Bettes während der Nacht, ganz zu schweigen davon, dass sie beißt, wenn man versucht, die Decke zu stehlen!

Juniper mit dem Hund Moose. Laut Frauchen Jessika Coker buhlt die Fuchsdame ständig um seine Aufmerksamkeit.
Bild: Jessika Coker

Du hast erst vor kurzem zwei neue Füchse, Lore und Finch, aufgenommen, die beide in Gefangenschaft misshandelt wurden. Lore wurde auf der Pelzfarm der Schwanz abgebissen. Wie geht es den beiden?

Den beiden geht es großartig! Sie sind erst seit ein paar Monaten bei uns und haben bereits große Fortschritte gemacht, sind glücklicher und gesünder. Als sie ankamen, hatten beide ein sehr trockenes, ungepflegtes Fell, das jetzt weich und dicht ist. Ihre Augen sind voller Neugier statt Angst. Finch ist ein älterer Fuchs, der für die Zucht auf der Pelzfarm verwendet wurde. Obwohl er sein ganzes Leben in einem Drahtkäfig verbracht hat, ist er äußerst liebevoll und so ruhig. Er ist der einzige Fuchs, bei dem ich mich trauen würde, ihn kurz mit fremden Besuchern bekannt zu machen. Er ist sanft zu jedem, den er trifft, und es ist wirklich etwas Besonderes, dass ein Tier, das aus solch einem Elend kommt, diese unglaubliche, stoische Persönlichkeit hat.

Dieses Jahr wurde in New York ein Pelzverbot, wie es es bereits in San Francisco gibt, diskutiert: Dem folgte viel Kritik von migrantischen und indigenen Communities, die aus kulturellen und finanziellen Gründen an Pelz festhalten.

Ich persönlich denke, dass die Pelzzucht in den USA verboten werden sollte. Das Tragen von Pelz ist nicht illegal und sollte es auch nicht sein, aber das Massenzüchten und Keulen von Tieren ist meiner Meinung nach in der modernen Gesellschaft unnötig. Indigene Völker kaufen ihr Fell nicht aus der Massenproduktion und nach meinem Verständnis ihrer Kultur respektieren sie die Natur. Die meisten, wenn nicht alle, verwenden jedes Teil des Tieres, um das Leben dieser Tiere zu ehren. Bei Pelzfarmen – ähnlich wie bei der Massentierhaltung von Fleischprodukten – werden die Tiere jedoch nicht mit Respekt behandelt. Sondern wie Eigentum. Ich verstehe, dass Landwirte auch für ihre Familien sorgen müssen. Ich verstehe, dass die meisten Menschen keine Freude daran haben, Tiere zu töten, selbst wenn dies für ihren Lebensunterhalt getan wird. Aber wenn diese Massenfarmen nicht verboten werden, sollten sie meiner Meinung nach zumindest denselben Standards unterliegen wie wir Tierschützer.

Was sind das für Standards?

Wir müssen durch Reifen springen, um Lizenzen zu erhalten. Wir müssen uns Inspektionen unterziehen. Wir müssen angemessene Nahrung, Unterkunft und Aktivierung für unsere Tiere bereitstellen, während sich die Anforderungen ändern, sobald die Tiere als „Vieh“ oder „Ranch“ -Tier gelten. Die Tiere dort benötigen angemessenes Futter, Gras zum Einlaufen und Möglichkeiten zur Aktivierung.

Du wirst manchmal kritisiert, weil du die Füchse in deinem Haus hältst, statt zum Beispiel in einem großen Freilaufgehege im Wald.

Am Anfang bekam ich eine Menge Gegenreaktionen, weil Juniper im Haus war. Jetzt, nachdem ich unseren Lebensstil offener gezeigt habe, denke ich, dass die meisten Menschen sehen können, dass ihr Aufenthalt bei uns wichtig für ihr Wohlbefinden ist. Die Füchse sind lieber Teil der täglichen Aufregung
im Haus, sie sehen mich und meinen Hund als Teil ihrer Familie und wollen uns im Auge behalten. Sie haben große Gehege und Orte, an denen sie nach draußen gehen können. Sie haben die Möglichkeit, nach Belieben ein- und auszugehen, bevorzugen es jedoch normalerweise, drinnen zu sein, wo mehr Aktivität herrscht.

Könnten Juniper und Co in der Wildnis überleben?

Rechtlich gesehen kann man ein in Gefangenschaft gezüchtetes exotisches Tier nicht wieder in die Wildnis entlassen. Nach mehr als 100 Jahren der Pelzzucht von Rotfüchsen in Gefangenschaft unterscheiden sich Ranch-Füchse jetzt außerdem genetisch so stark von wilden nordamerikanischen Füchsen, dass es für die Wildpopulation schädlich wäre, wenn sie in der Wildnis Junge bekommen würden. Außerdem haben sie durch die Zucht auch viele ihrer natürlichen Instinkte verloren. Manchmal büchsen „Haustier“-Füchse aus. Die meiste Zeit sterben sie fast immer kurz nach dem Verschwinden. Ihnen fehlt die natürliche Angst, mit der wilde Füchse geboren werden, wodurch sie anfälliger für Unfälle und Verletzungen werden. Sie können auch große Probleme dabei haben, für sich selbst zu jagen.

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