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17 October 2018 / Lesezeit: 4 minuten

Naturschutz

„Was ist das für eine Beziehung?“

Auch Schimpansen halten Händchen. Wie wir Menschen können sie lieben und empfinden Mitgefühl füreinander

Titelbild: Joshua J. Cotten/Unsplash

Der Londoner Fotograf Tim Flach kämpft für eine neue Verbindung zwischen Menschen und Natur – mit Fotografien über bedrohte Arten

Tim Flach, Sie leben in London. Da gibt es nicht gerade viel Wildnis. Was hat Sie dazu gebracht, sich auf das Fotografieren von Tieren zu spezialisieren?

Ich bin in der Nähe von Englands Westküste aufgewachsen. Schon als Kind war ich damals oft in der Natur und habe gemalt. Mir gefiel es immer, dabei den Raum zwischen uns und den Tieren zu spüren. Es ist ein Gefühl, voneinander getrennt zu sein und doch ist da eine besondere Verbindung – unsere gemeinsame Herkunft. Ich beschäftige mich gerne mit der Frage, was das für eine Beziehung ist zwischen uns und den Tieren.

Das tun Sie auch in dem Bildband „In Gefahr“, den Sie vergangenes Jahr herausgebracht haben. Darin zeigen Sie Arten, die vom Aussterben bedroht sind. Warum wollten Sie den Tieren auf der Roten Liste ein Buch widmen?

Wir alle merken, dass wir in einer besonderen Zeit leben. Es ist traurigerweise eine Epoche, in der die Menschen den Planeten stärker gestalten als die Naturgewalten. Gleichzeitig waren wir noch nie zuvor so separiert von der Natur wie heute. Künstler, Journalisten, Fotografen und all jene Leute, die in der Berichterstattung und dem Geschichten-Erzählen arbeiten, müssen daher die Menschen wieder mit der Natur in Verbindung bringen und die Beziehung zur Natur neu definieren. Das möchte ich mit diesem Fotobuch erreichen. Denn ich glaube, das ist auch für die Zukunft der Menschheit überlebenswichtig. Wir müssen verstehen, wie sich durch uns die Meere verändern, welche Folgen die CO2-Belastung hat, wie neue Technologien den Planeten ausbeuten und wie sich das weltweite Bevölkerungswachstum auswirkt. Schon jetzt ist eine Folge, dass Lebensräume vernichtet werden und Arten sterben.

Die Tiere, die Sie zeigen, sind also so etwas wie Botschafter für diese Themen?

Sozusagen. Als ich die Arbeit begonnen habe, verbrachte ich erst mal sechs Monate damit, leitende Naturwissenschaftler und andere Wissenschaftler zu interviewen, um herauszufinden, was die wichtigsten Inhalte sein müssen. Sie sagten: Du musst Dir den Klimawandel anschauen, Du musst Dir Ökosysteme ansehen, Du musst Dir Pinguine und Geier angucken. So habe ich versucht herauszufinden, welche Geschichten das Buch braucht, damit es Sinn macht.

Was sofort auffällt, ist Ihr besonderer Stil, die Tiere zu präsentieren. Man hat das Gefühl, sie drücken menschliche Gefühle aus. Wie ist Ihnen das gelungen?

Dafür habe ich die Tonwerte meiner Bilder so verändert, dass der Blick auf das Gesicht wandert. Eine ähnliche Technik nutzen auch Künstler in der Porträtmalerei. Indem ich einen Stil verwende, der mit menschlichen Bildern assoziiert wird, schaffe ich eine Plattform, die den Betrachtern einen Zugang zur Geschichte hinter dem Bild verschafft. Mir geht es darum, dass der Betrachter sich mit der Persönlichkeit des Tieres identifiziert, Teil seiner Welt wird und ein Gefühl von Gemeinsamkeit oder Verwandtschaft empfindet. Meine Hoffnung ist, dass wir – wenn wir die Tiere mehr wertschätzen – auch versuchen werden, sie besser zu verstehen und für sie sorgen.

Sie brechen durch diese Bildsprache mit der Naturfotografie, so wie wir sie kennen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen besonderen Stil zu entwickeln?

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Bei meiner Recherche ist mir aufgefallen, dass die meisten Naturfotografien einen romantisierenden Stil haben. Doch damit schaffen die Bilder eine Distanz und trennen uns eher von der Natur. Das wollte ich vermeiden. Zunächst wusste ich allerdings nicht wie: Also habe ich begonnen, Bücher der amerikanischen Soziologin Linda Kalof zu lesen. Sie hat herausgefunden, dass Bilder, die eine uns verwandte Persönlichkeit betonen, etwas in uns verändern. Wir beginnen, das Gezeigte mehr wertzuschätzen. Studien von Neurowissenschaftlern bestätigen das: Erst wenn unsere Gefühlswelt angesprochen wird, beginnen wir Informationen aufzunehmen. Hier ist also die Kunst wichtig. Denn sie wirkt stark unterbewusst und emotional. Sie weckt den Wunsch, sich mit Inhalten zu beschäftigen, ohne dass sie einem aufgedrängt werden. Das will ich mit meinen Bildern erreichen. Die größte Herausforderung dabei war, auch eine Schnecke sexy aussehen zu lassen.

Einige Bilder wirken so, als hätten Sie die Tiere ins Studio geholt. Haben Sie das?

Es mag so aussehen, aber ich habe definitiv keinen Gorilla in mein Studio geholt und ganz sicher auch keinen Adler. Die einzige Ausnahme waren die Makaken-Affen. Bei den anderen Fotos habe ich einen schwarzen Hintergrund in das Bild genommen, entweder mittels einer besonderen Ausleuchtung, die die Umgebung in der Dunkelheit verschwinden lässt, oder indem ich einen schwarzen Hintergrund aufgestellt habe. Für ein paar Bilder bin ich auch in den Zoo gegangen: Das Nilpferd habe ich zum Beispiel im St. Louis Zoo fotografiert. Das ist insofern eine kleine Täuschung, die man auf dem Foto nicht sieht. Aber mir war wichtig, dass die Betrachter das Nilpferd direkt anschauen und seinen Charakter erkennen. Das wäre in der Wildnis nicht möglich gewesen.

Für die meisten Aufnahmen sind Sie dann aber doch in unterschiedlichsten Ländern durch den Busch gekrochen und im Meer abgetaucht. Was waren dabei die intensivsten Erlebnisse?

Ich habe einen Flachlandgorilla in der Wildnis wiedergetroffen, dem ich vorher in Gefangenschaft begegnet war. In der Zwischenzeit hatte man ihn ausgewildert. Das war ein besonderer Moment. In seinem natürlichen Umfeld, wirkte er viel gesünder. Ich habe ihn von einem Boot aus fotografiert. Auf einem der Fotos sieht man, wie er gerade aus der Hand Wasser trinkt. Aber es gab natürlich auch viele andere eindrucksvolle Momente: Auf den Galapagos Inseln bin ich im Meer getaucht und über meinem Kopf zogen die Hammerhaie ihre Kreise. Und in Mexiko habe ich Schmetterlinge gesehen, die den Himmel füllten wie Konfetti. Ein großes Privileg war es zudem, die Rotkronen-Kraniche fotografieren zu können. Diese Vögel repräsentieren in der asiatischen Kultur Treue und langes Leben. Daher sind ihre Federn sehr beliebt. So beliebt, dass die Rotkronen-Kraniche inzwischen fast ausgestorben sind. Es ist so ein großer Widerspruch.

Ein Tier, das Sie in Ihrem Buch zeigen, ist im April dieses Jahres ausgestorben: Sudan, er war das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn. Wofür steht er?

Sudan war eine Ikone, denn schon als ich ihn fotografiert habe, stand seine Unterart am Rande der Ausrottung. Leider ist es auch in Gefangenschaft nicht gelungen, sie weiter zu züchten. Als ich damals eine Nahaufnahme seiner Augen gemacht habe, habe ich mich gefragt: Wieviel versteht er von uns? Sudan repräsentiert die Tiere, die wir nicht zurückbringen können. Aber wir können andere Arten noch vor dem Aussterben bewahren. In gewisser Weise ist seine Geschichte Teil einer größeren Geschichte und ich hoffe, sie bringt uns dazu, zu hinterfragen, ob wir diese Tiere wirklich wertschätzen.