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20 November 2020 / Lesezeit: 6 minuten

Saatgut-Tresor auf Spitzbergen

Die arktische Schatzkammer

Der Eingang zum „Svalbard Global Seed Vault“: Hier in Norwegens Arktis lagern 1,2 Millionen Samenproben.

Bild: Michael Marek

Bild: Michael Marek

Als der „Svalbard Global Seed Vault“ vor zwölf Jahren auf Spitzbergen eröffnet wurde, hat das weltweit für Aufsehen gesorgt. Dann musste der Saatgut-Tresor wegen Umbauarbeiten für zwei Jahre geschlossen werden. Seit 2020 ist er wieder vollends in Betrieb. Besuch in einer Anlage, die wertvolle Proben von 249 Ländern beherbergt.

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Longyearbyen, gut 1.300 Kilometer vom Nordpol entfernt: Hier, wo früher Braun- und Steinkohle abgebaut wurden, lagert in einem eisigen Berg ein Schatz: knapp 1,2 Millionen Samenproben von Mais, Reis, Hirse und anderen Nutzpflanzen. Hinter Stahltüren gesichert, in Plastikboxen verpackt, geschützt vor Erdbeben, saurem Regen und radioaktiver Strahlung. Der Svalbard Global Seed Vault“ (SGSV) ist ein Backup für den Katastrophenfall, falls eine der etwa 1.700 Saatgutbanken weltweit vernichtet wird. Zum Beispiel durch bewaffnete Konflikte wie in Syrien, durch Hochwasser oder Vulkanausbrüche. Danach könnten die betroffenen „Pflanzenspezies mit Sicherungskopien aus dem arktischen Saatgut-Tresor nachgezogen werden.

Ein Mitarbeiter des Global Crop Diversity Trust“, kurz Crop Trust, öffnet die zweiflügelige Stahltür am Eingang. Dahinter befindet sich ein erster betonierter Vorraum. Der „Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt“ ist zuständig für die Anlage. Die unabhängige internationale Stiftung sitzt in Bonn.

„Weltweiter Saatgut-Tresor Spitzbergen“ lautet die offizielle, übersetzte Bezeichnung für den Bunker in der norwegischen Arktis. Kühle, aber trockene Luft schlägt einem entgegen. Nach 10 Metern folgt die zweite bombensichere Stahltür. Dahinter führt ein röhrenartiger 120 Meter langer, sanft nach unten abfallender Tunnel waagerecht in den Berg. Neonlicht, das von der Decke kommt, wird von Gitterrosten am Boden reflektiert. Die Schritte hallen an den Wänden aus Beton wieder. Auf der linken Seite befinden sich grüne Leitungen, die über ein silbrig schimmerndes Haltesystem geführt werden. Unter der Decke hängen Kühlaggregate. Die Temperatur beträgt das gesamte Jahr konstant -17,9 Grad Celsius.

Auch auf enorm: Ein klimaneutrales Königreich

2006 hatte Norwegen mit dem Bau der Anlage begonnen, 2008 wurde sie in Betrieb genommen. Als erstes Land brachte Estland Saatgut ein. Der Ort ist nicht gedacht, um Pflanzen zu lagern. Hier wird ausschließlich Saatgut aufbewahrt: Amarant aus Ecuador, Bohnen aus Kolumbien, Hirse aus Usbekistan, Kartoffeln aus Peru, Kichererbsen aus Indien, Mais aus den USA, Reis aus der Elfenbeinküste.

„Svalbard Global Seed Vault: Tresor im Permafrost

Am stärksten vertreten sind Weizensorten, etwa aus Deutschland, gefolgt von Reis. Die arktische Kälte Spitzbergens soll die Samen schützen. Hinter dem Projekt steckt Angst. Es ist die Angst vor den Folgen einer abnehmenden Artenvielfalt von Nutzpflanzen für die Menschheit“, so Hannes Dempewolf. Der deutsche Biologe arbeitet für den Crop Trust. Schützenswert seien etwa „land races, alte Sorten, die von Bauern über Jahrhunderte gezüchtet und entwickelt wurden“. Diese gelte es für künftige Generationen zu bewahren, sagt Dempewolf.

Weltweit gibt es mehr als 1.700 Genbanken, in denen die Samen von Kulturpflanzen verwahrt werden. Doch manche sind nicht nur auf Grund von Naturkatastrophen und Kriegen gefährdet, sondern auch, weil das Geld für ihre Instandhaltung fehlt. Etwas so Alltägliches wie ein defekter Gefrierschrank kann eine ganze Saatgutsammlung zerstören. Der Verlust einer Kulturpflanze ist ebenso unumkehrbar wie das Ende der Dinosaurier“, sagt Crop Trust-Direktor Stefan Schmitz und verweist auf die Beispiele Afghanistan und Irak. Dort wurden die Saatgutbanken im Krieg zerstört. Auf den Philippinen vernichtete ein Taifun die dortige Samenbank mit ihrer wertvollen Reissammlung.

Was ist das übergeordnete Ziel des Crop Trust?Unsere Aufgabe besteht darin, die Agro-Biodiversität auf unserem Planeten zu erhalten“, erklärt Direktor Schmitz. Er ist seit Januar 2020 im Amt. Zuvor hat er 19 Jahre für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gearbeitet und dort die Initiative „One World No Hunger“ geleitet. Er ergänzt: Die Mittel des Crop Trust sind vor allem für die Länder des Globalen Südens da, deren finanzielle Möglichkeiten und Kapazitäten nicht ausreichen.“

Das „Svalbard Global Seed Vaultin Norwegens Arktis ist ein Kooperationsprojekt: Für den direkten Betrieb und die Verwaltung ist das „Northern Genetic Resource Center“ zuständig, das Nordische Zentrum für Genetische Ressourcen ein regionaler Zusammenschluss von Genbanken der skandinavischen Länder und Islands. Zuständig für die finanzielle Ausstattung ist der Crop Trust, der die Hälfte der jährlichen Betriebskosten von mindestens 100.000 Euro trägt. Der norwegische Staat zahlt den anderen Teil. Die Baukosten von etwa 6,3 Millionen Euro hatte 2006 Norwegen gänzlich übernommen.

Warum Spitzbergen?

Zurück in der Anlage: Nach 120 Metern im gut beleuchteten und belüfteten Stollen kommt die nächste Stahltür. Eiskristalle überwuchern sie ebenso wie die Wände und Rohre in deren Nähe. Dahinter befindet sich das Herz der Anlage. Ein Querraum weitet sich nach beiden Seiten aus. In der Mitte stößt man auf eine Halle mit einer konkav gewölbten Betonwand, um im Falle eines Bombenangriffs von wem auch immer die Druckwelle abfangen zu können. Daneben befinden sich die drei Lagerräume, jeweils mit zwei Stahltüren hintereinander versehen. Alle sind bedeckt von einer dicken, trockenen Eisschicht.

Vereiste Türen: Die Temperatur im Saatgut-Tresor auf Spitzbergen beträgt das gesamte Jahr konstant -17,9 Grad Celsius. Bild: Michael Marek

Die Lagerräume bieten Platz für 4,5 Millionen verschiedene Arten von Kulturpflanzen. Jede Art umfasst im Durchschnitt 500 Samen. Folglich können weit über zwei Milliarden Samen in den drei Tresorräumen gelagert werden, von denen im Augenblick jedoch nur der mittlere benutzt wird.

Geologisch bietet die Lage im Berg hervorragende Isolationseigenschaften. Das Gebiet ist geomorphologisch stabil und das Feuchtigkeitsniveau gering. Zudem befindet sich der Saatgut-Tresor 130 Meter über dem Meeresspiegel. Selbst Überschwemmungen oder das Schmelzen der Gletscher könnten der Anlage nichts anhaben. Und schließlich sorgt der Permafrost für natürliche Kühlung, wenn die Technik einmal ausfallen sollte.

2017 hatte vermutlich der Klimawandel allerdings auch den SGSV erreicht. Unerwartet hohe Temperaturen brachten den Permafrost zum Schmelzen und sorgten dafür, das Wasser in den Eingangsbereich gelangte. Das habe allerdings nicht die Lagerräume gefährdet, so der Crop Trust-Direktor Schmitz. Keine der Saatgut-Proben sei durch das Wasser in Mitleidenschaft gezogen worden. „Ob der Klimawandel dafür verantwortlich war oder ein Konstruktionsfehler beim Bau des Zugangsstollens lässt sich nicht mehr genau klären“, sagt er.

„Svalbard Global Seed Vault“: Baumängel schon bei der Eröffnung

Gleichwohl hatte die Saat-Lagerung auf Spitzbergen von Beginn an ihre Tücken. Durch die Bauarbeiten wurde das Berginnere künstlich erwärmt und der Permafrost dadurch zurückgedrängt. Die Kälte musste sich erst wieder ausbreiten, und sie tat das langsamer als erwartet. Noch immer hat sich im Verbindungstunnel keine durchgängige Eisfläche gebildet. Die Betonrisse überall im Boden, entstanden durch Tauwasser, wurden vollständig behoben. Für 20 Millionen Euro wurden der betroffene Eingangsbereich sowie der Verbindungstunnel zu den Lagerräumen inklusive Kühlsystem erneuert – fast dreieinhalb Mal mehr als die ursprünglichen Baukosten.

Die Arbeiten begannen im Frühjahr 2018 und wurden Ende 2019 abgeschlossen. Seitdem schaut Crop-Trust-Direktor Schmitz wieder sorgenfreier in die Zukunft: Ende Februar 2020 lagerten internationale und regionale Samenbanken sowie 35 nicht-staatliche Organisationen wie die indigene nordamerikanische Cherokee Nation“ Saatgut ein. Zweimal im Jahr sollen nun wieder Samenproben im SGSV eingebracht werden.

Mythos Doomsday Vault“

Längst ist der nüchterne „Svalbard Global Seed Vault“ zum Mythos geworden. Die Medien preisen ihn in religiöser Metaphorik als letzte Zufluchtsstätte biologischer Vielfalt, als Harmagedon und „Doomsday Vault“, als Tresor für das Jüngste Gericht, als Ort der allerletzten Rettung. Das sei natürlich Unsinn, hält Direktor Schmitz sachlich dagegen, weil „in Spitzbergen nur Sicherungskopien der nationalen und internationalen Genbanken hinterlegt seien.

Die Entscheidung, welche Samen eingelagert werden, treffen die einzelnen Länder und Organisationen. Mit einer Ausnahme: Genetisch verändertes Saatgut muss draußen bleiben. Das schreiben die norwegischen Einfuhrgesetze vor. Die Pflanzensamen bleiben im Besitz des Herkunftslandes. Nur auf dessen Anfrage können sie aus dem SGSV geholt werden. Zum Beispiel um die Keimfähigkeit zu überprüfen. Die Mitarbeiter in den einzelnen Ländern müssen dann das Saatgut neu aussäen, per Hand ernten, aufarbeiten, wieder einlagern und nach Spitzbergen schicken. Das ist aber seit der Eröffnung 2008 erst ein einziges Mal geschehen.

Unspektakulärer, aber existenzieller Schatz: eine Box mit Saatgut, hier aus der Slowakei. Bild: Michael Marek

249 Länder haben ihre Saatgut-Proben gesichert. Sogar untergegangene Staaten wie die Sowjetunion, die DDR und Jugoslawien sind im Saatgut Tresor vertreten. Deren Proben wurden von den Nachfolgestaaten übernommen. Die Vereinten Nationen bringen es derzeit auf 193 und selbst der Weltfußballverband FIFA nur“ auf 211 Mitglieder.

Gleichwohl wurden zuletzt immer weniger Saatgutproben eingelagert. Der Grund: Kleine Genbanken haben Probleme, eine ausreichende Qualität der Proben zu gewährleisten. Denn diese müssen im Herkunftsland unter den gleichen Bedingungen gelagert werden wie auf Spitzbergen, also bei knapp -18 Grad Celsius. Das ist nicht immer der Fall. Deshalb unterstützt der Crop Trust Genbanken in Ländern, deren Ressourcen begrenzt sind auch finanziell. Nur so könne die Qualität des Saatgutes gesichert werden. Jedes Land kann seine Proben kostenlos auf Spitzbergen archivieren, nur für den Versand müssen die einzelnen Länder aufkommen.

Nicht für die Ewigkeit

Die Temperatur und die niedrige Feuchtigkeit im Tresorraum sorgen für eine geringe Stoffwechselaktivität, was die Samen über sehr lange Zeit hin lebensfähig halten soll, aber nicht für die Ewigkeit: Weizen kann bis zu 1.200, Rettich um die 80 Jahre gelagert werden. Gleichzeitig kann das frostige Saatgutlager traditionelle Genbanken nicht ersetzen. Denn keimfähiges Saatgut ist auch bei idealen Lagerbedingungen nicht endlos haltbar. Vielmehr ist ein regelmäßiger Nachbau der Saatgut-Muster auf dem Acker oder in Gewächshäusern notwendig, um ausreichend keimfähiges Saatgut zu erhalten. Und Agrarprodukte wie Kaffee, Tee, Avocados oder Äpfel lassen sich mit anderen Methoden besser konservieren als sie einzufrieren. Daher fehlen sie im SGSV auf Spitzbergen.

Zu den Unterstützern des Crop Trust gehören Einzelstaaten wie zum Beispiel Ägypten, Australien und Brasilien. Der Kapitalstock beträgt derzeit etwas mehr als 300 Millionen US-Dollar. Zu den größten Geldgebern gehören Norwegen und Deutschland. Bis jetzt haben in den Fond auch Stiftungen und Unternehmen eingezahlt, wenngleich die Spenden der Privatwirtschaft zu vernachlässigen sind“, bilanziert Stefan Schmitz. Darunter sind auch Firmen wie DuPont Pioneer und Syngenta. Kritiker werfen dem Unternehmen aus Basel etwa das Engagement auf dem Gebiet der Gentechnik vor. Zudem wird das Tochterunternehmen der ChemChina verantwortlich gemacht, durch den Verkauf des Herbizids Paraquat, Vergiftungs- und Todesfälle von Landarbeitern in Kauf zu nehmen. Und DuPont Pioneer war das erste Unternehmen, das transgenen Mais entwickelt hat.

Stehen die Unternehmensziele solcher multinationalen Konzerne dem Projekt „Svalbard Global Seed Vault nicht entgegen? Nein“, sagt Schmitz, „Geld stinkt nicht! Jedes Unternehmen ist eingeladen, in das Stiftungskapital einzuzahlen.“ Entscheidende Bedingung ist für den Crop Trust-Chef aber, „dass mit dem Geld keinerlei Einfluss auf seine Verwendung verbunden ist.“

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Der Text erschien ursprünglich am 23. Juli 2020 auf www.enorm-magazin.de