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18 Juni 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Ölkatastrophe in russischer Arktis

Die Natur hat kaum Zeit, sich zu regenerieren

Versuchte Schadensbegrenzung am 11. Juni im sibirischen Norilsk: Experten vergleichen die Umweltkatastrophe mit der Ölpest, die der Supertanker „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska verursachte.

Bild: imago images / ITAR-TASS

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21 000 Tonnen ausgelaufener Diesel, Ausnahmezustand am Nordpolarmeer. Seit zwei Wochen kämpfen Einsatzkräfte in Norilsk gegen die größte Ölkatastrophe, die die Region je erlebt hat. Schuldige gibt es offenbar viele. Greenpeace fordert die Regierung auf, nachhaltig zu handeln.

Der riesige Ölteppich auf den Gewässern ist für die idyllische Natur im hohen Norden Russlands eine Katastrophe beispiellosen Ausmaßes. Die rötlich schimmernde Flüssigkeit aus einem havarierten Treibstofflager bei der Stadt Norilsk hat sich in den Flüssen Daldykan und Ambarnaja ausgebreitet. Von dort ist das Gift inzwischen auch in den Süßwasserspeicher Pjassino geflossen. „Das ist ein wunderbarer See mit ungefähr 70 Kilometern Länge – und natürlich gibt es da auch Fische und eine herrliche Biosphäre“, sagt der Gouverneur des Krasnojarsker Gebiets, Alexander Uss.

Doch nun erlebt die russische Arktisregion die größte Ölkatastrophe ihrer Geschichte, wie die Umweltschutzorganisation Greenpeace feststellt. Für Russlands indigene Völker sind die fischreichen Gewässer lebenswichtige Ernährungsgrundlage. Und auch wenn der Ölteppich durch Sperren auf dem Wasser an der Ausbreitung gehindert und dann abgetragen wird, erwarten die Experten noch für Jahre Probleme. Der Grund: Die giftigen Diesel-Bestandteile lösen sich heraus und belasten Wasser und Fische.

Ölkatastrophe in Norilsk: Ökosystem mindestens zehn Jahre belastet

Vor allem müsse nun verhindert werden, dass sich der giftige Treibstoff den Weg über den Fluss Pjassina weiter nach Norden bahnt in die Karasee, ein Randmeer des Arktischen Ozeans, sagt Gouverneur Uss.

Hunderte Einsatzkräfte haben zwar schon tonnenweise verseuchten Boden abgetragen und auch von der Wasseroberfläche Öl abgeschöpft. Es wird aber mindestens zehn Jahre dauern, bis sich das Ökosystem hier wieder erholt hat, wie die Vizeministerin für Naturressourcen und Umwelt, Jelena Panowa, sagt. Die Sommer sind dort kurz. Deshalb hat die Natur nur wenig Zeit, sich zu regenerieren. Vor allem für den Abbau von Ölprodukten wichtige Bakterien gibt es in der Region wegen der langen Winter kaum.

Als das Treibstofflager des Heizkraftwerks in der Nähe von Norilsk Ende Mai einstürzte, flossen 21 000 Tonnen Dieselöl aus. Rund 15 000 Tonnen sollen in die Gewässer geraten sein. 6000 Tonnen versickerten demnach im Boden. Es dauerte Tage, bis die Öffentlichkeit von der Katastrophe erfuhr.

Nickelabbau in Norilsk

Kremlchef Wladimir Putin zeigte sich erzürnt, als er das Ausmaß mitbekam. Es könne nicht sein, dass über die sozialen Netzwerke zuerst Bilder und Informationen ins Internet kämen, aber die Behörden nicht Alarm schlügen. Die Industriestadt Norilsk hat 175 000 Einwohner – und durch den Nickelabbau schon jetzt genügend Umweltprobleme. Bei einer im Fernsehen übertragenen Videoschalte verhängte Putin den Ausnahmezustand. Und er wies den reichsten Mann Russlands, Wladimir Potanin, an, sich zu kümmern.

Potanin ist Chef des Nickel-Produzenten Nornickel, zu dem das havarierte Tanklager gehört. Er bezifferte den Schaden auf mehr als zehn Milliarden Rubel (rund 127 Millionen Euro). „Das ist so eine Riesenwelle gewesen“, sagte Potanin über den Diesel. „Egal, was es kostet, wir zahlen das“, sicherte Potanin im Gespräch Putin zu. Experten gehen von einem deutlich höheren Schaden aus.

Offenbar sackte die riesige Zisterne mit dem Dieselöl ab, weil der Permafrostboden durch den Klimawandel taut und damit seine Festigkeit als Baugrund verliert. „Solche Dinge sind schwer vorherzusagen“, behauptete der Unternehmer. Dabei ist das Problem gar nicht neu. Wissenschaftler und Klimaschützer weisen seit langem auf die Gefahren tauender Dauerfrostböden in Sibirien hin.

Beispiellose Umweltkatastrophe

„Deshalb muss das Monitoring auch dauernd erfolgen. Die Frage ist, ob das passiert“, sagte der angesehene Wissenschaftler Boris Morgunow russischen Medien zufolge. Die Arktisregion erlebe eine beispiellose Umweltkatastrophe. Experten verglichen das Unglück mit der Ölpest, die der Supertanker „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska verursachte. Damals traten 36 000 Tonnen Öl aus.

In Russland ging das in den 1980er gebaute Treibstofflager immer wieder durch die Abnahme – trotz des problematischen Standorts. Wie das sein konnte, klärt nun die oberste Ermittlungsbehörde in einem Verfahren gegen die zuständige Mitarbeiterin der technischen Aufsichtsbehörde. Sie soll die Kontrollen vernachlässigt haben. Es ist nicht das einzige Ermittlungsverfahren in dem Fall. In Untersuchungshaft sitzt bereits der Leiter des Heizkraftwerks. Immer wieder kommt es in Russland zu folgenreichen Katastrophen, weil Sicherheitsvorkehrungen missachtet werden, Schlamperei im Spiel ist oder Genehmigungen gegen Schmiergeld ausgestellt werden. Auch dieser Fall zeigt, wie Politik und Geschäftsinteressen verwoben sind.

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Der prominente Anti-Korruptions-Kämpfer Alexej Nawalny kritisierte, dass die Leiterin der obersten Naturschutzbehörde, Swetlana Radionowa, sich in einem Flugzeug Potanins in die Region fliegen ließ. Er fragte entsetzt, wie die Behördenchefin die Umweltverschmutzung unabhängig aufklären könne, wenn sie sich von jenem Mann, der die Hauptverantwortung trage, einladen lasse.

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Greenpeace sieht indes zwingenden Handlungsbedarf und macht konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Situation in der Region. Der Öl-Experte und Meeresbiologe Christian Bussau sagte: „Die russischen Behörden müssen die Industrieanlagen in der Arktis, die auf Permafrostböden gebaut worden sind, auf ihre Sicherheit und Stabilität kontrollieren. Viele der alten Anlagen müssen unter Umständen stillgelegt werden und neue, sichere Anlagen gebaut werden.“ Die Arktis verfüge über ein besonders sensibles Ökosystem. Bussaus Fazit: „Der beste Schutz ist, auf eine Industrialisierung der Arktis weitestgehend zu verzichten.“