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5 April 2022 / Lesezeit: 4 minuten

Neuer Bericht des Weltklimarats

So lässt sich die Erderhitzung noch begrenzen

Temporär ausgetrockneter See im norditalienischen Ceresole Reale: Um das Ziel zu erreichen, die globale Temperaturerhöhung auf 1,5 Grad zu beschränken, muss dem Weltklimarat zufolge der Höhepunkt der weltweiten Treibhausgas-Emissionen noch vor dem Jahr 2025 erreicht werden.

Foto: IMAGO / NurPhoto

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Im 3. Teil des neuen Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC) steht, wie wir die Klimakrise aktiv bekämpfen können. Auch wenn die Bestandsaufnahme zunächst düster scheint, macht der Bericht Hoffnung: Mit Richtlinien, neuen Technologien und passender Infrastruktur können die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent reduziert werden. Es gebe „ein erhebliches ungenutztes Potenzial“.

Nur eine rasche und drastische Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes kann die Erderwärmung nach Einschätzung des Weltklimarats noch auf maximal 1,5 Grad begrenzen. Die Zeit zum Handeln sei gekommen, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Bericht des Weltklimarats (IPCC). „Wir sind an einem Scheideweg. Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, können eine lebenswerte Zukunft sichern“, erklärte der IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee. „Wir haben die Werkzeuge und das Wissen, um die Erwärmung zu begrenzen.“ UN-Generalsekretär Antonio Guterres erhob schwere Vorwürfe gegen Wirtschaft und Politik. „Sie ersticken unseren Planeten“, sagte er über Regierungen und Firmen, die für hohe Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind.

Die Vereinten Nationen hatten im vorigen Jahr ihr Ziel bekräftigt, die Erderwärmung im Vergleich zum späten 19. Jahrhundert auf 1,5 Grad zu begrenzen, um katastrophale Folgen der Klimakrise abzuwenden. Es seien mittlerweile effektive Klimaschutzmaßnahmen, gesetzliche Regulierungen und Marktmechanismen bekannt, betonte Lee. „Wenn diese entsprechend skaliert und breiter angewendet werden, können sie tiefgreifende Einsparungen von Emissionen unterstützen und Innovationen ankurbeln.“ So seien etwa die Kosten für Solar- und Windenergie seit 2010 um bis zu 85 Prozent gesunken, was den Ausbau erneuerbaren Energien angekurbelt habe.

Auch auf enorm: Eine gelungene Energiewende ist Friedenspolitik

Im Durchschnitt lag der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen zwischen 2010 und 2019 so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Allerdings habe sich die Wachstumsrate verlangsamt, heißt es im Bericht. Aber ohne unverzügliche Verringerungen der Emissionen sei das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen. Dazu gehört etwa im Energiesektor, erheblich weniger fossile Energieträger zu nutzen, den Verkehr und andere Sektoren weitgehend zu elektrifizieren, die Energieeffizienz zu verbessern und alternative Kraftstoffe wie Wasserstoff zu nutzen.

Der Weltklimarat beleuchtete außerdem, welchen Einfluss es hat, weniger Fleisch zu essen oder sich klimafreundlicher fortzubewegen – und kommt zu dem Schluss: Lebensstil und persönliches Verhalten spielen zwar eine wichtige Rolle fürs Klima. Doch brauche es die richtigen Rahmenbedingungen durch die Politik, betonen die Autor:innen. Die Verantwortung dürfe nicht auf den Einzelnen abgewälzt werden. Mit Richtlinien, neuen Technologien und passender Infrastruktur könne man die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent reduzieren, heißt es – „ein erhebliches ungenutztes Potenzial“.

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Weltklimarat über CO2-Entnahme aus der Atmosphäre

Die Wissenschaft hält es für immer wahrscheinlicher, dass die Erhitzung der Erde zeitweise die kritische Schwelle von 1,5 Grad übersteigen wird, bevor sie durch entsprechende Maßnahmen wieder sinken könnte. Dabei wird auch die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre eine Rolle spielen, die vom Weltklimarat erstmals ausführlicher betrachtet wurde. Die Expert:innen befürworten zwar die Erforschung solcher Techniken, warnen aber davor, sich darauf zu verlassen. Keine Technologie dieser Art könne auffangen, was an notwendigen Einsparungen in anderen Bereichen ausbleibe.

Für den Bericht hatten Hunderte Wissenschaftler:innen aus 65 Ländern in den vergangenen Jahren Zehntausende Studien ausgewertet. Er ist Teil des 6. Sachstandsberichts des Weltklimarats, dessen Veröffentlichungen als umfassendster und international anerkannter Stand der Klimaforschung gelten. In dem Bericht, dem 195 IPCC-Mitgliedstaaten am Montag zustimmten, geht es um Maßnahmen zur Abschwächung der Klimakrise.

„Wir haben die Emissionskurve der Treibhausgase nicht nach unten gebogen, wir haben nur ihren Anstieg etwas abgeflacht“, sagte Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Nun müsse die Politik zupacken. Die Organisation Germanwatch erklärte, die für die Bewältigung der Klimakrise entscheidende Dekade habe begonnen. Die Klima-Allianz Deutschland, ein Bündnis vieler Organisationen, rief zu einer Drosselung des Verbrauchs fossiler Energien auf. „Zur Eindämmung der Klimakrise ist ein Sprint beim Abschied von Kohle, Öl und Gas notwendig“, erklärte Chefin Christiane Averbeck. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine zeige, dass ein solcher Abschied auch die Abhängigkeit von autoritären Regimen verringere.

Fridays for Future: Kein „technologisches Wunder“

Die Bewegung Fridays for Future zeigte sich alarmiert. Der Bericht zeige: „Das Zeitfenster für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommen schließt sich rasant.“ Bereits jetzt müsse zum Einhalten der 1,5-Grad-Grenze Kohlenstoffdioxid wieder aus der Atmosphäre entfernt werden. Doch das Warten auf ein „technologisches Wunder“ werde vergebens sein. „Es gibt keine Möglichkeit zur CO2-Entfernung, die die Notwendigkeit radikaler Emissionsreduktion ersetzt.“

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg warnte vor falschem Optimismus. „Wenn ihr den neuen IPCC-Bericht lest, behaltet im Hinterkopf, dass die Wissenschaft vorsichtig ist und dass das hier in den Verhandlungen von Ländern verwässert worden ist“, schrieb die 19-Jährige auf Twitter. Vor der Veröffentlichung des Teilberichts zur Begrenzung des Klimakrise hatten die Forschenden rund zwei Wochen lang mit Staatenvertretern um finale Formulierungen gerungen. Thunberg kritisierte, manchen scheine es eher darum zu gehen, den Verursachenden des Klimakrise falsche Hoffnung zu geben anstatt „die unverblümte Wahrheit auszusprechen, die uns eine Chance zum Handeln geben würde“.

Diese Maßnahmen braucht es:

Um das Ziel zu erreichen, die globale Temperaturerhöhung auf 1,5 Grad zu beschränken, muss den Forschenden zufolge der Höhepunkt der weltweiten Treibhausgas-Emissionen noch vor dem Jahr 2025 erreicht werden. Bis 2030 muss der Ausstoß demnach um 43 Prozent sinken. Dazu seien rasche, tiefgreifende und meist sofortige Maßnahmen nötig. Für das 1,5-Grad-Ziel sollen die CO2-Emissionen in den frühen 2050er Jahren bei Netto-Null landen. Das heißt: Jede ausgestoßene Tonne CO2 müsste auch wieder gebunden – also der Atmosphäre entzogen – werden.

Energie: Die Forschenden lassen keinen Zweifel daran, dass zur Verringerung der Treibhausgas-Emissionen im gesamten Sektor ein grundlegender Wandel erforderlich ist. Es müsse der Gesamtverbrauch an fossilen Brennstoffen erheblich verringert, emissionsarme Energiequellen eingesetzt, auf alternative Energieträger umgestellt und Energie effizient und sparsam verbraucht werden.

Industrie: In diesem Sektor sollen Materialien effizienter genutzt werden, etwa über die Wiederverwendung und das Recycling von Produkten sowie die Minimierung von Abfällen. Es brauche neue Produktionsverfahren, emissionsarme oder – freie Elektrizität, den Einsatz von Wasserstoff und eine CO2-Speicherung.

Städte: Urbane Gebiete sollen aus Sicht der Expert:innen ihren Verkehr auf Strom umstellen und dafür emissionsarme Energiequellen nutzen. Parks und Freiflächen, Feuchtgebiete und urbane Landwirtschaft können CO2 aufnehmen und speichern und zudem das Risiko für Hochwasser oder innerstädtische Hitzeinseln verringern.

Gebäude: Ziel bei Neubauten und Nachrüstungen soll es sein, Emissionen zu minimieren. Dabei können Form und Funktionalität eine Rolle spielen, um Gebäude an die sich ändernden Bedürfnisse der Nutzenden anzupassen. Leerstehende Häuser sollen umgenutzt werden. Gerade mit Maßnahmen der Energieeffizienz könnten den Expert:innen zufolge bis 2050 rund 42 Prozent der Gebäude-Emissionen eingespart werden.

Verkehr: Der Weltklimarat fordert energieeffizientere Fortbewegungsmittel. Ihm zufolge bieten Elektrofahrzeuge mit emissionsarmem Stromantrieb das größte Potenzial für CO2-Reduktionen im Straßenverkehr. In der Luft und auf dem Wasser plädieren die Expert:inneen neben verbesserten Produktionsprozessen und Kostensenkungen für nachhaltige Biokraftstoffe, emissionsarmen Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe.

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