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17 July 2019 / Lesezeit: 5 minuten

Interview mit Aktivist Tadzio Müller

„Man wird keine Lösung des Klimaproblems im Kapitalismus finden“

Tadzio Müller ist Referent für Klimagerechtigkeit und Internationale Politik bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung – und als solcher auch stark persönlich engagiert in der Klimagerechtigkeits-Bewegung

Titelbild: privat

Titelbild: privat

Als Referent für Klimagerechtigkeit ist Tadzio Müller viel unterwegs auf Kundgebungen, Demonstrationen und Aktionen. Dennoch glaubt er, dass wir radikal umdenken müssen, um die Klimakrise zu lösen. Ein Gespräch über persönliche Gesundheit im Aktivismus, ein gesundes Klima – und warum Bewegungen besser als Politik sind

Tadzio, Stress entscheidet nicht nur über unsere Gesundheit, sondern auch über die Stimmung in einer Gesellschaft. Sind für Dich neben Stress in Familie oder Beruf auch unser Wirtschaftssystem oder die Klimakrise Stressoren?

Klar, auch dieser Stress macht krank. In meinem Fall, ich hatte vor vielen Jahren einen Burnout, ging aber eher um die Belastungen durch meinen politischen Aktivismus. Zur gleichen Zeit wie mein Burnout bekam ich die Diagnose HIV-positiv. Das war 2011. In den drei Jahren davor hatte ich unablässig gerödelt und wie ein Wahnsinniger politisch mobilisiert, immer mit der Angst vor Repressionen: 2008 das erste Klimacamp in Deutschland, 2009 der Klimagipfel in Kopenhagen, 2010 die Anti-Castor Kampagne. Danach kam dann der Zusammenbruch. Meine Abwehrkräfte waren wohl so geschwächt, dass mein Körper die HIV-Infektion schließlich annahm. Politischer Aktivismus kann eine krasse Selbstaufopferungs-Maschine sein. Man muss funktionieren, immer. Der Kampf ist dabei wichtiger als der eigene Körper.

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Welche Schlüsse hast Du daraus gezogen?

Nicht mehr gegen mich selbst zu kämpfen, klar. Aber ich versuche auch, eine neue Perspektive auf das Thema Krankheit zu entwickeln. In diesem Zusammenhang denke ich oft an die 16-jährige Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg, die am Asperger-Syndrom leidet. Diese vermeintliche Krankheit lässt Greta die Welt anders wahrnehmen als die meisten von uns es tun, nämlich mehr in Schwarz und Weiß. Sagte uns jemand: „Morgen geht die Welt unter“, dann müssten wir eigentlich alle aufspringen und sagen: „Was? Oh mein Gott, lass uns sofort etwas dagegen unternehmen!“ Greta macht das. Wir aber nicht. Unser Schock wird wegsozialisiert. So wie uns die Obdachlosen auf der Straße irgendwann nicht mehr schocken, weil wir abstumpfen. Für uns ist es heute völlig normal geworden, dass wir unseren gesellschaftlichen Wohlstand mit dem Leid anderer erkaufen. Wenn man sich das mal vor Augen führt, müsste sich jeder von uns fragen: „Haben wir sie eigentlich noch alle?“ Greta sieht das. Dabei ist es ihre scheinbare Krankheit, die ihr eine gesunde Perspektive auf unsere Realität ermöglicht.

Wir experimentieren in einem riesigen kapitalistischen Freiluftexperiment

Chronische Krankheiten nehmen zu. Glaubst du, dass das auch mit dem zunehmenden Kranksein unseres Planeten zusammenhängt?

Diese Frage geht von einer sehr anspruchsvollen Hypothese aus, die die Welt als System, als Organismus betrachtet. Aber ja, ich glaube schon, dass der Klimawandel eine Gesundheitsdimension hat – man denke nur mal an die extremen Wettersituationen wie in Chicago oder Australien Anfang 2019. Abgesehen davon geht meiner Meinung nach die Zunahme an Krankheiten Hand in Hand mit der zunehmenden kapitalistischen Naturaneignung und der Zunahme an schädlichen Stoffen wie CO2 und Methan, denen wir ausgesetzt sind. Wir experimentieren in einem riesigen kapitalistischen Freiluftexperiment, à la: „Wie viele Ressourcen können wir der Welt noch rauben und wieviel Schmodder in ihre Atmosphäre absondern, bis eine Katastrophe passiert?“

Können wir die Klimaschutzziele innerhalb eines kapitalistischen Systems überhaupt erreichen?

Kurz gesagt: nein. Es besteht ein fundamentaler Widerspruch zwischen unendlichem Wachstum und einem endlichen Planeten. Unser Wirtschaftswachstum verursacht die Treibhausgase. Aber qua Definition kann der Kapitalismus sein Wachstum nicht auf unter Null reduzieren, sonst ist er ja kein Kapitalismus mehr. Man wird keine fundamentale Lösung des Klimaproblems im Kapitalismus finden können. Das heißt nicht, dass wir so lange warten müssen, bis vielleicht irgendwann das gesamte System komplett abgeschafft wird, bevor wir das Klima retten können. Vielmehr bedeutet es, dass alle Maßnahmen zur Rettung des Klimas keine kapitalistische Logik in sich tragen dürfen – sondern dass wir mit antikapitalistischen Elementen arbeiten müssen – wie absoluten Grenzen in der Produktion. Das könnte so aussehen: Ab 2023 darf keine Braunkohle mehr abgebaut werden, ab 2025 dürfen keine Verbrennungsmotoren mehr gebaut werden, ab 2028 keine individuellen Autos, und so weiter …

Heißt das, dass die Politik jetzt Wirtschaft und Konsum regulieren muss?

Ja und nein. Die Politik steckt total in der Tasche der Industrie. Ich vertraue ihr nicht, sondern bin im politischen Sinne ein ganz starker Bewegungsromantiker. Alles Wahre, Schöne und Gute auf der Welt, wie mein Recht, mit meinem Mann Hand in Hand die Straße entlang zu laufen, dein Recht zu wählen und Hosen zu tragen, Wochenenden, bezahlter Urlaub – all das wurde von sozialen Bewegungen erkämpft. Die Regierung wird erst dann agieren, wenn eine soziale Bewegung die Gesellschaft verändert hat und ihr kein anderer Weg mehr bleibt – wie beim Beispiel Atomausstieg.

Wo es starke soziale Bewegungen gibt, wird also auch das Klima besser geschützt?

Ich sehe es so: Die politischen Systeme haben viel zu wenig Antworten auf die großen Fragen. Nimm die Themen Klimawandel, Verdrängung in den Städten, soziale Ungleichheit … wo bleiben da die Ideen? Historisch betrachtet ist das die perfekte Situation, in der soziale Bewegungen entstehen und die Gesellschaft verändern können. Wenn es ganz drängende, existenzielle Fragen gibt, die die politischen Systeme nicht beantworten, dann organisieren sich die Leute. Das ist der Grund, warum ich ein Bewegungsaktivist bin. Ich glaube daran: Wenn überhaupt von irgendwoher eine Lösung kommen kann, dann von sozialen Bewegungen – und zwar genau jetzt und hier.

Viele haben das Gefühl: Da kann ich Bürger doch nichts verändern! Zudem kann niemand sagen, ob die Klimakrise überhaupt noch abzuwenden ist.

Man muss als Individuum gar nicht auf globaler Ebene denken, auch im Kleinen kann man viel verändern. Bei jeder lokalen Aktion, an der man sich beteiligt, ist man Teil eines globalen Kampfes gegen die größte Gerechtigkeitskrise der Welt – und tut damit mehr Gutes, als wenn man 13 Mal im Bioladen einkaufen geht. Denn man zeigt so kollektiv und offen, dass diese Gesellschaft crazy ist. Genau darin sehe ich meine Aufgabe. Leute davon zu überzeugen, dass die Macht bei ihnen liegt. Allen, die denken, „Man kann doch sowieso nichts machen“, sage ich: „Schau mal, wo wir heute stehen!“ Leider vergisst man die Erfolge sozialer Bewegungen schnell und gewöhnt sich neue Freiheiten und Rechte.

Mindfulness, Meditation, Yoga und Entschleunigung – alles voll im Trend. Tragen solche Bewegungen auch etwas zur Rettung der Erde bei? Oder verschließen ihre Anhänger OM-singend die Augen vor der Realität?

Für Viele ist Meditation eine Praxis, um den Kopf frei zu kriegen und zu sich selbst zu kommen. Sie kann aber auch eingesetzt werden, um das Leben anderer zu verändern – wenn man zum Beispiel einen Gesang oder eine Meditation im Kontext einer Demonstration anstimmt. Ich persönlich bin physisch und mental hyperaktiv, für mich ist das Meditieren nichts. Stattdessen kiffe ich abends, das ist meine Auszeit, in der ich versuche, einfach mal an nichts zu denken. Auch das habe ich von HIV gelernt: Zuzuhören, wenn mein Körper nach Ruhe schreit und ihm diese dann auch zu gewähren.

Aber wir sollten durch all die Entschleunigung nicht zum Stillstand kommen …

Nein! Sondern uns fragen: Wofür kann ich diesen Raum nutzen, der entsteht? Für die Erholung? Oder um von hier aus die Welt zu verändern? Meine Meinung dazu ist: Sucht euch die Ruhe, die ihr braucht, aber hört da nicht auf. Man kann sich das Leben nicht schönmeditieren.

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Unser Wirtschaftssystem wurde hauptsächlich von Männern erdacht und wird bis heute maßgeblich von ihnen geprägt. Ist das Problem der Ressourcenausbeutung ein Männer-gemachtes?

Gute Frage. Ja, denn es sind meistens Männer, die die Hand am Lenkrad haben. Aber, um bei der Auto-Symbolik zu bleiben: Wenn Männer auf der Autobahn fahren und ich auf die gleiche Autobahn Autos mit Frauen setze, dann sind sie vielleicht in einem anderen Tempo unterwegs – aber doch auf der gleichen Route. Das Problem sind nicht die Männer, sondern die Autobahnen und dass es keine Abfahrten gibt. Frauen können die Welt genauso zerstören wie Männer. Ein von Frauen geleiteter Kapitalismus hätte im Grunde dieselben Probleme. Aber ich merke: Räume, in denen mehr Frauen sind, sind angenehmere Orte. Frauen sind nicht per se bessere Menschen, aber in unserer Gesellschaft wird Frauen öfter ein Verhalten beigebracht, das dazu führt, dass man sich aufgehobener fühlt – und dass es mehr emotionalen Austausch gibt. Im Schnitt lernen Frauen auch einen etwas achtsameren Umgang mit Ressourcen, aber das heißt nicht, dass sie einfach die Strukturen ändern können, die zu einem gesellschaftlich unachtsamen Umgang mit Ressourcen führen.