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2 September 2021 / Lesezeit: 15 minuten

Inseln

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 27

Ein Segler vor einem Atoll des Inselstaats Kiribati: Orte wie diese und ihre Bewohner:innen sind besonders von der Klimakrise und dem steigenden Meeresspiegel bedroht.

Bild: IMAGO / Design Pics

Bild: IMAGO / Design Pics

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 27 von „Good News enorm“. Ob Kiribati, Shetland oder Bornholm: Inseln weltweit sind am stärksten durch den steigenden Meeresspiegel bedroht. So müssen sie kreative Innovationen gegen die Klimakrise entwickeln und können uns dabei eine Inspiration sein. Über die utopische Power eines verlassenen Eilands, Wellenenergie-Tankstellen für Elektroautos und Bohrinseln, die zu Korallenriffen werden. 

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Morgane Llanque, Redakteurin beim enorm Magazin, über Inseln und wie wir im Kampf gegen die Klimakrise von ihnen lernen können.

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um Inseln. Aber erst einmal der gute Nachrichten-Überblick.

Eigentlich wird das Medikament BC 007 bei Herzerkrankungen verschrieben – nun kam es am Uniklinikum Erlangen bei einer experimentellen Long Covid-Therapie zum Einsatz. Mit Erfolg: Bei drei Betroffenen haben sich die neurologischen Beschwerden nach der Behandlung verbessert. Jetzt soll eine klinische Studie folgen.

Im gesamten Pariser Stadtgebiet gilt jetzt Tempo 30. Es soll für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen, Raum für Fahrräder schaffen und den Lärm reduzieren. Zwei Drittel der Menschen in Paris hatten sich zuvor in Umfragen für ein städtisches Tempolimit ausgesprochen.

Der Flughafen Berlin-Tegel ist stillgelegt – nun soll auf dem ehemaligen Gelände ein klimafreundlicher Stadtteil entstehen: Geplant ist eines der größten Holzbauquartiere der Welt, in dem bis zu 12.000 Menschen künftig leben und arbeiten sollen.

In Leipzig ist die Zahl der wohnungs- und obdachlosen Menschen gestiegen. Mit dem Projekt „Eigene Wohnung“ testet die Stadt nun den „Housing First“-Ansatz: Personen ohne Obdach bekommen eine Wohnung vermittelt – ohne dabei bestimmte Auflagen erfüllen zu müssen.

Einem Forschungsteam der Universität Tel Aviv ist es gelungen, mit einem 3D-Drucker einen Krebstumor zu drucken. Das Gute daran: Solche Modelle könnten künftig individuelle Krebs-Therapien ermöglichen – und zusätzlich Krebsforschung an Tieren verhindern.

Ein neu entwickeltes Nano-Bubble-System soll die Wasserqualität der Schwimmenden Gärten von Xochimilco in Mexiko-Stadt verbessern. Solarbetriebene Sauerstoffpumpen reichern das Wasser mit winzigen Bläschen an, die Schadstoffe beseitigen und Treibhausgase binden.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca, ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich, dass wir heute über Inseln sprechen. Ich freue mich besonders, dass wir heute mal wieder Morgane mit dabei haben, Redakteurin beim enorm Magazin. Hallo Morgane!

Morgane: Schön, da zu sein.

Bianca: Ja, sehr schön, dass du da bist. Sag mal, wie seid ihr auf diese Idee gekommen, ein Magazin mit dem Schwerpunkt Inseln herauszugeben?

Morgane: Das war tatsächlich eine ganz spontane Idee, die mir gekommen ist, als ich ein Buch gelesen habe. Das heißt „Das Zeitalter der Inseln” von Alastair Bonnet, dass ist ein Geologe, ein Geograf und er hat so eine Obsession mit Inseln und Reisen um die Welt und guckt sich verschiedene Formen von Inseln an. Und ich glaube, alle Menschen haben eine Faszination zu diesem Thema, weil auf der einen Seite steht die Idee einer Insel, die Vorstellung einer Insel, das ist irgendwie etwas Paradiesisches für uns alle, egal, in welche Kultur du gehst, egal welche Religion. Es gibt immer irgendeine Insel dort, die ein Paradies ist. Also bei den alten Griechen und Griechinnen war das ja schon. Im Mittelalter hatten wir Avalon, wo König Artus hingebracht wird. Es gibt ganz viele Beispiele für die Insel als etwas Heiliges, als etwas Überschönes. Und wenn wir uns jetzt angucken, wo die meisten Deutschen ihren Urlaub verbringen, dann wirst du auch sehen, dass das halt immer noch viel attraktiver für Menschen ist, eine Insel als Urlaubsziel auszuwählen, als zum Beispiel, an der griechischen Küste einfach Urlaub zu machen – was bestimmt genauso schön ist, da ist auch das Meer. Aber nein, die Menschen haben eine besondere Beziehung zu der Insel. Deutsche zum Beispiel auf Mallorca, aber auch zu unseren eigenen Inseln: Rügen oder Usedom. Und ich habe mich gefragt: Woran liegt das? Warum sind wir eigentlich so besessen von Inseln? Und wenn du in die Kulturgeschichte zurück blickst, dann stellst du fest, dass es was damit zu tun hat, dass die Insel ein abgeschlossener Raum zu sein scheint.

Irgendetwas macht es mit uns Menschen, dass wir wissen: Okay, ich bin gerade nicht auf diesem großen Planeten, der mich überfordert und wo es unendliche Vielfalt gibt an Grenzen und Masse, sondern diese Vorstellung, auf so einem kleinen Eiland zu sein, im Ozean, das macht irgendetwas mit uns, weil wir dann das Gefühl haben, wir können das überblicken und vielleicht können wir diesen Ort auch besser kontrollieren oder verändern. Kannst du mir folgen? Das ist auch der Grund, warum die erste Utopie – und damit beschäftigen wir uns ja beim enorm Magazin – warum die erste Utopie, die es überhaupt gab, eine Insel war. Nämlich die von Thomas Morris: „Utopia“. Das war also die erste große politische Utopie. Da hat sich dieser Philosoph Gedanken über eine ideale politische Gesellschaft gemacht, über eine neue Ordnung, über eine gerechtere Ordnung. Und er hat sich das automatisch als Insel vorgestellt. Und so habe ich, so gesehen, die Brücke zum enorm Magazin gezogen, weil wir alle dachten: Hey, wir sind ein Utopien-Magazin und arbeiten wir doch mal mit dieser Figur, der Insel, die gleichzeitig ein Sehnsuchtsort ist, auf der anderen Seite aber ganz real auch ein Ort, an dem du irgendwie auch gefangen bist, wenn du da bist. Du bist auch begrenzt. Und wenn wir heute klimatechnisch auf Inseln gucken, sind das die Orte, die am schnellsten verschwinden werden unter der Meeresoberfläche, wenn wir nicht langsam endlich mal dagegen angehen, dass der Meeresspiegel steigt und steigt.

Sie sind ganz massiv bedroht von der Klimakrise, sei das halt im Pazifik oder in der Karibik, aber auch bei uns. Also, genauso sehen wir halt auch bei uns, wie die Überschwemmungen zunehmen. Wir hatten eine große Flut in Deutschland diesen Sommer, die viele Menschen sehr geschockt hat und die vielen Menschen auch gezeigt hat: Wir sind eben nicht dieses stabile Festland. Weißt du, das ist eine Illusion, dass wir dieses stabile Festland sind und alles gut. Nein. Durch den Anstieg des Meeresspiegels werden einfach immer mehr Landmassen überflutet und wir werden so gesehen selber zu Inseln. Und so kam dieses Thema zustande, dass wir mit dieser Figur arbeiten, um uns anzugucken: Wie könnten wir die Klimakrise besiegen oder auf jeden Fall bekämpfen, wenn wir uns vielleicht selber als eine Insel begreifen würden, die begrenzte Ressourcen hat, die damit klug umgehen muss und die vor allem in Symbiose mit der Natur lebt?

Und dann haben wir gleichzeitig über diese Metaebene, die ja schon recht abstrakt ist, hinaus einfach ganz konkret angeguckt: Was können wir denn von Inseln lernen, von Inseln wie Kiribati oder Bornholm, die tatsächlich eben viel früher schon als wir erkannt haben: Oh, wir haben echt wenig Süßwasser auf dieser Insel. Wie gehen wir damit um? Was finden wir für Innovationen? Und tatsächlich haben wir bei unseren Recherchen festgestellt, es gibt eine extreme Menge an geilen Beispielen, wie wir die Klimakrise bekämpfen können – von Inseln. Und deshalb ist das unser Schwerpunkt geworden.

Bianca: Okay, ja, cool. Also, ich hätte da auf jeden Fall schon eine gute Nachricht von einer Insel, beziehungsweise von einer Inselgruppe. Und zwar aus oder von Batam. Ich weiß jetzt gar nicht, was man sagt, weil es ja eine Inselgruppe ist bzw. Batam ist auch eine indonesische Stadt und Batam als Inselgruppe ist einfach ein Teil eines Stadtgebiets. So, und damit man die ein bisschen besser verorten kann: Batam ist eine Inselgruppe in der Nähe von Singapur, aber eben eine indonesische Inselgruppe. Batam gehört zu den Riau-Inseln im Südchinesischen Meer. Und ja, also ich habe nicht gewusst, wo diese Insel liegt und musste mir das erst mal anschauen. Anscheinend ist es so, dass man Jakarta von dort mit der Fähre innerhalb eines Tages erreicht und Singapur tatsächlich in 30 Minuten auf einem Schnellboot. Also, in dieser Ecke befinden wir uns.

Und die gute Nachricht von oder aus Batam ist nun, dass dort das angeblich größte schwimmende Solarkraftwerk der Welt entsteht. Du hattest ja davon gesprochen: Inseln, Klimawandel – Was kann man tun? Was tun Menschen auf Inseln? Die haben sich jetzt dazu entschlossen, ihre vielen Staudämme dazu zu nutzen, eben das größte schwimmende Solarkraftwerk der Welt zu bauen, weil die jetzt diese „transition“ machen wollen zu grüner Energie. Ja, das ist alles initiiert von einer staatlichen indonesischen Agentur und einer Riesenfirma aus Singapur. Und da sind noch mega viele andere beteiligt. Das ist ein Megaprojekt, das kostet, glaube ich, um die zwei Milliarden US-Dollar. Es startet 2022, soll 2024 fertig sein und wird 3000 Menschen vor Ort beschäftigen, um dieses Riesenteil aufzubauen auf einer Fläche von 1600 Hektar. Ich kann mir herzlich wenig unter 1600 Hektar vorstellen. Und du?

Morgane: Nein, leider bin ich da auch richtig schlecht darin, mir so Größen vorzustellen. Aber was wir wissen ist – das finde ich so interessant, weil Indonesien, ich kann dir gar nicht genau die Zahl nennen, aber das sind ja hunderte und hunderte von Inseln, die zu dieser Nation gehören. Das heißt, auf der einen Seite hast du sehr viel Fläche, aber diese Fläche ist sehr zerstückelt. Und tatsächlich, wenn wir uns mit Inseln und der Klimakrise beschäftigen, werden wir schnell feststellen, aus dieser Begrenztheit heraus kommt eben dieser Drang zur Innovation. Und daher kommt auch die uralte menschliche Praxis, künstliche Inseln zu erschaffen.

Wir beide haben uns schon unterhalten über das Phänomen schwimmende Städte. Daran musste ich auch viel denken bei dieser Recherche, weil es da eine Parallele gibt, also, dass Menschen Inseln selber erschaffen haben, um die Klimakrise zu bekämpfen. Das ist eigentlich ein sehr, sehr altes Phänomen. Schon lange bevor Menschen mal wussten, dass es sowas gibt wie die Klimakrise, haben wir künstliche Inseln erbaut, in jeder Kultur. Aus dem einen Grund, weil man eben neuen Wohnraum brauchte und auf der anderen Seite, weil man diesen neu gewonnenen Wohnraum auch gut verteidigen konnte. Das waren ja früher oft Gründe für künstliche Inseln, auf denen sich Menschen angesiedelt haben. Und heute brauchen wir auch wieder neues Land. Zum einen, weil eben auch in Indonesien die Inseln versinken, aber auch, weil wir einfach wissen, wir können die Klimakrise nicht bekämpfen, wenn wir es nicht schaffen, neue Flächen für erneuerbare Energien zu schaffen.

Und was ist da besser geeignet als das Meer, sowohl für Solarenergie, was du angesprochen hast, als auch zum Beispiel Windkraft und Wellenenergie. Und das ist kein Zufall, dass wir da auf diesem Feld der erneuerbaren Energie gerade so viel Innovation sehen. Ein anderer Artikel in unserem Schwerpunkt beschäftigt sich zum Beispiel mit den Shetlandinseln in Schottland. Wenn du schon mal in Schottland warst, weißt du, es ist dort mega stürmisch. Das hat nicht so viel mit einem indonesischen Inselparadies zu tun, sondern es ist grau und karg und eine unglaublich wilde See. Und dann haben sich die Leute, die Schotten halt gesagt: Hey, okay, machen wir doch mal was damit und haben die größte Gezeitenenergieanlage der Welt. Schottland ist wirklich so ein richtiges Experten-Land für Energie. Die Arbeiten halt ganz viel auch mit unterirdischen Turbinen, weil wir wissen ja leider, wir sehen das in Deutschland auch immer, wenn über Windturbinen gesprochen wird, dass dann immer gleich die Leute aufspringen und sagen: Aber das tötet die Vögel und das verschandelt die Landschaft. Und bei Gezeitenturbinen kann ich das ja nicht sagen, weil das alles unter Wasser ist. Ja und deshalb haben die Schotten dann auch massiv darin investiert. Jetzt haben wir dieses Jahr die erste Einweihung von der blauen Tankstelle gesehen, auf den Shetlandinseln. Also, eine Tankstelle für Elektroautos, die ihren kompletten Strom aus erneuerbaren Wellenenergie bezieht. Weißt du, man liest das so und denk so: Okay, es ist 2021 und diese Idee hat noch nie jemand gehabt? Aber ich glaube, das liegt daran – also, es scheint irgendwie so „obvious“, aber wenn man selber nicht vom Meer kommt – ich komme ja aus Berlin, also aus einer ziemlich „unmeerigen“ Binnenstadt und ich komme einfach nicht auf die Idee.

Und Menschen, die halt so nah am Meer und mit dem Meer in Symbiose leben, wie das halt auf Inseln immer der Fall ist, sei das eben auf Großbritannien oder auf Bali, die kommen einfach eher auf diese Ideen, weil sie auch müssen. Und die haben ja, also wir wissen ja, in Schottland gibt es auch Ölvorkommen, aber das ist alles sehr kompliziert und auch Teil der Brexit-Probleme in Großbritannien, dass viel Geld, was in Schottland generiert wird, in England zentralistisch zusammenläuft. Also machen sie ihr eigenes Ding und versuchen auch klimafreundliche Lösungen zu finden. Und das finde ich halt auch wirklich sehr inspirierend. Und wir können uns einfach viel kopieren, weil wir eben immer ähnlichere Verhältnisse erleben, auch auf dem Festland wie Insel Bewohner:innen. Und darum geht es in dieser Ausgabe. Und wir haben da wirklich so eine krasse Vielfalt auch zum Glück gefunden. Zum Beispiel, meine Kollegin Miriam Petzold hat sich auf skandinavischen Inseln umgesehen, die sowieso ein Vorreiter sind in dieser Regionen in Sachen Bekämpfung der Klimakrise mit Innovationen. Es ist unglaublich, wie viele Inseln dort gerade dabei sind, autark zu werden, komplette Kreislaufwirtschaft zu entwickeln, sich um Vogelschutz zu kümmern, sich um Artenschutz zu kümmern. Da besteht ein großes Bedürfnis danach.

Unter anderem auch deshalb, weil sie halt keine Lust haben, als begrenztes Gebiet vermüllt zu werden und weil sie auch Lust auf nachhaltigen Tourismus haben. Das ist auch etwas was wir von Inseln lernen können. Du hast über Indonesien gesprochen – Ich finde es halt so interessant, weil wir wissen ja, ein großes Problem ist – ich habe am Anfang darüber gesprochen, über den „appeal“ von Inseln, dass Menschen Bock haben auf Inseln Urlaub zu machen, weil das so ein Paradies ist – aber wir wissen ja, dass genau das dazu führt, dass wir gerade Inseln auch umwelttechnisch zerstören. Also zum Beispiel während der Coronakrise ist ja auch in Indonesien auf Bali eine große Debatte entsprungen: Hey, okay, also unsere Trauminseln sind ja komplett vermüllt. Wenn wir so weitermachen, kommt halt auch niemand mehr. Also, es gibt auch einen wirtschaftlichen Anreiz dazu, Inseln so zu denken, dass die Menschen dahin kommen, weil sie Natur wollen, weil sie ein Bedürfnis haben, mit der Natur zu connecten. Und das verstehen immer mehr Inseln und als dann der internationale Tourismus eingebrochen ist, hat Bali auch gesagt, wir stellen jetzt einfach mehrere Inseln komplett unter Naturschutz und soundsoviele Monate im Jahr darf da kein Tourist drauf. In Thailand gibt es auch ähnliche Initiativen. Und wir haben auch ein Interview im aktuellen Schwerpunkt über die norddeutsche Insel Pellworm, die gerade im August Sternpark geworden sind. Ich weiß nicht, ob du weißt, was ein Sternpark ist?

Bianca: Oh ja, doch, ich glaube, ich weiß es. Es ist, wenn der Nachthimmel nicht durch Licht verschmutzt wird.

Morgane: Richtig, genau, das ist echt so ein schönes Wort. Also, Pellworm darf sich jetzt Sterninsel nennen. Das ist eine internationale Assoziation, die diesen Titel verleihen darf: Sterninsel oder Sternpark. Und genau darum geht es. Und was ich überhaupt nicht wusste: Auf Pellworm kann man, wenn man Glück hat, Polarlichter sehen. Richtig cool, dass man das auf einer deutschen Insel kann. Ich dachte immer, man muss dafür ein bisschen weiter in den Norden gehen. Aber die Dunkelheit hier ist was Besonderes. Aber hier sind halt auch sehr viele Tiere, die einfach Ruhe brauchen, die Orientierung brauchen und das, was am wichtigsten für Ruhe und Orientierung ist, sowohl für Menschen als auch für Tiere ist die Dunkelheit.

Und wenn du da im Sternpark sein willst, was wiederum viele Tourist:innen auf eine Insel treibt, oder sonst wohin, gilt, dass du halt einfach garantieren musst, dass du halt kein schlechtes warmes Licht einsetzt. Also Licht, das nicht so aggressiv ist und nicht so stört, dass du die Lichtquelle reduzierst, dass du einen Plan dafür entwickelst, wie du die Nacht so dunkel wie möglich hältst, ohne dass Menschen natürlich dabei gefährdet werden. Wir brauchen natürlich trotzdem Licht. Wenn Menschen irgendwo leben, dann muss es auch Licht geben, damit sie sich zu Fuß bewegen kann. Aber genau, Pellworm hat es jetzt geschafft und ist Sterninsel. Und das kommt eben auch wieder allen zugute, weil auf der einen Seite ist es sehr gut für die Tiere und es ist sehr gut für die Menschen, weil wir Menschen, wenn es dunkel ist, schlafen wir besser. Es gibt viele Studien, die belegen, dass wir da ein geringeres Herzinfarkt haben, all diese Dinge. Und für die Kassen auf Pellworm ist es auch gut, weil dann einfach Ökotourismus gefördert wird und mehr Menschen auf die Insel kommen. Und das sind alles verschiedene Perspektiven auf Inselstrategien gegen die Klimakrise.

Bianca: Dieser Schwerpunkt klingt mega gut! Ich habe einen Kalauer: „Ich bin reif für die Insel!“

Morgane: Ja, auf jeden Fall. Ich bin auch schon auf jeden Fall reif für die Insel. Und ich habe auch wieder festgestellt, ich war schon auf sehr vielen Inseln in meinem Leben, aber ich war noch nie auf einer norddeutschen Insel. Ich komme aus Berlin, also war ich schon oft auf Usedom und auch mal auf Rügen. Aber ich habe jetzt auch bei diesem Schwerpunkt gemerkt, Inseln sind eben nicht immer super weit weg. Ich möchte auch mal die Inseln hier in Deutschland angucken, weil da auch mega interessante Sachen einfach passieren. Und was mir auch aufgefallen ist: Reif für die Insel muss eben – Also es gibt ja nicht nur eine Sorte von Inseln. Ich habe durch die Recherche zu diesem Schwerpunkt gelernt, Inseln – das ist eine unendliche Vielfalt, was es da gibt. Also, zum Beispiel, es gibt auch negative Beispiele für uns. Und natürlich, wir wissen alle, es werden unter menschenunwürdigen Bedingungen zahlreiche künstliche Inseln gebaut. In den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Beispiel. Das ist der Inbegriff des Kapitalismus und der Inbegriff menschlicher Dekadenz, wo auch sehr viele Korallenriffe zerstört werden und so weiter. Es gibt auch sehr traurige Inseln. Oder zum Beispiel Bohrinseln. Ein Riesenproblem im Kampf gegen die Klimakrise ist, dass sie einfach immer noch extrem unkontrolliert überall auf der Welt gebaut werden. Unter Joe Biden wurde versprochen, dass keine neuen Offshore-Ölbohrungen mehr stattfinden dürfen. Das ist schon mal ein großer Schritt.

Aber eine Redakteurin hat bei uns auch herausgefunden, dass es schon seit mehreren Jahren Initiativen gibt, Bohrinseln, die außer Betrieb sind, in Korallenriffe zu verwandeln. Das fand ich auch mega interessant. Und zwar ist das mega teuer, wenn eine Bohrinsel stillgelegt ist, denn dann ist das ein riesiger Haufen Stahl und Schrott im Meer. Und erst mal denkt man: Okay, da kann ja auch nichts Gutes dann kommen. Wir müssen das alles abbauen. Aber de facto ist es so, dass Bohrinseln eine unglaublich gute Voraussetzungen haben, um selber Korallenriffe zu werden. Man muss nur die obere Struktur entfernen, also alles, was über Wasser ist und unter Wasser werden dann die Flächen gereinigt von dieser Initiative, vor allem im Golf von Mexiko. Und dann siedeln sich innerhalb von kürzester Zeit Korallen an und ein ganzes Ökosystem entsteht. Aber wir wissen ja, das Korallensterben ist weltweit fast nicht mehr aufzuhalten. Wir haben schon unglaublich viele Korallenriffe verloren und das fand ich auch total faszinierend, wie wir halt so gesehen aus unseren eigenen Umweltsünden, aus unserer eigenen Verletzung der Umwelt dann doch wieder auch eine neue Strategien entwickeln können, um genau diese Umwelt zu retten. Und, also ich glaube, dass viele Menschen, die diesen Schwerpunkt lesen, vielleicht auch anders auf dieses Wort Insel blicken und auf einmal merken, wie wichtig dieses Thema ist und wie präsent.

Bianca: Eigentlich total spannend. Ich blicke schon jetzt ganz anders auf Inseln, nachdem du mir das alles erzählt hast. Mega spannend. Holt euch das Heft!

Morgane: Ja, ich kann es wirklich empfehlen. Was ich natürlich auch noch mal betonen möchte, das hatten wir beide auch schon mal besprochen, als wir über schöne Städte gesprochen haben – auch eine Form von Insel. Wir dürfen natürlich nicht vergessen Innovationen sind toll. Aber in allererster Linie geht es auch darum, dass wir im globalen Norden die Verantwortung dafür übernehmen. Dass es schon auch unsere Verantwortung ist, was mit den Inselbewohner:innen passiert, die dann halt in den nächsten 10 bis 30 Jahren versinken werden. Und deshalb haben wir zum Beispiel auch einen Artikel im Heft, der sich mit Menschen auf Kiribati beschäftigt. Also ein Staat, der sehr akut davon bedroht ist und auch schon viel Landmasse verloren hat. Und da haben wir mit Aktivist:innen gesprochen und Einwohner:innen. Und die sagen: Ja doch, ganz klar. Also, ganz ehrlich natürlich, wir versuchen, unsere Insel zu retten. Wir wollen sie ja nicht verlassen. Aber wenn es soweit ist, was machen wir denn dann? Klimaschutz ist immer noch nicht anerkannt als Asylgrund. Das muss sich einfach jetzt sofort ändern. Also, wir werden das noch erleben. Nicht nur auf Inseln, sondern überall auf der Welt. Wie gesagt, wir werden alle von den Gezeiten verschluckt werden, wenn wir nichts machen.

Wir müssen uns langsam Gedanken darüber machen, wie wir auch einfach ein Rechtssystemen finden, wie wir mit Klimaflucht umgehen. Also, wir müssen jetzt leider genauso präventiv gegen die Klimakrise ankämpfen wie aktiv, dass wir neue Technologien entwickeln, dass wir Naturschutzgebiete vor allem auch auf dem Meeresraum entwickeln. Meine Kollegin Astrid Ehrenhauser hat auch für die Inseln einen großen Artikel geschrieben über Meere, Schutzgebiete, auch ein ganz großer Baustein. Klar, das müssen wir alles machen. Aber wir müssen auch auf der sozialen Ebene „policies“ entwickeln, um Menschen zu schützen, die halt auf Inseln leben, die 0,0005 Prozent der CO₂-Emissionen ausmachen, aber dafür büßen müssen, dass anderswo auf der Welt einfach Strom verschwendet wird ohne Ende, Öl gebohrt wird ohne Ende und deren Inseln dadurch untergehen. Und wir haben die Verantwortung dafür, dass diese Menschen ihre Heimat nicht verlieren. Wir müssen das einfach unterstützen und das wollten wir auch mit dieser Ausgabe zeigen und darauf aufmerksam machen und „awareness“ dafür schaffen, dass wir dieses Problem haben. Das ist vielleicht nicht so schön und ermutigend, aber es ist mir trotzdem wichtig, das nochmals betonen.

Bianca: Weißt du, was man da genau machen könnte? Jetzt als einzelner Mensch, der das jetzt hört und denkt: Oh Gott, die Inseln – und Klimaflucht muss anerkannt werden. Was kann jeder einzelne von uns tun? Was würdest du vorschlagen?

Morgane: Natürlich ist die Politik in der großen Verantwortung. Aber wir haben ja zum Beispiel in Deutschland Wahlen. Du hast immer als Bürgerin und als Bürger die Möglichkeit zu partizipieren. Du kannst selber aufklären über diese Missstände. Du kannst selber deiner Abgeordneten oder deinem Abgeordneten schreiben und darauf aufmerksam machen. Wir haben da auch schon Fortschritte erzielt. Es wurde jetzt in Deutschland zum Beispiel endlich mal – was im Koalitionsvertrag schon lange versprochen war – eine Resolution verabschiedet, die besagt, dass wir uns für indigene Rechte einsetzen müssen. Das hat auch viel mit der Klimakrise zu tun. Und das hilft, indigene Rechte zu pushen und mehr ins Zentrum zu stellen. Und wir müssen einfach das einfordern von unserer Politik und von unseren Wirtschaftsvertreter:innen. Wir müssen einfach einfordern, dass das Lieferkettengesetz wirklich umgesetzt wird. Es hängt einfach alles miteinander zusammen. Und es gibt so viele Initiativen, die man unterstützen kann, zum Beispiel durch Petitionen. In Frankreich ist Ökozid ein Verbrechen, ähnlich wie Genozid. Und wenn wir diese juristischen Praktiken überall hätten und ich glaube, das wird in den nächsten fünf Jahren passieren, da bin ich wirklich optimistisch, dann ist schon mal viel getan. Es fängt immer leider alles beim Gesetz an. Es gibt einfach erstaunlich viel Gesetzesfreien Raum, zum Beispiel auch für Ölförderung, was ich gesagt habe, Meeresraumzerstörung, Überfischung. Man glaubt gar nicht, wie viele Dinge weltweit nicht reguliert sind und wie viele Dinge weltweit einfach legal sind, weil wir schlicht nicht die Gesetze haben, die uns davor beschützen könnten oder die Umwelt davor beschützen könnten.

Und das ist die Mission auf jeden Fall: „Awareness” kreieren, als Gesellschaft aufwachen und sehen: Umweltzerstörung ist kein Ökothema! Weißt du, was ich meine? Das ist nicht einfach ein: „Oh, die Natur ist tot“, sondern wir als Menschen sind davon akut bedroht. Es wird unglaublich viele Menschen das Leben kosten. Es wird unglaublich viele Menschen den Wohnraum kosten. Ich glaube das ist, wie gesagt, seit wir das letzte Mal gesprochen haben, ist glaube ich, etwas passiert durch die Flutkatastrophe, die wir in Deutschland gesehen haben. Ich glaube wirklich, dass richtig viele Leute in Deutschland, die das davor nicht wahrhaben wollten, jetzt aufgewacht sind und sehen, was wir für krasse Starkregen haben, was wir in Griechenland, in der Türkei für krasse Waldbrände haben. Und sie sehen wirklich diese apokalyptischen Szenen und merken: Okay, shit, es passiert ja doch nicht nur auf Papua-Neuguinea, sondern vor meiner eigenen Haustür. Und vielleicht sollte ich mich jetzt auch einfach mal daran politisch orientieren und an meinem Lifestyle orientieren. Und ja, dementsprechend glaube ich, dass wir alle dazu beitragen können, unsere CO₂-Emissionen einfach einzuschränken. Sei es, indem wir die richtigen Leute wählen, sei es, indem wir unseren eigenen Lebensstil ändern und dass wir vor allem Menschen, wie die Menschen auf Kiribati, die wir interviewt haben, mehr Gehör schenken.

Bianca: Machen wir uns schlau, schreiben wir unseren Abgeordneten, gehen wir wählen, wenn wir denn können und bleiben dran. Vielen Dank, Morgane!

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