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28 Mai 2021 / Lesezeit: 2 minuten

Gastkommentar

Das Shell-Urteil ist ein Gamechanger

Die Freude nach dem Urteil gegen Shell: Donald Pols von Milieudefensie verlässt fröhlich am 26. Mai den Gerichtsaal in Den Haag. 2019 hatten sieben Umweltorganisationen, unter ihnen Greenpeace und Milieudefensie, die Klage gegen den Öl-Konzern eingereicht. 17.000 Bürger:innen unterstützten zudem das Vorhaben.

BILD: IMAGO / ANP

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Das Bezirksgericht in Den Haag zwingt den Öl-Konzern Shell zum Klimaschutz. Weitere Klagen dürften nun folgen. Vor allem aber beinhaltet die Entscheidung eine echte Chance, dass zahllose Unternehmen sich nun wirklich verändern wollen und müssen – auch dank eigener Impulse.

Der Klimawandel war für die meisten Unternehmen jahrzehntelang ein abstraktes und – bezogen aufs eigene Business – gänzlich irrelevantes Thema. Unabhängig vom eigenen Beitrag zur Erderhitzung und den katastrophalen Folgen für die Menschheit konnten Unternehmen ungehemmt wirtschaften und die Kosten für den Klimawandel relevanter Emissionen auf die Gesellschaft externalisieren. Transparenz hinsichtlich des eigenen CO₂-Fußabdrucks, geschweige denn ernsthafte Bestrebungen diesen zu reduzieren, stellten die Ausnahme dar. Das klassische, in vielen Bereichen der Betriebswirtschaftslehre gepredigte Fokussieren auf kurzfristige Profitmaximierung und „Shareholder-First-Mantras“ dominierte in vielen Managementetagen das Selbstverständnis der unternehmerischen Bestrebungen.

Auch auf enorm: Klimaklagen – Historische Urteile gegen Shell

In der jüngeren Vergangenheit mehren sich jedoch die Anzeichen, dass die Epoche der überwiegend destruktiven Wirtschaftsweisen ausgedient hat. Wir befinden uns in einer Zeitenwende: Mehr und mehr Unternehmen beanspruchen voller Enthusiasmus Klimaneutralität für sich oder wollen diese zumindest in naher Zukunft erreichen. Dabei ist klar, dass eine Vielzahl dieser Ankündigungen lediglich durch teils fragwürdige Kompensationsmaßnahmen erreicht oder herbeigeredet werden. Wichtig ist es jedoch zu betonen, dass neben den eher marketinggetriebenen Greenwashing-Ansätzen immer mehr Unternehmen nachhaltige Ziel ernst meinen und nehmen. Es scheint sich langsam, aber sicher die Einsicht durchzusetzen, dass es unternehmerisch unabdingbar ist, Geschäftsmodelle im Zeichen der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ganzheitlich zu hinterfragen sowie entschieden und schnell neu auszurichten.

Shell-Urteil: große Tragweite und elementare Reputationsverluste

Diese Entwicklung ist offenbar darauf zurückzuführen, dass Nachhaltigkeitsthemen wie die Klimakrise mit voller Wucht auch in den heiligen Hallen der Controlling- und Finanzabteilungen angekommen sind. Vorurteile wie Nachhaltigkeit sei „ein reiner Kostenfaktor“ stellen sich dort, gut ablesbar in Excel-Tabellen, als genau gegenteilig dar: nicht nachhaltig zu agieren ist ein unkalkulierbarer Kosten- und bisweilen existenzgefährdender Risikofaktor.

Patrick Bungard ist Gründer und Geschäftsführer der M3TRIX GmbH in Köln. Er und sein Team begleiten Organisationen bei der Nachhaltigen Unternehmenstransformation. Bungard lehrt als Dozent an unterschiedlichen Business Schools und Universitäten.
Bild: privat

Als Höhepunkt dieser Entwicklungen ist das jüngste Rechtsurteil gegen den Öl-Konzern Shell zu sehen. Das Unternehmen, so urteilte ein Gericht in Den Haag, ist für CO₂-Ausstöße verantwortlich, die nachweislich zur Erderwärmung beitragen und somit negative Konsequenzen für die niederländische Bevölkerung und die Rechte der Menschen in den Niederlanden bedeuten. Vor diesem Hintergrund wurde Shell verpflichtet, seinen Treibhausgasausstoß bis zum Jahr 2030 um 45 Prozent zu reduzieren, gemessen am Stand des Jahres 2019. Ein Paukenschlag und Gamechanger zugleich: Rechnet man den Investitionskosten für die notwendigen Anpassungen an Kernprozesse des Unternehmens, um die Ziele erreichbar zu machen noch potenzielle Auswirkungen des Urteils hinzu, wird die eigentliche Tragweite erheblich verstärkt. Reputationsverluste dürften sich negativ auf wichtige Themen wie Marktanteile, Employer Branding, Kundenloyalität oder der Attraktivität bei Investoren auswirken.

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Das Shell-Urteil als große Chance

Aufgrund des wissenschaftlichen und methodischen Fortschritts ist es mittlerweile möglich, CO₂-Emissionen den größten globalen Emittenten – zumindest grob – zuzuschreiben. Auf diese Weise wird es den Geschädigten ermöglicht, Ansprüche geltend zu machen. Vor diesem Hintergrund ist das von Experten als „erdrutschartig“ bezeichnete Shell-Urteil womöglich der Anfang einer Klagewelle, die auf die Unternehmenswelt zuströmt. Wird dem so sein, wird besonders bei der Risiko- und Renditebewertung von Unternehmen ein neuer Blickwinkel hinzugezogen werden müssen: der negative und positive Impact des Unternehmens auf die Gesellschaft. Hierfür gilt es gemeinsam mit Wirtschaftsprüfern, Risikomanagern, Aufsichtsräten, Investoren und anderen geeigneten Mess- und Steuerungsinstrumenten für eine regenerative und nachhaltige Unternehmensführung zu entwickeln und einzusetzen. Darin liegt für Unternehmen und die Gesellschaft zugleich eine enorme Chance, die es jetzt zu nutzen gilt.