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21 Mai 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Kolumne Mein erstes Mal

Wie ich meine Angst vor den Bienen verlor

„Wie eine Austronautin“ fühlte sich unsere Autorin. Tatsächlich besuchte sie Honigbienen am Stadtrand von Greifswald.

Bild: Antonia Vangelista

Bild: Antonia Vangelista

Passend zum Weltbienentag am 20. Mai hat unsere Autorin das Imkern ausprobiert. Den Bienen, die mit den ersten warmen Tagen aktiv geworden sind, hat sie einen zusätzlichen Honigraum verschafft und gelernt, dass die Welt für Bienen bunter ist als für uns.

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Aufs Imkern bin ich durch meine Schwester gekommen, die Honig liebt, seit wir klein sind. Mittlerweile hat sie an ihrem Wohnort Greifswald einen Berufsimker gefunden, der sie in die Kunst der Bienenhaltung und des Honigmachens einführt. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe beschlossen: Auch ich will das Imkern ausprobieren.

Lektion 1: Bienen entziehen sich menschlicher Logik

Meine Schwester Leonie und ich sind mit Georg Gerhardt auf einem Supermarkt-Parkplatz in Greifswald verabredet. Der 44-jährige Berufsimker – einer von circa 200 in Deutschland – ist kaum zu übersehen: Breiter Hut mit buntem Muster, sportliche Sonnenbrille, knapp zwei Meter groß. Er ist Wander-Imker, das heißt, dass er mit seinen Völkern immer wieder umzieht. Zum einen können die Bienen dadurch von verschiedenen Pflanzen naschen, zum anderen sind sie nicht ständige Konkurrenz zu Wildbienen. Denn gerade in Räumen mit wenigen Nahrungsquellen wie Städten verdrängen Honigbienen häufig andere Bienenarten. Deswegen sieht etwa die deutsche Wildtierstiftung „in der professionellen Imkerei einen wichtigen Verbündeten bei dem Ziel, die Vielfalt und Anzahl von Blütenpflanzen in Stadtbiotopen sowie in der Agrarlandschaft zu erhöhen.“

Wir schlendern zu einem Rapsfeld kurz hinter Greifswald. Gerhardt erzählt, dass er vor 14 Jahren ins Imkern eingestiegen ist. Nach einigen Büchern und Youtube-Videos war er überzeugt, dass er nun genau wisse, was die Bienen brauchen. In der Praxis hat er jedoch festgestellt: „Egal ob du alles genau planst oder intuitiv herangehst – die Bienen machen nicht das, was du erwartest.“ Deswegen brauchen Imker:innen vor allem viel Erfahrung und Freude am Ausprobieren. Ein ganzes Jahr lang begleiten sie das Leben der Bienen, von der ersten Frühjahrsblüte über die Honigernte bis zur Überwinterung. Dann erst weiß man, ob der Honig auch schmeckt und das Bienenvolk den Winter überlebt hat. Um die Überlebenschancen der Bienenvölker zu erhöhen, rät Gerhardt Anfänger:innen: „Begleitet erfahrene Imker:innen, dann zahlt ihr weniger Lehrgeld.“ Für die Theorie gebe es aber auch im Internet tolle Videos und Anleitungen.

Lektion 2: Der Bienenstock, ein Haus mit vielen Einheiten

Bevor es zu den Bienen geht, steige ich in einen weißen Imker:innen-Anzug, in dem ich mich wie eine Astronautin fühle. Mit einer Rauchmaschine, einem sogenannten Smoker, werden wir eingeräuchert, damit wir die Bienen nicht mit unseren seltsamen Stadt- und Menschengerüchen verwirren. Trotz Anzug und Rauchparfüm ist mir mulmig, als Gerhardt den ersten Bienenstock öffnet und uns auf einmal viele Bienen umschwirren. Ich bin froh, erstmal nur dabeizustehen und selbst nichts tun zu müssen.
Wir wollen den Bienen heute neuen Wohnraum verschaffen. Genauer gesagt soll eine zusätzliche Kiste als Honigraum dienen, in der alten Kiste sollen die Bienen nur noch ihren Nachwuchs großziehen. So ist die Honigernte für den Imker leichter.

Auch auf enorm: Sensoren in Bienenstöcken: Smarte Imkerei 

Die Bienen brauchen drei bis vier Wochen, um den gesammelten Nektar zu Honig zu verarbeiten. Als Bioland-Imker überlässt Gerhardt davon 20 bis 30 Prozent den Bienen: „Das ist ein guter Deal für die Bienen, und gerade noch wirtschaftlich genug für mich als Imker.“ Wenn Menschen bereit wären, mehr Geld für Honig zu bezahlen, würde Gerhardt den Bienen noch mehr Honig überlassen.

Aus den geöffneten Bienenstöcken holt der Imker einzelne Rähmchen heraus, um zu sehen, wie fleißig die Bienen Futter sammeln und wie viel Nachwuchs sie haben. Die Holzrahmen umgeben eine Wabenstruktur. Im Bienenstock sind mehrere solcher kleinen Rahmen senkrecht hintereinander angeordnet. „Ein Rähmchen ist sozusagen ein Querschnitt des Bienenstocks“, erklärt mir Gerhardt. Wir müssen jetzt vorsichtig sein, damit wir nicht den Sitz der Königin erwischen, die die Eier legt und das Zentrum des Bienennests ist – sonst würde das ganze Bienenvolk aufgescheucht werden.

Bienen schwirren um unsere Autorin herum und. Dann fliegen sie emsig zu den Rapsblüten und dem Löwenzahn am Feldrand. Bild: Leonie Vangelista

Ich identifiziere erfolgreich Nektarwaben (honiggelb), Pollenwaben (dunkel-glänzend), Brutwaben (orange-braune Erhebungen), Drohnen, also männliche Bienen, und suche erfolglos Eier (Gerhardts Beschreibung: „helle Mitesser“).

Lektion 3: Die Welt durch die Augen der Bienen

Schließlich darf ich selbst das erste Rähmchen aus dem Bienenstock heben. Plötzlich ist meine Angst vor den Bienen verflogen. Ich beobachte, wie eine Biene ein Stück Holzwolle aus dem Bienenstock zieht. „Die will hier mal aufräumen“, sagt Gerhardt. Andere Bienen schwirren emsig zu den Rapsblüten und dem Löwenzahn am Feldrand. Mit Nektar und Pollenstaub auf dem Fell kehren sie wieder zurück. Bienen nehmen die Farben der Blüten viel intensiver wahr als wir Menschen, erklärt mir Gerhardt, „als wären sie auf einem wilden Pilztrip“. Als Gruppe sind die Bienen gut organisiert. Zum Beispiel teilen sie sich durch den sogenannten Schwänzeltanz mit, wo es vielversprechende Nahrungsquellen gibt. Durch Pflanzenschutzmittel allerdings sinkt ihre Intelligenz. Gerhardt: „Sie verbreiten dann Fake News“, und verwirren andere Bienen mit ihrem Tanz, ohne gute Futterplätze zu kennen.

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Nach einigen Stunden habe ich das Gefühl, die Welt ein wenig durch die Augen der Bienen sehen zu können. Ich finde, Gerhardt hat Recht: Imker:innen sind so was wie Stakeholder:innen für Bienen, für die Natur. Sensibel für natürliche Prozesse und menschliche Eingriffe. Wenn ich das nächste Mal an einem Rapsfeld vorbeispaziere, oder besser noch, einer Wildblumenwiese, genieße ich nicht nur die menschlichen Farben, sondern auch das Wissen, dass es für Bienen ein psychedelisch-buntes Festmahl ist. Und erinnere mich, dass es auch an mir liegt, dieses Festmahl zu erhalten.