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13 March 2014 / Lesezeit: 7 minuten

Saubere Windenergie?

Orkan im Wasserbecken

Bei der Montage einer Offshore-Windkraftanlage kann einiges schiefgehen. In Bremerhaven trainieren Arbeiter für den Ernstfall

Titelbild: V. Schlichting

Windparks in Nord- und Ostsee sollen Deutschland saubere Energie bringen. Wer dort arbeitet, riskiert sein Leben. In Bremerhaven trainieren Monteure und Ingenieure für den Notfall

Nun treiben Bernd Nolte und die anderen sieben Männer in den Wellen und warten auf Rettung. Gestern noch waren sie Fremde, heute kämpfen sie schon gemeinsam ums Überleben. Nur im „Huddle“, dicht an dicht gedrängt im Kreis, können sie im Notfall da draußen überleben, das hatte man ihnen vorher noch gesagt. Sie sind Maler und Maschinenbauer, Techniker oder Geophysiker – die Männer hinter den Kulissen der Energiewende. Bald werden sie auf den Windpark-Baustellen in Nord- und Ostsee dafür sorgen, dass sich die Windräder drehen und Deutschland mit grüner Energie versorgt wird.

Doch zunächst müssen sie zwei Tage Ausnahmezustand überstehen. Und Nolte hängt gerade mittendrin. Wie man im Ernstfall auf See überlebt, lernt der 34-Jährige im Offshore-Sicherheitstrainingszentrum von Bremerhaven. Hierhin kommt, wem im Job auf hoher See Lebensgefahr droht. Seit Eröffnung der Halle im Jahr 2011 ist hier der Extremfall an der Tagesordnung. Denn wer offshore, also vor der Küste, arbeiten will, muss eine ganze Reihe von Trainings absolvieren. Da die deutsche Windenergie- Branche stetig wächst, werden in Zukunft Hunderte Männer und Frauen aufs Meer pendeln. 2700 Menschen kamen 2013 allein in das Trainingszentrum von Bremerhaven, probten Mann-über-Bord-Manöver, Notabseilen oder den Ausstieg aus einem abgestürzten Helikopter.

Bernd Nolte, rahmenlose Brille, Kapuzenpullover, immer einen lockeren Spruch parat, hat gestern erst sein jährliches Höhentraining gemeistert, tags zuvor strampelte er noch auf dem Fahrradergometer für das Belastungs-EKG. Wer raus will auf die See, muss fit sein. Und auf alles vorbereitet. Vor zehn Jahren hat Nolte schon mal einige Tage offshore gearbeitet, allerdings bei schönem Wetter. Die Arbeit auf rauer See kennt er bislang nur aus der Theorie. Und in der Theorie, das weiß er, ist das Unfallrisiko da draußen hoch. Erst im Januar 2012 stürzte ein 31-jähriger Industriekletterer bei Arbeiten am Fundament einer Windkraftanlage in die Nordsee. Und im Juli 2013 kam ein Taucher bei Unterwasserarbeiten in einem Windpark vor Borkum ums Leben.

Extreme Bedingungen beim Bau von Windparks

Noltes Ausbilder, ein bulliger Typ mit Händen groß wie Schwimmflossen, macht gleich klar, worauf es ankommt. Zusammenbleiben! Das ist die erste Regel auf hoher See. Im Kurs: Handys aus, Restalkohol wird nicht toleriert. Schnell wird klar: Das hier ist eine ernste Angelegenheit. Schließlich lernen Nolte und die anderen Teilnehmer hier, wie sie im Notfall auf hoher See überleben. Windenergie gilt als sauber, sicher und potenziell unendlich. Doch das Thema ist abstrakt. Die Giganten rotieren weit draußen auf dem Meer, wo sie kaum jemand zu Gesicht bekommt. „Die meisten Leute denken“, sagt Nolte, „so ein Windrad besteht nur aus Turm und Rotor. Die haben keine Ahnung, wie kompliziert die Dinger mittlerweile sind.“

Und meist auch nicht, welche Gefahren da draußen lauern, mitten im Meer. Im Sommer kann es extrem heiß, im Winter extrem kalt werden. Wind, Nebel und Eis sind in der Weite der See bedrohlicher und unberechenbarer als an Land. Schon das Hin- und Wegkommen birgt Gefahren: Bei starkem Seegang und hohen Wellen kann man leicht über Bord gehen, das Meer ist immer in Bewegung. Der Ausbilder berichtet von Männern, die versuchten, ins Meer zu springen, weil sie das Auf und Ab nicht aushielten. „Die müsst ihr dann festbinden“, rät er. Wer ins Meer fällt, treibt wegen der Strömung schnell ab, ist bald kaum mehr zu orten und kühlt ohne Sicherheitsanzug in wenigen Minuten aus.

Immerhin, sagt der Ausbilder, gibt es in der Nordsee keine Haie. Vor den Männern liegen Block und Stift. Keiner schreibt mit. Nolte ist seit zwölf Jahren im Windgeschäft. Seitdem spricht er im Job fast nur Englisch. Mit Dänen, Holländern, Briten, den Vorreitern der Offshore-Branche. Auf diesem Gebiet war Deutschland noch bis vor kurzem Entwicklungsland. Das erste deutsche Offshore-Testfeld – Alpha Ven- tus vor Borkum – ging 2010 in Betrieb. Heute gilt Offshore-Strom als wichtige Energiequelle der Zukunft. Vom Ausbau erhoffen sich vor allem die Bundesländer an der Küste auch wirtschaftlichen Aufschwung und tausende neue Arbeitsplätze. Die fünf deutschen Offshore-Windparks, die in Betrieb sind, speisen bereits 520 Megawatt ins Netz. Weitere 31 Parks sind genehmigt oder befinden sich bereits im Bau, rund 60 weitere im Genehmigungsverfahren.

Größtenteils unerprobt

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hatte bis 2020 eine Gesamtleistung von 10 Gigawatt jährlich anvisiert. Die Große Koalition ruderte jüngst zurück und senkte das Ausbauziel auf 6,5 Gigawatt. Zum Vergleich: Die noch in Betrieb befindlichen neun deutschen Kernkraftwerke leisten im Schnitt jeweils ungefähr 1,4 Gigawatt. Zwar weht der Wind auf dem Meer stärker und stetiger als an Land. Doch die deutschen Offshore-Windparks sind teuer und unerprobt. Die Anlagen sind wartungsintensiv, die Wege weit. Anders als in Großbritannien oder Dänemark stehen die deutschen Windräder zumeist bis zu 100 Kilometer von der Küste entfernt.

Den Touristen soll der Blick nicht verstellt werden, zudem sind die Küsten großteils Nationalpark. Und nun soll auch noch der Ausbau langsamer voranschreiten als geplant. Das lähmt die Branche. Investoren halten sich zurück, Zulieferer müssen Mitarbeiter entlassen, Anlagenbauer Millionenbeträge abschreiben. Doch Bernd Nolte glaubt an den Wind. „Ständig heißt es, Windkraft kostet zu viel, die Anlagen verschandeln die Landschaft. Aber Atomkraftwerke wollen die Leute doch genauso wenig.“ Seine eigene kleine Energiewende hat er jedenfalls schon vollzogen. 2012 installierte Nolte eine Solaranlage auf dem Dach seines Hauses im niedersächsischen Schüttorf. Erneuerbare Energien, sagt er, sind die Zukunft. Dabei arbeitete Nolte zunächst als Energie- und Anlagenelektroniker im Ölgeschäft. „Ob ich nun auf einer Ölbohrinsel oder einer Windanlage die Systeme pflege, der Job ist gar nicht so anders. Nur produzierst du auf der einen Seite grüne Energie und auf der anderen holst du Dreck aus der Erde, der die Umwelt verpestet.“

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Die Arbeit mit dem Wind macht ihm Spaß und manchmal macht sie ihn auch ein bisschen stolz: „Auch nach 13 Jahren freue ich mich jedes Mal, wenn sich mein Windrad zum ersten Mal dreht. Dann denkt man, wow, wieder eins angeschubst.“ Bislang war Nolte jedoch immer an Land. Seit Anfang des Jahres arbeitet er nun für die Deutsche Windtechnik Offshore und Consulting. Deswegen muss er raus aufs Meer. Für ihn eine neue Herausforderung. Er freut sich darauf. „Nur wenige Firmen haben bislang Erfahrungen auf dem Gebiet. Neue Strukturen werden geschaffen, da kann man noch mitwirken“. Ab April wird er auf Windpark-Baustellen in der Nordsee sicherstellen, dass der Bau plangemäß vorangeht und die Auftraggeber bekommen, wofür sie bezahlen.

Inferno auf Knopfdruck

Doch erstmal muss Nolte sich um sein Leben kümmern. Die Halle, die gleich zur Hölle wird, ist unspektakulär. Hohe, weißgetünchte Wände, verkabelt wie ein Schiffsbauch, ein blauer Kran ragt über den 16 Meter langen Pool. Das Wasser hat 20 Grad, ist drei Meter tief. Die unendliche Weite der Nordsee und ihre Kälte lassen sich hier nicht simulieren. Man wolle die Leute ja auch nicht völlig verängstigen, sagt der Ausbilder trocken. Die Männer flachsen herum, während sie in ihre feuerroten Sicherheitsanzüge schlüpfen. „Ohne die“, sagt der Ausbilder, „seid ihr da draußen in 15 Minuten weg.“ Nolte schnallt sich einen Helm auf, zwängt sich in Schwimmweste und Sicherungsgurt. Am Ende sieht er aus wie eine Mischung aus Astronaut und Feuerwehrmann.

Dann folgt Lektion Eins: Notabseilen. Nolte ist der Erste, scherzt mit dem Ausbilder, als der ihn knapp vier Meter in die Tiefe hinablässt. Nolte zündet die Gasdruckpatrone seiner Rettungsweste, schwimmt auf dem Rücken mit gekreuzten Beinen zum anderen Ende des Pools und verharrt vorschriftsgemäß in der HELPStellung, Arme und Beine eng am Körper, um so wenig Körperwärme wie möglich zu verlieren. Wenig später üben Nolte und die anderen den Einstieg in eine Rettungsinsel. Ohne Hilfe. Für den Fall, dass man der einzige Überlebende ist. Nolte wuchtet sich als Erster hinein.

Der Trainer spritzt lächelnd Regenwasser in die wenigen Öffnungen. Eng, stickig und nass ist es in der Rettungsinsel. Sie stinkt erbärmlich nach Gummi. Es gibt ein paar Spuckbeutel und Tabletten. Ohne Aussicht kann schon der geringste Wellengang Seekrankheit auslösen. Nolte ist so ein Kandidat. Doch zum Glück naht Rettung in der Nordsee relativ schnell. Normalerweise innerhalb von zwei bis 14 Stunden, wenn alles glattgeht. Wenn. Es sind nur vier Schalter, die der Ausbilder umlegen muss, und schon verwandelt sich die Halle in ein tosendes Meer. Wind bläst aus zwei Turbinen unerbittlich, es blitzt und donnert mit ohrenbetäubendem Lärm. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Mit jedem Pfiff des Ausbilders steigt die Belastung. Das Wasser schäumt, wirft die Männer hin und her, die um ihr Leben rudern.

Überleben ist Teamarbeit

Nolte kämpft gegen die Wellen und den Wind. Er schließt die Augen, atmet tief und schluckt Wasser, kriegt es in die Augen, rudert mit den Armen rückwärts gegen die Wellen, doch die drücken ihn an den Rand des Beckens. Versteinerte Gesichter, wohin man blickt. Bloß raus hier. Doch sie müssen zusammenbleiben, positiv denken, so haben sie es am Morgen in der Theorie gelernt. Gar nicht so einfach. Obwohl die Männer nur Meter voneinander entfernt sind, finden sie kaum zueinander. Wellen schwappen über den Rand des Pools, die ersten Ketten brechen auseinander. Einzelne treiben erschöpft am Rand. Nach fünf Minuten Orkan bricht der Ausbilder ab – aus Sicherheitsgründen. Abgekämpft und vor Nässe triefend sitzen die Männer nun am Beckenrand. Der Ausbilder schimpft, oft muss er diese Übung eigentlich nicht abbrechen.

„Überleben auf See ist wirklich Teamarbeit. Allein habt ihr da draußen keine Chance. Das waren jetzt 60 Zentimeter hohe Wellen. Auf See werden die vier Meter hoch und können über euch zusammenbrechen.“ Dann stürzen sich die Männer auf die Mettbrötchen. In der Rettungsinsel gäbe es jetzt vakuumverpackte Kekse. Bernd Nolte ist eigentlich ein bodenständiger und vorsichtiger Typ, der die Dinge abwägt. Wieso geht er dieses Risiko ein für seinen Job? Er lächelt. Für Nolte ist die Sache klar. Neben einem höheren Gehalt erwarten den Mann, der bislang ständig auf Achse war, nun nach zwei Wochen Arbeit zwei Wochen Freizeit. So hat Nolte mehr Zeit für seine Frau und das Kind, das sie erwarten. Das sind ihm die Risiken wert. Sorgen um sein Leben macht er sich keine. „Man kann auch auf der Treppe ausrutschen“, sagt er. „Wenn du über alle Risiken im Leben nachdenkst, kannst du gleich zu Hause bleiben.“

Außerdem habe ihn das Wasser schon immer angezogen. Seinen Wehrdienst leistete er bei der Marine, im Urlaub fährt er ans Meer, nicht umsonst hat er einen Bootsführerschein. Angst hat er höchstens davor, seekrank zu werden. Und vor der Höhe hat er Respekt, auch nach all den Jahren. „Wenn ich auf dem Maschinenhaus an der Kante stehe oder in den Rotor rübergehe, achte ich noch drauf, dass ich vernünftig angegurtet bin. Das machen nicht alle.“

Manöver in der Dunkelheit

Vor dem Mittagessen geht es für Nolte und die Anderen dann nochmal ums Überleben. Das Szenario: Ein Unfall überrascht die Männer mitten in der Nacht und nötigt sie, von der Windanlage ins Meer zu springen. Sie sollen sich dann sammeln, eine Kette bilden, zur Rettungsinsel schwimmen, hineinklettern und auf Rettung warten. „Starten wir die Show!“, sagt der Ausbilder. Horrorfilmwetter wird hochgefahren. Die Halle ist stockfinster. Die Männer springen, ohne was zu sehen, knapp vier Meter hinab in die Dunkelheit.

Nach zehn Minuten Überlebenskampf haben es alle in die Insel geschafft. Da, plötzlich: Pfiffe. Einer der Ausbilder mimt den unverhofften Nachzügler. Die Rettungsinsel leuchtet von innen wie ein Schattentheater, zu sehen ist nur ein Wirrwarr aus Händen, das hin- und her greift. Die Männer werfen ein Seil aus. Bald sitzen neun Männer dichtgedrängt beisammen in der Insel, die von den Wellen hin- und hergeworfen wird. Nach einer Viertelstunde hat der Spuk ein Ende. Der Hubschrauber, in diesem Fall der Kran, kommt und zieht die Männer in Sicherheit.

Das Licht geht an. Ein Glück. Kurz darauf steht der Ausbilder zufrieden vor ihnen. Er lobt: „Jetzt hat die Teamarbeit funktioniert. Aber draußen ist es garstiger. Auf. Jeden. Fall.“ Die Männer prusten. Der Ausbilder schaut auf seine Uhr. „Gut, Männer, ich hol euch dann gleich aus der Kantine ab. Und dann geht’s mit Feuer weiter.“ Brandschutztraining, auch für Nolte. Fühlt der sich jetzt gewappnet? „Vielleicht ja, vielleicht nein. Im Ernstfall traue ich mir zu“, sagt er und stockt kurz, „naja – zu überleben.“ In vier Jahren muss er wieder ran. Damit er die Risiken seines Jobs nicht vergisst.