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24 June 2017 / Lesezeit: 3 minuten

Energie-Innovation

Power to the Pee-ople

Auf dem Glastonbury-Festival wird aus Urin Strom – mit einer Technologie, die in Ländern mit fehlenden sanitären Einrichtungen großes Potenzial hat

Titelbild: Julien Delaunay/Unsplash

Auf dem Glastonbury-Festival wird im großen Stil Energie aus Urin gemacht – damit könnte die sanitäre Infrastruktur in Entwicklungsländern grundlegend verbessert werden

Während einen Festival-Toiletten normalerweise zum Verzweifeln bringen, schafft es die Erfindung der Pee-Power dem Ganzen einen neuen Sinn zu geben. In diesen Tagen wird das wohl energiegeladenste Klo der Welt auf dem riesigen Glastonbury-Festival in England getestet. Seine beste Eigenschaft: Strom aus Urin zu machen. Für das Herz eines jeden Recycling-Fans klingt das fast zu schön, um wahr zu sein. Die Besucher bringen durch 40 Toiletten die Info-Displays auf dem Gelände in Gang, eine zweite WC-Station sorgt für geladene Handy-Akkus und angenehme Innenbeleuchtung. Das Glastonbury ist eines der größten Festivals der Welt, der Standort direkt bei der Hauptbühne sorgt also für Publikum. Da erwarten die Organisatoren schon mal mehr als 1000 Liter Urin pro Tag, für die Festival-Besucher sollte das nicht allzu schwer sein.

Was passiert in den Tiefen des futuristischen Dixi-Klos?

Pee-Power kann jede Form von organischem Abfall in Energie verwandeln, ohne dabei fossile Brennstoffe zu verbrauchen. Die Wunderwaffe sind mikrobielle Brennstoffzellen: Diese enthalten Bakterien, welche sich aus Urin ernähren und ihn als ihren persönlichen Treibstoff nutzen, sodass sie sich selbst in Stand halten können. Die biochemische Energie, die dabei als Nebenprodukt entsteht, kann in Elektrizität umgewandelt werden. Während dem ganzen Prozess wird die Flüssigkeit gefiltert, sodass jegliche Reststoffe weitestgehend unschädlich an die Umwelt abgegeben werden können und kein Abwassersystem oder eine gesonderete Entsorgung notwendig ist.Die University at the West of England (UWE), genauer das Bristol Bioenergy Centre, forscht bereits seit 2011 an der revolutionären Idee. Eine Unterstützung der Bill and Melinda Gates Foundation hat dem Projekt 2016 den endgültigen Startschuss für ein kommerzielles Produkt gegeben.

Die Hemmungen gegenüber Pee-Power sollen fallen – für einen besseren Zweck

Auf dem Festival startet Pee-Power erstmals einen Versuch in großem Rahmen, nachdem sie das Ganze in kleiner Version testeten. Das Ziel in diesen Tagen ist es, die Hemmungen gegenüber Pee-Power fallen zu lassen. Tausende Menschen werden die Power–Toiletten zu sehen bekommen, der Bekanntheitsgrad erhöht sich und jeder sieht, wie vielfältig einsetzbar das Konzept ist. Eine ganze Pee-Power-Toilette würde in der Anschaffung etwas über 800 Euro kosten, der Treibstoff ist natürlich kostenlos und der Anschluss an eine Kanalisation nicht notwendig. Allerdings wird Pee-Power derzeit nur für Flüssigkeiten verwendet, für alles Andere bräuchte es eine zusätzliche Funktion oder ein separates System, wie beispielsweiseeine Kompostierungs- oder Biogasanlage.

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In Ländern ohne sichere Strom-Versorgung und sanitäre Anlagen könnte Pee-Power dadurch viel bewirken. Ebenso Flüchtlingsunterkünfte, die weltweit mit der Stromversorgung zu kämpfen haben, sollen sich dadurch versorgen können. Unabhängige Lichtquellen können dort in erster Linie Frauen nachts mehr Sicherheit geben. In diesem Sinne ergab sich das Festival-Projekt vor allem durch die Zusammenarbeit mit Oxfam und Dunster House, die sich alle gemeinsam dafür einsetzen, das Leben in Teilen der Welt, die keinen sicheren Zugang zu Abwasseranlagen und Elektrizität haben, zu verbessern.

Weltweit haben über 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu einer sicheren Abwasserentsorgung

Hinter den 40 Festival-Toiletten steckt also eine viel größere Vision, denn der Bedarf in vielen Teilen der Welt ist da und muss gestillt werden. Die Gates Foundation berichtet, dass es 40 Prozent der Weltbevölkerung vollständig oder teilweise an sanitären Anlagen mangelt, die Konsequenzen für Gesundheit und Umwelt können verheerend sein. Professor Ieropoulos, der Direktor des Bioenergy Centres, sagt: „Das Projekt wird vielen Menschen in ländlichen Regionen ohne Abwassersysteme helfen, indem es, ohne dabei auf eine teure Infrastruktur angewiesen zu sein, jedem Haus eine Toilette ermöglicht – ein Luxus für Millionen Menschen auf der Welt.“

Pee-Power kann es also schaffen, mit nur einem Mittel ein Zuhause mit einem sauberen Entwässerungssystem, Strom für elektronische Geräte und Licht zu versorgen. Noch dieses Jahr reisen die Pee-Power-Anlagen nach Uganda, wo sie das erste Mal in ihrem eigentlichen Zweck verwendet werden und der wohl biologischste Treibstoff zum Einsatz kommen kann.