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2 März 2020 / Lesezeit: 7 minuten

Ökobilanz von Streamingdiensten

Drecksmusik: Wie umweltschädlich sind Spotify und Co?

Die Lieblingsmusik zu jeder Zeit und überall per Smartphone direkt auf die Ohren: Seit es Streamingdienste wie Spotify und Co gibt, läuft der Alltag wie im Film – mit Soundtrack untermalt. Welche Auswirkungen hat die Online-Dauerschleife auf die Umwelt?

BILD: IMAGO-IMAGES/WESTEND61

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Wie nachhaltig ist unser täglicher Musikkonsum? Zahlen gibt es kaum. Versuch einer Bestandsaufnahme.

Ein paar sanfte Berührungen des Displays und Musik erklingt aus dem Smartphone. Fast jeder Song und jedes Album warten nur ein paar Klicks entfernt, immer und überall verfügbar. Musik zu hören war noch nie so einfach – und wahrscheinlich noch nie so umweltschädlich wie heute.

Um Musik online zu streamen, werden über eine Internetverbindung Daten übertragen. Immer mehr Menschen hören Musik „on demand“, sprich auf Abruf. Tonträger wie CDs verlieren an Bedeutung. Doch die riesigen Rechenzentren, auf denen Musik digital gespeichert ist, fressen große Mengen Strom.

Wie viel, das hat Kyle Devine, Musikwissenschaftler an der Universität Oslo, berechnet. Ausgehend von Daten der Recording Industry Association of America, dem US-amerikanischen Verband der Musikindustrie, schreibt er darüber in seinem Buch Decomposed: The Political Ecology of Music und in einer Studie.

Auch auf enorm: Abhängigkeit von Streamingdiensten: Faire Finanzierung in der Musikindustrie

Musik ist nicht immateriell

Mit Blick auf den ökologischen Fußabdruck von Musikaufzeichnungen hat er festgestellt: Streaming verursacht weniger Plastikmüll als Schallplatten, Kassetten oder CDs. „Im Jahr 2016 sinkt die in den USA verbrauchte Menge Plastik dramatisch ab“, sagt Devine. Und zwar auf 8 Millionen Kilogramm jährlich. Während der Hochphasen der anderen Tonträger waren es noch rund 60 Millionen Kilogramm pro Jahr.

Doch das Streamen von Musik frisst andere Ressourcen. „Musik ist nicht immateriell“, sagt der Musikwissenschaftler. „Indem man Musik streamt, verbrennt man Energie.“ Um die heutige Form des Musikhörens mit der früherer Jahrzehnte vergleichbar zu machen, übersetzte Devine den Kunststoffverbrauch von Tonträgern wie CDs und Kassetten in Treibhausgasemissionen und verglich diese mit denen des Stroms, den man zum Speichern und Übertragen von Audio-Dateien braucht. Er stellte fest: Der CO2-Ausstoß nahm rapide zu. Verglichen mit den Treibhausgas-Emissionen in den 1980er- und 1990er-Jahren, als CDs und Vinyls in Rekordzahlen verkauft wurden, haben sich die Treibhausgase mittlerweile fast verdoppelt. Im Jahr 1977 – auf dem Höhepunkt von Vinyl – verursachten Musikaufzeichnen in den USA 140 Millionen Kilogramm Treibhausgase. Diese Zahl blieb relativ konstant und betrug im Jahr 1988, in der Boomphase von Kassetten, sowie im Jahr 2000, als die CD am populärsten war, jeweils 136 Millionen beziehungsweise 157 Millionen Kilogramm. Im Jahr 2000 verursachten Downloads und Streaming von Musik hingegen allein in den USA Treibhausgase in Höhe von mindestens 200 Millionen Kilogramm bis zu 350 Millionen Kilogramm, je nach Schätzung.

Nicht eingeflossen sind in Devines Studie die Emissionen, die ausgestoßen werden, um die jeweiligen Endgeräte wie Handys oder Stereoanlagen zu produzieren oder die Transportkosten, um etwa LPs in die Plattenläden zu fahren. Die Zahlen beziehen sich auf die Energie, die es braucht, um Musikdateien vom entsprechenden Server zum lokalen Netzwerk beziehungsweise zum eigenem Endgerät zu transportieren. Wegen der unzureichenden Datenlage ging YouTube kaum in Devines Berechnungen ein. Dabei entfällt laut einer Studie der International Federation of the Phonographic Industry aus dem Jahr 2018 fast die Hälfte der Zeit, in der Musik gestreamt wird, auf YouTube. Entsprechende Zahlen dürften Devines Ergebnisse sogar noch verschärfen.

Der Musikwissenschaftler ging von einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 0,06 Kilowatt pro Stunde für Streaming aus. Wie viel Strom im Einzelfall tatsächlich fließt, ist nicht eindeutig zu sagen. Denn der Verbrauch variiert je nach Netzwerk und Endgerät. So benötigen etwa Laptops mehr Energie als ein Handy, Streaming im WLAN wiederum frisst weniger Strom als mobile Daten.

Entscheidend sei außerdem, so Kyle Devine, woher die Energie genau komme, also welcher Strom die Rechenzentren und das örtliche Stromnetz speise. Streamingdienste müssten das transparent machen.

Die Branche kann den wachsenden Verbrauch von Strom nicht mit erneuerbaren Energien decken.
Gary Cook, IT-Spezialist, Greenpeace

Woher kommt der Strom?

Doch genau in diesem Bereich hätten die großen Streaminganbieter Nachholbedarf, sagt IT-Spezialist Gary Cook von Greenpeace. „Die Branche kann den wachsenden Verbrauch von Strom nicht mit erneuerbaren Energien decken. Auch das Internet hat einen CO2- Fußabdruck und wir sollten darauf achten, welche Unternehmen erneuerbare Energien nutzen.“ Cook ist Hauptautor des Reports Clicking Clean aus dem Jahr 2017. Darin bewertet die Umweltorganisation Internetunternehmen anhand ihres Strommixes, der Energieeffizienz sowie Transparenz.

Zwar veröffentlichen immer mehr Internetkonzerne Transparenzberichte. Diese zeigen den Anteil erneuerbarer Energien, also Strom, der etwa aus Biomasse, Fotovoltaik, Wind- und Wasserkraft erzeugt wurde. Doch das sei wenig aussagekräftig, kritisiert Gary Cook. Spotify publiziert etwa Berichte zu seiner sozialen und ökologischen Verantwortung, die auch den Stromverbrauch thematisieren. Demnach ging der Verbrauch zwischen 2017 und 2018 stark zurück. Mittlerweile, so sagt ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage, habe Spotify keine eigenen Server mehr und seine IT-Infrastruktur komplett auf Google-Server umgestellt, auch um die CO2-Bilanz zu verbessern. Denn Google wie auch Apple geben an, 100 Prozent erneuerbare Energien zu nutzen.

Blick in die hochmodernen Rechenzentren von Google, Mayes County, Oklahoma, USA. Hier werden riesige Mengen von Daten gespeichert, die ebenso viel Strom verbrauchen. Bild: imago images/PR

Gary Cook von Greenpeace relativiert das: Zwar könne Apple den Bedarf seiner Rechenzentren bereits relativ gut mit erneuerbaren Energien decken, greife jedoch auch auf Amazon Web Services (AWS) zurück. Amazon wiederum erklärt, dass der Stromverbrauch von AWS im Jahr 2018 mit mehr als 50 Prozent erneuerbarer Energie gedeckt werden konnte. Das sei schöngerechnet, sagt Gary Cook. „Im besten Fall kommen sie auf 20 bis 25 Prozent. Die Nachfrage und das Wachstum übersteigen die tatsächliche Versorgung mit erneuerbarer Energie bei Weitem.“ Google, wozu auch YouTube gehört, mache zwar einen besseren Job. „Aber auch Google täuscht uns, wenn sie sagen, dass sie 100 Prozent erneuerbare Energien nutzen.“ Denn dies treffe nur theoretisch für den globalen Stromverbrauch zu. „So funktioniert das Stromnetz aber nicht. Denn wenn der Anteil an erneuerbaren Energien an manchen Orten den Bedarf übersteigt, während er an anderen weit dahinter zurückliegt, kann Google nicht behaupten, dass sie 100 Prozent erneuerbare Energien nutzen.“

Für Cook gilt dies nur, wenn die Stromversorgung mit erneuerbaren Energien tatsächlich an 24 Stunden, sieben Tage die Woche erfolgt. Dazu müsste das gesamte Stromnetz aus erneuerbaren Quellen gespeist werden. Um das zu erreichen, brauche es staatliche Vorgaben, aber auch den Druck der großen Konzerne. Bis dahin dreht sich vieles darum, Energie besser zu nutzen.

Der Informatiker Peter Sanders erforscht am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Algorithmen, die Software schneller und dadurch energieeffizienter arbeiten lassen. Er fordert, dass keine überflüssigen Daten übertragen werden und wirbt für die Einführung von Software-Energieeffizienzklassen, wie es sie etwa für Kühlschränke gibt. So könne man ausweisen, wie viel CO2 verursacht werde. Denn der CO2-Fußabdruck sei entscheidend: „Wenn Streamingdienste ihre Server etwa mit Wasserkraft betreiben, können sie klimaneutraler arbeiten“, sagt Sanders.

Einmal einen Song downloaden ist besser, als das gleiche Lied immer und immer wieder zu streamen.
Gary Cook, Gary Cook, IT-Spezialist, Greenpeace

Rechenzentren liefern Fernwärme

Bei der Energieeffizienz setzt auch manch andere Forschung an. Gerade die Kühlung der Rechenzentren verbraucht einen großen Teil der anfallenden Energie. Dadurch produzierte Wärme verpufft oft ungenutzt. In Schweden nutzen bereits viele Rechenzentren statt Luftkühlung Kaltwasser, das beim Kühlvorgang erhitzt wird. Die dadurch entstehende Abwärme wird etwa ins Fernwärmenetz eingespeist. Und auch bei den Programmiersprachen kann man ansetzen, wie manche IT-Experten fordern, denn diese verbrauchen unterschiedlich viel Strom. Und tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie von Forschern der US-amerikanischen Northwestern University, des Lawrence Berkeley National Laboratory und von Koomey Analytics, dass Rechenzentren tatsächlich immer effizienter werden – und dadurch weniger Energie verbrauchen als mitunter prognostiziert. Gerade weil aber auch immer mehr Daten übertragen würden, müsse weiterhin auf Energieeffizienz gesetzt werden.

In diese Richtung gehen auch die Bemühungen der Europäischen Union. So erklärte die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Margrethe Vestager: „Wir müssen mit dem Green Deal Technologien entwickeln, um den Energieverbrauch zu minimieren und die Energieeffizienz zu verbessern.“ Vestager bezog sich dabei auf den hohen Energieverbrauch beim Streamen von Videos. Tatsächlich zeigen Zahlen des Energieunternehmens Eon vom März 2019, dass Videostreaming im Jahr 2018 weltweit so viel Strom verbrauchte wie sämtliche Privathaushalte in Polen, Italien und Deutschland zusammen, nämlich 200 Milliarden Kilowattstunden.

Videos, wie sie etwa auf YouTube häufig auch für Musik genutzt werden, seien das eigentliche Problem, vermutet auch Informatikprofessor Sanders. Die Energie für den Zugriff auf und die Dekompression von Musikdaten stuft er im Gegensatz dazu als weniger problematisch ein. Mit Blick auf die Energiekosten des Endgeräts dürfte Streaming sogar Vorteile haben, weil kein Datenträger bewegt und ausgelesen werden müsse, sagt Sanders. Das könne sogar für YouTube, wo viele Musikvideos gestreamt werden, gelten, wenn man bei Songs entweder nur Audio nutze oder bei Bewegtbild die geringste Auflösung einstelle. „Dann haben Videos ungefähr die gleiche Datenrate wie Audio.“ Besonders energiesparend sei es auch, Musik herunterzuladen, sagt Gary Cook von Greenpeace. „Einmal einen Song downloaden ist besser, als das gleiche Lied immer und immer wieder zu streamen.“

„Es ist ein fundamentales Problem, dass wir denken, Wachstum kann weitergehen, wenn wir grüne Technologien finden, um es grün genug zu machen.“
Kyle Devine, Musikwissenschaftler an der Universität Oslo

Rebound-Effekte beim Streamen

Immer effizienter zu werden, ist für Musikwissenschaftler Kyle Devine nicht die Lösung. „Das unhinterfragte Nutzen von Musik scheint das größte Problem zu sein.“ Denn es koste umgerechnet zwar wesentlich weniger Energie, einen einzelnen Song zu streamen, als ihn auf einer CD zu hören. „Aber wir streamen heute ständig tonnenweise Musik. Selbst wenn also das Streamen eines einzelnen Songs oder Albums energieeffizienter ist, wird diese Effizienz davon ausgehoben, dass wir so viel mehr Musik hören.“ Das sogenannte Jevons-Paradoxon, auch als Rebound-Effekt bekannt: Je effizienter wir eine Ressource einsetzen, desto mehr davon nutzen wir. Dies gelte auch für das Musikstreaming, argumentiert Devine. „Es ist ein fundamentales Problem, dass wir denken, Wachstum kann weitergehen, wenn wir grüne Technologien finden, um es grün genug zu machen.“

Dennoch fordert der Musikwissenschaftler nicht, das Spotify-Abo zu kündigen. Die Verantwortung dürfe nicht auf Musikliebhaber*innen abgewälzt werden, auch wenn persönliche Entscheidungen wichtig seien. „Es muss sich auf einer höheren politischen Ebene etwas verändern. Wir brauchen etwa Transparenz-Regulierungen, ein Fairtrade-Label oder grüne Zertifikate.“ Das bedeute in puncto Streaming beispielsweise fair produzierte Rohstoffe zur Herstellung der Geräte, auf denen wir Musik hören. Außerdem könne Biokunststoff aus Lebensmittelabfällen genutzt werden, um neue Tonträger zu schaffen – auch wenn Musik auf solchen Tonträgern vermutlich anders klingen würde.

Die gepriesene Rückkehr zu Vinyl sei keine Option, sagt Kyle Devine. Schließlich werde das schlecht recycelbare Produkt aus dem Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) unter oft prekären Arbeitsbedingungen in Ländern des Globalen Südens hergestellt, unter Verwendung von krebserregenden Stoffen und giftigem Abwasser. Und auch für CDs braucht es Polycarbonate, also thermoplastische Kunststoffe, also letztlich Erdöl.

Grünes Vinyl und weniger Konsum

Das Projekt Green Vinyl Records arbeitet an umweltfreundlicheren Alternativen zu herkömmlichen Schallplatten. Der Zusammenschluss acht niederländischer Unternehmen setzt bei der Produktion statt auf das aufwendige und energieintensive Pressen mit Wasserdampf auf Spritzgießen. Dabei wird das verflüssigte Material unter Druck in die entsprechende Form gespritzt. Dieses Verfahren soll 60 bis 70 Prozent Energie einsparen. Der gängige Kunststoff PVC werde mit einem anderen Kunststoff-Mix ersetzt, der leichter zu recyceln sei, sagt Harm Theunisse, einer der Gründer. „Welches Material genau, kann ich nicht verraten, das ist noch ein Geheimnis, da wir uns gerade um die Patente bemühen.“ Green Vinyl Records will das Konzept bald an mögliche Hersteller verkaufen, in wenigen Monaten könnten die nachhaltigeren Vinyls auf den Markt kommen. Der typische Sound solle darunter jedoch auf keinen Fall leiden, sagt Theunisse. „Der Klang unserer Vinyls ist hervorragend.“

Wie auch CDs das Klima schützen können, zeigt eine Aktion von Radioeins des Rundfunks Berlin- Brandenburg: Deutschsprachige Musiker*innen haben kostenlos Songs für ein „Albaum“ produziert, darunter Seeed, Bilderbuch, Die Ärzte, Sophie Hunger, Bonaparte, Beatsteaks und Wanda. Für jede verkaufte CD oder Doppel-LP pflanzt die Naturschutzorganisation WeForest 26 beziehungsweise 31 Bäume im sambischen Tropenwald.

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Solche Aktionen machen Musikkonsum umweltfreundlicher, doch wie kann er nachhaltiger funktionieren? Kyle Devine will keinen Rat geben, wie wir am umweltschonendsten Musik hören können. „Jede Methode bringt Kosten für Umwelt und Menschen mit sich.“ Das müsse uns bewusst werden. „Manche Ideen, die ich früher als romantisch oder problematisch abgetan hätte, beginne ich jetzt in Betracht zu ziehen: Sollten wir alle weniger Musik hören? Sollten wir gemeinsam mit anderen Musikaufnahmen hören oder nur noch zu Livekonzerten gehen?“ Mittlerweile sei es normal geworden, Musik überall verfügbar zu haben. Devine ist überzeugt, dass wir nicht von heute auf morgen all unsere Hörgewohnheiten ändern können. „Es hat 150 Jahre gedauert, um dahin zu kommen, wie wir heute aufgenommene Musik hören. Es könnte weitere 150 Jahre dauern, zu einer anderen Kultur des Musikhörens zu kommen.“