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18 Juni 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Gastkommentar zur Wasserstoffstrategie

„Ein Deckmäntelchen für fossile Strukturen“

Wasserstoff ist als Energieträger der Zukunft unverzichtbar – da sind sich Wissenschaft und Bundesregierung einig. Die Regierung lässt in ihrer Strategie jedoch offen, woher das Gas eigentlich kommen soll. Wirklich grün ist es allerdings nur, wenn es mit Hilfe von Wind und Sonne produziert wird.

Bild: imago images/photothek

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Die Bundesregierung hat am 10. Juni 2020 nach mehrmaligem Verschieben endlich die nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. Das Thema ist zudem im Corona-Konjunkturpaket berücksichtigt worden. Ingrid Nestle, Energieexpertin der Grünen, bewertet die Beschlüsse kritisch. Denn: Klimaneutraler, grüner Wasserstoff muss da und dort produziert werden, wo zusätzlicher grüner Strom zur Verfügung steht.

Wer eine lebenswerte Zukunft für alle will, muss bereits heute in den Klimaschutz investieren. Dazu gehören mutige Investitionen in grünen Wasserstoff. Und dazu gehört der Einsatz für Erneuerbare Energien, auch für Windstrom. Zurecht beschreibt die Bundesregierung die vielen Vorteile von Wasserstoff – um dann bei über 80% der von ihr angestrebten Mengen offen zu lassen, wo das energieintensive Gas eigentlich herkommen soll. Jedenfalls nicht aus erneuerbarem Strom in Deutschland, denn dessen Zubau bekommt die Bundesregierung viel zu langsam auf die Reihe.

Mindestabstände für die Windenergie an Land, zu schnell sinkende Vergütungen für Solarstrom und fehlende Anreize für erneuerbare Wärmeversorgung: Die aktuelle Politik der großen Koalition könnte kaum schädlicher für den Ausbau der Erneuerbaren Energien sein. Laut Gutachten des Umweltbundesamtes droht Deutschland seine eigenen Ausbauziele für Erneuerbare Energien sowie seine Klimaziele bis 2030 mit den aktuellen Vorgaben zu verfehlen. Die Ökostromlücke droht bereits ohne den zusätzlichen Bedarf für Wasserstoff. Hier plant die Bundesregierung bis 2030 den Aufbau einer Elektrolysekapazität zur Herstellung von Wasserstoff von 5 GW, einschließlich der benötigten Kapazitäten für grünen Strom. Selbst für die 14% vom Wasserstoff, die laut Bundesregierung im Jahr 2030 aus Ökostrom in Deutschland produziert werden sollen, reicht das Zubautempo aktuell nicht. Mehr als 14% grünen Wasserstoff aus Deutschland anzukündigen, traut sie sich in ihrer Wasserstoffstrategie selbst nicht. Diese Strategie ist ein Deckmäntelchen für fossile Strukturen, kein Klimaschutz.

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Grüner Wasserstoff braucht ausreichend grünen Strom

Denn ohne genügend grünen Strom droht die Wasserstoffstrategie zum Einfallstor für grauen Wasserstoff aus Kohlestrom zu werden. Auch die Ankündigung, dass Elektrolyseure weitestgehend von Steuern, Abgaben und Umlagen befreit werden sollen, kann zum Absatzmotor für Kohlestrom werden. Denn auch Kohlestrom wird mit der EEG-Umlage belegt und profitiert von einer Befreiung. Wie das verhindert werden soll, bleibt völlig unklar. Sollte die Bundesregierung auf Grünstromzertifikate setzen, wäre das lediglich eine Um-Etikettierung von Strom: Der Strom aus den Windrädern und Solarzellen fließt in den Wasserstoff, die anderen Verbraucher werden entsprechend mit mehr Kohlestrom beliefert.

Eine sinnvolle Lösung wäre, die Umwandlung von Strom in Wasserstoff zeitlich spezifisch nur dann zu belohnen, wenn viele Erneuerbare im Netz zur Verfügung stehen und Kohlekraftwerke aufgrund der aktuellen Börsenpreise kein Geld verdienen. Das sollte das Ziel sein der längst überfälligen Reform der Abgaben und Umlagen. Davon ist in der Strategie der Bundesregierung aber nichts zu lesen. Grüner Wasserstoff muss da und dort produziert werden, wo zusätzlicher grüner Strom zur Verfügung steht.

Und was die immer wieder geäußerte Hoffnung der Bundesregierung angeht, andere würden alle unsere Probleme für uns lösen und kostengünstig, zeitnah und in großen Mengen grünen Wasserstoff bei uns anlanden: Wieso unterstützt die Bundesregierung dann heute noch Investitionen in fossile LNG-Terminals (Terminals für flüssiges Erdgas, Anm. d. Red.)  anstatt darauf zu drängen, dass endlich Wasserstoffterminals geplant werden? Die Bundesregierung hat nicht einmal einen Plan für den Transportweg, verlässt sich aber felsenfest auf große Importmengen. Das ist nicht unser Verständnis von Versorgungssicherheit im Energiesektor.

Ingrid Nestle, 42, sitzt seit 2009 mit einer Unterbrechung für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Die Wirtschaftsingenieurin war von 2012 bis 2017 Staatssekretärin im Ministerium für Energiewende, Umwelt und Landwirtschaft in Schleswig- Holstein. Sie ist Sprecherin für Energiewirtschaft ihrer Partei und hat sich in ihrer Promotion mit den durch den Klimawandel entstehenden Kosten im Agrarsektor beschäftigt. Foto: imago images / Blickwinkel

Kostbarer Energieträger: Wasserstoff sinnvoll einsetzen

Aufgrund des hohen Umwandlungsverlustes und der kostspieligen Produktion bleibt Wasserstoff ein kostbarer Energieträger, der sinnvoll und an den Klimazielen orientiert eingesetzt werden sollte. Schwerpunkt sollte der Einsatz in der Industrie, dem Schwerlast- und Flugverkehr sowie als industrieller Grundstoff haben. Falsche Hoffnungen sollten weder  im PKW-Verkehr noch im Wärmesektor geweckt werden. Für beide gibt es sinnvollere und effizientere Alternativen. Deshalb wollen wir Grüne den Wasserstoff da und dort einsetzen, wo nicht elektrifiziert werden kann.

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Kaum elektrifizierbar ist auch der Flugverkehr. Hier finde ich eine zunächst kleine Quote für grünes Kerosin sinnvoll. Wir Grüne versprechen uns von dieser Quote einen Erfahrungsgewinn hinsichtlich der Möglichkeiten grünen Wasserstoff zu importieren. Das ist der Vorteil einer Quote. Verfehlt ist hingegen die Ankündigung, Fliegen würde durch die Beimischung von Wasserstoff klimafreundlich. Wir müssen unsere Gewohnheiten ändern und insgesamt weniger fliegen. Warum innerhalb von Europa nicht auf die Bahn umsteigen? 130 Milliarden ist die Bundesregierung bereit über das Zukunftspaket zu investieren. Davon könnte deutlich mehr in ein gutes Schienennetz investiert werden. Die Chance hat die Bundesregierung verpasst. Wer gegen Windmühlen kämpft, kann nicht mit Wasserstoff wieder zum klimafreundlichen Energiepolitiker werden.