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11 December 2014 / Lesezeit: 3 minuten

Rückbau eines Atomkraftwerks

Der Nächste, bitte!

In Lubmin kann man bestaunen, was auf alle deutschen Kernkraftwerke zukommt: das langwierige Abwracken

Titelbild: Yves Alarie/Unsplash

Im ehemaligen Kernkraftwerk Lubmin läuft seit knapp 20 Jahren, was auf die meisten deutschen AKW erst noch zukommt: der komplette Rückbau nach dem Atomausstieg. Wie aufwendig das wird, lässt sich hier besichtigen

Wenn Marlies Philipp durch das ehemalige Kernkraftwerk führt, kommt sie aus dem Grüßen nicht mehr raus. „Ich bin hier groß geworden“, sagt die studierte Kristallografin. Mit den meisten ihrer Kollegen hat sie schon vor 30 Jahren hier gearbeitet. Damals erzeugte das „Kombinat Kernkraftwerke Bruno Leuschner“ am Greifswalder Bodden rund ein Zehntel des Energiebedarfs der DDR. Inzwischen stemmen die bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN) das weltgrößte Projekt zur Demontage von Kernkraftwerken. „Wir sind mit unserer Anlage gealtert“, sagt die Ingenieurin, die heute Besuchern das Gelände zeigt. Nun bauen sie und ihre Kollegen mit den Meilern gewissermaßen ihre eigenen Jobs ab.

Lubmin zeigt, was Atomausstieg in der Praxis bedeutet

In Lubmin, nur wenige Kilometer vor Usedom, bekommt man eine Ahnung davon, was das Wort „Atomausstieg“ in der Praxis bedeutet. Denn auf dem flughafengroßen Gelände läuft seit knapp 20 Jahren, was auf viele deutsche Atomkraftwerke erst noch zukommt: der komplette Rückbau der kerntechnischen Anlagen. Es ist eine Mammutaufgabe, die voraussichtlich Milliardenbeträge verschlingen und Deutschland jahrzehntelang beschäftigen wird.

Im Juni 2011 beschlossen Bundestag und Bundesrat die Stilllegung der sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke sowie des Pannenreaktors Krümmel bei Hamburg. Bis 2022 sollen auch die übrigen neun Atommeiler vom Netz gehen. Die Kosten für den Rückbau schätzt Gerhard Schmidt, Nuklearexperte am Öko-Institut Darmstadt, je nach Typ und Größe auf bis zu eine Milliarde Euro pro Meiler. Bis zu 15 Jahre könne der Rückbau eines Reaktors dauern – bei effizienter Planung. Und falls alles reibungslos läuft.

Der Rückbau eines Atomkraftwerks ist langwierig und kostspielig

Denn der Rückbau eines Atomkraftwerks ist ein langwieriger und kostspieliger Prozess. Auf die Abschaltung folgt zunächst der Nachbetrieb. Dann müssen die Brennelemente aus dem Reaktor entfernt werden und mehrere Jahre lang abklingen. Parallel beginnt der eigentliche Rückbau. Die Reaktordruckbehälter werden wegen der hohen radioaktiven Belastung fernbedient zerlegt. Alle radioaktiv belasteten Bauteile, die zum Beispiel mit dem Kühlwasser in Berührung kamen, müssen in Kleinstarbeit zerlegt und gereinigt werden.

In Lubmin werden zeitgleich fünf Reaktoren sowjetischer Bauweise zurückgebaut. Kurz nach Beginn des Probebetriebes von Block 5 kam die Wende und mit ihr der politische Beschluss, die Anlage abzuschalten. 1995 wurde sie vollends stillgelegt. Seitdem läuft der Rückbau. Ursprünglich sollte dieser 3,2 Milliarden Euro kosten. Bislang sind etwa 85 Prozent der technischen Anlagen abgebaut. Doch schon jetzt sprengen die Kosten die 4-Milliarden-Euro- Grenze. Wann die Arbeiten abgeschlossen sind, ist derzeit völlig offen.

Heute profitieren die EWN von ihren Erfahrungen aus knapp 20 Jahren Rückbauarbeit. Sie bauen auch das zweite Kernkraftwerk der DDR im brandenburgischen Rheinsberg zurück. Zwei Tochterfirmen managen die Stilllegung des Versuchsreaktors Jülich in Nordrhein-Westfalen sowie den Rückbau der Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe. Der Stromkonzern EnBW hat in Lubmin Rückbauarbeiten am AKW Obrigheim in Auftrag gegeben, RWE in Mülheim-Kärlich.

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In das DDR-Kraftwerk pilgern Besucher aus den Atommeilern der alten Bundesländer

Inzwischen haben sich die EWN zu einem führenden Kompetenzzentrum für den Rückbau entwickelt. In das einst belächelte DDR-Kraftwerk pilgern Besucher aus den Atommeilern der alten Bundesländer. „Vertreter aller Energieriesen waren schon hier zu Gast“, sagt Marlies Philipp. Denn in Lubmin lassen sich praktische Abläufe besichtigen: Wie zersägt man Beton? Wie dekontaminiert man Stahl? Die EWN können von der Projektplanung bis zum Abbau Beratung aus einer Hand anbieten, auch für internationale Partner. Mehrere japanische Delegationen waren schon zu Gast. Seit 2014 planen Mitarbeiter auch die Stilllegung eines Lubmin ähnlichen Sowjet- Kernkraftwerks in Armenien.

So ist der Atomausstieg nicht zwangsläufig nur Jobvernichter, sondern auch eine Chance. Inzwischen herrscht in Lubmin Nachwuchsbedarf. Von den ehemals 5000 Beschäftigten sind gerade noch 685 übrig. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren. „Es wäre schade um das Know-how“, sagt Philipp. Auch mit Blick auf die geplanten Rückbauvorhaben in Deutschland versuchen die EWN, ihr Personal zu verjüngen. Im Herbst begannen 14 Nachwuchskräfte eine Ausbildung, sechs ein duales Studium. Ihre Übernahme gilt als sicher.

Der Rückbau ist keine rein deutsche Herausforderung

Was aber folgt auf den Rückbau? Lubmin ist es gelungen, sich in einer strukturschwachen Gegend zum Industriestandort zu mausern. Im früheren Maschinenhaus des Kraftwerks zum Beispiel stellt die Firma Liebherr heute Krananlagen für Schiffe her. Etwas weiter hat sich eine Biodieselanlage angesiedelt.

Doch solch ein Wechsel wird nicht an allen Kraftwerkstandorten gelingen. Überall werden zunächst die sicher geglaubten Arbeitsplätze schwinden. Auch die Gewerbesteuer der Kraftwerksbetreiber bricht weg. Im hessischen Biblis, wo RWE ab 2017 mit dem Abriss beginnen will, kämpfen Hotels und Gasthöfe schon jetzt ums Überleben: Monteure bleiben weg, Geschäfte müssen schließen.

Der Rückbau ist keine Herausforderung, der sich allein Deutschland zu stellen hätte. Derzeit gibt es weltweit 434 Atomreaktoren. 200 von ihnen werden voraussichtlich bis 2040 stillgelegt, so die Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA). Die meisten stehen in Europa und Amerika, Russland und Japan. Die anfallenden Kosten schätzt die IEA auf 80 Milliarden Euro – mindestens. Hinzu kommt ein noch weitaus größeres Problem: Denn noch immer verfügt kein einziges Land über ein Endlager für die Unmengen hochradioaktiver Abfälle. Ein Ende der Atomkraft ist trotzdem nicht in Sicht: Durch den Bau neuer Atomkraftwerke erwartet die IEA bis 2040 einen Anstieg der Stromproduktion aus Atomkraft um 60 Prozent. /