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24 August 2022 / Lesezeit: 4 minuten

B-Lines, Tomoorow, VeganStrom, IdentMe

Diese aktuellen Projekte dienen dem Artenschutz

Eine Uferschnepfe im Ochsenmoor in Niedersachsen. Die Vogelart brütet vorwiegend auf Feuchtwiesen. Ihr Lebensraum schrumpft, weil Feuchtbiotope oft trockengelegt werden, um Ackerbau zu betreiben.

Bild: IMAGO / imagebroker

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Sie verarzten Korallenriffe, schaffen Schnellstraßen für Wildbienen oder sammeln Umwelt-DNA – diese Initiativen, Start-ups und Forschenden haben sich dem Artenschutz verschrieben.

Bestäuber auf Reisen

In Großbritannien leben viele wichtige Bestäuber wie die Wildbienen Nomada sexfasciata und Eucera nigrescens; beide sind vom Aussterben bedroht. Ackerbau und urbane Infrastruktur schränken ihre Bewegungsfreiheit und das Nahrungsangebot massiv ein. „B-Lines“ sollen helfen: Wildblumenpfade für Insekten, die sich wie Schnellstraßen durchs ganze Land ziehen. Insgesamt will die britische Artenschutz-Organisation Buglife 150.000 Hektar blühenden Lebensraum wiederherstellen – bislang sind 3.326 Hektar geschafft. Mitwirken kann jede:r. Ob man an einer B-Linie wohnt oder arbeitet, lässt sich online anhand einer interaktiven Landkarte prüfen. Helfer:innen registrieren hier auch ihren Beitrag.

Arznei für Korallen

Korallenriffe sind das Herz maritimer Ökosysteme, ungefähr ein Viertel der Meereslebewesen sind von ihnen abhängig, darunter Meeresschildkröten, Algen und über hundert Fischarten. Doch die Klimakrise setzt den Nesseltierchen zu. 50 Prozent der weltweiten Bestände sind bereits abgestorben. Raquel Peixoto, Professorin für Meeresbiologie an der King Abdullah University of Science and Technology in Saudi-Arabien, will Korallen nun mit Probiotika verarzten, also mit Mikroorganismen bekannt aus Joghurt, Kefir und Sauerkraut. Probiotika helfen Korallen offenbar dabei, Stress besser auszuhalten und machen sie bis zu 40 Prozent widerstandsfähiger. Übrigens: Korallen gibt es nicht nur in tropischen Gewässern. Ein Forschungslabor im schwedischen Tjärnö kämpft für das Überleben von Augenkorallen: Diese sind nicht weiß, wenn sie ausgeblichen und tot, sondern wenn sie kerngesund sind.

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Feuchtgebiete

In der Uckermark, am Flusslauf der Sernitz, ist gut was los. Schreiadler kreisen und Zwerglibellen surren, in den Baumwipfeln zwitschern Seggenrohrsänger, am Boden stakst eine Uferschnepfe durchs Gras. Viele, vor allem bedrohte Arten fühlen sich im Sernitzmoor wohl. Seit Kurzem trotten auch Wasserbüffel durch die sumpfige Landschaft nahe Angermünde. Die wirtschaftliche Nutzung mit Weidetieren ist ein Pilotprojekt der neuen Initiative ToMOORow, um die Landschaft und damit Artenvielfalt zu erhalten.

Denn: Werden Moore trockengelegt, um etwa Ackerbau zu betreiben, gelangt extrem viel CO2 in die Atmosphäre. Das gilt bereits für 95 Prozent der Moore in Deutschland und macht sieben Prozent der jährlichen CO2- Emissionen aus. ToMOORow steuert dagegen, indem es „Paludikultur“ fördert, das heißt die land- und forstwirtschaftliche Nutzung nasser Hochund Niedermoore. Die 2021 gestartete Initiative der Umweltstiftung Michael Otto und der Succow Stiftung will ökonomische Anreize für Landwirt:innen schaffen, Flächen nicht trockenzulegen oder sie wiederzuvernässen.

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Im Moor lässt sich dann etwa Schilf anbauen für Dachreet und Torfmoos für Pflanzenerde im Gartenbau sowie Rohrkolben für Viehfutter oder für Baustoffe wie Isolierplatten. Pflanzen, die im Moor wachsen, können außerdem Biomasse-Heizwerke antreiben. Auch Photovoltaikanlagen bieten sich an bestimmten Stellen an. Ein weiterer wichtiger Hebel für den Erhalt bzw. die Wiedervernässung sind Klimazertifikate. Brandenburg, Mecklenburg- Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen verkaufen schon länger „MoorFutures“: CO2-Zertifikate, die Firmen und Privatleute erwerben können, um Emissionen zu kompensieren. Ein Zertifikat entspricht einer Tonne CO2. Aktuell sind alle Zertifikate ausverkauft, Ende des Jahres sollen neue Wiedervernässungsprojekte in Brandenburg und Schleswig-Holstein starten.

Tierleidfreier Strom

Fledermäuse sind beeindruckende Tiere: Sie sehen mit den Ohren, schlafen kopfüber und fliegen mit ihren Händen (und sind überhaupt das einzige uns bekannte Säugetier, das fliegen kann). Ein leichtes Leben haben sie aber nicht. Ihr Lebensraum schrumpft, und viele von ihnen sterben in der Nähe von Windkraftanlagen, jedes Jahr mindestens 250.000 allein in Deutschland. Der Unterdruck lässt ihre Organe platzen. Für einige Vogelarten, wie Mäusebussarde, können außerdem die Rotorblätter gefährlich werden.

Tierschutzorganisationen fordern deswegen, keine Anlagen in Wäldern und an Waldrändern, in Nationalparks und Naturschutzgebieten zu bauen. Der Ökostromanbieter VeganStrom, gegründet 2020 von dem Physiker Erik Oldekop, geht sogar noch einen Schritt weiter: Er lehnt alle Quellen ab, die nachgewiesen oder wahrscheinlich Tierleben beeinträchtigen. Das heißt: Wasserkraftwerke (Fische), Onshore-Wind (Vögel und Fledermäuse), Offshore-Wind (Meeressäuger, Vögel, Fische) und Biomasse (Nutzung von Mist aus Massentierhaltung). Was bleibt übrig?

VeganStrom bezieht seine Energie zu 100 Prozent aus Photovoltaik (PV)- Technik – will in Zukunft aber auch Geothermie- und Gezeitenkraftwerke am Strommix beteiligen. Die PV-Anlagen sind auf Gebäuden installiert, in Biotop-Solarparks und auf Äckern, auch genannt „Agri-Photovoltaik“. Dabei geht es um Solarpaneele, die auf Gestellen über dem Boden installiert werden, damit die Flächen effizienter genutzt werden können. Unten gedeiht zum Beispiel Weizen oder weiden Schafe, oben wird Strom produziert. Die PV-Anlagen wirken nebenbei wie Gartenschirme, schützen Pflanzen und Tiere etwa vor Hagel oder Hitze. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) schätzt das technische Potenzial von Agri-PV in Deutschland auf 1,7 Terawattpeak. Das entspricht etwa der 29-fachen Leistung aller Photovoltaikanlagen, die 2021 in Deutschland ans Netz gekoppelt waren.

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Nass-schneller Artencheck

Kennt ihr die Jahresschrift für Feldherpetologie und Ichthyofaunistik in Sachsen? Wir von enorm bisher auch nicht. Was hinter den Begriffen steckt? Abwarten, klärt sich gleich auf. Zunächst findet man aber in der vom Naturschutzbund Sachsen herausgegebenen Ausgabe 2021 einen Artikel der Gründer:innen des Start-ups Identme. Richard Pabst, Anne Findeisen, Patricia Holm haben Biologie und Biotechnologie studiert.

Die drei jungen Wissenschaftler:innen hatten eine clevere Idee. Üblicherweise ist es nur mit aufwendigen und für Tiere stressigen Methoden möglich, nachzuweisen, dass bestimmte, in der Natur versteckt lebende Arten überhaupt vorhanden sind: beobachten, fangen, Proben entnehmen. Relevant sind die Ergebnisse für Bauvorhaben, Naturschutz oder beim Ökosystemmanagement. Tier- und Pflanzenvorkommen müssen gemäß der Fauna-Flora-Habitat- Richtlinie (FFH-RL) der EU regelmäßig geprüft werden.

Das Team von Identme hat ein schonendes Verfahren entwickelt, das Prüfungsverfahren erleichtert und unterstützt. Wasserproben werden mit fixer Analyse im Labor (qPCR) auf ihre sogenannte Umwelt-DNA gecheckt. Denn: In Wasser- oder Feuchtgebieten geben Pflanzen oder Tiere kontinuierlich Minimengen ihres Erbguts ab. Damit lassen sich laut Identme geschützte Arten wie Moorfrosch oder Fischotter nachweisen. Das Spektrum umfasst momentan 13 Spezies. Womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Begriffen wären: Bei der Feldherpetologie geht es um die Kartierung, Dokumentation und faunistische Bewertung (Arealkunde) der „vorgefundenen Amphibien- und Reptilienarten“ – und deren Schutz. Die Ichthyofauna sind wiederum alle in einer Region vorkommenden Fischarten. Dank Identme bekommt man dazu jetzt schnell und einfach eine ganze Menge raus.

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Dieser Text erschien in der Ausgabe Juni/Juli 2022 des enorm Magazins. Du kannst sie bei GoodBuy versandkostenfrei und klimapositiv bestellen.