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29 Dezember 2020 / Lesezeit: 6 minuten

Vergessene Geschichten - Die Explosion von Deepwater Horizon

Der Kampf gegen die Ölindustrie

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 tötete Millionen Tiere, Korallen und Pflanzen. Fischer*innen im US-Bundesstaat Louisiana, wie der hier abgebildete Eugene Barthelemy, verloren dadurch ihre Lebensgrundlage.

Bild: Imago Images/ Aurora Photos

Bild: Imago Images/ Aurora Photos

2010 starben bei der Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon elf Menschen. Der Golf von Mexiko, die amerikanische Küste und insbesondere der US-Staat Louisiana wurden von einer Ölpest verseucht. Was ist seitdem geschehen und wie kann man ein zweites Deepwater Horizon verhindern?

Noch ein Jahr vor der Katastrophe hatten Ölkonzerne der US-amerikanischen Regierung feierlich versichert, man könne jedes Leck einer Bohrplattform innerhalb von 24 Stunden schließen. Nach der Explosion von Deepwater Horizon vor der Küste von Louisiana dauerte es exakt 87 Tage. Rund 500 Millionen Liter Öl flossen in den mexikanischen Golf, fraßen sich in die Strände, Städte und Sümpfe. Elf Menschen und Millionen Seevögel, Delfine, Korallen und Fische starben. Bis heute ist die Reproduktion der ansässigen Tierarten stark eingeschränkt. In den Eiern von Schildkröten wird immer noch Öl gefunden. Es ist die größte Ölkatastrophe in der Geschichte der USA. Wie konnte es dazu kommen?

Am 20. April 2010 ging die Offshore-Ölplattform in Flammen auf. Nach einem Versagen bei der Installation und Überprüfung der Sicherheitssysteme – unter anderem hatte Betreiber BP viel schwächere „Schutzmauern“ um das Bohrrohr im Ölfeld errichtet als üblich und bei den Sicherheitstests aus Kostengründen wichtige Schritte ausgelassen – kam es zu einem sogenannten „Blowout“. Durch den Druck von mehreren Erdgaseinbrüchen schoss eine Masse aus Öl, Methangas und Schlamm in die Höhe und entzündete sich. Deepwater Horizon ging in Flammen auf – das Bohrungsrohr brach. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass auch das am Bau der Plattform beteiligte Unternehmen Halliburton eine große Mitschuld an der Katastrophe trug: Der Konzern hatte eine billige Betonmischung verwendet, durch die Gas in das Rohr eindringen konnte und so die Explosion mitauslöste. Im nachfolgenden Gerichtsprozess gestand Halliburton, entsprechende Beweise unmittelbar nach dem Desaster vernichtet zu haben.

2010 explodierte die Ölplattform Deepwater Horizon vor der Küste Louisianas. Bild: Imago Images/ZUMA Wire

Mehr als 8 Milliarden für die Wiederherstellung der Küste

Nach der Ölpest wurden die Auflagen für die Ölindustrie in den USA massiv verschärft. Unter Präsident Barack Obama wurden 342 neue Bestimmungen zur Kontrolle, Verbesserung und Aufsicht der Sicherheitssysteme erlassen, viele davon drehen sich um die sogenannten BOPs, kurz für „Blowout Preventers“, eine Reihe von Hochleistungsventilen, die auf einem Bohrloch installiert werden und geschlossen werden können, um den Austritt von Öl und Gas zu verhindern. Außerdem wurde festgelegt, dass beim Monitoring der Rohre auch eine unabhängige Kontrolle der Einhaltung der Standards stattfinden muss. 80 Prozent der 8,8 Milliarden US-Dollar Schadensersatzzahlungen, die BP allein an Louisiana zahlen musste, fließen bis heute in die Wiederherstellung der verseuchten Küste. Es schien zunächst, als hätten die USA dazugelernt.

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Doch kaum wahrgenommen wurde, dass Obama gleichzeitig mit den strengen Sicherheitsauflagen auch den Weg für die Förderunternehmen freigab, immer mehr Ölfelder im Golf von Mexiko zu erschließen und anzubohren. So steigerte die Öl- und Gasindustrie ihre Produktion sogar erheblich im Vergleich zu der Amtszeit seines ölfreundlichen Vorgängers George W. Bush. Schuld daran war auch das in den USA immer großflächiger betriebene Fracking. Dann kam Donald Trump, der mit David Bernhardt einen ehemaligen Öllobbyisten als Innenminister einsetzte. Ein Posten, der in den USA auch für die Beaufsichtigung der Ölindustrie zuständig ist.

Stand 2019 hat die Trump-Regierung bereits 68 der nach Deepwater Horizon eingeführten Sicherheitsbestimmungen aufgehoben und den Offshore-Ölplattformen und Gas-Drilling-Firmen grünes Licht für eine noch größere Expansion der Bohrungen gegeben: Mehr als 242 Millionen Quadratmeter Meer sind davon allein im mexikanischen Golf betroffen, das umfasst 90 Prozent aller dortigen Ölvorkommen.

Was wird die Biden-Regierung anders machen?

Trumps designierter Nachfolger, der Demokrat Joe Biden, schlägt einen anderen Ton an: Amerika müsse sich von der Ölindustrie wegbewegen, forderte er im letzten TV-Duell mit Trump im November. Biden hat im Wahlkampf versprochen, dem Pariser Klimaabkommen wieder beizutreten und die USA bis 2050 klimaneutral zu machen. Die Stromversorgung des Landes soll hierfür bis 2035 auf 100 Prozent erneuerbare Energien umgestellt werden: das ambitionierteste Klimaprogramm, das ein Präsident je präsentiert hat – und das unwahrscheinlichste.
So hat Biden zwar bereits angekündigt, sich gegen Bohrungen im seit Jahren von Umweltschützer*innen umkämpften Arctic Wildlife Refuge in Alaska einzusetzen ( Trump will noch vor der Amtseinführung seines Nachfolgers die Rechte dafür teuer an Konzerne versteigern). Auch die von Trump aufgeweichten Auflagen für die Konstruktion von Pipelines und Plattformen will Biden wiederherstellen.
Aber der 78-jährige Demokrat hat sich auch bereits gegen ein anfänglich von ihm versprochenes Verbot von Fracking zur Öl- und Gasförderung ausgesprochen. Sofort folgte Kritik aus der eigenen Partei: Etwa sagte Alexandria Ocasio-Cortez, die sich für ein vollständiges Frackingverbot einsetzt, in einem Interview mit CNN, dass sie Biden gerne diesbezüglich „überzeugen wolle“. Ambitionierte umweltpolitische Pläne sind laut mehren Umweltschutzbehörden mit Fracking schlicht nicht vereinbar.

Es braucht globale Standards

Um ein nächstes Deepwater Horizon auch außerhalb der USA zu verhindern, müsste es auch internationale verbindliche Regelungen für deren Prävention und die Haftung in der Öl-und Gasindustrie geben. Bis heute existieren aber nur nationale Vorschriften. Der WWF forderte daher bereits 2015 die Bildung einer internationalen UN-Organisation, die Vorgaben für die Offshore-Öl- und -Gasindustrie macht, vergleichbar der Internationalen Schifffahrtsorganisation IMO, sowie den Aufbau eines verpflichtenden globalen Haftungsfonds der Offshore-Ölindustrie, wie er für die Öltankerschifffahrt üblich ist. Bislang gibt es jedoch keinerlei politischen Fortschritt in diese Richtung.

Deepwater Horizon: Rehabilitierung der Ökosysteme

Es komme also darauf an, ob Biden sein Versprechen, die Offshore-Ölförderung auf staatlichen Gewässern abzubauen, umsetzen wird, sagt Dustin Renaud von Healthy Gulf mit Sitz in New Orleans. Die NGO setzt sich gegen die Industrie in der Golfregion und für die Rehabilitierung der Ökosysteme ein. „Wir wünschen uns, dass die Biden-Regierung keine neuen Verträge für Bohrungen im Golf von Mexiko abschließen wird. Auch wenn das nicht bedeutet, dass alle Öl- und Gasbohrungen eingestellt werden, wäre es ein Beginn für den Umstieg von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien wie Wind. Der Golf von Mexiko ist seit Jahrzehnten der Energieversorger der USA, und wir müssen Arbeitsplätze für erneuerbare Energien im Golf schaffen, um einen gerechten Übergang zu erneuerbaren Energien sicherzustellen.“

Zahlreiche Umweltprojekte versuchen das Ökosystem in Louisiana wiederherzustellen, etwa den Lebensraum der Wildvögel in den Sümpfen. Bild: Imago Images/ ZUMA Wire
Im konservativen Louisiana hängen unzählige Jobs von der Ölindustrie ab. Daher ist es kein Wunder, dass Trump die Wahl in diesem Staat gewann. Auch Bidens Versprechen, die grüne Transformation der USA mit der Schaffung von grünen Jobs zu begleiten, ist daher entscheidend für den Kampf gegen das Öl. Erste zarte Schritte werden in Louisiana bereits ohne den neuen Präsidenten gemacht: Der seit langem erste demokratische Gouverneur des Staates, John Bel Edwards, hat eine KlimaTaskforce ins Leben gerufen, die sich für den Bau von Offshore Windparks in Louisiana einsetzt. Die Konstruktion einer der größten Solaranlagen des Staates wird wohl dieses Jahr abgeschlossen und zwei weitere große Solaranlagen sind im Bau.

Die Sümpfe schützen die Menschen vor Hurrikans

Die größte Baustelle in Louisiana ist aber Louisiana selbst. Das Sumpfgebiet, das insbesondere in der Cajun-Kultur auch „Bayou“ genannt wird, ist nicht nur eine beliebte Tourist*innenattraktion, sondern auch ein schützender Gürtel, der sowohl Öl als auch Fluten wie ein Schwamm aufsaugen kann. Aber der Bayou wird von über tausend künstlichen Transport-Kanälen und Pipelines, die das Öl vom Meer ins Inland leiten, völlig erodiert. Gleichzeitig steigt der Meeresspiegel durch die Klimakrise
weiter an. In den vergangenen 200 Jahren sind über 50 Prozent des Sumpflandes abgetragen worden. Das wiederum, sagt Umweltschützer Renaud, fördere Hurrikans wie den Wirbelsturm Katrina, der 4,5 Jahre vor der Explosion von Deepwater Horizon Louisiana verwüstete. „Wir können wertvolle Feuchtgebiete nicht weiter zerstören, während wir Milliarden Dollar ausgeben, um sie wieder aufzufüllen. Die Sümpfe sind der Puffer, der uns vor Hurrikans schützt.“

Eine gerade veröffentliche Studie von Klimaforscher*innen belegt, dass Hurrikans in Nord- und Mittelamerika durch die Klimakrise stärker werden, da sie sich von dem erwärmten Wasser länger nähren können. Wird die Küste weiter abgetragen, treffen sie mit immer größerer Wucht auf das Festland. Die Zeit wird knapp: Innerhalb der Hurrikan-Saison von Juni bis November 2020 haben bereits elf Wirbelstürme das US-Festland erreicht. Das gab es noch nie. Jeder Wirbelsturm führt wiederum zu Öllecks im veralteten Pipelinenetz der Sümpfe. Dabei kann es sich je nach Stärke des Sturms um Millionen Liter Öl handeln, die ins Inland fließen. Es ist also nicht nur für den Umweltschutz essenziell, die Küste wiederherzustellen. Dafür hat der Staat Louisiana den „Louisiana Coastal Master Plan“ entwickelt.

Die zuständige staatliche Behörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) erklärt auf Anfrage, dass sie in der Barataria Bay im Südosten Louisianas durch Segmentanreicherungen allein 485 Hektar Sumpfgebiet schaffen will. Ein weiteres Projekt ist die bereits abgeschlossene Restaurierung der Barriereinsel Cheniere Ronquille, die Teil der Kette der zuvor stark von Deepwater Horizon verseuchten Barataria Bay Islands ist. „Sie bietet Lebensraum für Vögel, Fische, Schalentiere und Säugetiere und ist eine erste Verteidigungslinie gegen Hurrikanstürme für Gemeinden weiter im Landesinneren, einschließlich New Orleans“, sagt ein Sprecher der NOAA. Eine der Vogelarten, die sich bisher am besten erholt, ist der braune Pelikan, das Wahrzeichen Louisianas.

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Es wird immer tiefer nach Öl gebohrt

Die Naturschutzprojekte des Staates werden vor allem von jenen 8,8 Milliarden Dollar finanziert, die BP Louisiana nach Deepwater Horizon zahlen musste. Sind die Gelder verhältnismäßig im Vergleich zum Ausmaß der ökologischen Katastrophe? Nein, sagt Dustin Renaud entschieden. „Kein Geldbetrag wird jemals den Schaden rückgängig machen, der den Ökosystemen und Gemeinden des Golfs von Mexiko zugefügt wurde.“ Im Vergleich: Laut der offiziellen Website von BP will der Konzern bald bis zu 3 Milliarden Dollar pro Jahr in die Erschließung neuer Offshore-Ölfelder investieren. Außerdem dürfe man laut Renaud nicht vergessen, dass auch abseits der medienwirksamen Katastrophen wie Deepwater Horizon permanent Öl ins Ökosystem gerät. Allein im Jahr 2017 wurden der US-Küstenwache im Golf von Mexiko 2.100 Öl- und Gasverschmutzungen gemeldet. „Am alarmierendsten ist, dass Ölbohrungen in immer tieferen Gewässern erfolgen“, sagt Renaud. „Sollte es zu einem weiteren katastrophalen Ausbruch kommen, befürchten wir, dass es viel schwieriger sein wird, ihn einzudämmen.“

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Vergessene Geschichten – War da was?“ der Jubiläums-Ausgabe 06/20 des enorm Magazins.

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