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26 Oktober 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Gegen das Waldsterben

So helfen Bauminseln dem Wald, sich selbst zu heilen

Naturnahe Aufforstung: Um dem Waldsterben entgegenzuwirken, sollen Bauminseln die Selbstheilungskräfte der Natur aktivieren.

Bild: Unsplash / Steven Kamenar

Bild: Unsplash / Steven Kamenar

Nur ein naturnaher Wald ist widerstandsfähig. Zur Not helfen ihm Bauminseln, sich selbst aufzuforsten. Das lohnt sich auch wirtschaftlich.

Einst war Deutschland ein Land der Laubbäume; heute besteht unser Wald zu 60 Prozent aus Nadelholz. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Holzbedarf hoch und in Regionen wie dem Harz erhöhte der Bergbau die Nachfrage zusätzlich. Die Folge: Laubwälder wurden großflächig abgeholzt und mit dem „Wunderbaum Fichte“ in Monokultur wieder aufgeforstet. „Fichten wachsen schnell und kommen, zumindest in den ersten Jahren, gut mit Hitze und Kälte klar“, erklärt Peter Naumann vom Verein Bergwaldprojekt. Der Verein setzt sich mit Freiwilligen für die Pflege und den Erhalt der Wälder ein.

Ursprünglich sind Fichten aber erst oberhalb von 700 bis 800 Höhenmetern heimisch. In tieferen Lagen sind sie langfristig nicht resilient gegen die Folgen der Klimakrise und Plagen wie den Borkenkäfer. „Allein in den vergangenen drei Jahren haben wir in Deutschland 400.000 Hektar Wald verloren“, sagt Naumann. Mindestens 277.000 Hektar müssten derzeit wieder bewaldet werden, heißt es im Waldbericht der Bundesregierung 2021 – eine Aufgabe für Generationen, doch wenn der Mensch sie lässt, trägt die Natur einen großen Teil dazu bei.

Mit circa 3.000 Hektar Gesamtfläche ist der Goslarer Stadtwald der größte kommunale Wald Niedersachsens. Wie viele Wälder im Harz besteht er zu etwa 80 Prozent aus Fichte – und stirbt. „Deutlich mehr als die Hälfte der Fichten in der Stadtforst sind bereits tot oder so stark vom Borkenkäfer befallen, dass sie absterben“, sagt Wolfgang Lebzien, Leiter der Goslarer Stadtforst. Die Wiederaufforstung der riesigen Fläche bringt ihn und sein Team an ihre Grenzen. Neben neuen Flächen müssen auch bereits bepflanzte Gebiete immer wieder nachgebessert werden, weil Jungbäume vertrocknen oder von Wild gefressen werden. „Wir sind bei der Verjüngung des Waldes auch auf die Hilfe der Natur angewiesen“, sagt er.

Eine Möglichkeit, sich deren Selbstheilungskräfte zunutze zu machen, sind sogenannte Bauminseln oder Klumpenpflanzungen. „Klumpenpflanzung bedeutet, dass man nicht die ganze Fläche mit standortgemäßen Baumarten bepflanzt, sondern der Natur die Möglichkeit gibt, Naturverjüngung beizusteuern“, erklärt Peter Naumann. „Lichtbaumarten wie Ahorn und Eiche werden als kleine Inseln ins offene Meer hineingesetzt.“ Im Gegensatz zu Schattbaumarten vertragen sie direktes Sonnenlicht und bilden einen Schirm, unter dem sich später auch Tannen und Buchen ansiedeln können. Bei der Naturverjüngung erneuert sich der Wald über die Samen bestehender Bäume selbst. Mit der Zeit schließen sich so die Lücken zwischen den Bauminseln und ein flächiger Wald entsteht.

In der Wissenschaft gibt es Überlegungen, hitzebeständigere Baumarten aus dem Mittelmeerraum auch in Deutschland anzusiedeln. Doch Naumann warnt vor der Suche nach einem neuen Wunderbaum wie der Fichte. Nur ein naturnaher Mischwald mit standortheimischen Baumarten und hoher Biodiversität sei langfristig resilient gegen den Klimawandel. Bauminseln sind eine Möglichkeit, Kahlflächen naturnah aufzuforsten. Die Methode spart den Förster:innen Geld und Zeit. Wolfgang Lebzien rechnet vor: „Für eine vollflächige Bepflanzung mit Buchen brauchen wir 8.000 bis 9.000 Bäume pro Hektar. Bei der Klumpenbepflanzung wären es nur rund 1.000 Bäume für die gleiche Fläche.“ Im Land Niedersachsen rechnet sich die Methode derzeit allerdings nicht, da die vollflächige Bepflanzung finanziell stark gefördert wird.

Allerdings hat die Klumpenpflanzung nicht nur Vorteile. Da die nicht bepflanzten Zwischenräume erst im Laufe der Zeit zuwachsen, dauert es länger als bei der vollflächigen Bepflanzung, bis das erste Holz geerntet werden kann. Außerdem ist die Qualität des Holzes oft schlechter. Im Wald stehen die Bäume typischerweise dicht beieinander. Um das Sonnenlicht zu erreichen, wachsen sie gerade nach oben und verzweigen sich erst in größerer Höhe. So entsteht hochwertiges Bauholz. Da bei Bauminseln das Licht aber auch seitlich einfällt, wachsen an den Rändern weitverzweigte Bäume. „Die machen zwar optisch viel her, aber sind im schlimmsten Fall nur als Brennholz zu gebrauchen“, so Lebzien. Bauminseln werden deshalb nur ein Teil der Lösung sein – ein wertvoller Mosaikstein bei Wiederbewaldung.

Auch Peter Naumann ist überzeugt: „Bauminseln sind nicht die Inseln der Seeligen, sie sind eigentlich ein Katastrophen-Werkzeug.“ Besser wäre es, Brachflächen gar nicht erst entstehen zu lassen, sondern absterbende Fichten mit jungen Laubbäumen zu unterpflanzen. „Totholz spendet Schatten, schützt den Boden vor Erosion und die jungen Bäume vor Frost und Hitze. Außerdem verhindert es Wildverbiss“, erklärt Naumann.

Was die alten Fichten für die jungen Laubbäume leisten, können auch Landwirt:innen nutzen. Agroforstwirtschaft heißt eine Kombination von Land- und Forstwirtschaft, bei der Bäume und Sträucher zusammen mit Ackerkulturen wie Gemüse oder Getreide angebaut werden. Bauminseln auf den Feldern schützen Feldfrüchte vor Wind und Wetter und versorgen sie mit Nährstoffen aus tieferen Bodenschichten. „Außerdem bilden sie als Biotopverbund ein Habitat für unterschiedliche Nützlinge“, sagt Rüdiger Graß, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Agroforst Deutschland. Landwirt:innen können so ihre Erträge diversifizieren. „Das kann den Ertrag steigern“, so Graß. Auch der Weltklimarat empfiehlt Agroforstsysteme als Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel.

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Bauminseln und Agroforstsysteme sind nicht neu. Im Gegenteil: „Man besinnt sich zurück, lernt von der Natur und entwickelt Altbewährtes weiter“, sagt Graß. Doch um von der Natur zu lernen, braucht es Räume, auf die der Mensch keinen Einfluss ausübt. Der Nationalpark Harz ist ein solcher Ort. „Bei uns führt die Natur Regie“, sagt Sprecher Friedhart Knolle. Neben Nationalparks bieten auch sogenannte Bannwälder ein Stück Erholung für die Natur; das sind kleine Waldstücke in Baden-Württemberg, wo der Mensch nicht in den Kreislauf der Natur eingreifen darf. Wenn Bäume hier absterben, werden sie nicht entfernt, sondern liefern Nährstoffe für Pilze, Insekten und Pflanzen. „Der Wald erneuert sich von allein“, sagt Knolle. Wie in Nationalparks können die Forscher:innen hier beobachten, mit welchen Maßnahmen sich die Natur selbst gegen Dürre, Hitze und Schädlinge wappnet. Schließlich hat die Erfahrung gezeigt, dass sie selbst die beste Försterin ist.