Startseite/Lebensstil/Nachhaltiges Wohnen
8 November 2022 / Lesezeit: 5 minuten

Anzeige - Wegweiser in Krisenzeiten

Utopisch? Das Ökodorf Sieben Linden hat einen Kompass

Anzeige
Sie leben nicht wie vor hundert Jahren, sondern wie in hundert Jahren. 150 Bewohner:innen in Sieben Linden blicken heute auf 25 Jahre Ökodorf, Nachhaltigkeit und Gemeinschaftsgeschichte zurück. Und sie schauen nach vorn – inmitten von Krisen, Klimawandel und sozialen Herausforderungen. Was kann die Gesellschaft in einer Zeit der Multikrisen von ihnen lernen?

Das Ökodorf Sieben Linden wirkte damals utopisch. Viele Skeptiker:innen haben die „Weltverbesserer“ in Strickpullis, die aus Strohballen Häuser bauen wollten, als realitätsfern belächelt. 1997 kamen sie in die Altmark Sachsen-Anhalts, mit dem unerschütterlichen Willen, eine Gemeinschaft mit kleinem ökologischen Fußabdruck aufzubauen. Doch nun ändert sich die Betrachtungsweise, denn die Realität der Klimakrise hat uns eingeholt. Funktionierende Alternativen rücken in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

150 Menschen wohnen und arbeiten in einer gemeinschaftlichen Siedlung

Die Ökodorf-Gemeinschaft zählt mittlerweile 150 Erwachsene, Jugendliche, Kinder und junge Freiwillige. Sie hat in 25 Jahren vor Ort handfeste Erfahrungen gesammelt, und der Bedarf aus Politik und Bevölkerung an nachhaltigen, erprobten Lösungen wächst.

Den Besucher:innen zeigt sich die Ökodorf-Siedlung zunächst durch ein ungewöhnliches, aber durchaus einladendes Ortsbild: 15 große und kleine Strohballen-Lehmhäuser mit Solar- und Holzheizung haben die Bewohner:innen mit viel Eigenleistung und Innovationsgeist errichtet. Diese Gebäude bilden den Kern der kleinen Siedlung mit wildem Grün, unbefestigten Wegen und Brennholzunterständen. Außerdem Werkstätten, ein Gemeinschaftshaus, das Teichbiotop, ein „Haus der Stille“ mit Gründach, nach höchsten ökologischen Standards gedämmte Bauwagen und der eigene Waldkindergarten am Rande des Kiefernwaldes. Das Prinzip der wassersparenden Kreisläufe mit Komposttoiletten und Pflanzenkläranlage lässt man sich auf einer Führung erläutern. Einer, der immer mal Gästen das Gelände zeigt, ist Jörg Zimmermann. Seine Leidenschaft gilt den Wildkräutern und seinem Wildkräuterversand „Wilde 7“ .
Was hat den studierten Landwirt dazu gebracht, als gebürtiger Berliner die akademische Laufbahn auszuschlagen und stattdessen auf‘s Land zu gehen? „Schon in den 90er Jahren war mir als umweltbewusster junger Mensch klar, dass Krisen kommen werden und dass das auf Konsum basierende Leben in der Stadt keine Zukunft hat. Ich wollte mich selbst versorgen lernen und bin dabei auf die vielfältige Welt der Wildkräuter gestoßen“, so bringt er es auf den Punkt.

Der eigene professioneller Öko-Garten versorgt die Bewohner:innen und Gäste

Jörg bleibt auf seinen informativen Streifzügen gern mal im Garten hängen. Permakultur und Selbstversorgung sind ein Herzstück Sieben Lindens, der riesige Garten mit Gewächshäusern und Baumschule zeugt von vorausschauender Planung und von sehr viel Arbeit. Bis zu 80% Gemüse, Obst, Kartoffeln und Kräuter kommen übers ganze Jahr aus Eigenanbau – und man isst hier reichlich pflanzliche Kost. Die Mahlzeiten, die für Bewohner:innen und Gäste in der professionellen Gemeinschaftsküche zubereitet werden, sind vegan-vegetarisch. Auch das setzen die Sieben Lindner:innen nicht erst um, seit die meisten angesagten Bistros in Berlin vegane Gerichte im Angebot haben. Zusammen gesund und ökologisch Essen hatte von Anfang an einen großen Wert im Ökodorf: Farbenfrohes Gemüse und Frischkost türmt sich auf den Tellern der gesellig in der Oktobersonne zusammensitzenden, kauenden und erzählenden Menschen. Ist Gemeinschaft eine der wichtigsten Zutaten, nur unsichtbar und schwer zu vermitteln?

Eva Stützel stapelt Holz

Utopisch? Sonne und Holz heizen die Strohballenhäuser

Wir treffen Eva Stützel Ende Oktober beim Brennholz-Stapeln an. Flink packt sie die dicken Holzscheite aus dem Unterstand nah am Strohballenlehmhaus „Windrose“ in ihre Schubkarre. Die 57jährige Psychologin ist eine der Ökodorf-Pionierinnen. Hinter ihr liegen 30 Jahre Projekterfahrung, die sie inzwischen als Beraterin und Autorin weitergibt. „Wir haben in diesem Herbst kaum Brennholz verwenden müssen, und mein WG-Zimmer im Strohballenhaus war trotzdem den ganzen Herbst über durch die Sonnenkraft warm, ebenso das Duschwasser. Wir müssen uns zum Glück über die steigenden Energiepreise derzeit noch keine Sorgen machen.“ Das Energiekonzept scheint aufzugehen, mit 80 Hektar Wald ist man nah dran an der eigenen Brennholz-Erzeugung.Mit derzeit ca. 2,7 m² Photovoltaikanlage pro Bewohner*in am Netz produziert Sieben Linden im Jahr 45% des Stroms, den es im Jahr verbraucht selbst.

Aus Fehlern gelernt und einen Kompass entwickelt

Was hat Eva gelernt im Zuge des Projektaufbaus? Sie sagt, es habe Höhen und Tiefen gegeben, das sei normal in jedem Projekt. Und jede Menge Fehler – ohne Fehler lerne man nichts dazu. „Doch es macht mich froh, mit dem Gemeinschaftskompass die Essenz aus Sieben Linden nun systematisch weitergeben zu können. Dann können andere Teams und Initiativen ja ganz neue Fehler machen und müssen unsere nicht wiederholen!“ sagt sie und lächelt verschmitzt.

Dieser Wunsch, Gelerntes an andere Menschen weiterzugeben, ist der Grund, warum es ein breites Spektrum an Präsenzseminaren – und Online-Kursen aus Sieben Linden gibt, die neben schillernden Impulsgebern wie „Dragon Dreaming“ vor allem Themen wie „Kommunikationskultur“ und „Umgang mit Konflikten“ umfassen. Gibt es etwa Streit in Sieben Linden? „Ja klar!“ – und wieder Evas einnehmendes Lächeln. Das Zwischenmenschliche sei die eigentliche Herausforderung der meisten Initiativen, häufig wird sie wegen Konflikten zu Projekten gerufen. „An sich müsste ein Dissens kein Drama werden – aber den Akteuren fehlen oft Werkzeuge, wie sie sich selbstorganisiert über Uneinigkeit, Krise oder Missverständnisse hinweghelfen können. Und wenn man von Anfang an klare und passende Entscheidungsstrukturen implementiert, wird manche Schwierigkeit gar nicht erst aufkommen.

Jungen Menschen etwas mitgeben

Das Ökodorf und die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Natur zieht mehr junge Leute an, als man aufnehmen kann. Besonders das FÖJ (Freiwilliges Ökologisches Jahr) und andere geförderte Programme sind aktuell begehrt. Sophie Willert ist selbst als Freiwillige hier eingestiegen und geblieben. Sie sieht den Zuspruch der jungen Engagierten als Kompliment an – und als Ansporn, den Suchenden etwas mitzugeben. „Gerade die jungen Leute sind auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragezeichen unserer Zeit. Bei uns gibt es Inspirationen und Antworten auf die aktuellen Krisen. Auch ich habe diese gefunden und wünsche mir, dass Gemeinschaften und Ökodorfinitiativen und ihre Ideen noch weiter in die Welt wirken und ausstrahlen. Die Tiefenökologie zum Beispiel ist eine Methode, wenn es darum geht, ‚dem Chaos zu begegnen, ohne verrückt zu werden‘ oder daran zu zerbrechen. Wir stärken und befähigen auch politisches Engagement aus einer Haltung inneren Gleichgewichts und Friedens. “

Digital Detox – und trotzdem verbunden mit der Welt

In Sieben Linden leben sie nicht wie vor hundert Jahren, auch wenn sie ihre Seminargäste im stilvollem Ambiente des „Strohtels“ aus Holz, Stroh und Lehm unterbringen. Sie leben jetzt und heute. Nach längerem Zögern und vielen Besprechungen, kam der Digitalisierungsschub: In Podcasts und Online-Kursen soll das Erfahrungswissen nun mehr Menschen als bisher zur Verfügung stehen. „Hol‘ dir das Ökodorf nach Hause und lerne, wann und wo du willst!“ heißt es selbstbewusst und einladend auf der frisch redesignten Webseite . Sogar ein Instagram-Kanal wird von Sophie aufgebaut. Nur wenige Bewohner:innen seien allerdings selbst auf Instagram, wie sie schmunzelnd verrät. „Dennoch gibt es eine Bewusstheit hier vor Ort darüber, dass wir über digitale Wege auch Menschen erreichen, die uns sonst nicht entdecken würden. Im Ökodorf selbst leben wir einen reflektierten Umgang mit Mobiltelefonen und Computern. Wir achten darauf, dass unsere Handys im Flugzeugmodus sind und nutzen statt WLAN kabelgebundenes Internet.“

Was kannst auch du zum Wandel beitragen?
Die Gemeinschaft lädt dich ein zu ihrem kostenfreien Online-Kongress start.grow.change. Vom 16.-24.11.2022.
9 Tage/8 Impulse/ 7 Linden
Der Online-Kongress start.grow.change lässt alle Referent:innen der „Sieben Linden Webinarwelt“ zu Wort kommen. Er wird viele Aspekte beleuchten, wie wir den Multikrisen unserer Zeit begegnen können.

Melde dich HIER an. Wachse und transformiere dich und andere!

Ökodorf Sieben Linden Das Ökodorf Sieben Linden ist eine Gemeinschaft in der Altmark Sachsen-Anhalts. Seit 1997 zeigt Sieben Linden, wie wir mit einem kleineren ökologischen Fußabdruck ein großartiges und nachhaltiges Leben führen können. 150 Erwachsene und Kinder leben, lieben und arbeiten auf 103 Hektar Fläche, umgeben von Wäldern, wohnend in Strohballenlehmhäuser. Ihr über Jahrzehnte gereiftes Praxiswissen geben die Bewohner:innen in Seminaren, Online-Kursen und Podcasts weiter.