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29 December 2016 / Lesezeit: 4 minuten

Selbstversuch im Tiny House

Leben auf 6,4 Quadratmetern

Eine 100-Euro-Wohnung in Berlin-Kreuzberg? Probewohnen im Tiny100

Titelbild: Judith Müllner

100 Euro Miete, warm, voll ausgestattet, Berlin-Kreuzberg. Von solchen Wohnungsanzeigen träumt man. Für mich wurde das Wirklichkeit, denn ich durfte einen Tag und eine Nacht im Tiny100 verbringen.

Das Tiny100 besitzt nur 6,4 Quadratmeter Grundfläche, soll aber dennoch ausreichend Platz zum Leben bieten, verspricht Van Bo Le-Mentzel, der Architekt des Minihauses. Er hat bereits die Hartz-IV-Möbel und die Karma Classics erfunden und will mit seinen Konzepten immer wieder zum Nachdenken anstoßen – in diesem Fall darüber, wie wir in Zukunft mit begrenztem urbanen Wohnraum umgehen wollen. Deshalb ist das Tiny100 auch nur ein Teil eine größeren Vision. Es soll nicht einsam auf seinen vier Rädern in der Natur stehen, sondern zum „Co-being-Haus” werden. Sprich, mehrere dieser Holzquader aneinander und übereinander, sodass sich in der Mitte eine Gemeinschaftsfläche bildet. Sollte man die Lust verlieren, sich mit anderen zu beschäftigen, zieht man sich einfach in seine 3,9 Meter hohen vier Wände zurück.

Ein Schritt und man steht in drei Räumen gleichzeitig

Doch wie lebt es sich darin? Multifunktional mit ausgeklügelter Raumarchitektur. Direkt nach dem ich mein neues Teilzeit-Zuhause betreten habe, stehe ich in Wohn-, Esszimmer und Küche gleichzeitig. Es riecht gut nach neuem Holz – dem Rohstoff des Hauses.

In der linken Ecke befindet sich ein großer grauer Sessel, der zur Schlafcouch umgebaut werden kann. In direkter Nachbarschaft steht ein kleiner Tisch mit Hocker, und daneben eine Küchenzeile, etwa einen Meter lang. Die mobile Induktionsplatte hängt an der Wand und verbraucht nur bei Bedarf Platz in der Küche. Ein Spiegel hinter der Küchenzeile sorgt für mehr tiefe im Raum. Darüber, auf einem eingezogenen zweiten Boden, ist der Schlaf- und Arbeitsplatz, der sich etwa über der Hälfte der Grundfläche erstreckt. Ihn erreicht man über eine schmale Leiter, die man bei Bedarf abnimmt.

Nur ein abgeschlossener Raum

Bevor ich dort hinauf klettere, inspiziere ich den schmalen Gang dahinter. Er führt zur Garderobe, die gleichzeitig Kleiderschrank ist. Zu meiner linken öffne ich eine Tür – dies ist der einzig abgeschlossene Raum. Dahinter verbirgt sich das Badezimmer, oder treffender, die Nasszelle, wie sie mancher vielleicht von Schiffsreisen kennt. Hier merkt man schnell, dass nicht viel Bewegung nötig, oder eben möglich ist, um sein alltägliches Geschäft zu erledigen. Lediglich ich selbst reiche aus, um das Bad auszufüllen. Für klaustrophobe Menschen könnte dieser Teil der 100-Euro-Wohnung also wirklich zur Kammer des Schreckens werden, weil es neben der kleinen Fläche, aufgrund des darüber liegenden Schlaf- und Arbeitsbereichs, an Deckenhöhe einbüßt.

Schön warm wird es im Tinyhouse auf jeden Fall – nachdem ich das Feuer im kleinen Holzofen entfache. In der Theorie verfügt das Tiny100 auch über fließend Wasser. In der Praxis sieht das aber wegen dem fehlenden festen Stellplatz des Prototyp, anders aus. Einen Wasseranschluss gibt es nicht.

Alternativen für fließend Wasser

Eine Biotoilette bietet mir deshalb für den Tag eine Alternative zur Toilette mit Spülung. Zudem steht es mir offen die Sanitäranlagen im Cafe nebenan zu nutzen, wo ich sowieso meinen 20 Liter Wasserkanister für Trink-, Spül- und Kochwasser auffüllen darf. Komischerweise ertappe ich mich mindestens zehn mal dabei, wie ich aus Gewohnheit den Wasserhahn öffne und mich wundere weshalb kein Wasser herauskommt.

Die Dusche funktioniert eben auch nicht. Waschen kann ich mich aber in einer großen Wanne mit dem Wasser, das ich dann entweder mit der mobilen Induktionsplatte oder dem Holzofen nach und nach im Topf erwärme. Das sammle ich dann und schütte es später in die Kanalisation. Und da fange ich an zu realisieren, welchen Standard wir in unserem Alltag schon gewohnt sind. Trotzdem bin ich guter Dinge – hat ein bisschen was von Camping-Romantik. Strom und Wifi gibt es dann aber doch vom Cafe.

Mit Besuch könnte es eng werden

Allein im Tiny100 zu leben, bereitet keine Probleme. Man braucht maximal fünf Schritte, um jeden Lebensbereich zu vereinen und hat schnell die Dinge die man braucht zur Hand. Einzig, wenn man etwas im Bett vergessen hat und deshalb zum fünften Mal die schmale Treppe hinauf klettert, ist man ein wenig angenervt. Wenn man Besuch hat sieht die Situation allerdings schon etwas anders aus. Will man beispielsweise auf die Toilette und es steht jemand im Gang, muss man sich im wahrsten Sinne des Wortes dünne machen. Im Eingangs- und Wohnbereich hat man mehr Ausweichmöglichkeiten. Mindestens vier Menschen finden mit ausgezogenem Sessel Platz.

Durch die hohen Fenster wird das Tiny100 gut mit Licht durchflutet. Während meines Probewohnens im Berliner Winter fallen aber weniger Lichtstrahlen als neugierige Blicke dort hindurch. Wie oft sieht man schon ein Tinyhouse auf den Straßen Berlins? Menschen von jung bis alt, Studenten, Unternehmen, selbst Rentner und Familien kommen vorbei, um sich das Häuschen während der Besichtigungszeit zwischen 16 und 19 Uhr von innen anzusehen; von Filmteams brauchen wir gar nicht erst sprechen. Allein während der 24 Stunden, die ich in dem Haus verbringe, hatte ich mehr Besuch, als vermutlich gesamt in meinem bisherigen Leben.

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Eine Symbiose aus schlafen und arbeiten

Und wie ist das ganze nachts? Eine Petroleumlampe taucht den Raum in gemütliches Licht, das letzte Holzscheit ist fast nur noch Glut. Obwohl ich tagsüber das Gefühl hatte, dass man einfach in meine Privatsphäre eindringen kann, fühlte ich mich sicher und geborgen. Rollos bieten den nötigen Sichtschutz. Bis ich einschlafe kann ich durch die etwas hellhörigen Wände Stimmen und vorbeifahrende Autos wahrnehmen, ab und zu wackelt das Häuschen dann auch ein bisschen.

Mein liebster Part in den 24 Stunden war eindeutig die zweite Ebene. Eine geniale Konstruktion bietet die Möglichkeit an einem Schreibtisch zu sitzen und durch eine Aussparung die Beine nach unten in den Wohnraum hängen zu lassen. Somit muss man nicht im Schneidersitz arbeiten und die Füße werden weiter durchblutet. Außerdem arbeitet man somit gemütlich direkt aus dem Bett heraus. Die schmale Leiter mehrmals am Tag hoch- und runterzusteigen ist jedoch nicht für jeden so ein Spaß, wie für mich. Besonders für Ältere und Menschen mit Behinderung sehe ich hier große Nachteile. Außerdem glaube ich, dass es für kleine Familien zu anstrengend werden kann.

Weniger ist vielleicht doch mehr

Für beispielsweise mich selbst sehe ich dagegen große Vorteile, weil ich – ich muss gestehen – ein etwas unordentlicher Mensch bin. Das klingt jetzt vielleicht verwirrend, aber aufgrund der begrenzten Ablagemöglichkeiten macht man sich zweimal mehr Gedanken, wo man jetzt seine Einkäufe, seine Klamotten oder die Schlüssel ablegt – man fängt an sich zu strukturieren, um sich nicht ärgern zu müssen, wenn die Tischplatte versperrt ist, obwohl man jetzt darauf eigentlich Gemüse schneiden will. So findet jedes Ding seinen festen Ort und das Suchen wird einfacher, weil es generell weniger Platz zum Verlieren gibt. Für jemanden, der nicht viel Hab und Gut angesammelt hat, ist die kleine Wohnung ideal. Der Stauraum ist eben begrenzt.

Mit der 100-Euro-Wohnung Menschen zu sensibilisieren und zu fragen, wie viel Wohnraum wir wirklich brauchen, ist eine großartige Idee. Dort für befristete Zeit, etwa während des Studiums zu leben könnte ich mir auf jeden Fall vorstellen. Aber wer weiß, ob man sich nach ein, zwei Jahren nicht sowieso schon daran gewöhnt hat, generell weniger zu besitzen und sich damit freier zu fühlen. Wie praktikabel das ist, muss jeder Einzelne für sich erkunden.