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10 Dezember 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Nachhaltige Kreativorte in Brandenburg

Neues Leben in alten Dörfern

Besondere Transformation: Im gut 100 Jahre alten E-Werk in Luckenwalde wird heute wieder Strom produziert – in Verbindung mit künstlerischen Projekten.

Bild: Tim Haber

Bild: Tim Haber

In Brandenburg werden seit Jahren alte Gutshöfe, Industriebrachen, Bahnhöfe und Schlösser dank verschiedener Projekte reanimiert. Das Geld dafür ist knapp, der Pionier*innengeist groß. Nachhaltigkeit spielt fast immer eine wichtige Rolle.

Luckenwalde

Aus Alt mach Neu. Für das Logo des neuen „Kunststroms“, der im gut 100 Jahre alten E-Werk in Luckenwalde produziert wird, nutzte Gründer Pablo Wendel die aus Buntglas gefertigte Eingangstür. Wendel erlernte und studierte in Stuttgart den Beruf des Steinbildhauers. Im Jahr 2012 gründete er Performance Electrics, einen Stromanbieter der besonderen Art. Mit ihm fing er an, Strom an wechselnden Standorten in Verbindung mit künstlerischen Projekten zu produzieren.

Luckenwalde ist der bisherige Höhepunkt der elektrisierenden Projekte Wendels. „Ich habe das Werk, mit seiner riesigen Gesamtfläche, zu einem sehr guten Preis erhalten“, sagt Wendel, ohne den Betrag zu nennen. Das Elektrizitätswerk wurde einst 1913 innerhalb nur eines Jahres gebaut. „Und das ohne Strom, den gab es ja damals noch nicht“, erklärt Wendel. Die Kapazität reichte aus, um auch die umliegenden Gemeinden mit Strom zu versorgen. Damals dachte man schon höchst nachhaltig: Mit der Abwärme wurde das nebenan befindliche Stadtbad geheizt. Es steht heute leer.

Wendel jedenfalls restaurierte die alte Anlage zur Stromerzeugung des E-Werks. Statt mit Kohle wie in alten Zeiten kommen heute aber Holzscheite in die Öfen, die von einem historischen Schaufel-Förderband vom Keller in den ersten Stock transportiert werden. Das Kraftwerk ist eigentlich ein Industriemuseum, Technikgeschichte ist hier allgegenwärtig. Zur Instandsetzung nutzte Wendel Recycling-Güter: „Den alten Gastank habe ich aus dem Schrotthandel. Den haben wir  geschweißt, und jetzt ist er der Warmwasserspeicher.“ Momentan ist die Stromproduktion des modernen Holzkraftwerks mit Kraft-Wärme-Kopplung noch sehr klein, Wendel will sie aber mittelfristig ausdehnen: Rund 200 Haushalte sollen nach der Einspeisung ins öffentliche Netz mit seinem Strom versorgt werden können.

Die Renovierung der Anlage war ein Gemeinschaftsprojekt. Durch die von Pablo Wendel initiierte Aktion „Workaway“ kamen bisher über 50 Künstler*innen aus aller Welt, um freiwillig zu helfen. Sie bringen dafür ihr Wissen ein. Im Gegenzug sind Kost und Logis frei.

Kunst in der Provinz dank der E-Werk-Künstler*innen. Bild: E-WERK Luckenwalde

Das Projekt bringt wiederum so Kunst in die Provinz. Im Garten des E-Werks steht ein futuristisch wirkender „Fluxdome“ der Künstler Lukasz Lendzinski und Peter Weigand. Im restlichen Teil des Hauses sind Werkstätten und Ateliers untergebracht. Die Einnahmen der Vermietung dienen dem E-Werk zur Finanzierung der Kunstprojekte. Auch die Künstler*innen, die hier arbeiten, nutzen Wiederverwertetes. Wendel deutet auf alte Werkbänke, denen man jahrzehntelange Arbeit ansieht. „Die hat eine Schule aus Schwaben weggeschmissen, für mich unverständlich.“

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Ländliche Transformation: Raddusch

Wenn man Daniel Walaschek nach den Gründen fragt, warum er Berlin den Rücken gekehrt hat, hört man das, was viele erzählen. Die Hauptstadt werde immer voller, die Freiräume, die es etwa in den 90er-Jahren vor allem im Ostteil der Stadt gab, verschwänden zusehends. Er sagt: „Ich wohnte im Prenzlauer Berg und habe für einen Stuttgarter Verlag als Web-Entwickler für digitale Oberflächen gearbeitet.“ Die meiste Zeit im Homeoffice aus Berlin. Reisen nach Stuttgart standen pro Jahr nur etwa zweimal an.

Zusammen mit zwei Freunden fasste Walaschek vor einigen Jahren den Entschluss, der Stadt den Rücken zu kehren. Er fand einen alten Gasthof in Raddusch, einem kleinen Dorf im Spreewald. Walaschek zählt auf: „Dazu gehören ein 2.500 Quadratmeter großes Grundstück, 400 Quadratmeter Nutzfläche und ein alter Tanzsaal von 180 Quadratmeter. Alles in einem ziemlich verfallenen Zustand, mitsamt alten Ställen im Hinterhof.“ Ein Schnäppchen für 40.000 Euro.

Das Gutshaus bietet neue Projekträume für soziale Unternehmen. Bild: Kaiserliche Postagentur Raddusch / Karen Minden

Daraus ließe sich etwas machen, erkannte Walaschek. Allerdings waren hohe Investitionen nötig. Er beauftragte Fachfirmen. Das Vorderhaus ist mittlerweile solide renoviert. Auf der Website der „Kaiserlichen Postagentur“, so der Name des Areals, lassen sich die aufwendigen Renovierungsschritte gut nachvollziehen. Neben der Gastwirtschaft waren mal ein Kolonialwarenladen und eben eine Kaiserliche Postagentur ansässig. Auch eine Fleischerei gab es im Haus und ein gemütliches Jagdzimmer.

Bei der Renovierung beließ Walaschek Details wie die alten, hölzernen Fensterrahmen und setzte von außen wärmedämmende neue Rahmen auf. Die Fassade wurde mit Ornamenten neu gestaltet. In den ehemaligen Gasträumen des Gasthofs schuf er neue Projekträume, die als Büroräume gemietet werden können. Bevorzugt von sozialen Unternehmen, die eine nachhaltige Regionalentwicklung möglich machen.

Für die nahe Zukunft plant Walaschek, seine Räume auch für Veranstaltungen, Seminare und Bildungsangebote zu öffnen. Dazu soll auch der zur Zeit noch baufällige Tanzsaal ausgebaut werden und eine Heizungsanlage erhalten. Gut sieht es mit der Telekommunikation aus. „In Raddusch gibt es seit 2006 ein Bürgernetz, hier haben rund 80 Parteien einen gemeinsamen Glasfaseranschluss und dadurch superschnelles Internet zum Preis von 20 Euro pro Monat“, sagt Walaschek.

Ansonsten ist Walaschek mit seinem neuen Dorfleben recht zufrieden. „Natürlich gibt es hier nicht den Späti um die Ecke, und auch nicht 100 Kinos. Man muss seinen Lebensrhythmus schon umstellen“, gibt er zu. Doch wie alles hat dies seine Nachteile und Vorteile. Zu tun gäbe es immer etwas. Da ist der wildromantische Garten, der nach und nach gestaltet wird, und in zwei, drei Minuten ist man am Kahnhafen des Ortes, wo man mit dem Boot lospaddeln kann. Beobachtet von neugierigen Alpakas, die auf der Alpakafarm neben dem Hafen grasen. Eine Dorfkneipe gibt es nicht mehr, aber ein Hotel, Pensionen und eine Bäckerei.

Der alte Gasthof in Raddusch wird dank Daniel Walaschek als Kulturort wiedergenutzt.
Bild: Kaiserliche Postagentur Raddusch / Florian Bröcke

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Ländliche Transformation: Klein Glien

Einen Ort schaffen, an dem man digital arbeiten und gleichzeitig Urlaub machen kann – zusammen mit einem halben Dutzend Menschen pachtete Janosch Dietrich einen Gutshof in Brandenburg, eine Stunde von Berlin entfernt. „Wir wollten diese Idee erst einmal für einen Monat niedrigschwellig testen“, erläutert Janosch Dietrich das Konzept. Dauerhaft umgesetzt wurde es mit der Eröffnung 2017 in Klein Glien, einem Dörfchen mit weniger als 100 Einwohnern nahe des Kurorts Bad Belzig im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Ein gewisses Risiko gingen Dietrich und sein Team ein. Der Gutshof stand drei Jahre leer und wurde mitsamt seinen 17 Zimmern saniert, die Investitionssumme betrug dabei rund eine halbe Million Euro. „25.000 Euro sammelten wir durch Crowdfunding ein“, so Dietrich. Der Name des Projekts ist Coconat und steht für: Community and Concentrated work in Nature.

Wiederbelebt: Der Gutshof Klein Glien in Brandenburg. Bild: Coconat / Tilmann Vogler

In den 17 Zimmern gibt es insgesamt 56 Betten, doch die meisten Gäste buchen die Zimmer als Einzelzimmer. Für Frühstück, Mittagessen und Abendessen wird für alle das Gleiche gekocht, und alles ist vegetarisch. Dafür wird ein Tagessatz von 33 Euro fällig. Dietrich beschreibt die Zielgruppe des Landhotels als Kreativmenschen wie Schriftsteller*innen, Journalisten*innen, Fotografen*innen, Blogger*innen oder Künstler*innen, die die natürliche Atmosphäre der Umgebung schätzen und sich für ihre Arbeit inspirieren lassen wollen. Daneben mieten sich im Coconat Space auch Gruppen ein, etwa Firmen, die ihren Mitarbeiter*innen ein kreatives Wochenende ermöglichen.

Auch aus dem Ausland reisen viele Gäste an. Dietrich knüpfte Kontakte zu Coworking Spaces in Berlin, diese Arbeitsform wird für Menschen, die digital arbeiten, immer wichtiger – gerade in diesen Zeiten. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten hat das Cononat jetzt ein flächendeckendes WLAN mit 100 Mbit/s. Dazu kommen Arbeitsräume wie ein Skype-Zimmer oder Co-Working-Räume. Für kalte, einsame Winterabende gibt es auf dem Anwesen ein Kaminzimmer mit offenem Kamin. Auf dem Gutsgelände befinden sich zudem eine Picknickwiese, ein Gemüsegarten, eine Spielwiese, mehrere Hängematten, eine Fasssauna und eine Feuerstelle. Auf einer Wiese haben bis zu zehn Zelte Platz. Dietrich: „Neu sind die hochwertig ausgestatteten Glamping-Zelte im Garten, genau wie die Hängezelte. Nur Baumhäuser wurden leider nicht genehmigt.“

Die Auslastungsquote lag 2020, sofern die Corona-Regeln Vermietung zugelassen haben, laut Gründer*innen bei 65 Prozent. Man lege großen Wert darauf, nachhaltig zu arbeiten und die Menschen aus dem Dorf in das Projekt einzubeziehen: So sei auf dem Gutshof auch eine Mosterei. Und in der Lobby befindet sich ein kleiner „Laden“ mit Produkten der Region.

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