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12 September 2022 / Lesezeit: 6 minuten

Weltgartenausstellung Floriade in den Niederlanden

Zu Besuch bei den Häusern der Zukunft

Der Holzbau erlebt gerade ein Revival: 21,3 Prozent der genehmigten Wohngebäude in Deutschland basierten 2021 auf Holzbauweise. Das macht sich auch bei den Exponanten auf der Floriade bemerkbar, wie hier beim „Rebel House“.

Foto: Miriam Petzold

Foto: Miriam Petzold

Der Gebäudesektor pustet 39 Prozent der globalen CO2-Emissionen in die Luft. Wie geht es besser? Einige Antworten stehen fertig gezimmert auf der Floriade Expo in den Niederlanden.

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Es knarzt und knirscht beim Gehen, wie auf frischem Schnee. Doch auf dem Boden liegen zerkleinerte Pfirsichkerne. Giel Hendrikx hebt sie auf und schüttelt sie, als wollte er würfeln. Dann bückt er sich wieder, greift mit der anderen Hand in das Pflanzenbeet am Wegesrand und pflückt andere Schalen vom Boden. „Hier haben wir noch etwas Haselnuss … und da hinten Aprikosenkerne.“ Die Kerne und Schalen klackern in seinen Handflächen, tack-tack, während er weiterspricht.

Giel Hendrikx ist Innovations-Manager bei EuroParcs, einem niederländischen Unternehmen, das „vakantieparken“ baut – so was wie Miniatur-Dörfer für naturnahe Urlaube, zum Beispiel in den Niederlanden, in Belgien und Deutschland. Auf der Floriade Expo präsentiert es gerade innovative, energieautarke Tiny Houses aus Holz und recycelten Materialien. Alle zehn Jahre findet die Weltgartenausstellung Floriade in den Niederlanden statt, dieses Mal in Almere vom 14. April bis 9. Oktober 2022. Ihr Thema: „Growing green cities“.

Hinter Giel Hendrikx lauert eines der neuen Ferienhäuschen. Das „Rebel House“ hat vier hohe Holzbeine, auf denen ein geometrischer Wohnraum mit spitzer Schnauze hockt, es ähnelt einem Monsterkäfer. Der knackende Pfirsichkern-Pfad unter Hendrikx führt zu einer Treppe und die hinauf zur Eingangstür. Sonnenstrahlen fallen schräg auf die Fassade, lässt deren Fliesen kupferfarben funkeln wie vulkanisches Gestein.

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Floriade zeigt, wie man aus Feinstaub eine Glasur macht

„Ich wollte ein tierähnliches Wesen entwerfen, das aussieht, als könne es jeden Moment weglaufen“, sagt der Architekt Cas van der Zanden. Er sitzt auf einer Picknickbank direkt unter dem Bauch des Käferhauses. Van der Zanden, gestreiftes T-Shirt und Sonnenbrille im mittellangen Haar, hat ein eigenes Architekturbüro und unterrichtet nebenbei an der Technischen Universität Delft. „Dadurch, dass das Haus auf Stützen steht, ist sein Fußabdruck klein, auch ökologisch gesehen.“ Der Boden muss nicht ausgehoben werden, das Leben in ihm bleibt unberührt. Die Wände des 20-Quadratmeter-Hauses sind mit alten Papierschnipseln isoliert und außen mit Keramikplatten gefliest. Ihre Glasur enthält Feinstaub, zuvor herausgefiltert aus der Luft in Fabriken oder Parkhäusern. Die Partikel werden so gebunden und unschädlich gemacht.

Architekt Cas van der Zanden möchte langfristig größere „Rebel Houses“ aus Holz bauen und mit Gesellschaften für sozialen Wohnungsbau zusammenarbeiten. Foto: Miriam Petzold

Der Rohbau ist aus süddeutschem CLT-Holz (Brettsperrholz). „Ikea für Erwachsene“, kommentiert Giel Hendrikx schmunzelnd. Denn das funktioniert so: Architekt:innen skizzieren den Bau in 3D und mailen ihren Entwurf an eine Fabrik mit CNC-Maschinen. Die computergesteuerten Werkzeugmaschinen fräsen alle Details aus CLT-Holz, samt Auslassungen für Steckdosen und Verbindungsteilen. Heraus kommt eine Art „Ikea-Paket“, das Architekt:innen in Eigenregie zusammenschrauben können. Bis zu vierzig Elemente sind laut van der Zanden innerhalb eines Tages machbar. Komplizierter wird’s bei der technischen Ausstattung. Rebel House ist Wohnraum und Mini-Energiekraftwerk in einem. Die Photovoltaik-Thermie- bzw. PVT-Module auf dem Dach gewinnen nicht nur Strom, sondern liefern auch Energie für die elektrische Wärmepumpe, die sich in den Holzbeinen des Hauses verbirgt und für Warmwasser sorgt. Denn PVT-Paneele sind Solarmodule mit integriertem Luft-Wärmetauscher.

Dass EuroParcs sein Haus ausstellt, ist ein wichtiges Signal für Cas van der Zanden. „Von einer Behörde würde Rebel House schnell aus rein ordnungspolitischen Gründen abgelehnt werden.“ Ferienparks seien ein unbürokratischer Ort, um völlig neue Baukonzepte auszuprobieren. Langfristig möchte er größere Rebel Houses aus Holz bauen und mit Gesellschaften für sozialen Wohnungsbau zusammenarbeiten.

Revival für den Holzbau – nicht nur auf der Floriade

Der Holzbau erlebt gerade ein Revival. 21,3 Prozent der genehmigten Wohngebäude in Deutschland basierten 2021 auf Holzbauweise. Unter allen biobasierten Baustoffen ist Holz am besten erprobt – und ein wichtiger Hebel, wollen wir die Pariser Klimaziele erreichen. Denn: Ein Wald aus vielen alten Bäumen, die kaum mehr wachsen, nimmt wenig CO2 auf. Wird er durch Stürme, Brände oder Borkenkäfer verwüstet, gelangt der gebundene Kohlenstoff wieder zurück in die Atmosphäre. Werden aber die Bäume gefällt, um sie für den Holzbau zu nutzen, wird das CO2 langfristig gespeichert.

Den Effekt hat ein Team um Hans-Joachim Schnellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung näher analysiert. In seiner Studie Buildings as a global carbon sink von 2020 heißt es: „Ein fünfstöckiges Wohngebäude aus Brettschichtholz kann bis zu 180 Kilogramm Kohlenstoff pro Quadratmeter speichern, dreimal mehr als in der oberirdischen Biomasse natürlicher Wälder mit hoher Kohlenstoffdichte.“ Ein Zukunftsszenario der Forschenden: Bauen wir 50 Prozent unserer Gebäude weltweit aus Holz, können jährlich 140 Millionen Tonnen Kohlenstoff gespeichert werden. Ungefähr so viel, wie die Niederlande 2021 ausgestoßen haben. Zudem ließen sich die Treibhausgasemissionen aus der Stahl- und Zementherstellung mindestens halbieren. Die erforderliche Holzmenge sei bereits verfügbar, da viele Forste weltweit intensiver bewirtschaftet werden könnten. Bedingungen dafür: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person vergrößert sich nicht, Holz aus abgerissenen Gebäuden wird wiederverwendet und, ganz wichtig, das Holz stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft.

Bei „The Natural Pavilion“ auf der Floriade ist das der Fall. Ein Mann in Jeans und blauem Hemd kommt schnellen Schrittes um die Ecke. „Ik ben Bert“, stellt er sich vor und zeigt auf den luftigen Holzklotz aus niederländischer Douglastanne. The Natural Pavilion ist ein zirkuläres Bauvorhaben des Projektentwicklers Noordereng, und Bert Sterken leitet es.

Wie das Rebel House besteht der Pavillon aus CLT-Holz, designt in 3D und gefräst durch CNC-Maschinen. Völlig anders aber sind die Dimensionen (1.000 Quadratmeter verteilt auf drei Stockwerke) und die Bauweise: The Natural Pavilion besteht aus vielen stapelbaren, quadratischen Holzmodulen, die vor Ort wie Lego zusammengesetzt werden. Jedes Modul verfügt über acht Scharniere aus recyceltem Stahl. So lassen sich die Einzelteile ineinanderstecken und festschrauben. Es gibt keine tragenden Wände, der Grundriss ist komplett flexibel. Das Gebäude kann jederzeit erweitert oder abgebaut und woanders wieder zusammengefügt werden. Entworfen wurde es vom Ingenieurbüro ABT, einem Partnerunternehmen von Noordereng. Diana de Krom war als ABT-Projektleiterin für zirkuläres Bauen beteiligt. Bis zu siebzig Meter hohe Bauten sind ihr zufolge drin: „Unsere Holzkern-Methode ist eine nachhaltige Lösung für den akuten Wohnungsmangel, aber auch für Schulen und temporäre Unterkünfte, etwa für Geflüchtete.“

Modulbau nach der „Holzkern-Methode“, entwickelt vom Ingenieurbüro ABT im Auftrag der Noordereng Gruppe.
Foto: The Natural Pavilion

Biobasierte Materialien von Baumrinde bis Paprikastängel

Während der Floriade Expo wird der Pavillon zum Ausstellungsraum. Zu sehen gibt es unter anderem zwanzig biobasierte Materialien, die sich gut zur Wärmedämmung von Gebäuden oder als Schallschutz eignen. Etwa Reet, Baumrinde, Myzel (Pilzfäden), recyceltes Zeitungspapier, Stroh, Hanf, Paprikastängel und Flachs. „Kork!“, kaum durch die Eingangstür des Pavillons, da ist Bert Sterken schon stehen geblieben, seine Hand drückt an der Wand neben ihm herum. „Kork, Stroh und Hanf wurden früher als Dämmstoffe benutzt. In den letzten Jahrzehnten haben wir sie mit künstlichen mineralischen Fasern ersetzt, wie Stein- oder Glaswolle. Jetzt entdecken wir sie wieder.“

The Natural Pavilion ist ein zirkuläres Bauvorhaben auf der Floriade Expo. Darin sind biobasierte Baumaterialien ausgestellt, wie hier Stroh als Dämmstoff.
Foto: Scagliola Brakkee / The Natural Pavilion

Eine kühle, harzige Brise lockert die Juli-Luft im Pavillon auf, sie strömt durch die gekippten Dachluken und die Lamellen an den Gebäudeseiten. Jede Ecke des Pavillons riecht etwas anders, mal frisch wie ein Waldspaziergang im Regen, mal wie in einem sauberen Stall oder auf einem Dachboden. Sterken steuert auf einen rustikalen Wandabschnitt zu. „Schau mal“, er streichelt über die unebenen Holzbretter – Überbleibsel alter Hafen-Poller, an denen einst Boote in Amsterdam vertäut waren –, „hier sieht man noch Spuren von Seepocken und Algen.“ Aber nicht nur die Wände im Pavillon sind unterschiedlich beschaffen, auch die Fußböden variieren. Hier ein körniger Belag aus weggeworfenen Spinat-Samen, dort Laminat aus organischen Reststoffen und Kartoffelstärke.

Der Pavillon ist ein Biotopia auf 160 Baumstämmen. Er zeigt, so wie das Rebel House in kleinerem Maßstab, was möglich ist. Wände aus Paprikastängeln und Co, das klingt lecker, muss sich aber noch bewähren. Viele der biobasierten Stoffe sind bislang nicht zertifiziert, sie erfüllen die heutzutage strengen Brand- und Schallschutz-Anforderungen nicht, heißt: weitere biobasierte Innovationen, vielleicht auch Kombilösungen, sind nötig. Pilotprojekte kosten Zeit und Geld.

Auch auf enorm: Nachhaltige Architektur: Ganzheitliches Lernen in der Holzbau-Schule

„Einige dieser ökologischen Baustoffe sind noch nicht lang genug erprobt, um abschätzen zu können, wie widerstandsfähig sie sind“, sagt Michael Groß, Technischer Geschäftsführer von AUG. PRIEN, einem großen deutschen Bauunternehmen. Dennoch glaubt er: „Die nächsten zehn bis zwanzig Jahre werden die Baubranche stärker verändern als die vergangenen hundert.“

Modulbau werde dabei eine große Rolle spielen. Auch, „weil du gar nicht mehr genug Fachkräfte zusammenbekommst, um die kleinteilige Montage auf der Baustelle zu leisten“. Auftraggeber:innen und Architekt:innen sollten sich also „davon verabschieden, dass jedes Haus von Grund auf neu geplant wird. Sobald du in Modulen denkst, bist du in deiner Kreativität eingeschränkt.“

CO2-Steuer auf Baumaterialien als eine Lösung

Doch erst mal müssen sich die Rahmenbedingungen ändern. Sterken: „Der Eigenschaft von Holz, CO2 zu speichern, wird noch kein Wert beigemessen. Obwohl sie oft als Grund angegeben wird, mit Holz zu bauen.“ Um mit anderen Produkten wie Stahl und Beton konkurrieren zu können, seien staatliche Subventionen nötig. Diana de Krom verweist auf die Demontier- und Recycelbarkeit der Rohstoffe im Modulbau, auch sie werden in der Kostenplanung noch nicht berücksichtigt. Und Groß sagt: „Der Druck, mehr nachwachsende Baustoffe zu benutzen, kann nur durch die Politik erzeugt werden. Zum Beispiel durch eine Art CO2-Steuer auf sämtliche Baumaterialien.“

Druck spürt die Branche derzeit schon aus einem anderen Grund: Die Produktion von Stahl, Beton und Glas kostet extrem viel fossile Energie. Und jetzt in der Energiekrise sind viele Materialien so teuer geworden, dass Bauprojekte brachliegen oder Zulieferer pleite gehen. Neben den Baustoffpreisen haben sich auch die Kredite für Bauvorhaben verteuert. „Der Wohnungsbau ist praktisch tot“, resümiert Groß. AUG. PRIEN konzentriert sich daher zunehmend auf die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden. Das hat viele Vorteile. Neubau bedeutet immer Flächenfraß. Dagegen schlummert im Umbau leerstehender Büro- und Verwaltungsgebäude und in der Aufstockung von Wohngebäuden, Parkhäusern und Geschäften enormes Potenzial. 2,3 bis 2,7 Millionen neue Wohnungen ließen sich dadurch schaffen, rechnen Forschende der TU Darmstadt und des Pestel Instituts in ihrer Deutschlandstudie 2019 vor. Egal ob Umbau oder Neubau, jedes Projekt sollte von Beginn an ressourcensparend, umweltgerecht und kreislauffähig gedacht werden. Die Innovationen auf der Floriade zeigen, wie das gehen kann: mit Bio-Lego für Erwachsene.

Transparenz-Hinweis: Teile der Recherche sind im Rahmen einer Pressereise von EuroParcs entstanden.

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Im Podcast „Good News“ geht es in der Folge „Baumhäuser der Zukunft“ vom 1. August 2022 ebenfalls um nachhaltige Architektur. Du findest die Folge auf SpotifyApple Podcasts und überall da, wo es Podcasts gibt, sowie über den RSS-Feed.