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1 Februar 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Nachhaltige Architektur

Ganzheitliches Lernen in der Holzbau-Schule

Anders, futuristisch, freundlich: Die 35. Grundschule in Berlin-Lichtenberg ist ein Paradebeispiel für nachhaltige Gesamtkonzepte in der Architektur.

Bild: Mina Schmidt

Bild: Mina Schmidt

Vorgefertigte Module aus Holz bieten große Vorteile beim Bauen und sollen das Raumklima verbessern. Eine Berliner Grundschule zeigt, wie das funktionieren kann.

Wenn die Sonne rauskommt, drehen sich die Fensterrollos der Grundschule an der Sewanstraße in Berlin-Lichtenberg automatisch hoch, die Holzfassade leuchtet golden. Klingt gar nicht nach der Realität, wie sie viele Berliner*innen in ihrer Schulzeit erlebten – lange graue Gänge, verziert meist nur mit bunt gestalteten Postern der Schüler*innen, vielleicht eine Cafeteria, vielleicht keine. Die bisher noch namenlose 35. Grundschule in Lichtenberg hingegen wartet mit einer geräumigen Mensa auf, einer grünen Tartan-Sprintbahn auf dem Hof und jeder Menge Licht.

Die Schule ist hell, modern und neu. Sie besteht komplett aus zusammengesetzten Holzmodulen. Das ist doppelt originell: Auf der einen Seite ist Holz als nachwachsende Ressource immer häufiger als nachhaltiger und regenerativer Baustoff im Gespräch. Auf der anderen Seite vergünstigt die Modularität, also das Baukastensystem, in dem alle genormten Teile ineinandergreifen können, diese bisher noch recht teure Ressource. Das Design für die 35. Grundschule in Lichtenberg stammt von dem Frankfurter Architekturbüro NKBAK und verbindet gekonnt die Praktiken des Holz- mit denen des Modulbaus.

Das erste Projekt dieser Art begann 2013 für das NKBAK Team zunächst mit dem Auftrag, eine Containerschule zu bauen: „Aber den Gedanken, Kinder in Container zu setzen, fanden wir fürchterlich“, sagt Andreas Krawczyk, neben Nicole Berganski einer der beiden Inhaber von NKBAK. Deshalb begannen sie zu überlegen, wie man die Schule auch anders planen könnte. Aufgrund von wenig Zeit und zur Kostenminimierung sollte sie auf jeden Fall aus Modulen bestehen, womit die Architekt*innen lediglich beim Material Spielraum besaßen. „Als wir über Holz nachdachten, stellten wir schnell fest: Es ist das perfekte Material“, so Krawczyk. Gebäude wie Kindergärten oder Schulen seien auch deshalb so geeignet für dieses Bauprinzip, weil sich in ihnen das gleiche Raummodul oft wiederhole. Das erleichtert das Zusammensetzen der genormten und vorgefertigten Teile.

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Bauen mit Holz: Die Infrastruktur aufstocken

Und es braucht dringend schnelle, kostengünstige und nachhaltige Möglichkeiten, Lernräume zu schaffen und die Infrastruktur der Innenstädte aufzustocken. Denn wie die meisten deutschen Großstädte verdichtet sich auch Berlin immer weiter. Mit steigenden Einwohner*innenzahlen muss auch die Versorgung mitwachsen: Supermärkte, Bahnanschlüsse und vorweg Kitas und Schulen werden benötigt. Deshalb hat der Berliner Senat im Jahr 2018 die Schulbauoffensive beschlossen und ein Budget von insgesamt rund 5,5 Milliarden Euro für Sanierungen, Instandhaltungen und Neubauten von Schulen kalkuliert. Parallel zu der 35. Grundschule wurden in kürzester Zeit noch zwei andere Schulen aus Holz gebaut.

Besonders Bezirke wie Lichtenberg müssen Infrastruktur für Familien aufstocken: „Viele junge Paare ziehen aus der Innenstadt etwas weiter raus, wenn sie Kinder bekommen“, erklärt Florian Dettmer, Schulleiter der 35. Grundschule Lichtenberg. Er beobachtet schon seit einiger Zeit, dass der Bezirk am Rande des Berliner Innenstadtrings immer beliebter und diverser wird. Die Anmeldungen neuer Schüler*innen nehmen zu. „Darüber freue ich mich natürlich“, sagt er.

Lernziel schnell erreicht: Die Grundschüler*innen in Berlin-Lichtenberg verstehen und erleben bereits, dass Holz als Baustoff einen echten Unterschied macht.
Bild: Mina Schmidt

Ganzheitliche nachhaltige Bildung

Schulleiter Dettmer ist dankbar, dass bei den Planungen nicht nur bedacht wurde, neue Räume zu schaffen, sondern auch, sie nachhaltig zu gestalten. Es sei von großer Symbolik, einen Lernort wie eine Grundschule von Grund auf mit regenerativen Materialien zu konzipieren. „Wir sind uns dieser besonderen Ausgangssituation bewusst“, betont er, „nicht nur wegen des guten Raumklimas.“ Deshalb planen die Lehrer*innen und Dettmer, den Ort auch über die Räumlichkeiten hinaus zu nutzen, sobald die Corona-Pandemie eingedämmt und Präsenzunterricht wieder möglich ist: „Wir haben an einen Schulgarten als Ort für ganzheitlich nachhaltige Bildung gedacht.“ In einem Kiez, der zentrumsnah und städtisch ist, aber bisher demografisch älter als andere, fehle es noch an Bildungsangeboten zur Nachhaltigkeit. Auch aus baulicher Perspektive findet Nachhaltigkeit im Stadtbild deutscher Großstädte noch viel zu wenig Beachtung. Denn der Bausektor ist eine der dreckigsten Branchen der Welt: Bauen sorgt in Deutschland für knapp 40 Prozent des jährlichen CO2-Ausstoßes – die Zementproduktion davon allein für 8 Prozent –, 53 Prozent des Müllaufkommens. Weltweit sei der Sektor verantwortlich für „die größten Güterbewegungen, den größten Ressourcenverbrauch und die meisten CO2-Emissionen“, schreiben Architects for Future, die für einen nachhaltigen Wandel der Baubranche kämpfen. Holz hingegen speichert als Baum als auch in verarbeiteter Form CO2. Zudem lässt sich das Material wegen seiner regenerativen Eigenschaften leichter in den Kreislauf zurückführen. Das ist auch eine Forderung, die Architects for Future an den Bausektor stellen: „Konstruiert kreislaufgerecht“.

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Dem größten Kritikpunkt am Holz, den CO2-Emissionen durch den Transport, stellen Architects for Future eine weitere Forderung entgegen und plädieren für „regionale, nachwachsende und gesunde Materialien“ und sprechen sich gegen importiertes Tropenholz aus. Weitere Kritik am Baustoff Holz zielt auf die höheren Kosten des Grundrohstoffs im Vergleich zu Stahlbeton ab. Diese können aber im Bauprozess reduziert werden, denn Bauen mit Holz – und insbesondere mit Modulen – funktioniert schneller als mit herkömmlichen Techniken: Zeitersparnis bedeutet Kostenersparnis.

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„Moderner Holzbau hat nichts mehr mit einfachen Waldhütten zu tun“, sagt Architekt Krawczyk, „man kann mit dem vielseitigen Material mittlerweile fast alles bauen, was man möchte.“ Es gäbe keine Gebäudeart, an die sich sein Büro nicht herantrauen würde. „Moderne Großstädte sind so divers. Und Holzbau kann das abbilden.“ Auch Schulleiter Dettmer wünscht sich mehr von dem regenerativen Material in den Städten. Die Schüler*innen verstünden bereits, dass das Gebäude nicht einfach nur anders aussehe als die umliegenden. „Das Material macht wirklich einen Unterschied“, sagt er abschließend.