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19 July 2019 / Lesezeit: 3 minuten

Reise

Nachhaltiges Camping: Einfach draußen

Sternenhimmel in der Nacht, taufeuchte Wiesen am Morgen – naturnahes und nachhaltiges Camping ist beliebter denn je

Titelbild: shutterstock

Sternenhimmel in der Nacht, taufeuchte Wiesen am Morgen – Camping ist beliebter denn je. Mal im Wohnmobil, mal mit Zelt und wo möglich naturnah und nachhaltig

Fremde Geräusche, harter Boden: Die erste Nacht im Zelt ist unruhig. Immer wieder wacht Anne-Sophie Hußler auf. Gibt es gefährliche Tiere, die um das Zelt schleichen? Kommt jemand, um sie wegzujagen? Zwar wurde ihr dieser Platz in einem Park an der schwedischen Küste von Einheimischen empfohlen. Trotzdem, gestern Abend, als sie im Dunkeln mit ihrem Freund Patrick Pirl die Heringe in den Boden drückten, schien die Umgebung unsicher und fremd.

Umso schöner ist jetzt der Morgen. Der Öresund glitzert im Morgenlicht und beim Frühstücken hat das Paar einen spektakulären Blick auf die lange Brücke zwischen Dänemark und Schweden. Ihr erster Zelturlaub ist für Hußler, 30, und Pirl, 32, ein einschneidendes Erlebnis. „Für mich ist Zelten die beste Art, mich zu resetten“, sagt Hußler. „Wir haben mitten in der Natur gelebt.“

In Schweden gilt das Allmänsretten, nach dem jeder, fast überall, eine Nacht lang sein Zelt aufschlagen darf. Hußler und Pirl fragen sich: Könnte man Ähnliches auch in Deutschland bieten? Naturerlebnisse, unkompliziertes Zelten? Hußler: „So entstand die Idee: Wir initiieren eine Art Couchsurfing für Camper – nur dass man nicht seine Couch, sondern einen Zeltplatz im Garten anbietet.“ Im Sommer 2018 starten sie ihre Plattform 1nitetent.

Die Idee passt zu einem Trend: Campen ist in. 2018 verbuchte die Branche laut Deutschem Tourismusverband (DTV) ein Plus von mehr als elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zwar sind viele Camper in top ausgestatteten Wohnmobilen unterwegs. Doch en vogue ist auch ressourcenschonendes Zelten, ruhig und abgeschieden. Sterne, die über dem Zelt glitzern, taufeuchte Wiesen am Morgen, ein Lagerfeuer.

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Nachhaltige Campingplätze

Wer Campen geht, wünscht sich oft Naturerlebnisse. Weil man in Deutschland aber nicht einfach ein Zelt aufschlagen darf, bleibt meist nur ein Campingplatz. Wie findet man einen, der nicht nur schön, sondern auch möglichst nachhaltig ist?

Marco Walter ist Gründer und Geschäftsführer von Ecocamping. In Zusammenarbeit mit der Campingbranche und der Deutschen Umwelthilfe vergibt die Organisation eine Öko-Zertifizierung für Campingplätze. Seit 20 Jahren erarbeiten er und seine Mitarbeiter mit den Betreibern Strategien, um die Plätze ökologischer zu machen. Solarstrom, energiesparende Heizsysteme, bessere Dämmung, Abfallentsorgung, eine naturnahe Gestaltung – Sandwege statt Asphalt, Holz statt Beton. Der Ansatz kommt an, Camper suchen Orientierung.

Etwa 35 Millionen Übernachtungen verzeichnet der DTV jährlich auf deutschen Campingplätzen, jeder Fünfte entscheidet sich für einen Platz mit Ecocamping-Siegel. Walter: „Auch die neue Klimaschutzbewegung deutet darauf hin, dass mehr Wert auf umweltverträgliches Reisen gelegt wird.“ Aber für kleine Betreiber lohnt sich die Zertifizierung oft nicht, der Prozess kostet bis zu 3500 Euro.

Martin Balas forscht am Zentrum für Nachhaltigen Tourismus in Eberswalde. Er kennt das Siegel: „Es bietet gute Anhaltspunkte.“ Doch auch kleine Plätze ohne Zertifizierung können eine gute Wahl sein. Sein Tipp: Sich den Platz online genau anschauen. „Ist er naturnah gestaltet, gibt es einen alten Baumbestand, eine Wiese, auf der Kräuter und Blumen wachsen? Oder nur englischen Rasen, der gedüngt und gespritzt werden muss? Wird im Laden oder Café bio, konventionell oder regional verkauft?“

Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl von 1nitetent setzen auf Einfachheit und Naturnähe. Mittlerweile bieten mehr als 66 Menschen ein Stück Land oder eine Ecke im Garten zum GratisCampen an, leicht zu finden auf der Deutschlandkarte auf 1nitetent.com. Für diese „Zeltplätze“ mussten keine Bäume gerodet, keine Parkplätze gebaut werden. Statt sanitärer Anlagen gibt es Kompostklos, ein Schwimmbad in der Nähe oder Mitnutzung im Haus. Wie viele Gäste das Angebot nutzen, wissen die Gründer noch nicht. Eine Auswertung der Klickzahlen und Gastgeber-Feedback sollen erste Anhaltspunkte geben.

Sicher ist: Das Campsurfing funktioniert. Im vergangenen Juli haben es die beiden selbst ausprobiert. Sie machten sich zu Fuß auf den Weg durch die Oberlausitz und zogen mit ihrem Zelt von Platz zu Platz. Hußler: „Wir wurden überall wahnsinnig freundlich empfangen, oft sogar zum Abendessen eingeladen.“ Und da war sie wieder, die Freiheit des Unterwegsseins in der Natur aus ihrem allerersten Zelturlaub in Schweden.