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6 Januar 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Kolumne Mein Erstes Mal

Mit dem Nachtzug nach Sizilien

Unsere Autorin ist mit dem Nachtzug von Berlin nach Taormina gefahren.

BILD: MORGANE LLANQUE

BILD: MORGANE LLANQUE

Die Deutsche Bahn weigert sich, den Nachtzug-Verkehr wieder aufzunehmen. Unsere Autorin ist mit dem Nachtzug nach Sizilien gefahren, und hat festgestellt, dass das eben nicht nur besser für die Umwelt, sondern auch zehnmal aufregender als Fliegen ist.

Okay, ich gestehe: Ich bin schon mal mit dem Nachtzug gefahren. Etwa zehn Jahre war ich alt und es ging in die Provence. Meine Eltern hatten meine Schwester und mich liebevoll zugedeckt, aber an Schlaf war vor lauter Aufregung nicht zu denken. Wie im Bauch eines wilden Tieres kam ich mir vor, das Pfeifen und Quietschen der Räder auf den Schienen war sein Schnaufen und Keuchen, das Rattern der Koffer auf den Ablagen des altmodischen Holz-Abteils das Klappern der Zähne. Immer wieder richtete ich mich auf und krabbelte zum Fußende meines Bettes, um durch den Spalt zwischen Rollo und Zugfenster in die Finsternis zu starren. Ich hatte gerade „Das Wandelnde Schloss“ von Hayao Myazaki gesehen und wähnte mich in der lebendigen Festung des Zauberers Haruro, der Jagd auf junge Frauen macht.

15 Jahre später trete ich meine erste mündige und selbst bezahlte Nachtzugfahrt als erwachsene Frau an. Der Zauberer Haruro hat mich noch nicht erwischt und meine Reisepartnerin ist immer noch Mama. Sie kann aufgrund einer Krankheit nicht mehr fliegen, ich trete die lange Reise aus ökologischen Gründen mit Zug, Nachtzug und Fähre an. Meine Mutter ist ein echter Veteran, wenn es ums Zugreisen geht. Sie gehört zur Generation Interrail und hat in meinem Alter zahlreiche Nächte auf den Parkbänken der Hauptstädte Europas verbracht. Sie erinnert mich mit solchen Stories gerne daran, wie verwöhnt ich bin. Beleidigt verweise ich auf meinen Bruder: Der fliegt uns erst in ein paar Tagen hinterher.

Unsere Strecke kostet mit etwa 170 Euro pro Person nicht nur ungefähr das Zehnfache von dem, was er für einen einfachen Flug zahlt, sondern dauert auch zehnmal so lang: Von Berlin fahren wir mit der Deutschen Bahn erst mal nach München, da steigen wir in den österreichischen Zug um, der uns über den Brenner nach Südtirol und dann nach Verona fährt. Von da nochmal ein Regionalzug nach Mailand und dann endlich in den Nachtzug, der in Messina auf eine Fähre geladen wird und übers Wasser direkt weiter auf Sizilien fährt. 24 Stunden werden wir unterwegs sein.

Die Deutsche Bahn setzt auf Schlafen im Sitzwagen

Erstes Highlight ist der Speisewagen! Wieso kann die ÖBB alles besser als die Deutsche Bahn? Während man durchs Panoramafenster majestätische Berglandschaften, die Festung über Kufstein und die Bilderbuchstadt Innsbruck bewundern kann, servieren überhöfliche Kellner in altmodischen Uniformen Gulasch, Spätzle und Gösser. Unterdessen weigert sich die Deutsche Bahn mit völlig abstrusen Argumenten, den deutschen Nachtzugverkehr wieder aufzunehmen. Die Bundesregierung werde der Bahn „aufgrund des schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnisses“ kein Geld zur Wiedereinführung des Schlafwagenbetriebs bereitstellen. Man halte an der Strategie fest, über Nacht mit Sitzwagen zu fahren. Thanks for Nothing.

Es ist mir ein Rätsel, warum die Bahn, die von der Regierung sehr viel Geld erhält, um eine attraktive Alternative zum Fliegen zu werden, das Schlafwagengeschäft Österreich, Polen und Ungarn überlässt. Ich teile meiner Mutter meinen Ärger mit. Sie nickt und liest ganz entspannt die Biathlon-Ergebnisse im „Teletext im Ersten” auf ihrem Tablet nach.

Es ist mir ein Rätsel, warum die Bahn, die von der Regierung sehr viel Geld erhält, um eine attraktive Alternative zum Fliegen zu werden, das Schlafwagengeschäft Österreich, Polen und Ungarn überlässt.
Morgane Llanque

Zwischen Innsbruck und Verona döse ich sehr viel. Das liegt auch an dem Pärchen, das zehn Zentimeter vor mir aneinander klebt. Muss man sich nicht geben. Aber das Durchs-Fenster-Spähen durch halbgeschlossene Augen ist immer noch schön: Der Mond steigt auf, draußen vor dem Bahnhof steht ein gewaltiger Stein-Pharao. Eine Statue, die die Veroneser zu Ehren ihrer berühmten Opernaufführung von Aida aufgestellt haben.

Im mit Mamor gepflasterten Bahnhof in Mailand stehen wir endlich vorm Nachtzug. „Erste Klasse” sagt meine Mutter stolz. Aber innen sieht unser Abteil leider aus wie eine ICE-Toilette. Nur eben statt eines Klos mit zwei schmalen Pritschen in der Ecke.

Zyklopen und Flöhe

Meine Mutter ist so geknickt, dass ich verzweifelt nach etwas suche, was sie aufmuntern könnte; da erspähe ich eine schmale Tür zu meiner Rechten. „Guck mal”, sage ich begeistert, „immerhin haben wir ein eigenes Bad!” Beherzt greife ich nach dem Griff, aber es ist seltsamerweise abgeschlossen. Ich drehe die Sicherung um, mache die Tür auf und laufe mitten in eine italienische Familie hinein, die im Nachbarabteil zu fünft auf den Pritschen kauert und Dolce nascht. Schnell ziehe ich mich zurück und schließe die Tür wieder ab. Meine Mutter lacht mich aus, die nebenan lachen auch, meine Laune kippt. Der Anblick meiner Pritsche macht mich nervös:  Sie sieht zwar sehr sauber aus, aber eine Kollegin hat mir vor dem Antritt der Reise erzählt, dass sie sich vor kurzem in einem Nachtzug nach Italien Flöhe geholt hat.

Unser abteileigenes Waschbecken macht es nicht besser: Die Plastikschüssel ist voll mit abrasierten Barthaaren. Auf der Ablage neben meinem Hochbett kleben zwei tote Fliegen in einer Art getrocknetem Sirup, über dessen Zusammensetzung ich mir keine Gedanken machen möchte. Ich fühle, wie die Flöhe sich die Lippen nach mir lecken.

Nebenan (nicht bei der Italienischen Familie, sondern links) treffen wir drei Schweizer Anfang 30, die das alles nicht so eng sehen.  Ihr Abteil ist völlig sauber, wir haben also einfach ein wenig Pech gehabt. Die Schweizer treten die Reise nach Sizilien vor allem um des Nachtzugfahrens selbst an, in Catania bleiben Sie nur einen einzigen Tag, bevor sie zurückfliegen, um wieder rechtzeitig auf Arbeit zu sein. Sie haben sich mit zahlreichen Bierkästen, Pannetone und Litschis eingedeckt. Im Laufe unserer Reise durch die Nacht wird mir Alex, Beamter aus Genf, erzählen, dass ein Trunkenbold aus ihrer Nachbarkabine einen Kasten hat mitgehen lassen, als sie bei einem Zwischenstopp des Zuges auf dem Bahnsteig geraucht haben. „Er hat nur ein Auge” erzählt Alex begeistert, „wie ein Zyklop!” Ich versichere mich nochmal, dass ich unsere Tür zum Nachbarabteil auch wirklich wieder abgeschlossen habe. Als ich dann ein paar Stunden später versuche einzuschlafen, denke ich nur Flöhe, Flöhe, Flöhe und beneide meinen Bruder, der fliegt. Vielleicht schaut der Zauberer aus dem wandelnden Schloss ja doch vorbei, um mich zu kidnappen?

Meine Mutter weckt mich um 7 Uhr früh und zieht das Rollo unseres Fensters hoch. Wieder einmal richte ich mich auf und krabbele nach vorne, um hinauszuschauen: Die Sonne bricht durch die Wolken über Messina: Wir fahren direkt am Meer entlang, das Wasser glitzert preisverdächtig und ein morgendlicher Nebel wabert über die grünen Hügel Italiens. Auf meiner Haut ist kein Flohbiss zu sehen.

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Morgane Llanque ist Enorm-Redakteurin und findet Nachtzüge trotz Angst vor Flöhen wesentlich cooler als Flugzeuge. Ihr Traum wäre es, als nächstes mit dem Zug durch Irland zu reisen.