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29 Oktober 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Herbsturlaub hin oder her

Ist die Epoche des Reisens vorbei?

Vor der Corona-Pandemie wollten 67 Prozent der Deutschen ihren Urlaub noch am Strand verbringen. Jetzt buchen 39 Prozent ein Ferienhaus, dreimal so viel wie vor Corona.

Bild: imago images / Westend61

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Die neuen Corona-Maßnahmen fordern nicht nur unsere Pläne für einen Herbsturlaub und Skitrip im Winter heraus, sondern die Reisebranche an sich. Kreativität ist gefragt. Was macht all das mit uns, mit unserem Verständnis von Spontaneität und mit der Tourismusbranche?

2020 war eine Zäsur für das Reisen. Vieles ist seit der Pandemie nicht mehr möglich. Ist die große Zeit des Reisens vorbei?

Nein, das Reisen generell steht nicht zur Disposition. Aber die Art des Reisens, die wir seit Jahrzehnten gewöhnt sind, kommt an ihr Ende. Der Massentourismus mit organisierten Reisen, der sich seit den 1960er-Jahren etabliert hat, ist nicht mehr realistisch. Die Bequemlichkeiten, an die wir uns in durchgeplanten Pauschalreisen gewöhnt haben, passen nicht in eine Welt, in der Pandemien immer wieder zum Alltag gehören werden. Zwar feilen derzeit viele Pauschalreisenanbieter an einem juristischen Rahmen, der Rechtssicherheit im Falle einer Pandemie schaffen soll. Ein Zurück zur Vor-Corona-Normalität ermöglicht das trotzdem nicht. Wir stehen mitten in einer gewaltigen Transformation des Reisens, die sich durch den Klimawandel schon lange angekündigt hat. Die Pandemie ist nur die Beschleunigerin dieses Wandels.

45 Prozent

der Urlauber*innen buchten 2019 Pauschal- oder Bausteinreisen. Durch Corona brach 2020 das Geschäft ein. Quelle: Reiseanalyse 2020

Wie verändert sich das Reisen heute?

Wir müssen Spontaneität neu denken. Einerseits können wir nicht mehr kurzentschlossen in eine Ausstellung gehen oder zu einem Wochenendtrip aufbrechen. Wir müssen plötzlich die kleinsten Dinge penibel planen. Zum Beispiel 14 Tage im Voraus einen Zeitslot buchen, zu dem wir ins Museum gehen wollen, oder Wochen zuvor ein Hotel für den Städtetrip festmachen, weil Unterkünfte nur noch zur Hälfte gebucht sein dürfen. Andererseits müssen wir neu mit Spontaneität experimentieren. Im Sommer ist das überall geschehen. Ein Faltkajak kaufen und einfach lospaddeln. Den Rucksack über die Schultern schwingen und wandern. Mal schnell mit dem Camper aus der Stadt rausfahren und durchatmen. Spontane Trips sind häufiger geworden. Der Absatz von Booten, Surfbrettern, Wanderequipment, Wohnmobilen ist rasant nach oben geklettert. Diese Art zu reisen ist nicht nur spontan und individuell, sondern hat einen weiteren Vorteil: Wir können autonom festlegen, wie viel Abstand wir zu anderen halten möchten. Jeder kann sein Risiko selbst bestimmen.

Claudia Brözel ist Professorin für Tourismusökonomie und digitale Transformation an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde Bild: privat

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Stichwort Herbsturlaub. Was brauchen wir, um auch in Zeiten der Pandemie gut reisen zu können?

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Zuversicht. Wir merken gerade jetzt, wie schwer sie vielen fällt. Was bringt uns das Morgen, welche Risiken müssen wir eingehen? Kann ich je wieder auf ein Festival, ist jetzt Schluss mit Entdeckungstrips in die Ferne? Reisen erfordert und trainiert genau das: die Bereitschaft, offen Neues zu entdecken, sich zuversichtlich auf einen unbekannten Weg zu begeben, auch unter unsicheren Bedingungen. Zuversicht meint auch die Fähigkeit, sich anzupassen. Wenn der Entdeckungstrip in die Ferne nicht mehr möglich ist, suche ich Spannendes in der Nähe. Wenn Nordrhein-Westfalen Berlinern aus Mitte die Einreise verweigert, erkunde ich eben Brandenburg. Laut einer Forsa-Umfrage vom Mai haben vor Corona 32 Prozent der Deutschen eine Reise in Deutschland geplant, jetzt sind es 53 Prozent. Auf Fernreisen wollten sich vorher 23 Prozent begeben, nun sind es nur noch 15 Prozent. Und während vor der Pandemie 67 Prozent ihren Urlaub am Strand verbringen wollten, buchen jetzt 39 Prozent ein Ferienhaus, dreimal so viel wie vor Corona. Neulich erzählte mir ein Bekannter, der nach langer Zeit beruflich in den Flieger steigen sollte, wie er den Flug überstand – eingehüllt in x Schichten: Anorak, Regenmantel, Maske, Kunststoffbrille. Auch Veranstalter mit Phantasie werden erfolgreicher sein: Wer schnell attraktive Lösungen für Mobilität mit Abstand findet, wird erfolgreicher sein als jene, die mit alten Konzepten in einer neuen Zeit bestehen wollen.