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8 Juli 2021 / Lesezeit: 21 minuten

Nachhaltig einkaufen

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 21

Inzwischen gibt es über 200 Unverpackt-Läden in ganz Deutschland. Weitere nachhaltige Geschäftsmodelle im Einzelhandel bieten Möglichkeiten für einen bewussten Konsum.

Bild: IMAGO / Westend61

Bild: IMAGO / Westend61

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 21 von „Good News enorm“: Bewusst und nachhaltig einkaufen – wie kann das eigentlich funktionieren? In unserer aktuellen Podcast-Folge spricht Bianca mit Menschen, die genau das möglich machen wollen: Mit einem Supermarkt ohne Einwegverpackungen, einem Online-Shop und Store, der ausschließlich Produkte vertreibt, die etwas bewirken und einem genossenschaftlich organisierten Supermarkt, der allen gehört, die dort einkaufen.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge spricht unsere Good-News-Redakteurin Bianca Kriel mit Menschen, die bewusstes und nachhaltiges Einkaufen möglich machen wollen.

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um gute Entwicklungen im Einzelhandel. Aber erst einmal der Gute-Nachrichten-Überblick:

Die Stadt Wien plant, pflegende Angehörige künftig sozialversicherungspflichtig einzustellen. Im Burgenland ist dies bereits seit 2019 möglich. Pflegende Angehörige können sich 20, 30 oder 40 Stunden pro Woche anstellen lassen, haben Anspruch auf Urlaubsgeld und bekommen eine Grundausbildung.

Etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland sind schwerhörig und benötigen ein Hörgerät, um die Klangqualität zu verbessern. Hat das Mannheimer Start-up Vibrosonic eine neuartige flache Hörhilfe entwickelt. Sie liegt direkt auf dem Trommelfell auf und kann so den Schall verzerrungsfreier verstärken.

Knapp 1,4 Millionen Unterschriften hatte die Kampagne „End the Cage Age“ bis Oktober vergangenen Jahres gesammelt. Als Reaktion hat die EU-Kommission nun einen Gesetzesvorschlag angekündigt, der die Käfighaltung von Nutztieren schrittweise beenden soll.

Kleidung waschen ist für viele von uns Alltag – nicht so für Astronaut:innen auf Weltraum-Mission. Getragene Kleidung wurde bislang ins All entsorgt, pro Astronaut:in etwa 70 Kilogramm pro Jahr. Das will die NASA ändern und plant an Bord der ISS ein spezielles Weltraum-Waschmittel zu testen.

Bisher war in Frankreich eine künstliche Befruchtung nur für Frauen in einer heterosexuellen Beziehung möglich. Nun hat die französische Nationalversammlung ein Gesetz verabschiedet, das künftig auch alleinstehenden Frauen und lesbischen Paaren künstliche Befruchtung erlaubt.

Die spanische Regierung hat ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das Transpersonen eine echte Gleichstellung verschaffen soll. Demnach soll es für sie künftig deutlich leichter sein, die Geschlechtszugehörigkeit in offiziellen Dokumenten ändern zu lassen.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca. Ich bin Redakteurin bei Good News Deutsch und ich freue mich, dass wir heute über gute Nachrichten aus dem Einzelhandel sprechen, über gute Entwicklungen im Einzelhandel, über den Original Unverpackt Laden, über Good Buy und über Supercoop. Ich freue mich besonders, dass wir heute Gäste dabei haben. Erst sprechen wir mit Milena Glimbovski über Original Unverpackt, dann mit Simon Böhnlein über Good Buy und mit Johanna Kühner über Supercoop. Als allererstes Milena Glimbovski. Vielen von euch wird ihr Name ein Begriff sein. Sie ist die Gründerin und Geschäftsführerin von Original Unverpackt, dem ersten Zero-Waste Shop Deutschlands, der 2014 in Berlin-Kreuzberg eröffnet hat, mit einem zweiten Laden, 2019 auch in Berlin. Hallo Milena!

Milena Glimbovski: Hallo! Vielen Dank, dass ich hier heute bei dir sein darf.

Bianca: Ja, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst. Ich habe einen Talk gesehen von dir bei republica 2018. Da hast du so schön gesagt: Ja, wir wissen alle, dass Plastik doof ist. Und ich glaube auch unsere Hörer:innen. Wir alle wissen das irgendwie. Aber kannst du uns vielleicht nochmal erklären, warum es so doof ist, Plastik oder warum Verpackungen so doof sind? Warum es einen Unverpackt-Laden braucht?

Milena: Das ist gar nicht so eine doofe Frage. Als wir damals, 2012 damit anfingen, an der Idee zu arbeiten, mussten wir wirklich das erst einmal klären. Und die Leute haben nicht mal gehört, dass es doof ist. Also nicht mal warum, sondern dieses überhaupt. Und zwar zum einen ist der Rohstoff immer noch Erdöl. Wir haben ja gerade gerade gesehen: Das Meer brennt und das aus dem Grund, dass Erdöl gewonnen wird und Plastik, vor allen Dingen Verpackungen, entstehen heutzutage immer noch zum größten Teil aus Erdöl und nicht eben aus diesen Alternativen, die es ja bereits gibt. Das ist der eine Grund. Der andere Grund ist natürlich: Was passiert danach? Wir verwenden es ganz kurz. Dann landet die Verpackung im Müll und wird leider nicht recycelt, sondern ganz oft einfach nur verbrannt oder ins Ausland geschafft und da verbrannt oder irgendwie gehäuft. Und das ist nicht das, was sein soll. Und dann gelangt dieses Plastik über Umwege in die Meere, zerfällt in Mikroplastik und zerstört Ökosysteme. Und am Ende kommt es manchmal sogar auf unseren eigenen Teller zurück. Das will kein Mensch.

Bianca: Und da können wir unseren Beitrag leisten, indem wir unsere Lebensmittel eben unverpackt kaufen. Bei euch zum Beispiel.

Milena: Ganz genau bei uns und bei inzwischen über 200 Unverpackt-Läden in ganz Deutschland und noch viel mehr auch Unverpackt-Stationen in anderen Läden. Also da hat sich richtig, richtig was getan in den letzten sieben Jahren. Ich musste gerade nachrechnen.

Bianca: Ja, und wie kann man sich das jetzt vorstellen, wenn man bei euch einkaufen kommt? Wie muss man sich da vorbereiten? Was erwartet einen da?

Milena: Man kann sich vorbereiten, indem man erst mal überlegt: Was möchte ich eigentlich einkaufen? – Eine Liste macht, das mache ich bis heute so, und dann überlegt: Welches Gefäß nehme ich dafür? – Ein Glas oder eine Papiertüte oder irgendwas anderes? Und dann nimmt man das mit in den Laden, wiegt die Behälter da leer ab und dann geht man einkaufen, bedient sich selber und bringt das später zur Kasse und da wird es für einen abgewogen und dann bezahlt man. Eigentlich total einfach. Und wenn man so wie ich das jetzt seit sieben Jahren macht, ist es auch einfach Teil der Routine geworden und einfach auch gar kein Akt. Ein paar Sachen kaufe ich im Bioladen, ein paar Sachen auf dem Markt und ein paar Sachen halt im Unverpackt-Laden.

Bianca: Und was würdest du jetzt Menschen entgegnen, die sagen Ja okay, aber kriege ich dann da alles, was ich brauche? Gibt es Dinge, die es nicht unverpackt gibt?

Milena: Das ist tatsächlich total unterschiedlich. Je nach Unverpackt-Laden, Region, Konzept, wie auch immer. Unser Laden hat sich z.B. fokussiert auf vor allem wirklich lose Sachen, die man schwer anderswo bekommen kann, z.B. kein Obst und Gemüse. Wenn wir sagen: Ey, Berlin, da gibt’s Bioläden in jeder Ecke, da gibt’s mehr Bioläden als Discounter, hab ich das Gefühl, was großartig ist. Und deswegen sagen wir, wir haben vor allem loose Sachen, wir haben Kosmetik, Seifen, Nüsse, Brot, Getränke, aber halt z.B. keine frischen Sachen. Und auch, weil wir sehr viele Veganer:innen im Team haben, die sich dann auch immer gewünscht haben, dass jetzt nicht unbedingt eine Frischetheke mit Wurst und Käse reinkommt oder ähnlichem. Aber es gibt z.B. auch andere Unverpackt-Läden, die haben auch vegane Alternativprodukte in einer Frischetheke. Es gibt Unverpackt-Läden mit einer riesigen Auswahl von Obst und Gemüse. Aber es gibt natürlich immer Produkte, die man schwer unverpackt anbieten kann. Das sind vor allem vegane Ersatzprodukte. Davon gibt’s bisher sehr wenig. Es gibt einiges an Kosmetik, also bestimmte Marken. Ich glaube grundsätzlich, wenn man bestimmte Produkte von großen Marken haben will, gibt es halt nicht unverpackt, sondern Unverpackt-Läden versuchen halt vor allem kleine Betriebe von Inhabergeführten Unternehmen zu unterstützen, weil die können es halt dann auch unverpackt anbieten und die Lieferkette verändern. Das können die ganz großen Player gar nicht so leicht.

Bianca: Ja, das war nämlich gerade meine nächste Frage gewesen. Also wie? Wie kann man denn in dem ganzen Produktionsverlauf in der ganzen Kette sicherstellen, dass da die Verpackungen auch nicht sehr umweltbelastend sind?

Milena: Also ganz komplett Verpackung vermeiden kann man bei den wenigsten Lieferketten. Es gibt inzwischen einige Produkte und auch einige Großhändler, die wirklich stark auf Mehrweg umstellen. Was echt toll ist. Davon hätte ich früher mir auch kaum zu träumen gewagt. Das ist z.B. Bananeira. Damit arbeiten viele Unverpackt-Läden in Deutschland zusammen. Die füllen wirklich in so große Mehrweggebinde ab. Aber die meisten Lebensmittel bekommen wir auch weiterhin in großen Säcken. Da sind dann 25 Kilo Nüsse z.B. drin. Und dadurch, dass es vom Großhändler abgefüllt wird, wissen wir, dass im Prinzip dieser eine Müll entsteht und halt die Lieferverpackung gegebenenfalls auf der Palette die Plastikfolie, aber nicht diese ganzen einzelnen kleinen Plastiktütchen, die sonst im Supermarkt sind. Es gab mehrere Untersuchungen von verschiedenen Institutionen und Playern und Leuten, die ihre Abschlussarbeiten geschrieben haben. Auch zum Thema „Wie viel Verpackung wird tatsächlich gespart?“, dass es durchschnittlich 80 Prozent im Vergleich zum normalen Bio-Einzelhandel sind, was in Verpackung gespart wird, auf den verschiedenen Stufen der Lieferkette. Das ist tatsächlich ganz spannend, weil es wird tendenziell auch immer mehr, dass auch normale Bio-Großhändler versuchen Einwegverpackungen einzusparen, weil sie sehen, dass das Interesse da ist und weil sie es einfach auf dem Schirm haben. Langsam.

Bianca: Das ist wirklich toll. Jetzt gibt’s ja, ich weiß gar nicht, es war jetzt seit ein paar Tagen, ist das Gesetz in Kraft, dass in der EU so Einwegplastik wie z.B. Trinkhalme verboten sind. Aus deiner Perspektive: Was würdest du dir denn von der Politik wünschen? Was muss da noch gehen, damit das noch großflächiger möglich ist?

Milena: Ach, die Politik sollte in erster Linie mal aus dem Arsch kommen. Das würde ich mir wünschen. Entschuldige die Vulgarität. Es geht alles sehr langsam. Ich weiß noch, wir haben, wie gesagt, vor sieben Jahren eröffnet, das heißt, seit sieben Jahren sagen wir, dass dieses Einwegplastik-Ding echt völliger Schwachsinn ist. Das es jetzt sieben Jahre gedauert hat, bis das ins Gesetz geflossen ist. Und wirklich die Arbeit von so vielen Aktivist:innen europaweit ist. Das ist ja ein EU-Gesetz, was Deutschland nur umsetzt. Das ist schon erstaunlich. Und das sehen wir ja nicht nur bei Plastiktüten, auch beim Klimathema. Wie sehr sich einfach Zeit gelassen wird und wirklich erst was von oben, also von der EU kommen muss, bevor sich etwas bewegt hat in der alten Regierung, die wir jetzt noch haben. Das ist, was ich mir wünschen würde. Tatsächlich, dass man mal mutiger ist und sieht, was wirklich geht. Ich habe oft das Gefühl, dass erst die Wirtschaft die Alternativen erfinden muss und die Kund:innen Nachfrage zeigen. Und dann vielleicht die Politik sich erbarmt neue Gesetze zu machen. Eigentlich soll das andersherum sein.

Bianca: Solange wir warten, dass sich das verändert: Was hast du für Tipps, jetzt abgesehen von unverpackt einkaufen, wie wir alle etwas nachhaltiger leben könnten?

Milena: Also mein allererster großer Tipp ist: Geht wählen! Informiert euch über die Programme. Und gerade jetzt, zwei Monate vor der Wahl, werde ich nicht aufhören, darüber zu sprechen. Ich hab mir jetzt eine neue kleine Routine überlegt. Ich versuche einmal am Tag mit einem Menschen anzusprechen, ob die Person wählen geht und wenn ja, wen und was der Person wichtig ist und warum. Weil einfach das der größte Hebel ist und das die wichtigste Wahl ist in unseren Lebzeiten, denke ich. Das ist der eine Tipp, den ich so mitgeben kann. Der andere Tipp ist auch da wieder auf politischer Ebene Petitionen unterschreiben. Es gab so viele Petitionen gegen alle möglichen Einwegplastik-Produkte oder auch z.B. diese Werbesendungen, die in Plastik eingepackt werden und so. Es gibt ja so viel, was so wirklich unnötig ist. Und ein dritter weiterer Tipp ist auch, tatsächlich einfach es nicht so streng nehmen und einfach mal machen. Einfach mal anfangen. Wir haben ja vorhin z.B. drüber gesprochen: Es gibt ja einiges an Produkten, die es noch nicht unverpackt gibt, wie vegane alternative Produkte. Dann kauft man die halt verpackt und macht sich da aber keinen Kopf. Und den Rest, den man unverpackt besorgen kann, den kauft man dann halt in Unverpackt-Läden. Das wären so ein paar kleine Tipps für den Alltag.

Bianca: Du warst ja 2018 bei der Gründung des Vereins Unverpackt e.V. Verband der Unverpackt-Läden dabei. Magst du uns da was darüber erzählen?

Milena: Ja, sehr gerne. Der ist von ein paar engagierten Unverpackt-Ladner:innen, vor allem von Gregor aus Köln und Michael aus Hannover und mir entstanden. Und der repräsentiert ein bisschen die Unverpackt-Läden. Da können sich Ladnerinnen und Lädner, die bestehen, aber auch in Gründung sind melden und werden unterstützt. Aber vor allem das Tolle an dem Verband ist, wir haben plötzlich so eine Stimme gegenüber der Wirtschaft und Großhändlern und können halt auch auf Veränderung pochen. Und wir sagen nicht nur: Hey, mein Laden bestellt jetzt am liebsten diese Schokokekse ohne Plastiktüte, sondern wir sind hier 200 Läden und wir würden die gerne bestellen. Aber bitte gerne in größer verpackt mit weniger Plastik. Das hat dann wirklich eine Wucht und das ist wirklich toll, was der Verband an Aufklärungsarbeit leistet und wer die Mitglieder zusammenbringt und ja auch der ganzen Bewegung auf ein neues professionelles Level geholfen hat.

Bianca: Als du und dein Team 2014, als ihr da losgelegt habt mit Original Unverpackt. Habt ihr irgendwie damit gerechnet, dass ihr so eine Welle auslöst?

Milena: Wir haben nicht damit gerechnet, dass es so viele Läden werden. Wir haben gehofft, dass wir selber ein paar Läden aufmachen können. Das war sozusagen der Grund. Und am Ende freue ich mich, dass es so viele Läden jetzt gibt und wir damit gar nichts zu tun hatten. Also, so ein Wachstum hätte man sonst auch gar nicht hinbekommen. Es gibt echt in kleinsten Städten und Dörfern Unverpackt-Läden. Das ist der Hammer. Darüber freue ich mich tatsächlich sehr.

Bianca: Ja, das finde ich ja auch so toll, dass es eben nicht nur in urbanen Ballungsräumen funktioniert, sondern eben auch in kleineren Städten und in Dörfern. Und dass es eben nicht nur ein, ja so, so ein urbanes Prinzip ist.

Milena: Total, total. Ich glaube, die leben auch viel davon, dass man ein wirklich herzliches Miteinander mit den Kund:innen und Verkäufer:innen hat, weil es einfach wie früher so ein bisschen Tante Emma Laden ist – viel persönlicher als in einem großen Supermarkt, wo man irgendwie einmal die Woche oder alle zwei Wochen hinfährt und wo alles so anonym ist. Es macht einfach auch Spaß und Freude, da einzukaufen, sogar trotz Corona.

Bianca: Du hast ja jetzt mit unseren Kollegi:nnen vom enorm Magazin einen neuen Podcast gestartet: „Über Leben in der Klimakrise“. Magst du uns kurz was dazu erzählen?

Milena: Oh ja, sehr gerne. Bei dem Podcast geht es darum, dass ich mich schon lange frage: Wie können wir nicht nur Klimaschutz betreiben, sondern was kommt danach? Wie steht es um die Klimaanpassung? Was müssen wir heute machen, damit wir in der Zukunft und auch schon in der nahen Zukunft weiterhin gut und fair und gerecht leben können? Die Frage ist so ein bisschen: Woher kommt unsere Trinkwasserversorgung? Wie ist unsere Energieversorgung sichergestellt in Zeiten der Klimakrise? – weil, die kommt ja nicht erst in zehn, zwanzig Jahren, die ist ja heute schon da. Das sehen wir an den heißen Temperaturen. Das sehen wir an den Waldbränden, die langsam wieder losgehen und der Dürre in der Landwirtschaft. Und über diese Themen sprechen wir mit Expert:innen aus verschiedensten Bereichen, die uns da Rede und Antwort stehen und erzählen, wie es eigentlich in ihrem Bereich, was da gerade steht und geht und was für die Zukunft geplant ist.

Bianca: Und wie ist das? Kommt der einmal im Monat raus oder wie ist da die Frequenz?

Milena: Zurzeit einmal die Woche freitags erscheint der. In der zweiten Folge, die gerade erschienen ist, geht es um Energie.Ich hab nämlich einen Stromausfall miterlebt im Supermarkt in Schweden, letztes Jahr. Ein paar Stunden Stromausfall. Und dann steht man plötzlich da im Nichts. Es ist dunkel und da stellt man sich echt große Fragen und gerade wenn man nicht weiß, wie es weitergeht, wenn es dann wieder Licht gibt. Am Ende wurde es wieder Licht und ich habe noch ein paar wenige Süßigkeiten geklaut, kann ich sagen. Aber das war eine interessante Erfahrung. Genau. Und es gibt ja viele Bereiche wie auch Landwirtschaft oder auch auch die Wirtschaft, wo wir uns fragen: Wie reagiert die eigentlich auf die Klimakrise? Und ja, darum geht es so ein bisschen.

Bianca: Überleben in der Klimakrise. Der neue Podcast von Milena Glimbovski und dem enormen Magazin.

Milena: Und strandgutmedia. strandgutmedia produziert den. Also wir sind so ein Dreiergespann, das das auf die Beine stellen.

Bianca: Wir packen euch den Link in die Shownotes. Vielen Dank Milena, dass du dir die Zeit genommen hast und alles Gute.

Milena: Sehr gerne. Vielen Dank dir auch. Ciao.

Bianca: Ich freue mich sehr über unseren nächsten Gast. Simon Böhnlein, Geschäftsführer und Gründer von GoodBuy. “Buy“ wie „guter Kauf“ und wie „Auf Wiedersehen“. Wir von Good News und vom enorm Magazin stecken mit GoodBuy unter einer Decke und zwar gehören wir zu der Good Family. Hallo Simon.

Simon Böhnlein: Hi Bianca, danke, dass ich hier sein darf.

Bianca: Sehr schön, dass du dir die Zeit nimmst. Du, sag mal, du hast GoodBuy 2019 gegründet. Mit Paul Berg. Wie kam es dazu?

Simon: Ich habe mitgegründet. Das muss man, glaube ich, auch mal fairerweise dazu sagen. Und es ist eigentlich eine Unternehmens-Ausgründung aus unserer bestehenden Good Family. Und die Idee zu GoodBuy gab es eigentlich auch schon ein bisschen vorher. Wir haben das damals im enorm Shop getestet. Quasi die erste Idee, Produkte mit Impact zu verkaufen oder ausschließlich Produkte mit Impact zu verkaufen. Und das ist dann so gut angenommen worden, dass wir uns dann irgendwie hingesetzt haben, Businessplan geschrieben haben und dann quasi aus unserer Family Holding gesagt haben, wir wollen eine neue GmbH, ein neues Unternehmen daraus gründen und dann ist GoodBuy entstanden. Und dadurch, dass ich das damals irgendwie angeleiert, halb angeschoben habe, wurde ich dann damit Gründer und Geschäftsführer von dem ganzen Projekt.

Bianca: Okay, jetzt hast du von Impact gesprochen. Was ist das genau?

Simon: Grundsätzlich versuchen wir bei GoodBuy so ein bisschen eine Utopie zu verwirklichen. Und zwar die Vorstellung, dass alle Produkte, die wir irgendwie konsumieren, in unserer Utopie, der Welt mehr zurückgeben, als sie ihr nehmen. Also, dass man z.B. wenn man sich einen Holztisch kauft, dass für diesen Holztisch schon wieder so viele Bäume gepflanzt worden sind, dass der Wald größer geworden ist und der Wald nicht kleiner geworden ist. Das ist, glaube ich die Grundidee davon. Und da gibt es verschiedene Social Start-ups oder NGOs, die diese Idee verfolgen. Und da haben wir gesagt, dafür, für diese Generation von neuen Konsumprodukte und Unternehmen, die die Welt nicht nur irgendwie mit Merch und Marketing-Gags irgendwie schöner machen wollen, den wollen wir eine Plattform bieten, damit die Leute auch wissen, was es alles gibt. Und auch gemeinsam die Idee noch größer machen, dass man Konsum nicht mit „Geiz ist geil“ denken kann, sondern auch so, dass man die Welt mit jedem Kauf ein kleines Stückchen besser machen kann.

Bianca: Wir können, das kann man bei euch machen im Online-Shop. Ihr habt jetzt aber auch ein Geschäft in Berlin-Friedrichshain. Was habt ihr da so für Marken? Also, ich habe gelesen, ihr habt die Good Brands. Was sind da die Kriterien für diese Good Brands?

Simon: Genau. Grundsätzlich sind die Kriterien einfach, dass sie den Anspruch haben sollten, der Welt mehr zu geben, als sie ihr nehmen. Das meiste, was wir bei uns anbieten, sind, ganz klassisch, nicht gewinnorientiert oder nicht maximal gewinnorientierte Unternehmen. Also, viele Social Start-ups, B-Coop zertifizierte Start-ups, Gemeinwohlzertifizierte Start-ups. Also, daran kann man sich so ein bisschen orientieren. Das sind aber auch teilweise kleinere Vereine, wie z.B. „über den Tellerrand kochen“, die mit den Erlösen aus dem Produktverkäufen Integrationsarbeit finanzieren. Also, gibt es verschiedene Modelle. Ich glaube, so auf der einen Seite dürften das so ganz klassische Non-Profit-Organisationen sein, die über Produktverkäufe ihre Arbeit finanzieren wollen. Und das andere Zweidrittel sind Unternehmen, die über ihr Wirkungsmodell oder über ihre Arbeit schon einen guten Mehrwert irgendwie schaffen und das auch mit dem Produktverkauf finanzieren können.

Bianca: Und wie ist das jetzt, wenn man bei euch bestellt? Wie kriegt ihr das hin, dass das nicht die Umwelt noch mehr belastet?

Simon: Ja, das haben wir uns bei der Gründung natürlich auch gedacht. Nicht nur Produkte verkaufen, die irgendwie auch schon Anspruch haben, sondern da müssen wir natürlich auch in unserer Wertschöpfungskette irgendwie gucken, wie man da der Welt mehr zurückgeben kann oder wie man das irgendwie Klimapositiv oder gesellschaftlich positiv gestalten kann. Wir haben uns dazu entschieden, dass wir in unserer Wirkungskette, das ist jetzt mal in erster Linie der Versand, der glaube ich schon negativ starke Klimabilanz hat, gerade auch was Retouren angeht. Und wie gesagt, pro Bestellung investieren einen festen Betrag. Neben dem klimaneutralen Versand, was ja glaube ich schon mittlerweile fast Standard ist, investieren wir nochmal einen Betrag in Aufforstungsprojekte und haben uns da auch für ein Projekt entschieden, was nicht nur irgendwie Bäume pflanzen ist, sondern wo wir auch aktiv in genossenschaftliches Impact Investing machen, wo wir quasi als Genossenschaft Anteile zeichnen, um mit dem Geld abgeholzte Urwaldflächen aufgekauft werden, langfristig dort Menschen auch eine Arbeit finden, die dann renaturiert wird und auch Tiere wieder eine eine ökologische Heimat finden. Und wichtig bei den ganzen Dingen ist eben auch, dass die Menschen vor Ort dort auch was bewirtschaften können. Also, quasi eine nachhaltige Bewirtschaftung des ganzen Landes ist in dem Impact-Kosmos von Aufforstung relativ essentiell. Weil, wenn die Leute vor Ort nichts von dem Wald haben, kann man zwar den Wald bepflanzen, aber dann kannst du ja wahrscheinlich ziemlich sicher sein, dass da in ein paar Jahrzehnten wieder abgeholzt wird, damit die Leute wieder Geld bekommen. Und deswegen hat uns das Projekt überzeugt und deswegen machen wir das so. Und in unserem Offline-Online-Geschäft sozusagen, also was da unsere Wirkungsmodell ist, da haben wir uns mit Quartiermeister zusammengetan. Das ist so eine Biermarke, aber auch ein Verein in Berlin, der mittlerweile auch in ganz Deutschland die über ihre Bierverkäufe soziale Projekte finanzieren. Und das unterstützen wir auch mit einem festen Prozentsatz unserer Erlöse im Laden in Friedrichshain. Und da haben wir schon die ersten zwei Projekte gefördert. Das war einmal ein Anti-Rassismus Projekt, da haben wir einmal die Miete übernommen, während Corona und jetzt so eine Nachbarschafts-Treff-Kreativ-Werkstatt, so würde ich es bezeichnen, wo wir auch quasi einmal 500 Euro gespendet haben. Und daneben haben wir noch verschiedene kleinere Projekte, dass wir uns z.B. auch mit anderen Unternehmen zusammentun und so „GoodBoxes“ machen, wo wir dann Spenden sammeln. Und das hat auch ganz gut funktioniert letztes Jahr. Wir haben knapp 20 000 Euro an Spenden zusammenkommen.

Bianca: Hast dein Lieblingsprodukt.

Simon: Ich habe ganz viele. Das klingt jetzt total abgedroschen, aber tatsächlich bin ich wahrscheinlich der beste Kunde bei mir mir selber. Weiß nicht, ob man das unbedingt machen sollte. Lieblingsprodukt… die Schokolade, also Schokolade ist natürlich das Produkt, was ich häufig konsumiere und da eigentlich auch alle jegliche Schokolade, die wir irgendwie bei uns haben – von fairafric, die ihre Schokolade in Ghana produzieren lassen, also auch wirklich nur eine Fabrik aufgebaut haben, über SoulSpice, weil sie total geile Gewürze machen, die total lecker sind, aber die auch wirklich einen coolen, coolen Ansatz haben, gibt es ganz viele. Heyho Müsli ist auch total geil. Ja, da würde es irgendwie ein bisschen unfair sein, weil ich würde dann irgendjemand vergessen und dann fühle ich mich schlecht, weil ich sie nicht genannt habe. Und ich alle toll finde. Was Beste ist wahrscheinlich das enorm Magazin natürlich, was bei uns gelistet ist, wo zumindest bei mir das meiste Herzblut eingeflossen ist.

Bianca: Ja, jetzt gibt’s euch seit 2019 zu sehen. Wie ist es denn bisher gelaufen?

Simon: Ende 2019 haben wir angefangen, ja. Das ist ein bisschen bitter, weil wir 2019 mit sehr viel Herzblut und Schweiß und Tränen den Laden selber eingerichtet haben. Viel geschraubt, viel gebaut und dann, vier Monate später, nachdem man das alles gemacht hatte, kam Corona und wir muss natürlich erst einmal schließen und das war natürlich emotional nicht so toll. Waren jetzt vielleicht auch nicht die besten, zumindest nicht der beste Zeitpunkt, irgendwie ein Einzelhandelsgeschäft in Berlin aufzumachen. Aber trotz der Begleitumstände, die irgendwie die letzten Jahre gebracht haben, hatten wir doch ein mega tolles erstes Jahr. Was eigentlich über unseren Erwartungen am Ende gelaufen ist. Das ganze endete dann noch mit einem großen Knall, was bei uns immer Weihnachten ist, weil Leute dann auch gerne mal Produkte verschenken wollen, die irgendwie cool sind und irgendetwas Gutes tun. Das ist dann bei uns natürlich zur Anlaufstelle geworden. Da hatten wir sowohl online jeden Tag sehr viele Pakete zu packen, als auch, dass wir fast jeden Tag im Dezember eine Schlange regelmäßig vor unserem Laden hatten, also das auch gezeigt hat: Okay, die Leute haben da Bock drauf. Auch das persönliche Feedback, was man bekommen hat, dass Leute, dass Kund:innen ein Trinkgeld geben wollen, wenn sie irgendwie was kaufen. In dem Geschäft ist es auch ein bisschen „weird“ teilweise, aber total schön und Leute freuen sich einfach jedes Mal zu uns zu kommen. Und das ist eigentlich die schönste Bestätigung, dieser physische Kontaktpunkt, den man halt selten hat, gerade wenn man irgendwie in einem Digitalunternehmen unterwegs ist, der uns jetzt total viel Motivation gibt, aber auch total viel Bestätigung nochmal gibt für das, was wir auch in der ganzen Good Family machen. In unserem Laden hängt natürlich auch eine schöne Wand, wo alle Good Family Members nochmal abgebildet sind. Da sind auch viele Leute dann, die kommen und sagen ja, sie benutzen die Good News App und das finden sie total geil oder sind eure Abonnent:innen. Und dann sieht man halt wirklich was wir so als Good Family bei einem Menschen bewirken. Das ist total schön dann auch, sich das mal abzuholen. Und die Erfolgswege, also die Erfolgsfaktoren, sehe ich natürlich einmal darin, dass Einzelhandel eine Zukunft hat, wenn man irgendwie verschiedene Themen bespielt. Einmal, dass es auch einen Sinn haben muss und nicht nur irgendwie: Ich mache eine nächste Kette nach der anderen. Leute kommen wirklich gerne zu uns. Aber auch, dass man nicht mehr online und offline getrennt denken sollte. Also, ich mache jetzt irgendwie hier ein kleines Online-Geschäft oder da mache ich irgendwie einen Supermarkt und dann schicke ich da irgendwie ein paar Sachen raus. Sondern wir haben das gleich von Anfang an beides zusammengedacht. Also, in unserem Laden werden auch die Pakete gepackt für unseren Online-Shop. Das befruchtet sich dann auch gegenseitig. Es ist immer etwas los in dem Laden und das ist ja glaube ich auch so ein Jahrmarkt-Effekt, dass man, wenn mal an so einem Stand nichts los ist, dann traut man sich da vielleicht auch nicht rein. Das hat man bei uns gar nicht, weil bei uns mindestens einer immer irgendwie durch den Laden wuselt und irgendwie Pakete zusammensucht. Ich glaube, die Zukunft vom Einzelhandel, würde ich auch sagen, nicht nur natürlich zu gucken, dass es irgendwie nachhaltig ist, aber auch, dass man die Digitalisierung auch wirklich in der DNA hat. Und nicht nur sagt, ich digitalisiere einen Geschäftszweig, sondern das ist eins, in dem, was ich, wie ich das mache. Aber auch: Wie wirke ich in meinem Umkreis? Also, wie will ich selber Teil der Stadt sein? Oder will ich jetzt irgendwann nur hier diese zehnte Filiale irgendwie aufmachen, die Fußgängerzone noch ein bisschen so aussehen lassen wie in anderen Städten, sondern man da wirklich guckt, was kann man irgendwie auch in den Kiez reinbringen, was wir über unsere Nachbarschaftsprojekte irgendwie machen, was wir aber in Zukunft noch viel stärker machen wollen mit verschiedenen Projekten, die wir jetzt auf der Agenda stehen haben. Die haben jetzt durch Corona ein bisschen geparkt. Aber das wollen wir alles noch machen, weil wir unter anderem auch total stark in dem Kiez selber verwurzelt sind. Also, wir uns total freuen, dass wir da einen Laden aufmachen durften. Zum Beispiel die Nina, eine Kollegin von mir. Also die ist hier aufgewachsen in Friedrichshain. Ich bin irgendwie vor 8 Jahren hergezogen. Wir haben hier total viele Freunde und kennen hier auch voll viele Menschen. Wir selber wollen auch einen schönen Beitrag leisten für diesen Kiez. Und ich glaube, wenn man diese drei Sachen zusammen hat, man will selber aktiv in dem Kiez wirken, man macht was Sinnvolles und man versteht die nachhaltige Digitalisierung auch als Chance und nicht nur als Zusatzprodukt, sondern ich denke es irgendwie zusammen. Dann hab ich zumindest gesehen, dass wir so wie wir das gemacht haben, dass das auch sehr erfolgreich funktionieren kann. Und für ein Einzelhandelsgeschäft wird es auch relativ stabil. Läuft nach einem Jahr schon. Und ich hoffe, dass da noch mehr kommen. Gerade im Kiez gibt’s auch schon ganz viele andere tolle, nachhaltige und Fairtrade-Läden. Da freue ich mich, dass das noch ein bisschen stärker wird und das vielleicht auch irgendwann die Stadt Berlin oder auch der Kiez, das Bezirksamt Friedrichshain erkennt, dass sie da auch wahrscheinlich einen ziemlich coolen Stadtmarketing-Gag haben, dass sie sowieso eine nachhaltige Einkaufsstraße irgendwann haben könnten. Aber dann müssten sie auch vielleicht noch ein bisschen was für tun.

Bianca: Ja, vielen Dank, Simon.

Simon: Danke dir und ich freue mich wieder auf die nächste Folge. Ich bin natürlich auch fleißiger Hörer und Good News-Leser. Bin mal gespannt, wann ich mich mal wieder in einem Podcast hören darf. Danke für die Einladung.

Bianca: Dankeschön. Tschüss! Ich freue mich sehr auf unseren nächsten Gast: Johanna Kühner, Mitgründerin und Vorstandsmitglied bei Supercoop Berlin, dem ersten genossenschaftlich organisierten Supermarkt Berlins in Berlin-Wedding, bald – noch nicht eröffnet. Hallo Joanna!

Johanna Kühner: Hallo, schön, dass ich heute da sein kann.

Bianca: Sehr schön, dass du da bist. Erzähl uns mal – was heißt das? Ein gemeinschaftlich oder genossenschaftlich organisierter Supermarkt?

Johanna: Ja, beides, tatsächlich. Als Genossenschaft sind wir natürlich eine Gemeinschaft von Mitgliedern, die diesen Supermarkt zusammen betreiben. Und jedes Mitglied bei uns hat drei Rollen. Zum einen ist man, wenn man Mitglied bei Supercoop in unserer Genossenschaft ist, Miteigentümer:in in dem Supermarkt und hat einen Anteil der Genossenschaft und damit auch ein Stimmrecht. Und als Unterschied zu einer Aktiengesellschaft hat man in der Genossenschaft pro Kopf eine Stimme. Das heißt, unabhängig davon, wie viele Anteile man hat, alle haben ein Mitspracherecht in der Generalversammlung. Und dadurch, dass der Laden allen gehört, die dort einkaufen, handelt der Laden auch automatisch im Interesse aller Mitglieder und nicht im Interesse von externen Shareholdern. Und als zweite Besonderheit betreiben wir den Laden eben auch gemeinschaftlich. Das heißt, circa 75 Prozent der Arbeit wird nur durch die Mitglieder erledigt, die alle drei Stunden pro Monat in einem Supermarkt mithelfen. Und als dritte Rolle sind wir natürlich auch alle Kunden und Kundinnen in einer sehr aktiven Rolle und können natürlich auch in unserem eigenen Laden einkaufen.

Bianca: Und wie seid ihr auf diese Idee gekommen, so einen genossenschaftlich organisierten Supermarkt auf die Beine zu stellen?

Johanna: Die Idee hatten gar nicht wir, sondern haben uns das einfach abgeschaut von anderen Ländern. Ich glaube, da liegt auch ein großes Potential drin, dass wir schauen, welche nachhaltigen Geschäftsmodelle funktionieren denn vielleicht auch schon gut, uns das genau anschauen, warum die funktionieren und es dann in einen neuen, regionalen Kontext übertragen. Und nichts anderes machen wir mit Supercoop auch. Wir orientieren uns an Modellen, die in New York z.B. schon sehr erfolgreich funktionieren mit 17 000 Mitgliedern. Da gibt’s auch einen tollen Dokumentarfilm drüber. Der heißt Foodcoop, der dieses Modell ganz schön aufzeigt und zeigt. Seit 2016 ist das Modell mit Standorten in Brüssel und Paris dann auch nach Europa gekommen und verbreitet sich hier immer weiter. Auch in München macht jetzt der erste genossenschaftliche Supermarkt auf. Und so hoffen wir, dass sich das auch in Deutschland verbreitet.

Bianca: Ja, sehr cool. Ihr habt ja jetzt ein erfolgreiches Crowdfunding hinter euch. Ich habe gelesen, ihr habt jetzt 588 Mitglieder inzwischen. Wie geht es denn jetzt weiter bei euch?

Johanna: Ja, genau 500 Mitglieder war das Ziel. Da sind wir sogar ein bisschen drüber hinausgeschossen, was uns sehr gefreut hat. Bei unserer Crowdfunding-Kampagne. Weil so viele Mitglieder brauchen wir auch mindestens, um den ersten Laden zu betreiben. Jetzt haben wir unseren Mietvertrag unterzeichnet, sind jetzt auch schon umgezogen in eine größere Fläche mit unserem kleinen Lager. Im Moment machen wir einen Lagerverkauf für die Mitglieder und daraus soll dann auch der Laden entstehen, indem man dann einfach jederzeit zu den Öffnungszeiten hingehen kann und ganz normal einkaufen, ohne vorbestellen zu müssen. Und jetzt planen wir erstmal im ersten Schritt mit einer kleineren Ladenfläche, die dann nochmal erweitert wird, zu einem richtigen genossenschaftlichen Supermarkt.

Bianca: Und was in den Regalen steht, das entscheidet ihr unter euch. Also die Mitglieder entscheiden, was da reinkommt, was ihr verkaufen wollt.

Johanna: Genau. Wir haben mit der Generalversammlung, mit unseren Mitgliedern, zehn Leitlinien verabschiedet. Die haben soziale, ökologische, aber auch kulturelle und wirtschaftliche Kriterien, die wir da berücksichtigen und die dienen als Grundlage für unser Einkaufsteam. Und wir haben unter unseren Mitgliedern, also es ist nicht so, dass wir eine Produktliste haben und bei der Generalversammlung da mit 588 Mitgliedern alle Produkte durchsprechen und zusammen entscheiden, sondern wir haben einzelne Mitglieder, die als Product Scouts tätig sind. Das heißt, in einem bestimmten Produktbereich schauen sie sich verschiedene Lieferanten an, mit wem wir zusammenarbeiten wollen und entscheiden dann entlang dieser gemeinsam verabschiedeten Leitlinien, was wir ins Sortiment mit aufnehmen und berücksichtigen da eben auch die Wünsche der Mitglieder.

Bianca: Und was beinhalten diese Leitlinien so? Was ist euch wichtig?

Johanna: Zum einen ist die erste Leitlinie z.B. die kulturelle und auch wirtschaftliche Vielfalt der bestehenden, aber auch zukünftigen Mitglieder stark. Das ist auch nochmal sehr wichtig, dass wir im Interesse der Mitglieder handeln, aber auch berücksichtigen wollen: Was ist denn interessant für zukünftige Mitglieder? Was will die Nachbarschaft, in der wir ja auch agieren? Es ist ein sehr lokales Projekt, weil man natürlich auch in seiner Nachbarschaft einkaufen gehen möchte. Und dann sind andere Kriterien eben auch der Einfluss auf unser Klima, die Berücksichtigung von Menschenrechten entlang der Lieferkette. Da arbeiten wir z.B. gerade schon mit einer anderen Genossenschaft zusammen, die gerade bei Produkten, die nicht aus der Region kommen, wie Kaffee und Schokolade und Reis, die wir aber natürlich trotzdem anbieten wollen, sie da ganz besonders darauf achten, was bei solchen Produkten auch die Menschenrechte berücksichtigt werden.

Bianca: Und wenn man jetzt bei euch mitmachen will, wie geht man da vor? Wie wird man Mitglied bei euch?

Johanna: Ja, man kann einen Anteil zeichnen an der Genossenschaft und ist dann offiziell Mitglied. Die erste Schicht, die man als Mitglied macht, ist unser Info-Treffen. Und es ist immer ganz wichtig, dass man auch weiß, was das bedeutet. Genossenschaftsmitglieder bei uns zu sein, wie es funktioniert mit der Mitarbeit, welche Produkte wir auch haben werden. Und dafür haben wir immer als allerersten Punkt unsere Willkommenstreffen, die auch von anderen Mitgliedern für neue Mitglieder gestaltet und gehalten werden. Und ja, dann hilft man seine drei Stunden pro Monat mit und kann bei uns einkaufen gehen.

Bianca: Aber das heißt im Umkehrschluss: Wenn man kein Mitglied ist, dann kann man auch nicht bei euch einkaufen, oder?

Johanna: Ja, genau. Da gibt es verschiedene Modelle, die verschiedene genossenschaftliche Supermärkte auch anwenden. Wir orientieren uns da eben daran, wie es schon sehr gut funktioniert in New York, Paris, Brüssel und anderen Städten, bei denen mit dem Modell, dass nur Mitglieder einkaufen können. Und wir verstehen das auch als einen inklusiven Ansatz, auch wenn es vielleicht erstmal nicht gleich einleuchtet, weil wir so ermöglichen wollen, dass wir keine Unterscheidung haben zwischen arbeitenden Mitgliedern und nicht arbeitenden Mitgliedern, sondern dass da eben die Voraussetzungen für alle geschaffen werden, auch zu guten, fairen Preisen einzukaufen. Und dass eben auch alle, die dort sind und einkaufen, in dem Laden Mitglied sind und die gleich mitentscheiden können. Genau das waren so unsere Gründe, warum wir das Mitglieder-Modell gewählt haben. Und das haben wir auch mit den Mitgliedern nochmal besprochen.

Bianca: Ihr seid jetzt diejenigen, die in Berlin-Wedding eröffnen werden. Gibt es da noch weitere Pläne, dass er noch in anderen Stadtteilen expandiert sozusagen?

Johanna: Ja, wir haben auch Mitglieder schon, die gar nicht in der Nachbarschaft wohnen. Natürlich der Großteil schon. Aber auch Mitglieder und Interessierte in anderen Stadtteilen. Berlin ist ja auch sehr groß. Und wir sind jetzt schon daran, auch ein Abholer-System zu entwickeln in anderen Kiezen, dass wir verschiedene Abhol-Stellen einrichten, damit man sich einfach auch ein Stück Supercoop in seine Nachbarschaft holen kann. Und immer, wenn es genug Interessenten in einem Stadtteil gibt und wir da einen passenden Standort dafür finden, ein bisschen wie das solidarische Landwirtschaften z.B. machen mit ihren Abhol-Orten, dass wir dann die Supercoop-Produkte eben auch in andere Kieze bringen können.

Bianca: Ja, sehr cool. Ich wünsche euch ganz viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.

Johanna: Vielen Dank.

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