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15 Dezember 2020 / Lesezeit: 15 minuten

Best of enorm – Wir feiern Geburtstag

Für die Tonne!

Von der Berliner Tafel gerettete Lebensmittel.

Bild: Manuel Krug

Bild: Manuel Krug

Jedes Jahr werden Millionen Tonnen Nahrung weggeworfen. Eine Suche nach den Gründen für Lebensmittelmüll auf Äckern, in Supermärkten, bei den Produzenten – und privat zu Hause.

Anmerkung der Redaktion: 2010 erschien die erste Ausgabe des enorm Magazins. Wir feiern 2020 Geburtstag und veröffentlichen besondere Artikel erneut. Der folgende Text erschien zuerst im Schwerpunkt der enorm Ausgabe 4/2014.

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Samstag, Wochenendhaus, Brandenburg. Im Müll landen: zwei Packungen Hot-Dog-Brötchen, Fehlkauf, 500 Gramm. Ein Kilogramm Kartoffeln, Drillinge, die keimen. Ein halber Liter fettarme Milch, offen seit drei Wochen, genau wie der halbe Liter Bio-Apfelsaft. Etwa 600 Gramm Gulaschsuppe, Überbleibsel einer Party, zum Glück im Kühlschrank. Zwei Äpfel, faul, 280 Gramm. Eine Bio- Zitrone, Schimmel, 80 Gramm. Circa 90 Gramm alte Butter. Ein halber Camembert, 75 Gramm. Das fängt ja gut an.

Und es ist leider nicht überraschend. Zwei Erwachsene, zwei Kinder, zwei Haushalte. Und immer was zu essen im Haus. Nein, ehrlich sein: immer reichlich zu essen im Haus. Wir, als Familie eine der kleinen Zellen der Gesellschaft, leben, was Lebensmittel angeht, auf großem Fuß. Wir kaufen viel ein und werfen viel weg. Damit sind wir leider keine Ausnahme, sondern typisch und Teil eines mächtigen Mainstreams, der in die falsche Richtung fließt. Im Schnitt wirft jeder Deutsche pro Jahr 82 Kilogramm Essen weg. In Europa sind es geschätzte 89 Millionen Tonnen. Und auf der ganzen Welt angeblich ein Drittel der produzierten Nahrung, satte 1,3 Milliarden Tonnen.

Auch auf enorm: Diese Start-ups kämpfen gegen Lebensmittelmüll

Superlative haben schnell etwas Abstraktes. Wird man mit ihnen zugeschüttet, berühren sie so wenig wie die Vorworte vieler Studien zum Thema Lebensmittelmüll. Während der Westen verschwendet, mahnen darin die Wissenschaftler stets streng, hungert der Rest der Welt. Das ist ein Zusammenhang, der schon im Kindergarten nicht gezogen hat: Iss auf, denk’ an die armen Kinder in Afrika! Heute sagen Aktivisten: Allein von einem Viertel aller in den Industriestaaten weggeworfenen Nahrungsmittel könnte man eine Milliarde Hungernde ernähren. Das ist sicher nicht falsch. Es erfüllt nur offensichtlich nicht seinen Zweck – der Westen verschwendet einfach weiter.

In Großbritannien hantieren sie geschickter mit den Zahlen. Das britische Umweltinstitut Wrap erklärte 2011: Mit den immerhin 1,1 Millionen Tonnen Lebensmittelmüll, die man dank groß angelegter Kampagnen zwischen 2007 und 2011 vermieden habe, könnte man „das Londoner Wembleystadion füllen bis zum Rand“. Das ist beeindruckend. Vielleicht hilft es beim Einstieg in den Ausstieg aus der Wegwerfkultur, ein paar Tage lang den Biss ins eigene Gewissen zu dokumentieren. Warum nicht einmal messen, was in einer Woche zusammen kommt, zu Hause, und in einem Restaurant?

Man bittet die Chefköchin seiner Stammkneipe, eines großen Leipziger Cafés, eine Woche lang die Essensreste zu wiegen, die bei der Zubereitung, vor allem aber von den Tellern der Gäste in die Tonne wandern. Sie sagt, sie bestelle schon lange vorsichtig und in den Kühlschränken bleibe selten etwas übrig. Mit dem Abwiegen beginnt sie an einem Sonntag. Da gibt es von 9 bis 15 Uhr ein Buffet. Und weil bei Buffets die Augen stets größer sind als der Mund, bleibt auch besonders viel Abfall zurück: 76,6 Kilogramm. Die Europäer haben sich Großes vorgenommen. Die EU-Kommission will ihre Mitgliedstaaten über eine Änderung der Abfallrahmenrichtlinie unter anderem dazu verpflichten, ihren Lebensmittelmüll bis zum Jahr 2025 um mindestens 30 Prozent zu reduzieren. Stimmen die Regierungen und das Europäische Parlament zu, wäre das die erste rechtliche Verpflichtung dieser Art. Ein grundlegendes Problem ist allerdings, dass die Staaten noch nicht einmal genau wissen, wie hoch ihre Müllberge eigentlich sind und wer in der Kette der Verschwender – von Stall und Feld über Industrie, Händler und Verbraucher bis hin zur Deponie – daran welchen Anteil hat. Überall wird noch geschätzt, hochgerechnet, ausgewertet. Und es ist schon das Jahr 2014.

Die Zahlen, die existieren, sind bereits schrecklich genug: Elf Millionen Tonnen Essen werfen allein die Deutschen laut einer Studie des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung pro Jahr weg. Die Auftragsstudie stammt aus dem Jahr 2012; ihr zufolge gehen davon 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittelmüll auf das Konto der privaten Haushalte. Das sind 61 Prozent. Backwaren, Obst und Gemüse stehen ganz oben auf der Liste dessen, was regelmäßig im Müll landet. 235 Euro pro Kopf und Jahr sollen laut der Forscher somit in der Tonne verschwinden.

Die Krux mit der Statistik ist: Egal woher sie stammt, sie beruht nicht auf konkreten Messungen, sondern auf Analysen von Waren- und Abfallströmen, Müllmengen, komplizierten Hochrechnungen. So schwanken allein die Angaben zum Abfall der Lebensmittelindustrie zwischen 0,2 und 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr, je nachdem, wer was wie hineinrechnet. Das schafft Raum für Interpretationen. Ob ambitionierte Umweltschützer oder konservative Agrarpolitiker – jeder kann die Zahlen hernehmen und mit dem Finger auf die Gruppe zeigen, die man als Verschwender ausmachen will. Ausgerechnet das Landwirtschaftsministerium hat in seiner Studie von 2012 die Verluste der Landwirtschaft einfach weggelassen. Mengenangaben, fürchtete man anscheinend, hätten als Schuldzuweisung an die Bauern interpretiert werden können.

Lebensmittelmüll: Früchte müssen makellos sein

Dabei gibt es Zahlen dazu. Für Europa hat die Welternährungsorganisation FAO errechnet, dass 3,8 Prozent des Fleisches, 4 Prozent der Milch, 6 Prozent des Getreides, 9,9 Prozent der Fische und Meeresfrüchte, 11 Prozent der Ölsaaten und Hülsenfrüchte, 25 Prozent der Früchte und Gemüse und sogar 29 Prozent der Wurzeln und Knollen direkt bei den Bauern und Fischern verloren gehen. Die Frage ist nun, ob das vermeidbar wäre. Also auf zu den Knollen.

Ein Feld bei Seevetal, vor den Toren Hamburgs. Es riecht nach Kohl. Die Abendsonne brennt 25 Rumänen auf die Rücken. Sie stehen hinter und auf einer zwölf Meter breiten Ernteanlage der Behr AG, einem der größten deutschen Gemüseproduzenten und Lieferanten des Lebensmitteleinzelhandels. Hinter der Maschine ziehen Männer Kohlrabis aus der Erde, hacken ihnen die Wurzeln und einen Teil der Blätter ab. Ein Förderband transportiert das Gemüse dann eine Ebene höher, wo Frauen grüne Plastikstiegen vollpacken, die gleich dahinter in einen LKW-Anhänger gestapelt werden, den ein Traktor langsam vorwärts zieht.

5500 Stiegen passen in einen Laster. In jede davon kommen 20 Kohlrabis. Es haut immer hin. Denn unten ziehen die Männer nur etwa gleich große, makellose Früchte aus der Erde, mindestens neun Zentimeter Durchmesser, glatte pastellgrüne Außenhaut, tiefgrünes Laub. Es dauert ein paar Augenblicke, ehe man begreift, dass man auf dem abgeernteten Teil des Feldes steht. Denn auch hier liegt noch alles voller Kohlrabis. Im Schnitt fünf oder sechs, einmal sogar elf Stück sind es pro Quadratmeter. Alles Ausschuss.

Für Heiner Sievers, Betriebsleiter bei der Behr AG, ist das kein beunruhigender Anblick, sondern ein alltäglicher. Mindestens 70 Prozent der Früchte, eher aber 80 würden hier vom Feld geholt, schätzt er. Eine gute Quote. Die Erträge aus dem Verkauf werden für einen Gewinn reichen. Was auf dem Feld bleibe, sagt Sievers, sei für den Verkauf deutlich zu klein, habe Risse, Hagelschäden, Verwachsungen oder einen Makel in der Außenhaut, verursacht vom Rapsglanzkäfer zu Beginn des Reifeprozesses. Er zeigt so eine Stelle, und man erinnert sich dunkel, dass das vor Jahrzehnten ein üblicher Anblick war. Heute ist jede Schrunde Kassengift. „Das würde die Kundin im Supermarkt liegen lassen“, sagt Sievers emotionslos. Außerdem: Was nicht gut genug ist, reklamiert der Handel sowieso. Weil er weder „die Kundin“ noch die Händler verärgern will, lässt er die Früchte mit Makel darum auf dem Feld. Hier, quasi an der Wurzel, sind sie am billigsten zu entsorgen.

Von der Berliner Tafel gerettete Lebensmittel. Bild: Manuel Krug

Würden die Mitarbeiter der Behr AG die zweitklassigen Kohlrabis doch ernten, müssten sie die Früchte gleich auf dem Feld in eine extra Charge packen und etikettieren, sie anders verladen, sie – Wochen im Voraus – mit möglichst konkreten Mengenangaben zu niedrigeren Preisen an den Einzelhandel vermarkten. Doch selbst wenn es Interesse an solcher Ware gäbe (sie sind sich hier sicher, das dem nicht so ist), warnt Rudolf Behr, Sievers’ Chef: „Es rechnet sich einfach nicht, da wir so sorgfältig arbeiten, dass nur eine geringe Menge an B-Ware anfällt.“

Behr ist Herr über 4000 Hektar Gemüseäcker in Niedersachsen, Mecklenburg und Spanien. 300 Festangestellte hat er, 1200 Arbeitskräfte aus Osteuropa ernten in der Saison für den Deutschen. Die zusätzliche Logistik und Arbeitskraft für mangelhafte Ware, so erklärt der 63-Jährige, würde die knappen Margen, die im Handel mit Gemüse und Obst wie Börsenwerte steigen und fallen, auffressen. „Wir rechnen hier mit Stellen hinterm Komma, es geht um halbe Cents pro Kilogramm.“ Darum wird, was liegenbleibt, ein paar Tage an der Sonne trocknen, dann auf dem Feld zerkleinert und untergepflügt. Nach ein paar Wochen Regeneration kommt die Saat einer anderen Art in den Boden.

Rudolf Behrs Gemüse geht an die Supermärkte und Discounter im ganzen Land, in 50 LKW täglich. Er kann unter anderem Möhren und Zucchini, Broccoli und als erster Deutscher auch Mini-Pak-Choi anbieten. Bekannt aber ist Behr für seinen Salat. Er baut so ziemlich alle Sorten an, Bio und Nicht-Bio. Als Marktführer produziert er also jenes Gewächs, das die Verbraucher neben Kartoffeln am häufigsten in die Tonne kloppen – denn da landet jeder zweite gekaufte Salat. Dagegen sind die Verluste, die gleich auf dem Feld entstehen, mit 20 Proviele Gründe. Salat kann zu mickrig sein oder blitzschnell faulig werden von zu viel Regen. Er kann trotz Vorkehrungen Läuse bekommen oder musste gegen sie zu spät gespritzt werden. Wöchentlich werden bei der Behr AG die Pflanzen beprobt. Stimmen die Laborwerte nicht, nimmt der Handel die Salate nicht ab.

Zur Not wird untergepflügt

Und es gibt noch einen Grund, Ernte zu vernichten: wenn zu viel von einer Sorte Gemüse gleichzeitig auf den Markt drängt. Der erste Schritt ist dann, mit der Ware „in die Werbung zu gehen“, wie Behr sagt, also die Preise zu senken. Drückt das Überangebot aber so auf die Margen, dass für den Produzenten nichts übrig bleibt, schreibt Behr seine Ware gleich auf dem Feld ab. Mit der Fräse. Behr, der gern über die Schöpfung, die Überbevölkerung und die alternde Gesellschaft sinniert, wird darüber nicht sentimental. Im Schnitt, sagt er, verliere er mit jedem Hektar, den er vernichtet, 6500 Euro. Schon darum habe kein Landwirt ein Interesse daran, Ernten leichtfertig unterzupflügen.

Dienstag, Stadtwohnung, Leipzig. Ein Drittel Glas Bio- Apfelmus, verschimmelt, 230 Gramm. Halbgetrocknete Tomaten in Öl, auch Schimmel, 40 Gramm. Ein angebrochener Becher Crème Fraîche, verdorben, circa 30 Gramm. Eine halbe Flasche Cremant, seit einer Woche im Kühlschrank, 0,38 Liter. Drei Scheiben italienischer Kochschinken, riechen säuerlich, 30 Gramm. Acht Scheiben Roggenbrot, hart geworden, 400 Gramm. Ein Kanten Ciabatta, Schimmel, 150 Gramm. Im Café: Montag 38,8 Kilogramm, Dienstag 37,2.

Das „Containern“ dürfte in Deutschland eigentlich gar nicht mehr funktionieren. Das illegale Mülltauchen in den Abfallbehältern großer Supermärkte auf der Suche nach Essbarem müsste immerzu erfolglos bleiben – glaubt man den Angaben der großen Einzelhandelskonzerne. 98 Prozent aller unverdorbenen Waren, heißt es bei der Rewe-Group, würden nämlich verkauft. Man verweist auf moderne Warenwirtschaftssysteme, Schulungen für die Mitarbeiter, auf gute Prognosemethoden und immer kurzfristigere Bestellvorgänge.

Woher die blendende Zahl stammt, ob es bei Backwaren oder Obst nicht vielleicht andere Werte geben müsse – auf diese Fragen haben Rewe und Edeka, Tengelmann und all die anderen leider keine Antwort. Dabei hat sogar das EHI Retail Institute, ein vom deutschen Handel betriebenes Forschungsinstitut, 2011 veröffentlicht, dass allein die Industriebäcker 10,4 Prozent ihrer Waren retour nehmen müssen. An der Fachhochschule Münster hat man diesen Sektor genauer untersucht und fand heraus, dass die Retouren-Quoten bei Großbäckereien sogar bis zu 25 Prozent betragen. Das heißt, manche Bäckerketten stampfen täglich ein Viertel ihrer Ware ein.

Weil das nicht nur ökologisch, sondern auch betriebswirtschaftlich brandgefährlich ist, öffnen sich einige Betriebe für neue Methoden, um der Verschwendung Herr zu werden. Bessere Bedarfsanalysen, präzisere Bestellvorgänge, die Beachtung von Ferienzeiten und Schlechtwetterlagen im Umfeld – mit zum Teil einfachen Mitteln können Abfallquoten teils drastisch gesenkt werden.

Donnerstag, Stadtwohnung. Eine Dreiviertelflasche Bier, 0,35 Liter. Zwei Gläser Apfelschorle, 0,4 Liter. Zwei Stück Rinderfilet vom Wochenende, verdorben, 410 Gramm. Eine Biozitrone, Schimmel, 70 Gramm. Ein halber Kohlrabi, ausgetrocknet, 150 Gramm. Ein Broccoli, ausgeblüht, 400 Gramm. Ein Rest Bockshornkleekäse, Schimmel, rund 100 Gramm.

Was die Konzerne des Lebensmitteleinzelhandels nicht verkaufen, geben sie seit Jahren kostenlos an karitative Organisationen ab, zum Beispiel an die Tafeln. Es gibt in Deutschland inzwischen über 900 davon mit mehr als 3000 Ausgabestellen, die es Menschen mit wenig Geld ermöglichen wollen, sich ausreichend zu ernähren. Die Tafeln, gemeinnützige Vereine, wollen „eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel“ bauen. Sie sammeln verzehrfähige Waren, die sonst im Müll landen würden und geben sie kostenlos oder gegen einen symbolischen Betrag weiter. Einige Supermarktketten rechnen die Tafel-Ware aus ihrer Müllbilanz heraus – und damit die Quote dessen, was sie verschwenden, gegen Null. So haben alle etwas davon. Glaubt man. Aber kann es gut sein, dass Essen im Überfluss produziert wird und auch noch so wenig kostet?

Die Berliner Tafel ist nicht nur die größte in Deutschland und mit 21 Jahren die älteste. Sie sei, sagen sie beim Bundesverband, auch anders als die anderen. Denn die 14 Lieferwagen, die täglich außer sonntags von der Zentrale auf dem Berliner Großmarkt ausschwärmen, steuern fast ausschließlich Supermärkte an. „Für viele kleinere Läden fehlt es uns leider einfach an der Kapazität“, sagt Geschäftsführer Kai-Oliver Jessel entschuldigend.

Es ist Montag, normalerweise ein guter Tag, so direkt nach dem Wochenende. Der ehemalige Dachdecker Burkhard, 54, der bei der Tafel einen 1,50-Euro- Job als Fahrer hat, wartet vor der Halle auf seinen Tourenzettel. Er wird heute das erste Mal mit Florian fahren. Auch der 26-Jährige ist Hartz-IV-Aufstocker. Ihre Tour ist eine Premiere. Es stehen drei Bioläden und erstmals auch acht Aldi-Märkte auf ihrer Liste. Aldi Nord hat lange nicht mit der Berliner Tafel zusammengearbeitet, jetzt will es der Discounter doch versuchen. Er fügt sich damit in die Reihe der anderen namhaften Ketten ein, die schon seit langer Zeit Waren abgeben, unter ihnen Netto, Kaisers, Rewe und Kaufland. Sein Rekord bei Real, erzählt Florian, seien einmal zwölf Paletten an einem einzigen Tag gewesen, „mit Joghurt, Wurst, Käse und allem“.

Heute, an diesem Hochsommertag, geht es aber enttäuschend los. Das Personal einiger der Aldi-Filialen weiß noch nicht Bescheid, sie schicken Florian und Burkhard wieder weg. Doch dann haben die beiden Glück. Bei vier Discountern sind die Marktleiterinnen vorbereitet und schieben bereits voll gepackte Stiegen an die Verladerampe. Von einer Charge eingeschweißter Ciabatta-Brote abgesehen, ist fast alles Obst und Gemüse: mehrere Packs Nektarinen und Aprikosen, Waldfrüchte, leicht fleckige Bananen, Mangos, eine Lage zerdrückte Goldkiwis, alle möglichen Salate, Äpfel, Pflaumen, Möhren, Gurken, Kohlrabi. Annähernd 20 Stiegen sind es am Ende, vielleicht 50 Kilogramm Essbares. Die 41 Kilometer Fahrt waren nicht umsonst.

Letztlich wird Lebensmittelmüll verteilt

In der Tafel-Zentrale auf dem Großmarkt sortiert ein Teil der 70 ehrenamtlichen oder übers Jobcenter bezahlten Mitarbeiter die Ware noch einmal auf ihre Qualität hin, sortenrein. Manchmal müssen sie auch das nicht – wenn zum Beispiel die Großhändler von nebenan frisches Obst gleich palettenweise vorbeibringen, so wie an diesem Tag herrliche Süßkirschen, die ein Anbieter nicht an den Einzelhandel losschlagen konnte.

Danach werden Warenkörbe zusammengestellt, die an die verschiedenen Filialen der Berliner Tafel gehen. Aber es gibt längst viel mehr Abnehmer: Sozialcafés, Frauenhäuser, Obdachlosenunterkünfte, Jugendclubs, die Begegnungsstätten der Kirchen. Die Logistik der Berliner Tafel unterscheidet sich nicht mehr groß von der eines mittelständischen Lebensmittelhändlers. Natürlich ist das beeindruckend. Doch spätestens, wenn man in das Kühlhaus des Vereins sieht, drängt sich die Erkenntnis auf, dass ohne Lebensmittelverschwendung all das nicht hier läge: riesige Abpackungen von Schnitt- und Weichkäse, Schinken, Leberwurst, Salami, Joghurt in allen Sorten. Vieles offensichtlich aus dem Großhandel. Nichts im Kühlhaus, sagt ein Tafel- Mitarbeiter, habe das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten. Ihre Klientel ticke da leider nicht anders als der zahlende Kunde im Supermarkt. Auch sie ließe frisch Abgelaufenes stehen.

Der Soziologe Stephan Lorenz von der Universität Jena beschäftigt sich damit, was der Überfluss mit unserer Gesellschaft macht. Er hat auch das Prinzip der Tafeln analysiert, die Moral hinter der Geschichte gesucht. Lorenz zweifelt nicht an ihren Erfolgen. Aber er zweifelt daran, dass die Umverteilung durch die Tafeln grundsätzlich hilft, Verschwendung zu vermeiden. „Die Mittel taugen nicht, um die Zwecke zu erreichen. Damit die Tafeln funktionieren, muss dieser Überschuss erstmal vorhanden sein. Letztlich wird dort Müll verteilt, auch wenn er noch genießbar ist.“

Freitag, Stadtwohnung. 250 Gramm gekochte Pasta und circa 0,1 Liter Tomatensauce, zu viel gekocht. 150 Gramm Stachelbeeren, überreif, Obstfliegen. Ein Viertel einer Melone, matschig-mehlig, circa ein Kilo. Ein Kopfsalat, angefault, etwa 200 Gramm. Zwei ungegessene Schulbrote, Roggenschnitten mit Ziegenfrischkäse, circa 50 Gramm. Im Café: Mittwoch 44,2 Kilogramm Essensreste, Donnerstag 40,4, Freitag 30.

Was treibt uns dazu, dass wir mehr einkaufen und kochen, als wir nachher essen? Warum verschwenden wir so leichtfertig? Stephan Lorenz vermutet: „Es hat mit unserem Selbstverständnis von Wahlfreiheit zu tun.“ Frei wählen und entscheiden zu können, sagt der Soziologe, sei uns als Individuen der westlichen Gesellschaften wichtig. Aussuchen zu können gilt uns als hohes Gut. Und je mehr Möglichkeiten man hat, desto mehr kann man wählen. Beim Verschwenden von Essen wird der gute Teil des Gedankens aber pervertiert, die Freiheit zur Verantwortungslosigkeit.

Von der Berliner Tafel gerettete Lebensmittel. Bild: Manuel Krug

Man hat stets alle Optionen, egal welche Jahreszeit ist oder welche Stunde schlägt. Es gibt frische Tomaten zu Weihnachten, Erdbeeren Anfang März und auch abends um acht warmes, duftendes Brot. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bäcker mehr wegschmeißen, steigt damit aber. Lorenz sagt, es sei nun schwer, dem Verbraucher die gewohnte Option auf ein warmes Brot am Abend wieder zu nehmen. „Denn will man ihn in seiner Wahlfreiheit beschränken, reagiert er empfindlich.“

Man konnte das erleben, als die Grünen im vergangenen Jahr vorschlugen, in Kantinen einen vegetarischen Tag pro Woche einzuführen. Ein Kübel Häme ergoss sich über die vermeintlichen Veggie-Polizisten. Ums Essen ging es dabei gar nicht, sondern um die Aversion der Gesellschaft gegen neue Maßregeln. Christian Schmidt, CSU, Bundesminister für Ernährung, hat diesen Unwillen anscheinend verinnerlicht. Er sagt: „Was wir brauchen, ist ein Umdenken – also mehr Wertschätzung für Lebensmittel. Aber das lässt sich nicht gesetzlich verordnen.“ Schmidt will weniger Regeln. Man setze sich „mit Nachdruck für die Abschaffung der noch bestehenden rechtsverbindlichen Vermarktungsnormen auf EU-Ebene ein“, zum Beispiel die für Tomaten, Salat, Äpfel, Erdbeeren und Pfirsiche. Obst einer Art soll wieder unterschiedlich groß sein dürfen, so wie man es bei Gurken und Zucchini schon durchgesetzt hat.

Nicht von den Deutschen, sondern von den Schweden und Niederländern liegt bei der EU ein Vorschlag auf dem Tisch, endlich die Mindesthaltbarkeitsdaten für unverderbliche Produkte wie verpackte Nudeln oder Reis abzuschaffen. Deutschland will das zwar auch. Aber Minister Schmidt weist darauf hin, dass jene Waren, die am häufigsten verschwendet würden, kein Haltbarkeitsdatum tragen, so wie Obst, Gemüse und Backwaren. „Wenn Lebensmittel aussortiert werden“, fordert er, „müssen sie wenigstens sinnvoll verwertet werden: in der Verarbeitung oder, falls dort nicht möglich, über Biogas oder Kompost.“ Unternehmen wie ReFood tun das schon. Sie holen weggeworfenes Gemüse ab und machen es zu Strom oder Wärme.

Aber wie erzieht man den Verbraucher, ohne ihn zu bevormunden? Wie bekommt man uns ins Boot, die 82-Kilo-Wegschmeißer? Schmidt verweist auf eine Initiative, die seine Vorgängerin Ilse Aigner 2012 gestartet hatte: „Zu gut für die Tonne“. Sie besteht vor allem aus einer nett gemachten Homepage und einer App. Angeblich hätten sich Kommunen und Vereine schon mit „zahlreichen“ Projekten angeschlossen. Bloß hat man bisher von keinem gehört. Auf der Internetseite findet man sie auch nicht. Dafür aber viele Reste-Rezepte. Man kann sich von Großbritannien abschauen, wie es besser geht. Seit Jahren laufen dort intelligente Kampagnen und Projekte auf nationaler und kommunaler Ebene, koordiniert vom „Waste And Resources Action Programme“ (Wrap), einer gemeinnützigen Firma, die zwar von der öffentlichen Hand getragen wird, aber regierungsunabhängig agiert.

Bei Wrap schockieren sie nicht bloß mit Zahlen. Sie lassen alle Verschwender am Markt ihren Müll selbst wiegen, messen und die Gründe fürs Wegwerfen benennen. So kam nicht nur zum ersten Mal heraus, wie viel Essen und wie viele Getränke in welchem Sektor tatsächlich abhanden kommen, sondern auch, wie viel Geld dabei verbrannt wird. Nahrung im Wert von umgerechnet 830 Euro warf eine durchschnittliche Familie in Großbritannien im Jahr 2007 noch weg. 2012 waren es bereits 137 Euro weniger.

Die Aufklärungskampagnen und Projekte zur Müllreduktion werden von Wrap interessengenau entwickelt, für Hotels sind es andere als für Krankenhäuser, die Hotellerie, Pubs oder Schnellrestaurants. Man besieht sich sehr genau die Mechanismen in Supermärkten, Familien oder bei Singles. Und all das in Zusammenarbeit mit Stadtverwaltungen und Entsorgungsbetrieben. Was man vermeidet, sind Vorwürfe. Das Geld war der Türöffner – und nicht ein Verweis auf den Hunger anderswo in der Welt. Auf diese Weise hat sich zwischen 2007 und 2012 der Privatmüll aus Nahrungsmitteln um 1,3 Millionen Tonnen reduziert.

Sonntag, Wochenendhaus. Drei Äpfel, faul, 330 Gramm. Ein halber Liter Milch. Eine angebrochene Leberwurst, 40 Gramm. Ein Kanten Graubrot, hart, 400 Gramm. Sechs kleine Zwiebeln, ausgekeimt, 100 Gramm. Ein halbes Glas saure Gurken, seit Monaten im Kühlschrank, 250 Gramm. Ein Bio-Vanillejoghurt, 150 Gramm, vor fünf Wochen abgelaufen. Im Café: Sonnabend 51,1 Kilogramm. Sonntag, es ist wieder Brunch: bis 16 Uhr 45,8 Kilogramm.

Man findet in Deutschland viele Initiativen, die versuchen, Essen zu retten. Oft kommen sie aus Großstädten. Wie die Culinary Misfits, zwei Designerinnen aus Berlin, die nun einen Cateringservice und ein Café führen. Sie stellen alles, was sie servieren, aus nicht normgerechtem Gemüse her. Mit Essen also, das es sonst nie in den Handel geschafft hätte.

Oder der soildarisch wirtschaftende Bauer Christian Heymann aus Spandau, einer der Lieferanten der Misfits, der seine Hof-Mitglieder dreimal im Jahr auf den Acker holt, zum Helfen, und weil man eben nur so das Umdenken lernt. Auf seinen Feldern sieht man, dass Zucchini nicht immer 14 Zentimeter lang sind. Und wir zu Unrecht im Kopf haben, die kleinen, dünnen schmeckten besser als die dicken Dinger. Im Wendland haben Bio-Kartoffelbauern vor zwei Jahren ihre Ernte vor dem örtlichen Lidl verschenkt, aus Protest. Der Discounter hatte geschniegelte Ware aus Ägypten geordert, statt einheimischer Knollen. Über die Plattform Foodsharing, gegründet von dem Kölner Filmemacher Valentin Thurn (siehe Interview Seite 23), der mit „Taste the Waste“ 2011 im Kino auf den weltweiten Wegwerfwahnsinn aufmerksam machte, verschenken Menschen in Städten die Lebensmittel, die sie übrig haben.

Es gibt viele, die aus dem Verschwendungssystem austeigen wollen. Die nicht auf Regierungen warten, sondern selbst etwas anstoßen. Der Haken ist bloß: Die meisten Aktionen basieren auf Modellen der Umverteilung. Sie bremsen weder die Überproduktion, noch bieten sie der Entwertung von Essen Einhalt.

In München wollen zwei junge Leute aus der Obst und Gemüse-Verschwendung Kapital schlagen. Darum läuft Linda Martin an diesem Morgen auf dem Münchner Großmarkt durch die Gassen und sucht nach hässlichem Obst. Die Rechtswissenschaftlerin, 28, will herausfinden, ob sich mit solchen Früchtchen ein Geschäft aufziehen lässt.

Krummes Obst? Die Masse fehlt

Für das Konzept Ugly Fruits haben sie und ihr Geschäftspartner Stefan Kukla, 21, bereits ein Gründerstipendium bekommen. Ihren Geschäftsplan haben sie aus der Werbekampagne Ugly Fruits entwickelt, die Absolventen der Bauhaus-Universität Weimar zum Abschluss ihres Designstudiums entwarfen. Sie hatten „hässliches Gemüse“ in Szene gesetzt: possierliche zweibeinige Möhren, geschlängelte Gurken und Erdbeeren, die wie Gummibärchen aussehen. Darunter stehen Niedlichkeiten wie „Love Is In The Earth“.

Martin und Kukla wollen die imaginäre Marke jetzt mit einem echten Business füllen. Sie sind zuversichtlich, denn sie haben diese Schätzung im Kopf: Eine halbe bis eine Million Tonnen Obst und Gemüse gehen in Deutschland jedes Jahr verloren – nur aufgrund ästhetischer Mängel.

Darum steht Linda Martin auf dem Großmarkt und erzählt jedem Händler: „Wir sind ein kleines Unternehmen und auf der Suche nach krummem Obst und Gemüse.“ Die Antworten fallen alle gleich aus: Hierher schickten die Produzenten nur makellose Ware der Kategorie Eins. Krummes Obst? Eine Händlerin ruft: „Um Gottes Willen! Das wollen wir ja gerade vermeiden!“ Martin lernt, dass unverdorbenes Obst mit Macken meist gleich in die verarbeitende Industrie gekarrt wird, zu Saftkeltereien, Marmeladeproduzenten, zu Obstsalatherstellern für Imbissketten und Bäckereien. Sie zieht weiter in die „Gärtnerhalle“. Hier verkaufen Gemüsebauern aus München und Umgebung ihre Ernte. Ihr Interesse, das eigene krumme Gemüse eines Tages an Ugly Fruits abzugeben, statt es zu Futter oder Kompost zu machen, ist verschwindend gering. „Das fällt doch nur auf uns zurück“, sorgt sich einer der Gärtner. Außerdem wäre es zu teuer und umständlich, das bisschen auszusortieren und extra zu verpacken.

Rudolf Behr, der Großproduzent in Seevetal, vermutet hinter der Sehnsucht nach dem Unvollkommenen eine Mode, die vorübergeht – schon weil es seiner Meinung nach an Masse fehlt. Und außerdem: „Wissen Sie, eine dreibeinige Möhre ist deshalb dreibeinig, weil sie am Anfang ihres Wachstums Fadenwürmer hatte.“ Ein Apfel mit Verwachsungen sei vom Apfelblütenstecher behelligt worden, eine krumme Salatgurke habe Hindernissen ausweichen müssen.

Linda Martin versucht noch etwas, bevor sie wieder zu ihrer Arbeit an die Uni muss. An der St.-Anna-Kirche im Lehel, gediegenes München, ist Markttag. Am Stand eines Demeter-Hofes, höchster Biostandard, trifft sie endlich auf Interesse. Die Gemüsebäuerin mag ihre hässlichen Früchte nicht selbst feilbieten. „Das macht uns die Optik kaputt.“ Aber sie kostenlos wegzugeben oder gar zu vernichten, das falle ihr schwer. „Vermutlich“, zieht Martin ein erstes kleines Fazit, „sollten wir uns auf kleinere Biohöfe konzentrieren.“

Zeit für eine Abrechnung. Wir vier zu Hause haben es in der einen Woche auf 9,8 Kilogramm gebracht. Aufs Jahr hochgerechnet kämen wir auf 128 verschwendete Kilo pro Nase. Wir sind überdurchschnittlich, leider.

Im Café sind im Schnitt 450 Essen am Tag zubereitet worden. Dabei fielen 364,1 Kilogramm Reste an, inklusive Schalenabfälle und Papierservietten. Die Köchin sagt, sie wolle gemeinsam mit dem Besitzer die Portionierung überdenken. Aber, gibt sie zu bedenken, das Café habe den Ruf, üppige Portionen auszugeben. Man müsse also die Optik üppig halten – ohne auf Dauer zu viel zu verschwenden.

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Die eine Lösung, die für alle funktioniert, wird es nicht geben. Florian und Burkhard von der Berliner Tafel werden auch morgen ihre Runde fahren, um all das Essen einzusammeln, das keiner mehr kaufen will. Dutzende Bäckereien werden Abendbrote backen, um sie am nächsten Morgen wegzuwerfen. In Seevetal, bei der Behr AG, werden auf dem abgeernteten Acker die kleinen Früchte liegenbleiben. Aber vielleicht trifft sich Großbauer Behr demnächst mit Linda Martin. Und seine schrundigen Kohlrabis liegen bald in der ersten Ugly-Fruits-Filiale am Münchner Viktualienmarkt.