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10 December 2019 / Lesezeit: 3 minuten

Kolumne Mein erstes Mal

Mit dem Staubsauger im Repair-Café

Das Repair-Café verbindet: Defekten Geräten ein neues Leben schenken und dabei neue technische Fähigkeiten von anderen Besuchern erlernen.

TITELBILD: SVEN ELLGER/IMAGO IMAGES

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In einem Repair-Café kann man geliebte Gegenstände retten und nützlichen das Leben verlängern. So oder so ist jeder Besuch ein kleines Abenteuer.

Vampi ist zwar schlank, aber auch ziemlich schwer. Sie hat eine tiefgrüne Farbe, ein Kabel, das man ihr um den Hals schlingen muss, wenn man sie wegstellt, und genau einen Schalter: An oder Aus. Meine Vampyrette ist das Fabrikat eines längst untergegangenen Elektrogeräteherstellers und eine altmodische Dame, die seit über 20 Jahren meine Wohnung saugt. Seit einigen Wochen verleihe ich sie an Danie, eine Freundin aus der Nachbarschaft mit akutem Problem: plötzlicher Staubsaugertod, nach zehn Jahren. Aber … vielleicht lässt sich da etwas retten? „Wir waren letztes Wochenende im Repair-Café“, erzählt mir Danie eines Tages begeistert, „es hat total Spaß gemacht, und wir haben sogar herausgefunden, was das Problem ist.“

Wenn Danie und ihre Tochter Mimi demnächst die bestellten Ersatzteile einbauen, will ich dabei sein und mitpuzzeln. Thomas, der Gastgeber im Repair-Café in unserem Nachbarschaftshaus, hat einen Napfkuchen gebacken, Kaffee ist gebrüht. Einer der Teilnehmer ist wegen seiner defekten Fahrradbeleuchtung hier. Ein Mann sitzt konzentriert über einer alten Schreibtischlampe und führt mit ruhiger Hand einen kleinen Lötkolben.

Werkzeug muss im Repair-Café niemand mitbringen

Eine Frau ihm gegenüber untersucht ihren DVD-Player und hat zu diesem Zweck die obere Abdeckung des Geräts schon entfernt. Diverses Werkzeug liegt in großen Kisten bereit: Schraubenzieher und Kleber, Kabel, Draht und Nähsachen, Stecker, Schrauben, Nägel, Zangen und Klebeband. Werkzeug muss niemand mitbringen, Hand anlegen sollte man aber schon selbst, kann sich aber jederzeit Hilfe holen oder sich gemeinsam mit einem anderen Besucher an des Rätsels Lösung wagen.

Danie und Mimi haben inzwischen die einzelnen Bestandteile des Staubsaugers auf dem Tisch platziert. Mimi präsentiert die Gegenstände, auf die es heute ankommt: zwei Kohlebürsten – wesentliche Bestandteile von Elektromotoren, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit einer Bürste haben. Die beiden kleinen Ersatzteile kosten im Gegensatz zu einem neuen Staubsauger verschwindend wenig. Aber wie müssen sie jetzt in den Motor eingebaut werden? Stecken, schrauben? Oben, unten, seitlich? Wie war das noch gleich? Kann man das irgendwo nachschauen?

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Thomas’ Laptop hilft uns bei der Recherche nach sogenannten Sprengzeichnungen, stilisierten Diagrammen, die so aussehen, als flöge der Staubsauger gerade auseinander – so kann man sehen, wo welche Schraube ihren Platz hat. Mit ein wenig Fantasie lässt sich etwas erkennen, ich probiere mit Mimi mehrere Varianten von „reinstecken und festschrauben“ und, siehe da, die Puzzleteile scheinen zu passen! Dreckige Finger, aber ein erstes Erfolgserlebnis!

Reparatur-Initiative iFixit: „Wenn du etwas nicht reparieren kannst, dann gehört es dir nicht“

Die Reparatur-Initiative iFixit hat ein „Reparaturmanifest“ verfasst, das auch hier im Raum aushängt: „Wenn du etwas nicht reparieren kannst, dann gehört es dir nicht“, lautet der erste Claim. Ich begreife langsam, dass das hier mehr ist als ein Reparaturtreff – es ist Teil einer Bewegung. Das Netzwerk Reparaturinitiativen bündelt die bundesweit insgesamt über 650 bestehenden Initiativen und betreibt eine Website, auf der man sich über die Reparatur-Bewegung informieren kann. Umweltschutz ist natürlich ein wesentliches Anliegen, aber es geht auch um die Unabhängigkeit von uns Konsumenten. Die ist eingeschränkt, wenn etwa Geräte sich ohne Beschädigung gar nicht erst öffnen lassen oder der Hersteller deren Haltbarkeit bewusst verkürzt – „geplante Obsoleszenz“ nennt man das.

Mittlerweile sind elf konzentrierte Bastler hier im Raum; ich sehe eine weitere Schreibtischlampe, eine Wanduhr, einen Wecker, einen Schredder mit schrecklichem Papierstau, ein Radio, zwei Wasserkocher … „Reparieren verbindet Menschen und Dinge“, sagt das Manifest – und auch Menschen untereinander, ließe sich hinzufügen, denn jeder erkundigt sich bei den anderen nach dem Fortschritt der jeweiligen Reparaturen. Der Herr mit der ruhigen Lötkolbenhand kommt nun zu unserem „Patienten“ und prüft mit einem Multimessgerät, ob Strom durch den Motor läuft – Ergebnis positiv! Beim Zusammenbauen hilft uns neben zwei weiteren Cafébesuchern auch ein Youtube-Video, nur die letzten Schrauben muss Danie noch alleine zu Hause fixieren, jetzt geht es erst einmal weiter zum Kindergeburtstag.

„Riesen-Kohle-Wolke! Mist!“

Am Abend dann die Nachricht: „Riesen-Kohle-Wolke! Mist! Wir müssen uns die Vampi noch einmal ausleihen!“ Schade, da hat wohl etwas nicht ganz funktioniert … Aber eigentlich ist es auch nett, dass der rege nachbarschaftliche Tausch zwischen Danie und mir noch ein bisschen weitergeht, finde ich. „Ich probiere es auf jeden Fall noch einmal“, sagt mir Danie später am Telefon, „ich weiß ja jetzt, wie es geht!“ Ihr Besitzerstolz ist geweckt – so steht es auch als letzter Punkt auf dem Reparaturmanifest. Meiner übrigens auch. Als ich die übergewichtige Vampi an ihrem altmodischen Kabel über meinen Fußboden schiebe, bin ich ein wenig sentimental: Wenn’s ihr mal schlecht gehen sollte, bringe ich sie auf jeden Fall ins Repair-Café!