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16 Dezember 2020 / Lesezeit: 6 minuten

Im Gespräch mit CareTwice

Ein Shampoo zum Selbermixen

Konventionelle Shampoos bestehen zu 80 Prozent aus Wasser und werden meist in Plastik abgefüllt. Die vier Gründerinnen von CareTwice wollen den Markt mit ihrer Produktidee nachhaltig verändern.

CareTwice

CareTwice

Das Team von CareTwice hat eine nachhaltige Innovation für die Körperpflege entwickelt: Ein Shampoopulver, das sich zu Hause mit Wasser mischen und so in ein flüssiges Shampoo verwandeln lässt. Im Interview erzählen die Mitgründerinnen Lena Scholpp und Inken Barz von ihrer Leidenschaft für einfache Nachhaltigkeit, ihrer Crowdfunding-Kampagne und ihren Zukunftsplänen.

Ihr wollt mit CareTwice eine umweltfreundlichere, natürliche Alternative zu herkömmlichen Shampoos in Plastikflaschen bieten. Wie unterscheidet sich euer Produkt von den bekannten Shampoo-Seifenstücken?

Inken: Wir unterscheiden uns vor allem hinsichtlich des Dusch-Komforts. Ein hartes Seifenstück in der Hand oder auf dem Kopf rubbeln, damit es schäumt? Damit kommen wir persönlich nicht zurecht, auch wenn wir versuchen, umweltbewusst zu leben. In unseren Interviews mit Testpersonen haben wir gemerkt, dass es anderen ähnlich geht. Vor allem Männern und Frauen mit langen Haaren, weil sich der Seifenschaum darin nicht so gut verteilen lässt. Wir sprechen mit unserem Shampoopulver letztlich keine Liebhaber*innen von Shampoo-Seifen an, sondern Menschen, die noch nicht super bewusst leben, aber es gerne möchten. Es gibt eine große Gruppe Menschen, die über nachhaltigen Konsum nachdenkt, aber in der Drogerie trotzdem noch zum normalen Shampoo greift. Diese Menschen wollen wir abholen, indem wir sagen: Du musst dich nicht umgewöhnen und kannst trotzdem klimafreundlicher leben.

Lena: Konsument*innen erhalten die reine Essenz eines Shampoos als Pulver, also ohne das Wasser, das bei regulären Shampoos 80 Prozent ausmacht. Wasser hat jede*r daheim, und eine alte Shampooflasche auch. Nach der Zugabe von Wasser schäumt und pflegt unser Shampoopulver aber wie herkömmliche Produkte. Die Verpackung kann im Altpapier entsorgt werden und ist sehr leicht. Das spart CO2-Emissionen und Energie bei der Herstellung und dem Transport.

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Lena Scholpp (hinten) ist Projektleiterin bei CareTwice und hat einen Masterabschluss in „Responsible Management“. Inken Barz ist als Art Direktorin für die Markenbildung und das Produktdesign zuständig. Nebenbei arbeiten beide in einer Nachhaltigkeits-Agentur in Stuttgart, wo sie sich auch kennengelernt haben.
Bild: CareTwice

Wie ist das Mischverhältnis? 80 Prozent Wasser und 20 Prozent Essenz wie bei herkömmlichen Produkten?

Lena: Bei uns gibt es etwas weniger Essenz als 20 Prozent. Die Sachets, die in der Startnext-Kampagne vorbestellt werden können, enthalten 15 bis 20 Gramm für 200 Milliliter Shampoo, also ungefähr 85 Prozent Wasser. Das ist aber nur ein Vorschlag. Das Mischverhältnis ist individualisierbar, je nachdem, wie die Kund*innen ihr Shampoo lieber mögen und wie lange es halten soll – dementsprechend kann es cremiger oder flüssiger werden.   

Kann man „eine Portion“ auch direkt in der Hand mit Wasser mischen während des Duschens?

Inken: Prinzipiell ist es möglich, das Shampoopulver direkt zu verwenden, indem es in der Hand aufgeschäumt und im Haar verteilt wird. Das ist natürlich vor allem auf Reisen cooler, um Verpackung und Gewicht zu sparen. Wir vier reisen alle total gerne – so kam Lena auch die Idee für CareTwice. Diese Form der Dosierung ist aber ein langfristiges Ziel – bis wir eine optimale Verpackungslösung gefunden haben. Die Papiertüte kann nicht in der Dusche stehen, weil sie zu schnell Feuchtigkeit zieht.

Lena: In Zukunft werden zwei Anwendungen möglich sein: die Verflüssigung beziehungsweise das Vormixen in einer alten Shampooflasche oder einer unserer Mehrwegflaschen und das „Instant-Mixen“ in der Dusche. Generell gilt: Je mehr Pulver und Wasser ich mische, desto länger braucht das Produkt zum „Ziehen“. Am besten eine Stunde, wenn ich den ganzen Packungsinhalt mische. Verwende ich nur ein bisschen Pulver in der Dusche, reagiert es sofort mit dem Wasser und wird durch Reibung zu Schaum.

Ihr bietet passend zum Shampoo Mehrwegflaschen an.

Inken: Genau. Optional gibt es auch eine Flasche aus recyceltem Kunststoff. Über die Materialwahl haben wir lange nachgedacht. Weil wir aber mehrere Dimensionen der Nachhaltigkeit betrachten, also zum Beispiel Transportemissionen, Energieaufwand und Wasserverbrauch bei der Reinigung, haben wir uns gegen Glas entschieden. Außerdem ist Glas weniger praktisch, etwa auf Reisen oder in den Badezimmern von Familien mit kleineren Kindern. Aber wer Glas lieber mag, kann das Pulver ja in einen eigenen Glaspumpspender umfüllen.

Lena: Pro verkaufte Einheit, also Pulver oder Mehrwegflasche, holen wir Plastikmüll aus dem Meer und den Flüssen. Wir kooperieren dafür mit einer deutschen NGO in Indonesien, Plastic Free Planet. Die NGO sammelt nicht nur Plastik und führt es geprüften Recyclingsystemen vor Ort zu, sondern schafft Arbeitsplätze und unterrichtet Kinder zu einer nachhaltigen Lebensweise.

Ist die gesammelte Menge pro verkauftem Produkt äquivalent zu der Plastikverpackung eines regulären Shampoos?

Lena: Ja, das geht nach Gewicht. Ich habe in meiner Küche selber mal gewogen – herkömmliche Verpackungen kommen auf 30 bis 35 Gramm. Wir haben den Wert für die Sammelaktion aufgerundet auf 50 Gramm pro verkaufter Einheit.

Identifiziert ihr euch als Social Business?

Lena: Grundsätzlich ja. Neben dem ökologischen Impact wollen wir uns auch sozial engagieren. Deswegen haben wir ein Stipendium vom Social Impact Lab Stuttgart bekommen. Das T-Shirt, das wir in der Kampagne anbieten, stellen wir gemeinsam mit der Caritas Stuttgart her, die sich für die Wiedereingliederung von drogenabhängigen Menschen einsetzt. Über unsere Kooperation mit Plastic Free Planet, die in Indonesien und bald in Afrika aktiv sind, hoffen wir, die Recycling-Infrastruktur vor Ort zu verbessern und Arbeitsplätze zu schaffen.

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CareTwice soll eine Marke für Pflegeprodukte werden, die einfach zu transportieren, natürlich und nachhaltig sind – nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft: Reduce, Reuse, Recycle. Mitbegründerin und Produktentwicklerin Hailey Gahlon arbeitet bereits an einer Haarspülung auf Pulver-Basis. Bild: CareTwice

Ihr setzt auf ein Branding, das in unserer Gesellschaft als feminin wahrgenommen werden könnte. Weil ihr Frauen als eure Zielgruppe seht oder weil ihr eine weitere Pulver-Brand für Männer plant?

Inken: Frauen sind im Kosmetikmarkt die größte Zielgruppe. Und das Problem, das wir mit CareTwice lösen möchten, haben vor allem Frauen: Shampoo-Seifen pflegen lange Haare unserer Meinung nach nicht so gut. Vielen Männern ist es nicht so wichtig, wie ihre Haare aussehen, ob sie glänzen oder geschmeidig sind. Aber wir schließen es grundsätzlich nicht aus, in der Zukunft eine Linie für Männer zu starten.

Lena: Lustigerweise haben wir festgestellt, dass in der Kampagne viele Männern bestellen. Unser Logo und unsere Farbpalette mögen vielleicht feminin erscheinen, aber das Verpackungsdesign ist schlicht. Jede*r hat die Wahl zwischen Shampoopulver mit Duft oder ohne.

Ihr wollt zu einer Körperpflege-Marke werden mit Haarspülung, Duschgel & Co. Wen seht ihr als eure Konkurrenz?

Lena: Es gibt noch nicht so viele Firmen am Markt, die Pulver-Pflegeprodukte anbieten, deswegen ist das schwierig zu sagen. Die großen Marken in den Drogerieketten, wie Schauma und Guhl, steigen vermehrt in das Thema Shampoo-Seife ein. Wir sind einen Schritt weiter und wollen mit CareTwice die Leute abholen, die nachhaltig denken, aber noch nicht entsprechend handeln.

Ist euer Shampoopulver Naturkosmetik und werdet ihr euch diese Eigenschaft zertifizieren lassen?

Lena: Rein von den Inhaltsstoffen her ist CareTwice Naturkosmetik, ja. Über die Zertifizierung haben wir uns viele Gedanken gemacht und streben die Prüfung auf jeden Fall an. Aktuell sind uns die Kosten aber noch zu hoch. Die Zertifikatprüfer*innen verdienen ja auch an den Prozessen. Wir konzentrieren uns jetzt erstmal auf ein „Proof of Concept“ mit dem Wissen, dass unser Produkt den Standards natürlicher Pflege entspricht. Das stellt unsere Produktentwicklerin Hailey sicher. Sie ist Senior Scientist an der ETH Zürich, Toxikologin und hat einen Doktor in bioorganischer Chemie. Außerdem stellt sie bereits seit mehr als zehn Jahren selbst Seife her. Sie weiß ganz genau, was dem Körper guttut und was nicht.

Die Riesen-Player haben den Naturkosmetikmarkt für sich entdeckt. L’Oréal kaufte etwa Logocos auf (z.B. Sante, Logona), Henkel startete mit N.A.E. und Nature Box eigene Bio-Marken. Wie empfindet ihr diese Entwicklung?

Lena: Prinzipiell finden wir es nicht schlecht, wenn sich etwas in dieser Richtung tut – wenn nachhaltige Produkte in der Mitte der Gesellschaft ankommen und die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten oder gesünderen Lebensmitteln steigt. Wir können uns in der Zukunft auch vorstellen, Investor*innen an Bord zu holen. Aber: Die Werte müssen stimmen, die Marke muss authentisch bleiben. Immer dann, wenn Profit an erster Stelle steht, ist es total wichtig, zu hinterfragen und abzuwägen.

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Ihr habt mitten in der Corona-Pandemie gegründet und dann noch über mehrere Ländergrenzen hinweg: Eure Mitgründerin und E-Commerce-Managerin Carina Kaiser sitzt in Wien, eure Produktentwicklerin Hailey Gahlon in Zürich. Ihr zwei wohnt in Stuttgart. Inwiefern ist das long-distance Gründen eine Herausforderung?

Inken: Wir haben mit Carina und Hailey ja schon vor Corona vor allem über Video-Calls kommuniziert, da hat sich also nicht viel verändert. Die Herausforderung liegt eher darin, die Regelmäßigkeit beizubehalten. Wir stimmen uns so ab, dass wir uns regelmäßig hören und zumindest am Bildschirm sehen. Schade war, dass Carina und Hailey für den Dreh unseres Crowdfunding-Videos im September nicht anreisen konnten, weil Teile von Österreich und der Schweiz kurz zuvor als Risikogebiete eingestuft wurden und die beiden hier bei uns in Quarantäne gemusst hätten. Carina und Hailey haben dann Selfie-Videos gedreht, die wir in unser Pitch-Video eingebaut haben. Technisch gesehen ist das heute natürlich kein Problem. Schwierig war eher, einen Überblick zu behalten, in welchen Regionen welche Regeln gelten.

Lena: Start-ups haben natürlich generell den Vorteil, dass sie flexibler sind. Wir haben uns schon gedacht, dass ein zweiter Lockdown kommt und daher letzte Woche per Expresslieferung Flyer drucken lassen, damit wir sie noch vorher bekommen und verteilen können. Aber dass Weihnachtsmärkte und Messen abgesagt wurden, ist natürlich auch für uns ein Nachteil. Das Interagieren mit den Menschen fehlt.

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