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10 February 2017 / Lesezeit: 3 minuten

Zero Waste

Waschbeutel gegen Mikroplastik

Der Waschbeutel Guppy Friend hilft gegen Mikroplastik und die Meere ein bisschen sauberer zu machen

Titelbild: Guppy Friend

Mikroplastik ist klein und gemein – mit bloßem Auge nicht erkennbar aber schädlich für die Umwelt. Ein 100 Prozent recycelbarer Waschbeutel ermöglicht bald jedem Einzelnen dieses Problem anzugehen

Wie verseucht man die Meere mit 12 Millionen Plastiktüten täglich, obwohl diese gar nicht produziert wurden? Mit Mikroplastik. Die winzigen Kunststoffteilchen – häufig in Cremes, Duschgels oder Zahnpasta verwendet – können von Kläranlagen nicht aus dem Abwasser gefiltert werden und landen so im Meer. Die University of California hat ausgerechnet, dass allein eine Stadt wie Berlin auf diese Weise jeden Tag eine Plastikmenge von 540.000 Tüten in die Gewässer schwemmt.

Inzwischen wächst aber das Bewusstsein für Mikroplastik. Eine Quelle davon, – bisher noch unbeachtet – steht bei jedem von uns zu Hause: die Waschmaschine. Bei der Wäsche lösen sich Kleinstpartikel aus Stoffen mit Plastikanteil, wie Acryl und Polyester, und gelangen ins Abwasser. Dies ist besonders bei Outdoor-Kleidung, wie Softshelljacken und Fleece-Pullis der Fall. Und überraschend: Socken.

Wer jetzt voller Panik seine Kleidung entsorgen will, sollte sich vorher lieber den Guppy Friend ansehen: ein Waschbeutel, der das Mikroplastik filtert. Doch etwas aus dem Wasser holen, was kleiner ist als das Tausendstel eines Millimeters? Dieser Herausforderung hat sich das Start-up Guppy Friend aus Berlin angenommen.

Viel Aufwand für den guten Zweck

„In Zusammenarbeit mit Forschern und Experten haben wir ein geeignetes Gewebe entwickelt und das Funktionsprinzip patentieren lassen“, verraten die Gründer Oliver Spies und Alexander Nolte. Beide sind leidenschaftliche Surfer und haben bereits vor Jahren Langbrett mitbegründet – eine Interessengemeinschaft aus Surfern, Skatern und Kreativen mit dem Ziel, nachhaltige Kleidung für den Surf- und Outdoorsport zu entwickeln. „In unseren Läden wollen wir nur anbieten, was ethisch vertretbar ist“, sagen die Macher. „Als uns vor zwei Jahren bewusst wurde, dass Mikroplastik auch aus Kleidung kommt, war uns klar: Eine Lösung muss her.“ So entstand die Idee für den Waschbeutel.

Hergestellt wird das Netz aus recycelbaren Polymerfäden. Die extrem dünnen Fäden werden dann so feinmaschig verwoben, dass die kleinsten bisher entdeckten Mikroplastikpartikel beim Waschen nicht mehr hindurchpassen. Der Rest funktioniert ganz einfach: T-Shirts, Socken, Jacken in den Beutel stecken und zusammen mit anderer Wäsche waschen. Nach der Wäsche dann die Kleidung herausnehmen und das Mikroplastik mit der Hand entfernen. Die Oberflächenstruktur des Netzes macht dies leichter als gedacht. „Wegen des Rückspül-Effekts beim Waschen, sammeln sich die Partikel automatisch in den Ecken.“ Dort können sie dann vorsichtig entfernt werden – ohne Wasser, selbstverständlich. Da das Plastik so mikroskopisch klein ist, kann es mehrere Waschgänge dauern, bis die Verunreinigung sichtbar wird – jedes Mal den Beutel zu entleeren ist also nicht notwendig.

„Trotz hoher Material und Produktionskosten wollen wir den Preis unter 30 Euro halten“, sagt Spies. Das klinge erstmal viel, doch der Grundsatz fair zu produzieren habe Priorität und der Arbeitsaufwand, um das High-Tech-Gewebe herzustellen hat es in sich: Eine Webmaschine für eine Stoffbreite von 2,5 Metern einzurichten, dauert zwischen sechs und acht Wochen, weil 62.500 Fäden von Hand eingefädelt werden müssen.

Bei der Entsorgung liegt ein Problem

Großer Aufwand und viele Herausforderungen, um ein Problem anzugehen, das nach dem Herauswaschen noch nicht gelöst ist. Denn, was bei der Entsorgung mit dem Mikroplastik passiert, ist nicht zu beeinflussen. So könnte es über Deponien wieder ins Wasser gelangen. Spies und Nolte bieten zwar bereits einen Sammelbehälter für die Rückstände an, wollen aber auch weitreichendere Lösungen finden, wie die Verwendung des Materials in Duschwänden.

Auch Rüdiger Rosenthal vom BUND sieht hier die Krux: „Filtern ist zwar eine Lösung, aber eben die schlechtere im Vergleich zur plastikfreien und ökologischen Herstellung“, sagt der Experte. „Durch den Waschbeutel liegt die Verantwortung auf einmal beim Verbraucher.“ Denn dieser müsse das Mikroplastik eben umsichtig entsorgen, um zu verhindern, dass es im Nachhinein vielleicht doch wieder im Wasser landet. Dabei sollte nach Meinung von Rosenthal die Verantwortung für ihre Produkte bei den Herstellern liegen.

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Outdoor-Branche muss sich dem Problem stellen

Der Trend zu Nachhaltigkeit und ökologischer Herstellung bringt die Outdoor-Branche in die Zwickmühle. Nachvollziehbar, denn Outdoor-Kleidung muss einiges aushalten können, um beim Wandern vor der Witterung zu schützen. Synthetische Stoffe und Chemie scheinen die einzig erschwingliche Variante zu sein, um dies in Mengen zu gewährleisten.

Ein wunder Punkt, wie die Macher des Wäschebeutels bei der Verleihung des Outdoor Industry Award feststellten. Sie bewarben sich mit dem Guppy Friend für den Preis, der Produktneuheiten und herausragende Innovationen der Branche ehrt. Man sollte meinen, dass der Waschbeutel da Anklang findet.

Tatsächlich zierte sich die Jury jedoch bis zur letzten Minute die Innovation zuzulassen, denn sie zeigt mit dem Finger auf ein dringendes Problem der Branche. „Wir waren dann wirklich überrascht, dass wir am Ende sogar noch mit dem Premiumpreis ausgezeichnet wurden“. Die Vernunft setzte sich durch, wie der Kommentar der Jury bei der Preisverleihung zeigt: „Diese Produktneuheit adressiert die Wasserverschmutzung durch Kunststoff-Partikel. Eine Problematik, mit der sich die gesamte Outdoor-Industrie noch intensiver beschäftigen und Lösungen finden muss.“

Nur der Anfang

Nolte und Spies wollen das Ganze noch weiter treiben. Mit ihrer der Non-Profit-Organisation „Stop! Micro Waste“, wollen sie unter anderem interessierte Unternehmen bei der Vermeidung von Mikroplastik beraten. „Wir haben auch positive Rückmeldungen aus der Industrie auf den Guppy Friend bekommen. Mittlerweile weiß eben jeder, dass der Natur, den Tieren und den Menschen durch Plastik schrecklicher Schaden zugefügt wird.“