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22 Januar 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Instrumente ohne Tropenholz

Gitarren frisch gebacken

Schwäbische Gitarren aus heimischem Holz: Unternehmer Gunther Reinhardt aus Tübingen entwickelt mit seinem Team hochwertige Instrumente aus thermisch behandelten Klanghölzern.

Bild: Reinhardt GmbH

Bild: Reinhardt GmbH

Gunther Reinhardt und sein Team entwickeln und verkaufen seit Jahrzehnten Gitarren in Tübingen. Um nachhaltiger zu werden, experimentieren die Schwaben mit Thermo-Verfahren und kommen sogar ohne Tropenholz aus.

„Die Erle ist der Spitzenreiter“, sagt Gunther Reinhardt. Dank seines sanften, schwäbischen Dialekts klingt das unspektakulär, ist aber die bemerkenswerte Erkenntnis eines Pioniers. Vor mehr als 20 Jahren nahm der 64-Jährige sich vor, Gitarren zu bauen, die nur aus heimischen Hölzern bestehen. Eine Herausforderung, denn mit optimalen Klangeigenschaften glänzen vor allem tropische Edel-Sorten wie Rio-Palisander, Mahagoni oder Ebenholz. Die schönen, harten Hölzer lassen sich nach wie vor auch als teure Möbelstücke, Furniere oder Intarsien verarbeitet weltweit verkaufen. Daher hat Raubbau in Form illegaler Rodungen über Jahrzehnte fast zur Ausrottung oder massiven Gefährdung der Arten geführt.

Handel und Verwendung dieser Raritäten obliegen somit strengen Auflagen und bedürfen spezieller Papiere. Geregelt ist dies seit 1973 im Washingtoner Artenschutzübereinkommen, kurz CITES. Es wird stetig aktualisiert. Allerdings gibt es mittlerweile sowohl für Besitz und Verkauf als auch die Reise mit solchen Instrumenten Ausnahmeregelungen. Ende August 2019 wurden etwa Palisander und das afrikanische Bubinga von der Dokumentationspflicht befreit.

Dennoch gilt: Je wertiger und seltener das Holz, desto teurer die Gitarre. Die oft gefährdeten Arten haben neben markanter Maserung und Farbe auch besondere Klangqualitäten. Klanghölzer schwingen besser und länger. Der Schall kann sich einfacher ausbreiten. Denn die Jahresringe harter Hölzer liegen enger beieinander. Sie sind zumeist langsam und gerade gewachsen. Zudem werden Klanghölzer vor der Verwendung und Bearbeitung über Jahre luftgetrocknet und gelagert, um Spannungen im Holz abzubauen.

Holz wie aus der Zeit von Stradivari

Eine normale, robuste Erle kann da nicht mithalten. Es sei denn, man trocknet und härtet sie mit einem besonderen Verfahren, bei dem sogenanntes „Thermoholz“ entsteht. „Die Klangqualität der Erle lässt sich so um 60 bis 70 Prozent steigern“, sagt Gunther Reinhardt. Bei der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten für heimische Hölzer stieß er im Jahr 2000 auf einen Professor der Universität Tampere in Finnland. Reinhardt nahm Kontakt auf, fuhr hin. Er traf auf einen Mann, der ihm erklärte: „Unter dem Elektronenmikroskop sieht ein thermo-behandeltes Holz aus wie ein Holz aus der Zeit von Stradivari.“

Das Bild gefiel dem schwäbischen Gitarrenbauer. Er sah eine Chance, einerseits künftig auf Tropenhölzer zu verzichten und anderseits, seinen Lieblingsrohstoff klanglich zu verbessern. Er begann Holz für entsprechende Experimente nach Finnland zu schicken, entdeckte mehr und mehr Potenzial, doch nicht jeder Versuch zahlte sich aus. „Wir haben auch Palisander rübergeschickt, allerdings lässt sich dort die Klangqualität nur um drei Prozent verbessern“. Zudem sei das Risiko extrem hoch, dass das edle Material zu spröde werde.

Die Suche ging weiter. Über eine Doktorarbeit zum Thema wurde Reinhardt auf die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde aufmerksam. Ein in puncto Nachhaltigkeit historischer Ort: Zurück geht die heutige Hochschule auf die dort 1830 gegründete Höhere Forstlehranstalt. 1921 wurde aus der Lehranstalt eine Forstliche Hochschule, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Forstwirtschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin umgebaut wurde. In der DDR wurde die Fakultät 1963 schließlich jedoch geschlossen.

Versteckter Schauplatz des Kalten Krieges

Der Campus wurde nicht nur seit den 1950er Jahren ein versteckter Schauplatz des Kalten Krieges, Agententätigkeit inklusive, sondern auch Hort besonders eigenwilliger Studenten. Die SED zog inoffiziell den Stecker wegen „mangelhafter politischer Erziehung“. Was man heute als Kompliment verstehen kann, war für Zeitgenossen ein schmerzlicher akademischer Kahlschlag. Erst nach der Wende führte eine Neugründung 1992 schließlich zur Wiederbelebung. Eigenen Angaben zufolge ist die Hochschule seit 2014 klimaneutral, Nachhaltigkeit heute zentraler Bestandteil von Forschung und Lehre.

Der schwäbische Gitarrenbauer fand in der brandenburgischen Provinz mit Alexander Pfriem einen Kooperationspartner. Pfriem ist in Eberswalde Professor für Chemie und Physik des Holzes sowie chemische Verfahrenstechnik – und hat zu Thermoholz promoviert. Wie Reinhardt treibt auch ihn die Frage an: Kann man teuren Rohstoff aus den Tropen in Instrumenten bei gleichbleibender Klangqualität ersetzen? Man kann, fanden Reinhardts Firma und die Forschungsgruppe aus Eberswalde zwischen 2014 und 2016 durch Tests mit 17 Holzarten heraus. Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützte das Projekt finanziell.

Pfriems Fazit: „Wir haben die Erkenntnis gewonnen, dass durch diese (Thermo-)Behandlung, sich Dinge wie die Schallgeschwindigkeit im Holz positiv verändern. Die Schallabstrahlung verbessert sich auch, Instrumente weisen […] ein besseres akustisches Verhalten auf.“ Wie funktioniert das als „Torrefizierung“ bezeichnete Verfahren? Der zylinderförmige Ofen, in dem Erle, Ahorn oder Kirsche „gebacken“ werden, wird je nach Holzart auf bis zu 180 Grad erhitzt. 18 bis 36 Stunden dauert die Behandlung, Kühlvorgang inklusive.

Gunther Reinhardt mit einer seiner frisch hergestellten Klangwunder aus Thermoholz in der asiatischen Produktionsfirma. Gebaut werden die Gitarren aus wirtschaftlichen Gründen überwiegend in China. 

Baumaterial für über 150 Gitarren

Entscheidend für den Vorgang ist die spezifische Differenz zwischen den Temperaturen auf der Holzoberfläche und im Holzkern, ausgesteuert mithilfe von Sensoren. Treiber für den Vorgang ist Stickstoff. So ist in dem Versuchsofen in Eberswalde seit 2017 das Baumaterial für mehr als 150 Western- und Konzertgitarren sowie Ukulelen entstanden.

Gebaut werden sie allerdings in Spanien und überwiegend in China. „Unser ökologischer Fußabdruck ist noch verbesserungswürdig“, sagt Reinhardt. Als Unternehmer ist er gezwungen, wirtschaftlich zu arbeiten. Die Produktion rechnet sich in Deutschland nicht, der Versand des Thermoholzes und die Arbeit in Asien ist rentabel. Die schwäbische Firma arbeitet mit Kristal Music in Zhangzhou im Südwesten des Landes zusammen. Die Firma hat Reinhardt bewusst ausgesucht. Er wisse, dass man sich dort gut um die Mitarbeiter kümmere, die Arbeitsbedingungen seien angenehm und fair. „Es ist eine Firma, die nicht nur gute Produkte macht, sondern sich auch um uns, um die Mitarbeiter und um die Umwelt kümmert.“

Dennoch wurmt ihn die suboptimale Produktion. Es gibt bereits ein neues Forschungsprojekt, das 2020 abgeschlossen werden soll. Dabei wird ein Ofen entwickelt, der von Kristal Music direkt eingesetzt werden soll. Die zur Thermobehandlung vorgesehenen Hölzer werden dann in China gekauft. Eine Versandstrecke fällt weg. Bis Ende des Jahres ist eine Umstellung der Produktion geplant. Beteiligt ist neben weiteren Partnern und dem Team aus Eberswalde auch die TU Dresden, die bereits mit dem Gitarrenbauer Hanika kooperiert hat, der ebenfalls mit Thermohölzern arbeitet.

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Warmleim aus Knochen und alten Fischhäuten

Bleibt noch die Sache mit dem Leim. Auch darüber hat Gunther Reinhardt nachgedacht und mit Warm- statt Industrieleim, der mit Wasser, Aceton oder anderen Lösungsmitteln angemischt wird, experimentiert. Der nachhaltigere Warmleim basiert auf einer alten Rezeptur. Zentrale Bestandteile sind Knochen und alte Fischhäute. „Stinkt beim Aushärten bestialisch“, sagt Reinhardt, aber hinterher rieche man nichts mehr. Allerdings sei das Verfahren aufwendig und fehleranfällig. Höchstwahrscheinlich findet der Pionier aus Schwaben dafür auch noch eine Lösung. Experten sind aber schon jetzt beeindruckt: „Die Thermogitarre kann in allen Belangen mithalten“, findet Fachmagazin guitar acoustic und laut Gitarre und Bass sei ein echtes Vergnügen, sie zu spielen.

Infokasten Gitarre

Das komplexe Instrument besteht aus drei Teilen: Am Kopf werden die Saitenenden an Wirbeln befestigt. Auf dem Hals, auf dem die Saiten laufen, befindet sich das Griffbett. Der Hals geht über in den Korpus, der seinerseits aus einem Resonanzkörper besteht und auf dem sich der Steg befindet, welcher wiederum die Saitenenden fixiert. Insbesondere für Korpus und Hals werden die streng geschützten und seltenen Tropenhölzer verwendet.