Startseite/Lebensstil/Nachhaltige Mode & Green Fashion/Nachhaltige Modemarken
13 Oktober 2016 / Lesezeit: 4 minuten

Start-up Räubersachen

Ökofaire Kleidung zum Mieten

Ökofaire Kindermode ist meist teuer. Das Start-up Räubersachen ändert dies, denn es bietet die Stücke zum Mieten an

Titelbild: MI PHAM/Unsplash

Titelbild: MI PHAM/Unsplash

Ökofaire Kleidung schont Mensch und Umwelt – ist meist aber teuer. Das Start-up Räubersachen bietet nun grüne Kindermode zum Mieten an. Der Clou: gebrauchte Stücke werden liebevoll aufbereitet, repariert und günstiger wieder angeboten

Als Astrid Bredereck im Januar 2015 an ihrem Küchentisch in Halle an der Saale zu Abend aß, kreisten ihre Gedanken weniger um das Essen oder den üblichen Familienwahnsinn. Vielmehr spukte eine Idee durch ihren Kopf: „Warum vermiete ich eigentlich nicht ökologische Kinderkleidung?“. Ein durchaus abstruser Gedanke für eine studierte Künstlerin. Doch Bredereck hatte am Nachmittag eine alte Wolljacke ihres zweijährigen Sohnes bei der Verkaufsplattform Ebay-Kleinanzeigen angeboten und sage und schreibe 25 Anfragen innerhalb kürzester Zeit bekommen.

Ökosoziale Kindermode zum Vermieten

Während die Familie einigermaßen irritiert auf die Idee zum Abendbrot reagierte, ließ Astrid Bredereck der Gedanke nicht mehr los. Kurze Zeit später hatte sie die Geschäftsidee genauer umrissen: die Vermietung von ökosozialer Kindermode aus Wolle – neu und vor allem gebraucht, liebevoll repariert mit alter Handwerkskunst und viel Kreativität.

Denn eine kurze Recherche hatte ergeben: Ein solches Angebot war nicht am Markt. Zwar ist mit Kilenda ein ähnliches Konzept verfügbar, doch der Fokus des Unternehmens liegt eher darauf, immer modisch Up-to-date zu sein. Bei Astrid Bredereck stand dagegen der ökosoziale Fokus von Anfang an fest. Und der bedeutet nicht nur ökologisch und fair hergestellte Produkte, sondern auch Preise, die Geringverdienern einen Zugang zu hochwertigen und grünen Marken ermöglichen.

„Da es bereits ein ähnliches Konzept gab, dachte ich ganz naiv, die Idee funktioniert“, sagt Bredereck rückblickend. Und mit dieser Einstellung kaufte sie sich für 150 Euro einen Webshop und ging Mitte Mai 2015 mit ihren Räubersachen online – ein Begriff aus ihrer Kindheit. So hatten ihre Eltern immer die Kleidungsstücke genannt, mit denen die Kinder nach Herzenslust Herumtoben durften. Und genau diesen Anspruch hat die Mutter von zwei Kindern auch an ihre Stücke.

Eine halbe Stunde nach dem Start kam die erste Bestellung

Diese stammen vor allen Dingen von Marken wie Engel, Disana und Cosilana, sind qualitativ am oberen Ende anzusiedeln und dementsprechend beliebt. „Ich hatte kein Budget für Werbung oder Sonstiges und ich habe bei Ebay-Kleinanzeigen ein paar Anzeigen online gestellt. Eine halbe Stunde später kam die erste Bestellung“, so die Gründerin weiter.

„Bis August konnte ich die ganzen Anfragen allein bewältigen, danach brauchte ich Unterstützung“, sagt Bredereck heute im Hernst 2016. Danach stellte sie ihre ersten Mitarbeiter ein. Diesen kann sie zu ihrem eigenen Bedauern bisher nur Mindestlohn zahlen, doch die Idee scheint prinzipiell zu funktionieren.

Das Sortiment ist wie die Mitarbeiterzahl kontinuierlich gewachsen. Gestartet ist Räubersachen mit fünf Herstellern. Aktuell sind fast 20 auf der Website vertreten, wobei nicht alle gleich mit Begeisterung dabei waren „Engel und Disana haben sich am Anfang dagegen gewehrt, aber ich konnte sie schlussendlich mit dem Konzept und Hartnäckigkeit überzeugen“, sagt Astrid Bredereck.

Ihre Kunden stammen hauptsächlich aus den Großstädten, wo ökosoziale Kindermode sich großer Beliebtheit erfreut. Vor allem die gebrauchten Stücke kommen an. Ob die Vermietung von gebrauchter Kleidung funktioniert, war sich Bredereck selbst zu Anfang nicht sicher, doch mittlerweile halten sich neu und gebraucht die Waage. „Viele Eltern finden die Idee toll, die gut erhaltenen Stücke weiterzugeben, haben aber nicht so viel Zeit und Geschick, um sich um den Weiterverkauf oder die Reparatur zu kümmern.“ Zudem könne man schnell und einfach unbekannte Hersteller ausprobieren, ohne viel Geld auszugeben.

Wie viel ein Stück pro Monat kostet, richtet sich nach dem Zustand der einzelnen Modelle. „So kann sich auch jemand der Öko wichtig findet und nicht so viel Geld zur Verfügung hat, diese Art von Kleidung leisten“, sagt Bredereck. Vor allem in den ersten Lebensmonaten rentiere sich die Miete, da die Kinder so schnell wachsen würden. Deshalb hat Räubersachen auch nur Kleidung bis Größe 116 und Schuhe bis Größe 26 im Angebot.

Liebevolle Reparatur Teil der Räubersachen-DNA

Und dann wäre da noch die liebevolle Reparatur, die aus kaputter Kleidung wunderbare Unikate macht. Astrid Bredereck ist überzeugt, dass dieser Aspekt von Räubersachen einen entscheidenden Beitrag leistet. „Das ist für viele ein Sympathiepunkt, der ganz abseits von finanziellen Aspekten wirkt, der mich selbst immer wieder begeistert und der ganze Sache erst den wirklichen Sinn verleiht“, sagt Bredereck. Jedoch einer, der kostet. Denn wirtschaftlich sinnvoll sei die Reparatur nicht, stellt die Gründerin klar. Die Personalkosten überstiegen die möglichen Einnahmen deutlich. Doch die Kleidungsstücke möglichst lange zu nutzen, ist ein wichtiger Teil der Räubersachen-DNA. Um dennoch eine Möglichkeit zu schaffen, dass Räubersachen so bestehen und handeln kann, hat Bredereck nun auf der Plattform Startnext eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Die Einnahmen werden ausschließlich in die Personalkosten der Reparatur fließen.

Die Mieter selbst bei Schäden zur Kasse zu bitten, sei nicht geplant. Bredereck bittet nur um einen Kauf der Stücke, wenn diese durch Einlaufen oder andere Vorgänge nicht mehr vermietbar werden. „Also mit dem Edding zu bemalen oder einen Ärmel abzuschneiden geht natürlich nicht“, sagt sie. Einen Waschschaden übernehme jedoch oftmals die Haftpflichtversicherung des Mieters.

Hilf enorm!

Unterstütze konstruktiven Journalismus

Die Coronakrise stellt auch uns bei enorm vor große wirtschaftliche Herausforderungen. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, möchten wir die Inhalte auf enorm-magazin.de frei zugänglich halten und auf Bezahlschranken verzichten. Hilf uns mit deinem Beitrag dabei!

Hilf enorm!

Aktuell sind viele Teile auf der Plattform ausgeräubert, wie Bredereck komplett vermietet Stücke nennt. Eine Expansion ist bis auf weiteres jedoch nicht geplant. „Ich hätte nie gedacht, dass ich schon so kurz nach der Gründung an diesem Punkt bin. Überhaupt hätte ich nie von mir selbst gedacht, jemals ein Unternehmen zu gründen und zu führen. Damit habe ich mich sehr überrascht und es bringt Aufgaben mit sich, in die ich erst einmal hineinwachsen muss. Es ist so gut und wichtig, dass ich dabei nicht allein bin. Jetzt wollen wir uns erst einmal stabilisieren“, zieht sie ein kleine Bilanz. Doch wer weiß, was für neue Ideen ihr beim Abendessen kommen.