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21 August 2018 / Lesezeit: 3 minuten

Nachhaltige Mode im Studium

Die neuen Musterschüler

In Modedesign-Studiengänge kommt gerade Bewegung. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit spielt zwar weiterhin im Lehrplan kaum eine Rolle, aber es wächst bei den Studierenden. Und die werden entscheiden, wie Mode in Zukunft produziert wird

Julia Tabakov hat sich etwas getraut. Für ihre Abschlussarbeit im Masterstudiengang „Conceptual Fashion Design“ an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle hat die 28-Jährige eine Upcycling-Kollektion entworfen, eine Modekollektion also, die aus alten Sachen Neues formt. Sie stöberte in einem Second-Hand-Laden, kaufte unter anderem einen Zweiteiler und schneiderte daraus ein bodenlanges Kleid. „Kleidung auseinanderzunehmen und etwas komplett Neues daraus zu machen, erfordert viel Vorstellungskraft“, sagt die Studentin. Das war es ihr wert. Ihre Masterkollektion sollte nachhaltig sein, unbedingt: „Meine Abschluss-Entwürfe werden schließlich nicht verkauft, sondern hängen am Ende nur im Schrank. Da wäre es doch Verschwendung, neuen Stoff zu benutzen.“

Tabakovs Professorin Heike Becker war begeistert von der Arbeit. Sie beobachtet immer häufiger, dass sich Studierende in der Abschlussarbeit nachhaltigen Themen widmen. Freiwillig. Denn auf dem Lehrplan der Burg Giebichenstein stehen grüne Mode und Nachhaltigkeit noch nicht. „Als Kunsthochschule ist es uns wichtig, dass sich die Studierenden in ihren Kollektionen so frei wie möglich entfalten können“, erklärt Becker. Sich ausprobieren, eine eigene Handschrift finden. Wenn Nachhaltigkeit in Seminaren thematisiert wird, dann nur auf Initiative einzelner Dozenten. Wie etwa durch jene Lehrbeauftragte, die für ihr Strickseminar Garne aus den Lieferüberhängen eines befreundeten Produzenten besorgte, statt neue zu kaufen.

Zwickmühle für Modedesigner

Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle ist keine Ausnahme in der deutschen Hochschullandschaft. In vielen Hochschulen scheint es bei Design-Studiengängen diesen Zwiespalt zu geben: Einerseits sollen Studierende ihre Kollektionen unvoreingenommen erstellen können. Andererseits wird Nachhaltigkeit durchaus wichtiger. Denn die Textil- und Bekleidungsindustrie ist einer der dreckigsten Wirtschaftszweige überhaupt. Asiatische Textilfabriken leiten giftige Abwässer in die Meere, viele Chemikalien bleiben in der Kleidung zurück. Hinzu kommen schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne.

Designer spielen hier eine Schlüsselrolle: Sie entscheiden, welche Stoffe sie für ihre Kollektion verwenden, wie und wo produziert wird. Dennoch schrecken die meisten Hochschulen davor zurück, Nachhaltigkeit fest im Lehrplan zu verankern. Für Uwe Demele, Studiendekan an der Berliner Akademie Mode & Design (AMD), hat das mehrere Gründe: „Zum einen tun sich viele schwer damit, Neues auf den Weg zu bringen. Zum anderen wissen sie oft nicht genau, wie sie das komplexe Thema angehen sollen.“ Zu Recht: Demele zufolge gibt es allein mehr als hundert Definitionen des Begriffs Nachhaltigkeit. Und nur in wenigen Branchen ist die Umsetzung von ökologisch sauberer, tierfreundlicher, fairer Produktion so komplex wie in der Mode mit ihren vielen Produktkomponenten, Materialmischungen und verschlungenen Lieferwegen.

Mit gutem Beispiel voran geht die Hochschule Hof. Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung sind im Leitbild verankert – sie nennt sich Green-Tech-University. Die Hochschulleitung stellte die Heizungsanlage am Campus Münchberg von Heizöl auf Pellets um. Der Strom stammt aus erneuerbaren Energien. „Von uns Dozenten wird erwartet, Bewusstsein für Nachhaltigkeit in die Studiengänge zu tragen“, sagt die Professorin für Textildesign Anita Oswald. Es gibt zwar kein Modul mit dem Titel Nachhaltigkeit, doch die Dozenten besprechen wichtige Themen rund um grüne Mode in ihren Seminaren. „Wir diskutieren viel. Etwa darüber, wann es Sinn ergibt, etwas als nachhaltig zu bezeichnen“, sagt Oswald. Sie möchte den Studierenden vor allem Grundlagenwissen mit auf den Weg geben, von ökologischen Veredelungen bis zum Recycling von Materialien.

Nachhaltige Mode braucht Designer wie Manager – schon im Studium

Ähnlich sieht es an der Berliner Universität der Künste (UdK) aus, die ebenfalls Modedesigner ausbildet. Nachhaltigkeit ist zwar auch dort noch nicht als eigenständiges Modul im Lehrplan fixiert, taucht aber in den einzelnen Veranstaltungen auf. Etwa, wenn es um Materialfachkunde geht: „Wir diskutieren, welche Materialien es gibt und welche umweltfreundlichen Alternativen man verwenden könnte“, sagt Valeska Schmidt-Thomsen, geschäftsführende Direktorin des Instituts für experimentelles Bekleidungs- und Textildesign. „Wir arbeiten daran, dass Nachhaltigkeit auch offiziell im Lehrplan verankert wird.“ Die Studierenden an der UdK hätten ein hohes Bewusstsein für ökologische und ethische Aspekte. Einige fordern sie offensiv als Lehrinhalte ein, für andere ist sie längst selbstverständlich, man spricht schon nicht mehr darüber.

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Schmidt-Thomsen ist sich ihrer Verantwortung bewusst: „Designer entscheiden über den Materialeinsatz und somit über das Produkt.“ Doch nicht nur die Kreativen sind gefordert, meint die Professorin: „Mode ist Teamarbeit. Deswegen betrifft Nachhaltigkeit jeden – vom Designer bis zum Manager.“ Das hat auch die LDT Nagold erkannt. Die Fachakademie bildet in Kooperation mit Modeunternehmen Textilbetriebswirte aus. Anna Rodewald unterrichtet seit fünf Jahren unter anderem das Fach „Nachhaltigkeit in der Textil- und Modebranche“ und versucht so, die Studierenden auf eine Arbeit in Handel und Industrie vorzubereiten. Bislang war die Veranstaltung nur Wahlfach, seit dem Wintersemester 2017 ist es Pflicht. Für Rodewald ein Schritt in die richtige Richtung: „Wir müssen uns Gedanken machen, welche Ressourcen wir nutzen, wie wir ökologisch und sozial produzieren können.“

Wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit allmählich in der Ausbildung wird, zeigt auch die AMD: Im September 2017 startet der Masterstudiengang „Sustainability in Fashion and Creative Industries“. In den Bachelorstudiengängen sind grüne Mode, faire Produktionsbedingungen und ressourcenschonender Materialeinsatz immer wieder Thema – wie im Modul „Normatives und nachhaltiges Management“. Studiendekan Uwe Demele sieht darin die Zukunft der Branche: „Nachhaltigkeit ist weder ein Hype noch ein Trend. Die Endkonsumenten hinterfragen zunehmend die Produktionsbedingungen der Hersteller und wollen wissen, woher ihre Kleidung kommt.