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31 July 2018 / Lesezeit: 10 minuten

Green Fashion

Eine Revolution wird genäht

Bio boomt – noch nicht in den Kleiderschränken. Aber die Szene wird größer, bunter und cooler, der Durchbruch für Green Fashion rückt näher

Minus drei Grad, die Sonne scheint, schneidender Westwind fegt über den Kottbusser Damm in Berlin-Neukölln. Hinter den Scheiben der Dönerläden dreht sich Fleisch auf den Spießen. In den Kiezcafés duftet es nach Espresso. Ecke Böckhstraße stehen Alice, Silke und Anika über einen Stadtplan gebeugt, die Mützen tief ins Gesicht gezogen, die Jacken hochgeschlossen. „Willkommen bei der Green Fashion Tour“, sagt Alice.

Die 32-jährige Kostümbildnerin wird gleich zu den grünen Modestores im Brennpunkt-Viertel führen, das sich mittlerweile zu einem Hotspot von Hipstern, Künstlern und Fashionistas entwickelt hat. Silke und Anika sind heute die einzigen Teilnehmerinnen, sechs haben kurzfristig abgesagt. Zu kalt. Macht nichts. Die Schwestern sind gespannt. „Ich entdecke gerade das Thema Nachhaltigkeit für mich“, sagt Anika. Weniger Fleisch, mehr Bio. Doch: Was gibt es in Sachen Mode? „Ich kaufe ab und an beim Supermarché“, sagt Silke, einem Ökomode-Store in Kreuzberg. „Jetzt möchte ich Neues kennenlernen.“

Seit 2015 gibt es die Green Fashion Tours. 60 Gruppen waren im vergangenen Jahr mit den Experten des Start-ups unterwegs durch Mitte, Kreuzberg, Friedrichshain und eben Neukölln. 80 Prozent kommen aus der Modebranche, von NGOs und Bildungseinrichtungen. Viele Studenten und Schüler sind dabei, auch Besucher aus dem Ausland, die in der Hauptstadt entdecken wollen, wohin die Reise geht. „Green Fashion ist nicht gleich Green Fashion“, sagt Alice. „Ich werde Euch die Bandbreite zeigen.“ Berlin ist hierfür gerade der place to be. Manche sprechen bereits von einer grünen Mode-Revolution. Dann mal los.

Grüne Mode: nichts mit Latzhosen, Leinen und Sackkleidern

Grüne Mode – sie hat nichts mehr zu tun mit Latzhosen und sackartigen Kleidern aus knittrigem Leinen. In den 70er- und 80er-Jahren waren diese Klamotten Ausdruck eines politischen Protests gegen Spießbürgertum, Waldsterben, Atomkraft. Man wollte sich abheben, man wollte öko sein. Lange hat sich an der Optik nur wenig geändert, Hess Natur, später Britta Steilmann – viel mehr gab es nicht. Heute entwerfen Mode-Designer nachhaltige Kollektionen, die genauso trendy sind, wie die ihrer konventionellen Kollegen. Und es werden immer mehr.

Einer, der diesen Wandel von Anfang an begleitet hat, ist Bernd Hausmann. 2006 hat er Glore in Nürnberg gegründet, den ersten Multi-Brand-Store für faire, nachhaltige Kleidung mit Style. Der Spiegel nannte ihn einst „Tempel der stilvollen Nachhaltigkeit“ – heute gilt das mehr denn je. Bei Hausmann gibt es so gut wie alles, was es in ökologischer Qualität zu kaufen gibt. Angefangen bei türkisfarbenen Socken und schwarzem Neckholder-BH über Skinny-Jeans und Tupfen-Kleid bis zu Parka, Badeshorts und Yoga-Leggins. Vollsortiment, sagt Hausmann dazu. Als er anfing, standen 60 spannende Labels aus dem In- und Ausland auf seinem Notizzettel, heute sind es mehr als 300.

Erster Stopp: Corvera Vargas. Alice stößt die Tür auf. Roh verputzte Wände, Kronleuchter, Altbau im Shabby-Chic. An Öko erinnert hier wenig, auch nicht die Gründerin Maria Corvera. Pagenschnitt, Binde-Oberteil, Ankle Boots, alles schwarz. Die Bolivianerin verwendet Reststoffe der Industrie, arbeitet mit kleinen Manufakturen in Polen, lässt ihre Alpaka-Pullover in einem bolivianischen Dorf fertigen, in dem sie vom Bauern bis zur Näherin jeden kennt. Sie weiß, wo die Schafe weiden, dass natürlich gefärbt und fair bezahlt wird. 170 Euro kostet ein Alpaka-Pullover im Laden. Corvera: „Das geht, weil ich auf einen Aufschlag für die Entwürfe verzichte.“ Aus Überzeugung.

„Die Sachen haben wirklich keinen Green Touch, oder?“, fragt Alice. Silke und Anika nicken. Ganz ihr Geschmack ist die Kollektion trotzdem nicht. Für sie passt eher der Mix, den Katrin Hieronimus im Standard eine Ecke weiter bietet. Fair gefertigte Basics aus Bangladesch, zertifizierte Bio-Baumwollkleider aus Mallorca, organic clothing von Lovjoi, Schwäbische Alb. „Als wir 2012 angefangen haben, war die Skepsis groß“, sagt Hieronimus, „heute sind die Kunden interessierter und fragen nach: Wie wurde das hergestellt und von wem?“ Alice zieht ihr iPad hervor und zitiert eine Studie: Von einem Zara-Shirt für 30 Euro gehen demnach nur 18 Cent an die Näherin, bei Slow Fashion seien es immerhin 60 Cent.

Mode als Wegwerfware?

Zara, H&M, Primark: ein Reizthema. In immer kürzeren Zyklen fluten Fast-Fashion-Ketten den Modemarkt und animieren Kunden, Kleidung als Wegwerfware zu sehen – mehr als ein Drittel der schnell gekauften Teile, so eine Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2015, werde nie oder maximal zweimal getragen. Quasi ungenutzt landen sie im Müll oder im Altkleidercontainer. Nach der Wachstumslogik unseres Wirtschaftssystems ein cleverer Zug. „Der Markt gilt unter Mode-Experten als gesättigt“, sagt Buchautorin und taz-Redakteurin Heike Holdinghausen.

Die Menschen haben mehr als genug Kleidung im Schrank. Also erfindet man in immer kürzeren Abständen neue Trends. Heute gelb, morgen blau, übermorgen violett. Zwei Kollektionen wie früher, längst passé, die Billigmode-Hersteller bringen mitunter zweimal pro Woche neue Ware in die Läden – und setzen damit die gesamte Branche unter Druck; kaum ein Mode-Unternehmen, das nicht versucht, mit wenigstens zwei zusätzlichen Zwischenkollektionen Schritt zu halten. Dass das Ganze eine Kehrseite hat, ist vielen Menschen bewusst. Oder auch nicht. Für ihr Buch „Dreimal anziehen, weg damit“ ist Holdinghausen durch die Fast-Fashion-Stores gezogen und hat festgestellt: „Im Moment des Shoppens ist Bangladesch weit weg.“

Manchmal war sie kurz davor, Kunden anzusprechen. Hat sie sich dann doch verkniffen: „Moralisieren bringt nichts.“ Man spricht zwar gerne vom mündigen Kunden – doch kann man ernsthaft erwarten, dass er das ganze Ausmaß kennt? Ausgelaugte Böden, verseuchtes Wasser, Missbildungen bei den Kleinsten, Erschöpfung, Krebs, Selbstmord bei den Großen … die Liste ist lang und der Kontrast zu der Happy-Glamour-Fashion-Werbewelt brutal. Mode findet in zwei Welten statt.

Aufklärung tut not, findet Designerin Arianna Nicoletti. Deshalb hat sie vor drei Jahren zusammen mit Anna Perrottet von Get changed, einem Schweizer Netzwerk für nachhaltige Mode, das Projekt „Green Fashion Tours“ gestartet. Sie ist überzeugt, „dass viele Verbraucher nicht wissen, was alles falsch läuft in der Modebranche und welche Alternativen“ es gibt.

Verlässliche Zahlen zu Green Fashion fehlen

Nicoletti: „Wir wurden dazu erzogen, trendy sein zu wollen und zu verbrauchen, das streift man nicht einfach ab.“ Im Umfeld der beiden Tour-Teilnehmerinnen Silke und Anika ist es nicht anders. Anika arbeitet in der Wohnungswirtschaft, Silke bei der Caritas. In Silkes Freundeskreis wissen die Wenigsten, wie ihre Hosen und Shirts hergestellt werden, „keiner kauft Green Fashion“. Anikas Kollegen winken bei Bio-Mode ab, „da ist doch viel Show dabei“.

Aussagekräftige Zahlen darüber, wie viele Bio-Shirts und Bio-Hosen verkauft werden, sind schwer zu finden. Schon allein deswegen, weil oft nicht klar ist, was alles dazugezählt wird. Welche Kriterien muss ein grünes Kleidungsstück erfüllen? Reicht es, wenn nur ein paar Prozent Bio-Baumwolle drinstecken und ansonsten konventionelle Fasern? Muss nur das Material nachhaltig sein oder die gesamte Wertschöpfungskette: vom Anbau über die Produktion bis zu Verpackung und Lieferung?

Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kommt in ihrer Studie „Sustainable Fashion“ von 2016 auf 3,7 Prozent Umsatzvolumen – Bio-Shirts von Zara & Co. mitgerechnet. Lässt man Bernd Hausmann schätzen – in seinen Laden kommt nur Ware mit dem strengen GOTS-Zertifikat –, dann kommt er auf weniger als ein Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland lag der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln laut Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft 2017 bei 10,4 Prozent, nicht eingerechnet der Snack im Biobistro oder das Dinner im grünen Restaurant.

Warum hinkt die Bio-Mode dem Bio-Essen hinterher? Warum können Verbraucher im Kaufhaus nicht ganz selbstverständlich zwischen konventioneller und nachhaltiger Ware wählen? Und warum bestehen die alten Vorurteile – zu teuer, zu ökig – gegenüber Bio-Mode noch immer, wenn immer mehr Designer auf Grün umsteigen und auch für schmalere Geldbeutel faire Mode entwerfen? Der Eco-Fashion-Store Avocadostore listet auf zwölf Seiten Frauen-T-Shirts unter 20 Euro auf, Männer-Jeans gibt es ab 60 Euro.

Für Werbung fehlt meist das Geld

Es gibt mehr als eine Antwort. Für Arianna Nicoletti liegt ein Grund darin, dass „Mode an der Oberfläche bleibt – während Nahrung unter die Haut geht. Da fragen wir eher: Schadet mir das?“ Bei Kleidung ist das nicht so offensichtlich. Bernd Hausmann sieht einen anderen Grund im niedrigen Bekanntheitsgrad von grüner Mode. Sechs Läden in sechs Städten betreibt der Nürnberger mittlerweile. Keiner davon liegt in 1A-Lagen, mitten in der City, wo tagtäglich hunderte von Menschen an seinem Schaufenster vorbeigehen. Das ist bei anderen Green-Fashion-Stores oder Labels nicht anders. Viele Kunden entdecken die Läden per Zufall oder weil sie davon gelesen haben.

Doch wie oft werden sie erwähnt? Holdinghausen: „In den etablierten Fashion-Magazinen wie Vogue, Elle, Cosmopolitan nur selten.“ Und wenn, dann wird der grüne Aspekt besonders betont oder fast verwundert festgestellt: Gut sieht es auch noch aus. Eigene Werbung zu schalten – dafür fehlt den grünen Labels in der Regel das Geld; Investoren ins Boot zu holen – davor schrecken viele zurück. „Es fehlt das Vertrauen“, sagt Hausmann, „da prallen Kulturen aufeinander“. Was es bräuchte: einen internationalen Star wie George Clooney, der statt für Kaffeekapseln für lässigen Eco-Style Werbung macht.

Für die Berliner Modeexpertin Magdalena Schaffrin liegt es ganz generell an der Komplexität, mit der es Modeschaffende zu tun haben: „Die Herstellung von Kleidung ist nicht zu vergleichen mit der Lebensmittelproduktion“, sagt sie. In Kleid oder Hose stecken einfach mehr Zutaten als in Brot oder Spaghetti. Mit dem Anbau von Baumwolle oder Flachs ist es schließlich nicht getan. Die Rohmaterialien müssen gesponnen, gefärbt, genäht, verpackt, verschickt, vielleicht bedruckt, veredelt oder anders bearbeitet werden. Hinzu kommen Garne, Nieten, Reißverschlüsse aus verschiedenen Ecken der Welt. Schaffrin: „Selbst ein Fertiggericht ist viel weniger komplex.“

Schaffrin gilt als Vordenkerin der Green-Fashion-Szene. Schon 2009 stellte die Modedesignerin mit ihrer Partnerin Jana Keller den Green Showroom im Berliner Hotel Adlon auf die Beine. „Ich wollte einen Ort für Mode schaffen, die beides verbindet: höchsten Designanspruch und nachhaltige Produktion.“ Kein Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch. Sie startete mit 16 Labels, auf der Show im Januar 2018 präsentierten sich fast 170 im Berliner Kraftwerk Mitte. Es war viel Arbeit, ein größeres Publikum zu erreichen – und es wird auch weiterhin viel Arbeit bleiben.

Teuer ist nicht besser – und billig nicht schlechter

Laut GfK finden es zwar zwei Drittel aller Deutschen wichtig, dass Bekleidung und Schuhe umwelt- und sozialverträglich produziert werden. Doch das Interesse allein sichert keinen Erfolg. „Mode ist immer zuerst Mode“, sagt Schaffrin. „Der Look muss stimmen, die Qualität, der Preis, erst danach kommt für die meisten Kunden als Plus die Nachhaltigkeit.“ Wenn all diese Elemente passen, sieht Schaffrin durchaus einen Markt: im mittleren Preissegment, wo sich Marken wie Tom Tailor, Tiger of Sweden oder Esprit tummeln.

Der Wind treibt leere PET-Flaschen die Weserstraße entlang, die Nasen werden rot, die Hände steif. Alice, Anika und Silke eilen zu Wesen, dem Store des Berliner Labels Format, das lokal produziert und mit nachhaltigen Labels für Accessoires und Schuhe zusammenarbeitet. Sie werfen einen Blick in die Nähstube. Gehen weiter zu den Designern von Shio, die auf Zero Waste, Upcycling und Kollektionen aus Biostoffen setzen. Lernen das internationale Team von Obst und Gemüse kennen, die durch Kooperation ihre Herstellungsweisen nachhaltiger zu machen versuchen. Was kann man gemeinsam ordern? Wie lassen sich Stoffe besser verwerten?

Wenn beim Lederkleid von Kollegin A Reste übrigbleiben, fertigt Kollegin B daraus Ohrringe. Die jungen Frauen diskutieren auf dem Weg von Station zu Station, wie es sein kann, dass 2700 Liter Wasser für die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts verbraucht werden. „Und die teuren High-Fashion-Designer machen es meist auch nicht besser als die Discounter“, sagt Alice. Sie selbst kauft gar nichts mehr. Sie findet ihre Sachen auf der Straße. „In den Zu-verschenken-Boxen, die die Leute am Prenzlauer Berg oder in Mitte vor die Tür stellen, ist haufenweise H&M- und Primark-Kram drin, manchmal noch mit Preisschild.“ Alice zieht den Zipper ihrer Jacke auf, Cordhose, Cardigan, sogar das Woll-Unterhemd stammen aus solchen Kisten.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass teure Modeunternehmen mitunter in denselben schäbigen Sweatshops fertigen lassen wie ganz günstige Labels. „Teuer einkaufen heißt nicht gleich gut einkaufen“, sagt Expertin Holdinghausen. Fairerweise muss man auch sagen: Günstig einkaufen heißt nicht gleich schlecht einkaufen. Als Beispiel nennt die taz-Redakteurin Hugo Boss. Regelmäßig wird das Metzinger Bekleidungsunternehmen für schlechte Löhne angeprangert. Zwar gelobt Boss Besserung, doch für Aktivisten von Femnet und oder der Kampagne für Saubere Kleidung mangelt es an Taten beziehungsweise Beweisen. „Die Billigkette Takko hingegen“, so Holdinghausen, „arbeitet seit längerem mit der Fair Fashion Foundation zusammen, um die sozialen Bedingungen in ihrer Lieferkette schrittweise zu verbessern.“

Grüne Impulse auch von großen Marken

Dennoch: Es gibt sie, die grünen Impulse von den großen Marken. So bietet Strumpfhersteller Kunert mit Kunert Blue eine Strumpfhose aus alten Fischernetzen an. Outdoor-Spezialist Burton will bis 2020 aus seinen Produkten hochproblematische Gifte verbannen. Und Sportartikelhersteller Adidas sorgte in letzter Zeit gleich mit zwei innovativen Sneakern für Schlagzeilen: Modell Parley aus recyceltem Plastikmüll und Modell Futurecraft Biofabric aus vollständig kompostierbarer Kunstseiden-Faser – nur den ersten gibt es im Moment zu kaufen.

Unternehmen der Modeindustrie denken nach Einschätzung von Branchen-Kennerin Schaffrin allein schon deshalb langsam um, weil absehbar ist: So wie bisher lässt sich Mode, vor allem Fast Fashion, langfristig nicht wirtschaftlich produzieren. Zu groß sei die Unsicherheit. Wie entwickeln sich die Preise für Rohstoffe? Welche Fasern sind langfristig ökonomisch tragbar?

„Da ist es nur folgerichtig, nach neuen Materialien zu forschen oder auf mehr Kreislaufwirtschaft zu setzen“, so Schaffrin. 64 Mode-Unternehmen, unter ihnen globale Player wie H&M und Inditex (u. a. Zara) haben im Januar 2018 das „2020 Circular Fashion System Commitment“ unterzeichnet: eine ökologische Selbstverpflichtung, gebrauchte Kleidung wieder in Umlauf zu bringen oder zu neuen Textilien zu verarbeiten – Hose bleibt Hose oder wird Rock. Schaffrin: „Wie viel dann wirklich passiert, muss sich erweisen, aber es zeigt: Da kommt etwas in Bewegung.“

Die Kritik „Ach, die Großen meinen doch, es sei mit ein paar Arbeitsgruppen getan“, hört Schaffrin oft. Doch Unternehmen pauschal unter Greenwashing-Verdacht zu stellen, hält sie für „unklug. Wir müssen sie vielmehr in die Pflicht nehmen – ohne die Großen geht es nicht.“ Bernd Hausmann hat das früher auch so gesehen, jetzt nicht mehr. Wenn er die Vorzeige-Produkte genauer betrachtet, kommt er meist zu dem Schluss: Toller Ansatz von oftmals motivierten Mitarbeitern, aber letztlich nicht konsequent umgesetzt.

„Öko-Mode“ wollen die jungen Desinger nicht hören

So bestehen bei den Adidas-Sneakern nur das Obermaterial und vielleicht noch die Zwischensohle aus Plastikabfällen beziehungsweise Kunst-Seide, nicht aber die eigentliche Sohle. Außerdem machen die grünen Treter nur einen Bruchteil der Gesamtkollektion aus. Früher hat Hausmann das frustriert, mittlerweile hat er sich damit abgefunden: „Die Textilindustrie und ihre Global Players werden sich von innen heraus nicht wirklich verändern. Die über Jahrzehnte gewachsene Denke ist zu stark.“ Der Weg für ihn ist nicht, auf die Großen zu warten, sondern die Kleinen zu unterstützen, die heute schon einen besseren Weg gehen. Sein Ziel: „Kik muss weg – dafür arbeite ich.“

Vielleicht ist es auch das, was helfen würde: ein gemeinsames Motto, mit dem sich alle Labels identifizieren können, die an einer gesunden, gerechten, leid- und müllfreien Modewelt arbeiten. Bislang, so scheint es, werkeln alle alleine vor sich hin. Es gibt keinen Verband, der Interessen bündelt. Es gibt keinen Konsens, wer und was grün genug ist, um dazuzugehören. Es gibt nicht mal einen Begriff: Wie nennen wir das eigentlich, was wir tun? Öko-Mode gehe gar nicht, sagt die neue Designergeneration. Grüne Mode, Bio-Mode, faire Mode, nachhaltige Mode finden die meisten genauso schrecklich.

Was jedoch zu erkennen ist: ein langsamer Wandel in der gesellschaftlichen Debatte. „Lange sah man an erster Stelle die Verbraucher in der Pflicht“, resümiert Branchenexpertin Schaffrin. Sie sollten es mit ihrem Kaufverhalten richten; sobald sie gute Ware nachfragen, werden Unternehmen reagieren. „Zunehmend werden jedoch die Grenzen der Konsumentenmacht sichtbar“, so Schaffrin, „ihre Wirkung ist begrenzt.“ Der Blick geht einerseits in Richtung Unternehmen – sie stehen in der Verantwortung.

Buntes Sammelsurium zwischen Ökogemütlichkeit und Kunstraum

Andererseits in Richtung Politik – sie muss der Modeindustrie neue Regeln auferlegen und sie daran hindern, weltweit in armen und korrupten Staaten ohne Rücksicht auf Umwelt und Menschenrechte zu produzieren. Drei Euro für ein T-Shirt – genauso viel wie für eine Tasse Milchkaffee im Prenzlauer Berg? Das darf es nicht länger geben. Denn der Preis hat nichts mit den wahren Kosten zu tun.

Station sechs, Studio Hertzberg, tief im Süden von Neukölln, dort wo nur noch Brennpunkt ist, keine Szene. Trotzdem haben sich zehn Labels hier zusammengetan, um ihre Vision von nachhaltiger Mode nach vorn zu bringen. Zum Beispiel mit den Hoodie-Unikaten aus Stoffresten von Against Grey. Zum Beispiel mit dem GOTS-zertifizierten Männerlabel Strunk oder der Dessous-Kollektion von Inga Intimates. Ein buntes Sammelsurium irgendwo zwischen Ökogemütlichkeit und Kunstraum. Aber vielleicht zieht gerade das hier im Kiez. „Viele Kunden kommen, weil ihnen etwas gefällt, egal ob nachhaltig oder nicht“, sagt die Designerin von Against Grey, „auch gut.“

Langsam verschwindet die Sonne hinter den Dächern an der Sonnenallee. Es dämmert. Dreieinhalb Stunden Fashion Tour schlauchen. Aber es hat Spaß gemacht. „Wir haben viel Neues kennengelernt“, sagt Silke. „Mit den Designern reden zu können, fand ich super.“ Ihr erster Entschluss: Dieses Jahr keine neuen Jeans mehr. Und wenn ein neues Teil her muss, dann auch in grüne Läden schauen. Die Chance, etwas zu finden, ist groß.