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15 Oktober 2014 / Lesezeit: 3 minuten

Gescheitertes „Bündnis für nachhaltige Textilien“

Bündnis ohne Verbündete

Dem „Bündnis für nachhaltige Textilien“ springen die Teilnehmer ab – und das kurz vorm Start

Titelbild: Andrej Lišakov/Unsplash

Titelbild: Andrej Lišakov/Unsplash

Das „Bündnis für nachhaltige Textilien“ sollte Politik, Wirtschaft und NGOs an einen Tisch bringen, um die Arbeitsbedingungen für Textilarbeiter im Ausland zu verbessern. Doch kurz vor dem Start machen die großen Wirtschaftsverbände einen Rückzieher. Und dann ist auch noch Greenpeace abgesprungen

Tausendmal empört, tausendmal ist nichts passiert. So in etwa lässt sich beschreiben, wozu der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh geführt hat. Manch einer hatte gehofft, das Ausmaß der Katastrophe im April 2013 würde die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft zum Umsteuern zwingen. Und dafür gab es zumindest auch Anzeichen.

So hatte das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) im Mai 2014 das „Bündnis für nachhaltige Textilien“ gestartet. In ihm sollten Vertreter aus Textilindustrie, Handel, Politik und Nichtregierungsorganisationen gemeinsam Regelungen finden, um menschenwürdige Arbeitsbedingungen und einen existenzsichernden Lohn für die Arbeiter entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Kleidungsproduktion sicherzustellen, also gerade auch im Ausland, wo oft unter elendigen Bedingungen produziert wird.

Rückzieher in letzter Minute

Die Ziele des Bündnisses wurden in einem Aktionsplan festgehalten, der ambitioniert, aber durchaus umsetzbar schien. Am 14. Oktober 2014 sollte in Berlin die formale Gründung des Bündnisses erfolgen. Doch in den letzten Tagen sind die großen Wirtschaftsverbände abgesprungen. Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie, nannte in einem Interview mit der „Welt“ verschiedene Gründe für den Rückzug der Verbände.

So seien die Lieferketten insgesamt zu komplex, für deutsche Unternehmer sehe er keine Möglichkeit diese zu kontrollieren. Für die Einhaltung von Sicherheitsstandards beim Bau von Fabriken oder das Garantieren existenzsichernder Löhne sei außerdem die Regierung des jeweiligen Staates verantwortlich. In einem Brief an das BMZ, aus dem das „Handelsblatt“ zitierte, kritisierte auch der Geschäftsführers des Arbeitgeberverbands (BDA) Peter Clever die Übernahme von Verantwortung für die Kontrolle gesamte Lieferkette als zu weitführend und nannte das Bündnis „realitätsfern“.

„Selbstverständlich kann man die gesamte Lieferkette kontrollieren“

Beide sprechen gleichwohl nicht für die gesamte deutsche Textilwirtschaft. So erklärte das traditionell nachhaltig ausgerichtete Modeunternehmen hessnatur diese Woche seinen Beitritt zum „Bündnis für nachhaltige Textilien“. Für das Unternehmen sei es „selbstverständlich, die gesamte Lieferkette kontrollieren zu können“, dies sei schließlich die „Firmenphilosophie und seit jeher unsere Vorgehensweise“, bemerkte Sven Bergmann von hessnatur.

„Natürlich bedeutet das auch einen gewissen Aufwand: Man muss die Prozesse vom Anbau bis zum fertigen Produkt im Griff haben und darf Verantwortung nicht nur auf den jeweiligen Vorlieferanten abschieben. Und man darf sich nicht nur auf schriftliche Zusicherungen verlassen. Man muss immer wieder vor Ort sein, Trainings und Schulungen durchführen und mit unabhängigen Organisationen zusammenarbeiten, die in den jeweiligen Ländern vertreten sind. Sicher ist aber: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“

Die Verantwortung für Löhne und Arbeitsschutz allein den Regierungen in den jeweiligen Entwicklungsländern zuzuweisen, kritisieren Experten schon seit Längerem. In Ländern wie Bangladesch profitiere ein Großteil der Politiker selbst von der Ausbeutung der Arbeiter, da viele Parlamentarier dort selbst Textilfabriken besäßen. Zudem suche sich die Textilwirtschaft absichtlich die Produktionsstätten, wo am billigsten produziert werden könne. Sobald die sozialen Standards dann erhöht würden, wodurch auch die Arbeitskosten steigen, zögen die Unternehmen dann einfach in das nächste billige Land weiter.

Realitätsfern kann auch gut sein

Auch Nichtregierungsorganisationen würdigten die Gründung des „Bündnisses für nachhaltige Textilien“ als wichtigen Schritt. Allerdings sorgten Zugeständnisse an die Industrie auch für Unmut aus der anderen Richtung. So erklärte Greenpeace am Morgen des 14. Oktober, dass es dem Bündnis ebenfalls fernbleiben werde, da das BMZ die Ziele hinsichtlich der Verwendung von Chemikalien aufgeweicht habe. Vom „Schulterschluss“ aller gesellschaftlichen Akteure, die das Ministerium angestrebt hatte, ist damit kaum noch etwas übrig.

Das INKOTA-Netzwerk hingegen begrüßte das Bündnis und beschrieb verbindliche Vereinbarungen als notwendig, um Fortschritte beim Schutz der Arbeiter zu erzielen, und wies daraufhin, dass freiwillige Regelungen in der Vergangenheit trotz drastischer Vorfälle oft nicht funktioniert hätten. So seien etwa die Opfer und Verletzten der Brandkatastrophe von Bangladesh noch immer „nicht fair und ausreichend entschädigt. Bisher besteht alleinig für die Opfer von Rana Plaza ein freiwilliger Entschädigungsfonds, der noch nicht mal zur Hälfte gefüllt ist.“

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Vor dem Hintergrund des aktuellen Umgangs mit Textilarbeitern lässt sich der Begriff „realitätsfern“, mit dem Peter Clever das „Bündnis für nachhaltige Textilien“ beschrieb, sogar als Lob verstehen. So weit wird der Geschäftsführer des BDA bei seiner Wortwahl allerdings nicht gedacht haben.