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29 April 2017 / Lesezeit: 3 minuten

Textilindustrie

Mehr Transparenz im Mode-Business

Titelbild: Hannah Morgan/Unsplash

Viele Modeanbieter kennen ihre Lieferketten nicht – zumindest nicht bis ins Detail. Das öffnet unethischen Herstellungsbedingungen Tür und Tor. Doch der Druck steigt, nicht zuletzt dank transparent agierender Vorreiter

Die textile Kette ist komplex: Spinnen, Färben, Ausrüsten, Weben, Nähen, das eine hier, das andere dort, vielleicht im hintersten Winkel Asiens, wo der Subunternehmer den Auftrag unbemerkt an den nächsten Subunternehmer weitergibt. Dazu noch all die Zutaten, vom Knopf bis zum Reißverschluss, mit wieder anderen Lieferketten. Viele, insbesondere große Modelieferanten, wissen nicht – und geben dies teils auch unumwunden zu –, wie es um jede einzelne ihrer Vorstufen bestellt ist. Wie und womit dort gearbeitet wird. In letzter Zeit, spätestens seit dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch, wissen die meisten von ihnen jedoch, wie angreifbar sie sich damit machen.

Für Unternehmen wird es zum Glück immer schwerer, „dunkle Seiten“ ihrer Geschäftstätigkeit zu verdecken. Dafür muss nicht einmal der Gesetzgeber tätig werden, obwohl auch mit dem „Bündnis für nachhaltige Textilien“ der Bundesregierung der Druck auf die Branche merklich steigt. Investigativ arbeitende Journalisten bereisen Produktionsstätten, Organisationen wie die Clean Clothes Campaign oder Peta stellen öffentlich Firmen und Machenschaften an den Pranger, Öko-Test und Stiftung Warentest nehmen Schadstoffprüfungen vor, Kunden äußern in Blogs und Foren ihre Meinung – und all das verbreitet sich in Echtzeit um den Globus.

Rückverfolgbarkeit ist möglich

Transparenz ist das Gebot der Stunde, manche Marken haben dies früher entdeckt als andere. Ökomode-Pionier Hessnatur führte bereits in den 90er Jahren eine Produkt-Deklaration ein und veröffentlicht in seinem Katalog, inzwischen ebenso im Web-Shop, zu jedem Artikel Angaben zum Herkunftsland der Materialien und deren Weiterverarbeitung. In den eigenen Stores wird mit Hilfe interaktiver Screens und Tablets die Produktionskette multimedial anschaulich und greifbar gemacht. Aktuell hat das Unternehmen ein Traceability-System (Traceability = Rückverfolgbarkeit) für die Babymode umgesetzt.

In der Art, wie die Schweizer Remei AG bereits eines hat. Auf der Website des Unternehmens können Kunden den Zifferncode, der jeweils in die Etiketten der Produkte integriert ist, eingeben und auf diese Weise den gesamten, konsequent ökologisch und sozial ausgerichteten Werdegang der Kleidungsstücke rückverfolgen. Die „bioRe“-Kette wird auf jeder Prozessstufe auditiert. bioRe ist das Qualitätszeichen der Remei AG, die u.a. für Marken wie Coop Naturaline, Mammut, Elkline, Globetrotter oder Grüne Erde arbeitet. Helmut Hälker, Geschäftsführer der Remei AG, ist überzeugt: „Die Rückverfolgbarkeit ist eine wirksame Methode, Kundinnen und Kunden zu zeigen, dass sie nachhaltige Mode eingekauft haben. Sie verhindert die Anonymisierung von unfairen oder umweltbelastenden Produktionsstätten.“

Apropos faire Herstellungsbedingungen: Die Organisation Transfair hat den Fairtrade-Code entwickelt, der in der oben beschriebenen Weise die Entstehungsgeschichte zertifizierter Baumwollartikel verschiedener Hersteller offenlegt. Auch ganz junge Labels wie Jan ’n June setzen auf Transparenz und entwickeln ihr eigenen Wege, diese zu zeigen. Zum Beispiel mit Hilfe einer ECO ID, die Auskunft darüber gibt, wer das Design entwickelt hat, woher der Stoff kommt, wer zugeschnitten und vernäht hat. In jedem Kleidungsstück findet man einen QR-Code, der diese Informationen zugänglich macht.

Tierschutz? Quasi keine Transparenz

Wer indes Leder trägt, kann so gut wie nie mit Sicherheit sagen, welches Tier einmal unter der Haut steckte. „Fast alle Händler von Lederprodukten können die Umstände der Tierhaltung, des Transports und der Schlachtung nicht nachvollziehen. Globalisierung und mangelnde Rückverfolgbarkeit sind die Gründe“, sagt Frank Schmidt, Fachreferent für Tiere in der Bekleidungsindustrie bei der Tierschutz-Organisation Peta. In China, woher der größte Teil des Leders auf dem Weltmarkt stammt, werden sogar Hunde „verarbeitet“.

Die Häute werden laut Peta absichtlich falsch gekennzeichnet und verkauft. Frank Schmidt weiter: „Selbst wenn Lederverarbeiter und -käufer wissen würden, woher die Kuhhaut stammt, sind Tierquälereien Teil des Systems, indem zum Beispiel Enthornungen ohne Betäubung stattfinden. Sogar in einer Bio-Schlachterei in Baden-Württemberg wurde ein Peta-Ermittler Zeuge vom Todeskampf der Tiere, während sie ausbluteten.“

Unabhängige Plattform vor dem Start

Die Remei AG und Switcher haben ihre Traceability-Systeme selbst aufgebaut. Die Remei-Plattform steht Markenpartnern offen, die Switcher-Variante ist für jedes interessierte Unternehmen zugänglich. Die Standardisierungsorganisation GS1 Germany bietet unter dem Namen „fTrace“ darüber hinaus eine neutrale, unabhängige Rückverfolgbarkeits-Plattform an. Ein erstes Pilotprojekt für die Modebranche ist in Planung, berichtet Markus Müller, Branchenmanager Fashion, Schuhe, Sport. Im Lebensmittelsektor wird fTrace bereits intensiv genutzt, rund 30.000 Produkte sind über den Service heute rückverfolgbar.

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Grundlage sind Barcodes und Standards von GS1. Denn die eindeutige Kennzeichnung und Identifikation der Produkte ist Voraussetzung für die Rückverfolgbarkeit. „Auch technologisch muss sich der Markt zunächst besser aufstellen, damit diese Anforderungen umgesetzt werden können. Diese Aufgabe wird uns sicherlich noch fünf bis zehn Jahre beschäftigen“, glaubt der GS1-Experte. Der Weg zu gläsernen Unternehmen ist noch weit – doch als Konsument hat man es mit in der Hand, ihn zu beschleunigen.

 

Dieser Text erschien zuerst im Noveaux-Magazin.