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22 Juli 2021 / Lesezeit: 2 minuten

Mietparzelle am Stadtrand

Gemüseanbau auf dem All-inclusive-Acker

Ein Mietacker von Ackerhelden in Nordrhein-Westfalen: Seit Corona ist die Lust am Gärtnern gestiegen. Mit der All-inclusive-Parzelle kann sich jede:r das Ackerglück mit Erfolgsgarantie erfüllen.

Bild: IMAGO / Rupert Oberhäuser

Bild: IMAGO / Rupert Oberhäuser

Gemüseziehen auf dem Mietacker hat seit Corona neuen Schwung bekommen. Die All-inclusive-Parzelle am Stadtrand lockt Ernährungsbewusste in die Natur.

Tobias Paulert lässt das Tor ins Schloss fallen und klopft sich den Staub von den Händen. „So, der Sturmschaden vom Wochenende ist beseitigt“, sagt Paulert und stapft am Feldrand zurück Richtung Feldlaster. Die Krähen kreisen über dem Acker am Stadtrand von Essen, Paulert gibt Gas. Dieser Tage startet die Ackersaison überall in der Republik. Letzte Reparaturen stehen an, 50.000 Pflanzen haben Paulert und sein Team bundesweit gesät, Hunderte Gerätekisten gecheckt, die ersten Parzellen den Kleinpächter:innen übergeben. „Seit Corona ist die Nachfrage um zehn Prozent gestiegen“, sagt Paulert. „Alle Gesellschaftsspiele sind gespielt, jetzt suchen gerade Familien und Pärchen eine sinnvolle Aufgabe in der Natur.“ Zum Beispiel auf einem Mietacker der Ackerhelden.

Tobias Paulert ist Gründer von Ackerhelden. Er selbst beackert eine seiner Mietparzellen „zum Experimentieren“.
Bild: IMAGO / biky
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Ein Stück eigener Boden auf Zeit

Ackerparzellen für den Privathaushalt gibt es seit gut zehn Jahren. Initiativen wie Bauerngarten, Meine Ernte oder eben die Ackerhelden bieten Städter:innen, was sie im urbanen Raum oft vermissen: ein Stück eigenen Bodens auf Zeit, um selbst Gemüse zu ziehen. Das Bewusstsein für frische, möglichst schadstofffreie Ernährung wächst, jetzt kurbelt Corona die Lust auf das kleine Ackerglück an. Meine Ernte hat 2021 sein Angebot um 500 Parzellen erweitert. Vielerorts sind die Wartelisten lang, neue Flächen schwer zu finden, erst recht, da sie möglichst stadtnah und gut erreichbar mit Fahrrad und Öffentlichen sein sollen.

Und weil die Städter:innen von heute kaum noch etwas von Gemüseanbau, Erntezyklen und Bodenbewirtschaftung verstehen, muss es ein All-inclusive-Paket sein, Ackerland mit Erfolgsgarantie. Ackerhelden-Gründer Paulert und sein Kompagnon Birger Brock bereiten daher mit ihrem Team die Flächen an den 21 Standorten im Winter professionell vor, graben im März die Erde um, setzen Keimlinge, säen neue Kulturen. Eine 40-Quadratmeter-Parzelle liefert den Jahresbedarf an Gemüse für zwei Personen und kostet 229 Euro im Jahr. Die Ackerhelden liefern Rezepte und führen in Workshops in die kleine Anbaukunde ein. Wie unterscheide ich Beikraut von Lauchkeimlingen? Warum muss ich Möhren vereinzeln und Porree häufeln, damit er wächst? Wie erkenne ich, dass die Kartoffeln jetzt erntereif und die Endivienköpfe noch lange haltbar sind? Zwei Stunden die Woche sollten Städter:innen harken, wässern, pflegen, damit die Saat gedeiht. Paulert sagt: „Wir nehmen Unerfahrenen die Angst von der Parzelle.“

Vielfältige Konzepte und Angebote

Die Konzepte für die Mietacker unterscheiden sich dabei in einigen Punkten. Ackerhelden und der Berliner Bauerngarten pachten Flächen, übernehmen die landwirtschaftliche Vorbereitung rundherum selbst und setzten auf 100 Prozent Bio-Zertifizierung von Bioland, Demeter oder Biokreis. Meine Ernte arbeitet an ihren 26 Standorten sowohl mit Biolandwirt:innen als auch mit konventionellen zusammen, gemeinsam werden Anbaupläne festgelegt, die landwirtschaftliche Vorbereitung übernehmen die Partnerbetriebe.

Die Ackerhelden bieten neuerdings auch Bio-Hochbeete to go. Die Ein-Quadratmeter-Holzboxen für Balkon, Terrasse oder Büro werden als Komplettset angeliefert mit Erde, Ton-Drainage, Bio-Dünger und Saatgut. Mit 895 Euro vermutlich eher interessant für Firmenkunden.

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Paulert hat auch ein eigenes Ackerstück, „zum Experimentieren“, wie er sagt. Wie wäre mal gelbe oder weiße statt roter Bete? Oder Stielmus – ein Salat – statt Rucola? Der neueste Hit ist Regenbogenmangold mit langen, kunterbunten Stielen. Paulert lacht: „Seitdem sind Kinder richtig scharf auf ihn.“