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20 May 2019 / Lesezeit: 3 minuten

Kolumne: Mein erstes Mal

Mein erstes Mal: Insekten essen

Sind Grillen-Energie-Riegel die Proteine der Zukunft?

Unser Autor kaufte zwei Insekten-Energieriegel. Und probierte zumindest einen davon

Jetzt liegen sie da in der Schreibtisch-Schublade. Seit sechs Wochen. Es war ein Impulskauf gewesen, bei einer als „Sustainable Food Fair“ getarnten Verkaufsveranstaltung für Hipster-Produkte, meist auf Alkoholbasis.

Die zwei Energieriegel in meiner Schreibtisch-Schublade enthalten allerdings kein einziges Promille Alkohol. Dafür zehn Prozent Grillenmehl. Acheta Domestica, zu deutsch: Heimchen. Das „Heimchen am Herd“ ist ein zurecht ziemlich veralteter Ausdruck. Dafür kommt jetzt das Heimchen im Topf.

„Menschen, die gegen Krebs- oder Schalentiere allergisch sind, könnten auch sensibel auf Grillen reagieren“, steht auf der Packung der Energieriegel. Ich bin zwar der wohl unallergischste Mensch der ganzen Redaktion – trotzdem reagiere ich sensibel auf Grillen.

Ja, ich weiß, das ist unvernünftig. Insekten liefern schließlich das umweltfreundlichste tierische Eiweiß der Welt. Für die Produktion von einem Kilo Grillenprotein wird nur ein Zweitausendstel der Wassermenge benötigt, die für ein Kilo Protein aus Rindfleisch gebraucht wird. Grillen brauchen, bei gleicher Proteinmenge, nur ein Zwölftel des Futters und ein Fünfzehntel des Platzes von Rindern.

Auch tierwohltechnisch scheinen die Grillenzüchter ziemlich weit vorne zu sein. Die Lebensbedingungen im Stall (heißt das bei Grillen auch so?) sehen okay aus, und am Ende wartet ein sicherlich nicht schöner, aber doch schmerzloser Tod. Es spricht also alles für Grillenmehl-Produkte …

… eigentlich.

Protein ist Protein – egal ob Schinken oder Insekt

Ja, ich weiß, Protein ist Protein. Dem Magen und dem Darm ist es völlig wurscht, in welche Lebensmittel die Nährstoffe verpackt sind, sie ätzen alles auseinander, spalten es auf, und jedes Eiweiß, jedes Fett, jedes Kohlenhydrat wird gleich behandelt. „Rein physiologisch betrachtet macht es keinen Unterschied, ob Sie eine Melone mit Parmaschinken essen oder einen Apfel mit Wurm“, sagte mir einmal der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer.

Ja klar. Physiologisch betrachtet. Ja, ich weiß, es ist reine Konvention, was man isst und was eben nicht. Menschen haben in der Evolution nur überlebt, weil sie alles gegessen haben, was irgendwelche Nährstoffe hat. Das Gras müssen wir den Kühen überlassen, das Holz den Termiten, so ziemlich alles andere wurde in der Menschheitsgeschichte schon gegessen. Wir sind eben Omnivoren, Allesfresser. Und mit der richtigen Zubereitungsmethode und den passenden Gewürzen lässt sich aus allem irgendetwas Schmackhaftes zaubern. Es gibt Weltregionen, da gilt als Delikatesse, was wir hier tief in Schreibtisch-Schubladen verstecken.

Insekten essen für Greta

Als ich vor fünf Jahren in Thailand war, bin ich auf dem Markt in Chiang-Mai im Norden des Landes an ganzen Reihen gut besuchter Stände mit frittierten Würmern oder gebratenen Grillen vorbeigelaufen. Aber eben vorbeigelaufen.

„Mach’s für Greta“, sagt meine Frau. Grillenmehl ist nämlich nicht nur umwelt-, sondern auch klimafreundlich. Rindviecher veratmen und verfurzen an Treibhausgasen das Hundertfache dessen, was ein Grillenschwarm mit gleicher Nutzlast produziert. Im Verhältnis zu Schweinen oder Hühnern ist der Klimavorteil der Insekten zwar deutlich geringer, aber immer noch beträchtlich.

Und ich gehöre nun mal zu derjenigen Generation, von der die schwedische Schulstreikerin Greta Thunberg erwartet, dass sie gefälligst alles in ihrer Macht Stehende tut, um den Klimawandel zu bremsen oder gar zu stoppen.

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Alles nur Konvention

„People keep saying that climate change is an existential threat and the most important issue of all. And yet they just carry on like before. If the emissions have to stop then we must stop the emissions. Either we go on as a civilization or we don’t. We have to change.“

Okay.

„I want you to panic.“

Okay okay okay …

… geschafft.

Und es ist wirklich alles nur Konvention; man könnte auch Einbildung sagen. Die 0,9 Prozent Orangenöl in dem Riegel schmeckt man jedenfalls weitaus deutlicher heraus als die 10 Prozent Grillenmehl. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum man das nicht essen sollte.

Jetzt liegt nur noch ein Energieriegel mit Grillenmehl in meiner Schreibtisch-Schublade. Möchte ihn jemand haben?