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12 August 2021 / Lesezeit: 12 minuten

Gemüseziehen auf dem Mietacker

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 24

Ackern mit der ganzen Familie: Auf einem Mietacker können Städter:innen gemeinsam nachhaltig Gemüse ziehen. 

Bild: IMAGO / tagesspiegel

Bild: IMAGO / tagesspiegel

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 24 von „Good News enorm“.
Anja und Bianca sprechen darüber, wie gemeinsames Gemüseziehen auf Mietfeldern funktioniert. Außerdem wird der Weltacker vorgestellt. Das Projekt zeigt die globale Zusammenhänge von Landwirtschaft, Ernährung und individuellem Lebensstil. Und es geht um eine urbane Farm mitten in einer Favela in Rio de Janeiro.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge  sprechen unsere Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Anja Dilk, Redakteurin beim enorm Magazin, über gemeinsamen Gemüseanbau auf gemieteten Feldern.

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Wir sind zurück aus der Sommerpause und sprechen heute über das gemeinsame Ackern in Gemeinschaftsgärten. Aber erst einmal der gute Nachrichten-Überblick.

Forscher:innen des MIT haben einen Wundkleber entwickelt, der starke Blutungen innerhalb von Sekunden stoppen kann. Inspiriert wurde das Team rund um Hyunwoo Yuk von Seepocken, die sich mit ihrem Kleber auch unter Wasser an alle möglichen Oberflächen heften können.

Ein Designteam aus Dänemark hat den AeroSlider entworfen – ein Zug, der ohne Schienen oder Röhren durch die Luft schwebt. Der AeroSlider soll von Elektromagneten durch die Luft geschossen werden und in Zukunft Jumbojets bei Langstrecken ablösen.

Urlaub so lange und so oft wie man will: Seit kurzem gilt beim Hamburger Start-up Appinio eine sogenannte Unlimited-Vacation-Policy. Das Unternehmen gewährt Mitarbeitenden unbegrenzte Urlaubstage.

Auf der Suche nach umweltfreundlichen Recyclingmethoden von Alltagselektronik haben Forscher:innen eine Smartwatch entwickelt, die einfach zu entsorgen ist. Sie hält Alltagsbelastungen stand, löst sich jedoch nach circa 40 Stunden von selbst auf, wenn man sie ins Wasser legt.

Laut Recherchen des International Fund for Animal Welfare ist im vergangenen Jahr in Kenia kein einziges Nashorn durch Wilderei getötet worden. Die Population der Nashörner sei auf 1605 Tiere gestiegen – im Vergleich zum Vorjahr ein Wachstum von elf Prozent.

In Wasserproben aus dem Arktischen Ozean haben japanische Forscher:innen eine Alge entdeckt, die biologisches Erdöl produzieren kann: Die Dicrateria-Alge. Ein vielversprechender Fund, der in Zukunft womöglich bei der Produktion von Biokraftstoffen helfen könnte.

Bianca: Hallo, ich bin Bianca, ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich sehr, dass wir heute über das Gärtnern sprechen: Über Gemeinschaftsgärten und Ackerprojekte und wie sich das alles auch in der Corona-Pandemie entwickelt hat. Und ich freue mich besonders, dass wir heute einen neuen Gast haben: Anja, Redakteurin beim enorm Magazin. Hallo Anja!

Anja: Hallo Bianca, schön hier zu sein.

Bianca: Sehr schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Du hast ja zu diesem allgemeinen Ackertrend recherchiert. Was hast du da herausgefunden?

Anja: Ja, das war in der Tat sehr interessant. Acker-Parzellen zu mieten, auf denen man selbst Gemüse ziehen kann, gibt es jetzt tatsächlich schon seit gut zehn Jahren. Sie heißen Ackerhelden, Meine Ernte oder Bauerngarten und das gibt’s in ganz Deutschland. Auffällig ist jetzt aber – seit Corona werden sie immer mehr. Die Leute haben Zeit, möchten in die Natur, wollen was Sinnvolles tun und wo sie sich schon wenig bewegen können, wenigstens gesund ernähren oder ihren Kindern zeigen, wie Zucchini, Brokkoli und Salat eigentlich wachsen. Die Ackerhelden z.B. haben eine erheblich gestiegene Nachfrage: plus zehn Prozent. Bei Meine Ernte gibt es 500 neue Parzellen allein im Jahr 2020. Das ist eine ganze Menge. Die Wartelisten sind immer noch lang. Das liegt auch daran, dass neue Flächen verdammt schwer zu finden sind, erst recht, wenn sie möglichst stadtnah und gut erreichbar mit dem Fahrrad und den Öffentlichen sein sollen. Nun könnte man sagen: klar, ein Acker, was ist das schon?

Schrebergärten ist ja im Grunde das Gleiche. Aber zum einen haben diese natürlich oft immer noch einen piefigen Ruf. Und zum anderen gibt’s keine Erfolgsgarantie für das, was man angebaut hat. Für Städter:innen, die oft kaum noch etwas von Gemüseanbau und Erntezyklen und der Bodennewirtschaftung verstehen, ein Problem. Ich meine, wo soll man das lernen? In der Stadt? Wie verhindere ich, dass Schnecken den Salat aufessen oder Schädlinge die Setzlinge vernichten? Das kennt man ja von ganz vielen Leuten, die einen Garten haben, die sich wahnsinnig über etwas aufregen. Und diese Marktlücke haben die Ackeranbieter erkannt. Sie bieten Ackerschnipsel „all inclusive“ sozusagen, mit Erfolgsgarantie.

Das geht ganz einfach: Der Boden wird mit Traktorflug und Fräsmaschinen professionell vorbereitet. Keimlinge werden gesetzt, Kulturen gepflanzt. Es ist also alles tipptopp vorbereitet. Über die Saison gibt’s immer wieder neues Saatgut und regelmäßig Anweisungen, wann was nachzusehen oder zu ernten ist. Auch Wunschbeete kann man sich selbst zusammenstellen. Wer also mehr Spinat und Gurke und Rucola möchte, als ohnehin schon auf dem Acker gesetzt ist, kann sich da austoben. Das ist natürlich ein besonders nettes Angebot. Genauso sinnvoll allerdings ist der Wasserzugang, den viele oder alle dieser Äcker anbieten. Manche, wie Bauerngarten, bieten auch eine automatische Sprengung an. Da muss man also noch nicht mal die Gießkanne in die Hand nehmen. Immer werden Gartengeräte gestellt, Rezepte auch geliefert. Viele bieten auch Workshops an – in kleiner Acker- Kunde. Wie unterscheide ich Beikraut von Gemüsekeimlingen. Das ist ja ganz furchtbar: Am Anfang nämlich reist man oft gerade das Falsche aus.

Wenn die Sachen so ganz klein sind, kann man eben nicht unterscheiden. Ist es jetzt ein Unkraut – Beikraut sagt ja der Gärtner. Oder ist es tatsächlich der Anfang von den Gurken? Warum muss ich Möhren vereinzeln und Porree häufen, damit er wächst? Das wissen die wenigsten! Wie erkenne ich, dass Kartoffeln erntereif sind und die Endivienköpfe noch lange stehen können. Das sind alles so Dinge, für die ein Workshop wirklich hilfreich ist. Es gibt eine ganze Menge Anbieter in Deutschland – Meine Ernte hat 26 Standorte. Die Zentrale ist in Essen. Die Acker haben 21 Flächen deutschlandweit. Den Bauerngarten, den gibt es nur in Berlin – mit vier großen Tortenstücken. Alle haben unterschiedliche Konzepte, zumindest ein bisschen. Die Ackerhelden z.B. pachten Flächen, Bauerngarten auch – übernehmen die landwirtschaftliche Vorbereitung, sind also selber Landwirte rundherum selbst und setzen auf 100 Prozent Bio-Zertifizierung. Da darf man also nicht mal von Oma oder Opa oder dem Bio-Gärtner um die Ecke irgendetwas mitbringen. Weil, sobald man das dort einpflanzt und eine Kontrolle kommt, laufen die Gefahr ihrer Zertifizierung zu verlieren. Da sind die oft sehr, sehr streng.

Meine Ernte dagegen ist eher so etwas wie ein Makler von Acker-Parzellen, könnte man sagen. Das Team arbeitet an seinen 26 Standorten sowohl mit Bio-Landwirten als auch mit konventionellen zusammen. Die landwirtschaftliche Vorbereitung übernehmen die Bauern der Partner-Betriebe dann direkt. Das muss auch nicht schlecht sein, wenn es konventionelle sind. Wissen ja alle, dass mit der Bio-Zertifizierung, das kann auch für kleine Betriebe schwierig sein das umzusetzen. Und manchmal sind die auch sehr pfleglich. Es gibt viele, die achten trotzdem auf Schadstoffarme Pflanzung, jedenfalls ist das den Anbietern für Meine Ernte durchaus wichtig. Das ist auch so eine kleine ursprüngliche Privatinitiative aus Bonn, die sich gegründet hatte, einfach weil die Leute gerne selber einen Acker hatten oder eine Möglichkeit, Gemüse anzubauen. Regel ist bei Meiner Ernte, dass die Leute, die die Ackerflächen nutzen, keine eigenen Pestizide aufs Feld bringen. Auch hier gibt es Workshops, Rezepte und Geräteausstattung neben den Feldern. Also, es ist schon ein sehr nettes, ich finde, sehr attraktives Rundum-Konzept, was nicht nur meint „Gemüse anbauen“, sondern auch noch so was wie ein Freizeitprojekt ist.

Bianca: Ja, das klingt mega. Ich hab da so eine romantische Vorstellung von meinem eigenen Garten oder von meinem eigenen Gärtnern. Und ich muss aber ehrlich sagen, ich bräuchte all diese Hilfestellung, die diese unterschiedlichen Anbieter auch anbieten. Wie sieht das bei dir aus? Du hattest doch auch mal einen Acker, also, du hast doch selber auch mal geackert sozusagen. Wie war denn das?

Anja: Ja, tatsächlich hatte ich einen Acker und ich konnte es selbst nicht glauben, als ich diese Entscheidung gefällt habe. Aber eine Freundin hat mir ganz begeistert davon erzählt. Das war hier in Berlin und sie war wirklich unglaublich angetan und hat sich dann so richtig reingefuchst. Und ich habe gedacht: Ach, ich probier das mal aus und dann haben wir das als Familie gemacht und das war wirklich toll. Das war ein Bauerngarten in Berlin. Da hat der Gründer auch ein, wie ich finde, ganz besonders charmantes Konzept, weil die Ackerflächen nicht quadratisch sind oder rechteckig, wie man so einen Acker halt kennt, wie so ein Feld eben, sondern es sind Kuchen – es sind runde, kreisrunde, quasi Kuchenstücke und man kriegt so kleine „Schnittchen“. Wie so Torten, mit Tortenheber herausgehobene Stückchen sind abgeteilt und davon kannst du dann ein schmales oder ein breites pachten. Der Grund ist ganz einfach: Und zwar kann man so am besten von innen sprengen. Also, in der Mitte dieses Kreises ist der Sprenger angebracht und der zieht dann seine Sprengkreise. Das ist so ein Regensprenger.

Und zum anderen hat mir der Gründer von Bauerngarten erzählt, Max vom Grafenstein heißt er, der Landwirt, dass das schlicht und einfach der kleinste Wendekreis eines Traktors ist und insofern sehr praktisch um den Boden vorzubereiten. Das fand ich total nett und hat viel Spaß gemacht. Wir haben da viel gelernt – von Harken und Mulchen. Also da legt man so die, sozusagen, Reste vom Feld auf den Boden und bereitet ihn vor, sodass er die ganzen Nährstoffe hält. Und mir war gar nicht klar, dass dieses Harken wirklich der Dünger des Bio-Bauers ist, weil man damit den Stickstoff in den Boden bringt. Wissen wahrscheinlich wahnsinnig viele Leute – aber ich gehör genau zu diesen Städter:innen, die es nicht wussten vorher. Wir haben zwei Stunden die Woche schon daran geackert, muss man echt sagen. Und das ist super anstrengend, macht aber auch Spaß. Man muss halt bei jedem Wetter hin. Also, nicht bei ganz jedem, aber schon regelmäßig, sonst bringt es einfach nichts. Und die Pflanzen wachsen nicht – Das merkte man immer rechts und links bei den Kuchenstückchen.

Da gibt’s ja immer welche, die machen ganz viel und die anderen kommen halt nicht dazu, machen wenig und das merkst du so unglaublich am Ernteerfolg. Das macht dann auch keinen Spaß, wenn man den „Micker“-Acker hat. Und wenn man regelmäßig harkt, also wenigstens diese zwei Stunden, ist es irre, wie vieles wächst. Also, wir haben wirklich Körbe voll vom Acker getragen, riesige Zucchini, die waren so groß wie der Oberschenkel meines Sohnes und die haben super geschmeckt. Also, entgegen allen Vorurteilen: Man sagt ja immer, Zucchini, wenn die zu groß werden, werden sie holzig – Stimmt nicht, kann ich dir sagen. Jedenfalls nicht die vom Bauerngarten. Wir haben es zum Teil gar nicht mehr wegbekommen, was wir da alles geerntet haben und haben einen Teil verschenkt. Aber man kann halt auch so tolle Sachen machen. Wir haben z.B. ein Radieschen-Experiment gemacht. Wir haben einfach überlegt, wie groß wird denn maximal ein Radieschen? Meistens ist es ja so, dass die Sachen, die im Garten oder auf der Ackerfläche sind, dass man die, wenn sie reif sind, halt rauszieht und erntet. Und, wir haben gedacht, nö, wir lassen das. Wir gucken einfach, bis es nicht mehr weitergeht. Also bis oben alles so verwelkt ist. Das klar ist da unten geht nichts mehr. Und was meinst du, wie groß wurde das Radieschen?

Bianca: Ich hab keine Ahnung. Ich weiß es gar nicht. Vielleicht wie ein Aprikose, wahrscheinlich noch größer.

Anja: Wie eine Apfelsine, aber eine ganz fette. Das war echt unglaublich. Es war so ein bisschen wie „Wallace und Gromit“, diese Riesengemüse-Folge. Unglaublich. Hatte aber nicht mehr geschmeckt. Das war wirklich holzig.
Ja, also dieser Ertrag ist irre! Man sagt, eine Parzelle von 40 Quadratmeter liefert ein Jahresbudget an Gemüse für zwei Personen. Kostet jetzt zum Beispiel im Bauerngarten 229 Euro im Jahr. Entsprechend kann man das für eine Familie – das ist dann die doppelte Menge für eine größere Familie – hochrechnen und es lohnt sich, finde ich, für eine Investition, weil es natürlich auch Spaß macht. Man kann sich dann halt auch auf die Wiese legen. Oft gibt es in diesen Ackerfeldern auch Obstbäume in der Nähe, also freie Streuobstwiesen. Da gab’s Kirschbäume und wir haben immer Kirschen geerntet und so. Das war auch toll und es macht einfach Spaß, weil auf so einem Acker immer wieder eine Überraschung ist. Also, in einem Jahr „loosed“ der Mais ja, aber die Gurken explodieren. Im nächsten Jahr mickert der Spinat, aber der Kürbis und die Rote Beete gehen durch die Decke. Verstehen tut man das dann nicht. Also ich jedenfalls nicht. Aber es ist so und es ist echt immer wieder spannend. Und dann wachsen in Deutschland auch so exotische Sachen wie Physalis. Fand ich auch toll. Schmeckt sogar. Es gibt auch tolle Angebote.

Vielleicht noch einen Aspekt, auf den ich in meiner Recherche gekommen bin und zwar für alle, die nicht so weit raus fahren wollen oder können. Das ist ja in der Tat das Problem, dass, selbst wenn viele dieser Anbieter in der Nähe von öffentlichen Verkehrsmitteln sind, jetzt nicht gerade die S-Bahn vielleicht ist, sondern eher Busse, man muss zweimal umsteigen und dann hat man diese riesigen Körbe. Das ist natürlich schon eine kleine Logistik – oder Rucksäcke voll mit der ganzen Ernte. Deshalb gibt es von den Ackerhelden neuerdings Bio-Hochbeete to-go. To-go ist vielleicht ein bisschen euphemistisch, die Bio-Hochbeete kommen zu einem und da werden sie natürlich abgestellt und sind nicht mehr beweglich. Das sind so Ein-Quadratmeter-Holzboxen mit Erde, Ton, Drainage und Biodünger und Saatgut. Das kann man auf den Balkon stellen – allerdings besser auf die Terrasse, weil die wiegen natürlich sehr viel – und da kann man eben auch Tomaten anpflanzen, Salat, vieles ist da gut möglich. Kartoffeln vielleicht gerade nicht, die brauchen etwas mehr Platz. Aber es ist immerhin sozusagen der kleine Kräutertopf, mal zwanzig, mal dreißig und eben auch für etwas größere Sachen. Viele Firmenkunden nehmen das offensichtlich auch wahr, haben die mir jedenfalls gesagt.

Bianca: Ja, von Äckern in der Stadt oder in diesem Fall ganz konkret aus Berlin schauen wir nach Brasilien und von da kommt die nächste gute Nachricht. Und zwar hat in der Favela Manguinhos, in Rio de Janeiro, dort gibt es einen Garten, der ist so groß wie drei Fußballfelder zusammen. Und vor fünfzehn Jahren hat ein Mann namens Júlio César Barros in der Umweltabteilung der Stadt Rio de Janeiro gearbeitet und diese Idee entwickelt, dass es mitten in der Favela einen großen Gemeinschaftsgarten geben soll. Und inzwischen ist es so, dass dieser Garten gedeiht und wächst und 216 Menschen als Gärtner:innen, Freiwillige in diesem Garten oder in diesen Gärten – es sind dann mehrere geworden – beschäftigt sind und dort Perspektiven bekommen haben, zum Teil einen Job oder eben auch Nahrung. Also, in den Favelas sind viele junge Menschen involviert in Drogengang-Geschäfte. Und dieser Garten hat diesen Menschen eine neue Perspektive geboten. Und es gibt ganz viele junge Männer vor allem, die jetzt in diesen Gärten arbeiten und sagen, wenn es diesen Garten nicht gegeben hätte, dann wären sie inzwischen tot. Und als wäre das nicht schon genug, dass da viele Menschen ja ein neues neues Leben anfangen konnten, wirft dieser Garten auch sehr viel ab.

Aus diesem Garten und ich glaube bis zu 48 weitere Gärten, die eben aus dieser Idee von Júlio César Barros entstanden sind vor fünfzehn Jahren, wurden jetzt während der Corona-Pandemie mehr als 20 000 Familien kostenlos mit Gemüse versorgt. Das muss man sich mal vorstellen. So viele Menschen können jetzt zum Teil damit versorgt werden. Das war jetzt vor allem während Corona besonders wichtig, weil viele Monate die Nothilfezahlungen eingestellt worden sind, die Lebensmittelpreise stark angestiegen sind und sich die Menschen einfach keine Lebensmittel mehr leisten konnten. Und dieser Garten eben mitten in der Favela Manguinhos hat sehr viele Familien versorgen können. Ich finde das ein super Beispiel, was so ein Garten für positive Auswirkungen haben kann für eine ganze Gemeinschaft.

Anja: Völlig richtig! Spannend ist es natürlich auch deshalb, weil es darauf hinweist, was Ackerland für die Welt bedeutet und wie vorsichtig wir damit umgehen sollten. Mir fällt sofort ein: Das Projekt Weltacker – Ich weiß nicht, kennst du das?

Bianca: Ja peripher, aber erzähl mal…

Anja: Seit 2013 gibt es dieses Projekt. Initiiert wurde es vom Berliner Büro der Zukunftsstiftung Landwirtschaft Save Our Seeds. Der erste entstand in Pankow. Dort und inzwischen an vierzehn Standorten auf der ganzen Welt, von Kenia über Indien bis nach Liechtenstein werden die Ackerkulturen dieser Welt im gleichen Verhältnis angebaut, wie sie auf den Feldern weltweit wachsen. Das heißt, es gibt einen Acker, sozusagen einen Modell-Acker, auf dem man sieht: die ganze Welt auf einem Feld. Damit will der Weltacker Ungleichgewicht im globalen Anbau aufzeigen und fragt: Wie müssen wir die Erde eigentlich bearbeiten, damit genug für alle da ist? Denn Ackerfläche – denkt man immer – aber gibt es auf der Welt nicht unbegrenzt. Die ist natürlich irre wichtig, denn Ackerfläche liefert Essen, Kleidung, Baumwolle z.B. und Energie. Der Weltacker untersucht nun: Wer verbraucht wie viel und wieviel steht jedem zu? Wir haben ja inzwischen 7,5 Milliarden Menschen aktuell auf der Welt und sie teilen sich etwa 1,5 Milliarden Hektar Ackerland. Das kann man dann ganz einfach ausrechnen: Für jede Person sind das also rund 2 000 Quadratmeter Acker, auf denen alles wachsen muss, was in einem Jahr verbraucht wird. Das sind 5,5 Quadratmeter pro Tag. Zieht man Kleidung, Energie und all das andere, was ich gerade gesagt habe, ab, bleiben 4,2 Quadratmeter pro Kopf und Tag übrig. 2000 Quadratmeter sind siebzig Fußballfelder etwa. Also, es ist schon ein riesengroßes Areal. Aber gut, es ist ja auch für ein ganzes Jahr.

Doch wir verbrauchen trotzdem noch viel mehr in Europa, weil wir Sachen importieren, die anderswo angebaut wurden. Und so kommt es, dass wir in Europa um die 2700 Quadratmeter verbrauchen. In China dagegen, verbraucht der Mensch im Schnitt nur tausend. Und was ich ganz cool finde bei diesem Weltacker-Projekt, das kann man sich natürlich auch anschauen vor Ort. Da gibt es Schulungen und Workshops für Privatleute, für Schulklassen und so weiter. Das ist sehr toll und sehr pädagogisch, weil es wirklich anschaulich und fühlbar ist. Ganz toll finde ich, den Ansatz „Flächenbuffet“: Beim Flächenbuffet nämlich haben wir einfach mal ausgerechnet, wieviel Ackerfläche pro Tag für unsere Nahrung verbraucht wird und zwar pro Mahlzeit. Man kann also einfach gucken: Ich mache mir jetzt eine Spaghetti Bolognese und wieviel meiner 4,2 pro Kopf, die ich eigentlich hätte, hab ich damit verbraucht? Für die Spaghetti Bolognese sind es 1,9 Quadratmeter der Ackerfläche, die einem pro Tag zusteht. Das heißt 45 Prozent schon mal. Nimmt man hingegen Asia-Pfanne mit Tofu und Reis, sind es nur 0,65  Quadratmeter, also nur 15 Prozent. Hat allerdings auch weniger Kalorien, ergo weniger Nährstoffe, also Nährwert für den Körper. Ein gemischter Salat ist sehr schlank aka technisch sind es nur 0,35 Quadratmeter, die man verbraucht, also 8 Prozent.

Ich finde das so ein tolles Tool, einfach um mal ins Verhältnis zu setzen, was die Erde hergeben muss, was man verbraucht und wie diese Sachen, die so alltäglich auf dem Teller liegen, in diesem ganzen riesigen Ökosystem Erde sich auf einem Acker dann irgendwann umsetzt. Interessant finde ich auch die neuen Projekte, die der Weltacker angeht z.B. Stichwort Klimakrise ist ein Thema. Die entwickeln jetzt auch klimakrisengerechtes Gemüse z.B. eine Klima-Tomate mit besonders langen Wurzeln, denn die werden sie bald brauchen, wenn die Klimakrise noch stärker auf uns zukommt als bisher. Aber das Gute ist: Es gibt immer Lösungen bei Sachen, sei es Bewusstsein dafür zu schaffen und dann eben anders zu handeln oder Neues zu erfinden, um sich anzupassen. Und insofern finde ich den Weltacker auch keine Zeigefinger-Pädagogik oder eine pessimistisch machende Einrichtungen, sondern einfach einen erhellenden, auch inspirierenden Ansatz, der mir richtig gut gefällt.

Bianca: Ich finde es auch ein super Konzept. Und falls ihr euch das jetzt anschauen wollt – Wir packen euch die Links in die Shownotes zum Weltacker oder aber auch wenn ihr selber anfangen wollt zu ackern.

Anja: Falls eine:r von euch tatsächlich einen Mietacker ausprobieren will, denkt dran, die Wartelisten sind lang. Also, jetzt schon mal auf die Seiten klicken und sich draufsetzen. Die Vergabe geht bei den meisten im Oktober los und dann eben für die Saison, die ab März kommenden Jahres startet.

Bianca: Vielen Dank, Anja.

Anja: Ja, gerne, Bianca. Es hat Spaß gemacht!

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