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4 Dezember 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Fleisch aus dem Labor

Warten auf die Proteinwende

Weltweit züchten Start-ups Tierzellen im Labor – und hoffen darauf, als erste*r tierleid-freies Fleisch verkaufen zu können.

imago images / Ikon Images

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Als vor sieben Jahren der erste Burger-Patty aus dem Labor präsentiert wurde, war die Aufregung groß. Zum Markteintritt kam es aber nicht – bis jetzt: In Singapur wurde der Verkauf von gezüchtetem Hähnchenfleisch zugelassen. Wo stehen wir in Europa?

Er hebt die Servierglocke an und offenbart ein Stück Zukunft: eine Petrischale mit Hack für 250.000 Euro. Bei einer Pressekonferenz in London 2013 präsentierte Mark Post den ersten Rindfleisch-Burger der Welt, für den kein Tier sterben musste. Der niederländische Professor für Gefäßphysiologie behauptete, damit einen Lösungsansatz für gleich mehrere komplexe Probleme unserer Zeit entwickelt zu haben – allen voran die Ernährung einer rasant wachsenden Weltbevölkerung. Seitdem ist Fleisch aus dem Labor in aller Munde. Nur nicht wortwörtlich.

Zellen-Entnahme per Biopsie, Wachstum im Bioreaktor

Lebenden Tieren, wie Kühen, Enten oder Hühnern werden Stammzellen entnommen, die im Labor millionenfach vermehrt und mit elektrischen Impulsen „trainiert“ werden, sodass sie sich zu Muskelgewebe verbinden. Eine proteinreiche Nährlösung und ein Bioreaktor, wie er auch beim Bierbrauen verwendet wird, imitieren die Bedingungen, die im Körper des jeweiligen Tieres herrschen. Die Züchtung von Gewebe zu medizinischen Zwecken, etwa bei Hauttransplantationen, läuft ähnlich ab.

Seit dem Presse-Event herrscht Goldgräberstimmung. Start-ups weltweit arbeiten an „Cultured Meat“, kultiviertem Fleisch, vor allem in den USA, in Asien und Europa. Laut einer Analyse der Unternehmensberatung A.T. Kearney, könnte das Business 2040 bereits einen Marktanteil von 35 Prozent haben und 630 Milliarden US-Dollar umsetzen. Damit wäre es größer als pflanzliche Fleischalternativen mit 25 Prozent und 450 Milliarden Umsatz.

Vorläufiger Gewinner des Wettlaufs scheint ein Start-up aus den USA. Die Chicken Nuggets von Eat Just sind die erste zelluläre Fleischware, die verkauft werden darf – und Singapur das erste Land der Welt, das gezüchtetes Fleisch als Lebensmittel zulässt. Das ist insofern ein Meilenstein, als dass die Cultured-Meat-Community angesichts der strengen Zulassungskriterien für Lebensmittel zwischenzeitlich erwog, die Technologie zur Produktion von Hundefutter anzuwenden. Zumindest bis klar war, dass in diesem Bereich ebenfalls strenge Kriterien gelten, weil sie sich an denen für menschliche Nahrung orientieren.

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Gezüchtete Burger ab 2021 in europäischen Restaurants

Singapur ist ein hochtechnologisierter Staat, der Innovationen grundsätzlich offen gegenübersteht. In Deutschland zeigen sich einige Lebensmittelexperten skeptisch, zum Beispiel Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Valet sagte 2019 in einem Interview, es sei „vollkommen unrealistisch“, dass gezüchtete Burger in ein paar Jahren Teil des Supermarktsortiments sind. Zunächst müsse festgestellt werden, ob Cultured Meat Fleisch sei und als solches gekennzeichnet werden dürfe.

Der Zulassungsprozess in Singapur hat zwei Jahre und 20 Produktionsläufe gedauert. Mitgearbeitet haben Experten aus verschiedenen Bereichen, darunter Lebensmitteltoxikologen, Bioinformatiker, Ernährungswissenschaftler, Epidemiologen, Lebensmittelwissenschaftler und Fachleute für öffentliche Gesundheitspolitik. Eat Just plant nun, auf fünf bis zehn Restaurants aufzustocken, und anschließend in den Handel einzusteigen.

Wie weit ist die Konkurrenz? Mark Posts Unternehmen Mosa Meat sowie Aleph Farms und SuperMeat aus Israel wollen 2021 erste Feinschmecker-Restaurants beliefern. Supermärkte sollen ab 2022 folgen. SuperMeat hat kürzlich ein Restaurant nahe Tel Aviv geöffnet, The Chicken, das Gerichte mit gezüchtetem Hähnchenfleisch zum Probieren anbietet. Neugierige können sich für eine Tischreservierung „bewerben“. Für den Verkauf zugelassen sind die Produkte nicht. Der CEO von SuperMeat, Ido Savir, geht davon aus, dass die Massenfertigung seines zellulären Hühnerfleischs ab 2024 möglich ist, und dann auch preislich mit der konventionellen Ware konkurrieren könne.

Jens Tuider, Leiter von ProVeg International, hält den Markteintritt 2022 nur für realistisch, sofern es um Hackfleisch oder Hähnchen geht und nicht um unverarbeitete Fleischsorten mit Struktur, wie etwa Steaks. „Hybrid-Produkte“ könnten den Lebensmittelhandel schon früher erreichen. Gemeint sind damit im Labor gezüchtete tierische Fette, zum Beispiel Gänsefett, die mit pflanzlichen Produkten wie Tofu kombiniert werden. ProVeg ist eine international agierende Non-Profit-Organisation, die sich für einen nachhaltigen, gerechten, gesunden und tierfreundlichen Ernährungswandel einsetzt, mit dem Ziel, den weltweiten Tierkonsum bis zum Jahr 2040 um 50% zu reduzieren.

Bald soll es den zellulären Burger-Patty von Mosa Meat in ausgewählten europäischen Restaurants geben. Dank der Entwicklung einer pflanzlichen Nährlösung auf Algen-Basis, koste dieser nur noch neun Euro. Bild: Mosa Meat

„Konkurrenzverhalten der Start-ups verlangsamt Markteintritt“

SuperMeat und Mosa Meat sind Eat Just in einem wichtigen Punkt voraus: der Kosteneffizienz des Nährmediums. Dieses mache laut Ido Savir „70 Prozent der Kosten des Endprodukts“ aus und sei Mark Post zufolge der Hauptgrund dafür, dass der Markteintritt auf sich warten lässt. Die Substanz ist auch ein Grund dafür, dass die Innovation noch keine breite gesellschaftliche Akzeptanz erfährt. Die Chicken Nuggets, die Eat Just in Singapur verkauft, sind nicht frei von Tierleid, da die Zellen in einer Nährlösung aus fetalem Kälberserum (FKS), dem Herzblut ungeborener Kälber, vermehrt wurden. Nach der Entnahme von FKS stirbt das Kalb und die Mutter wird geschlachtet. Die nächste Produktionslinie, so das US-Start-up, solle rein pflanzlich hergestellt werden.

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Mosa Meat und SuperMeat geben an, bereits ohne FKS zu produzieren. Mark Posts Team arbeitete zuletzt an einer Substanz aus Algen. Geht die Technologie in Massenproduktion, koste ein Burger-Patty nur noch neun Euro anstatt der 250.000 Euro im Jahr 2013. Wie sich die Nährmedien genau zusammensetzen, verraten die beiden Unternehmen nicht.

„Die Start-ups müssen ihren eigenen Vorteil wahren“, erklärt Jens Tuider, der als Dozent für Tierethik an verschiedenen deutschen Universitäten und Hochschulen tätig ist. Zahlreiche Player würden am gleichen Problem arbeiten und sich wenig austauschen. „Das Konkurrenzverhalten verlangsamt den Markteintritt erheblich“.

Dahinter stehen mächtige Investoren, die auf schnellen Erfolg drängen. Ein paar Beispiele: SuperMeat wird unter anderem von PHW unterstützt, dem Mutterkonzern von Geflügelfleischhersteller Wiesenhof. Google Co-Founder Sergey Brin zählt zu den ersten Investoren von Mosa Meat, hinzu kamen M Ventures vom deutschen Pharmaunternehmen Merck und Bell Food Group, ein Fleischverarbeitungsunternehmen mit Sitz in der Schweiz. Auch Eat Just hat prominente Geldgeber, unter anderem Yahoo-Gründer Jerry Yang und die Heineken-Familie.

In den USA wird das Thema größer gedacht

Während deutsche Medien an Begriffen wie „Laborfleisch“, „Kunstfleisch“ oder „Fake Fleisch“ festhalten, ist in den USA neben Cultured Meat hauptsächlich die Rede von „Clean Meat“, sauberem Fleisch. Dort wird zelluläres Fleisch als Teil einer größeren Bewegung gesehen, der „Post-Animal Bioeconomy“ oder zellulären Landwirtschaft. Gezüchtet werden nicht nur Fleisch- und Fischzellen, sondern auch Leder, tierleid-freies Eiweiß und Milchproteine. Eine Eiscreme aus kultivierter Milch ist schon am Markt. Eat Just vertreibt bereits erfolgreich veganes Flüssigei aus Mungbohnen, Wiesenhof ist Vertriebspartner für Europa. Josh Tetrick, Mitgründer und CEO von Eat Just, sagt: „Wir sind ein Tech-Unternehmen, das zufällig mit Lebensmitteln arbeitet.“ Ein guter Vergleich sei Amazon, fügte er im Interview mit The Atlantic hinzu.

Cultured Meat wird in den USA aber auch kritisch betrachtet. Tierschützer*innen der Initiative „Clean Meat Hoax“ glauben, dass es konventionelle Fleischware nicht abschaffen werde, sondern als weiteres „Big Business“ lediglich damit konkurriere. Indizien dafür finden sich in der Marktanalyse von A.T. Kearney: Selbst wenn Cultured Meat und pflanzliche Alternativen bis 2040 einen gemeinsamen Marktanteil von 60 Prozent erreichen, wird der Anteil an Fleischware aus Massentierhaltung auf dem gleichen Level sein wie heute.

Das liegt am Anstieg des Fleischkonsums, der für den Zeitraum von 2006 bis 2050 auf 85 Prozent geschätzt wird. Ein anderer Punkt ist unser Verhältnis zum Tier, das sich auch durch Cultured Meat nicht verändere. In der Rolle des Zellspenders würden Tiere weiterhin ausgebeutet werden. Vor allem überschatte der Hype die einzige Methode, die uns in Zukunft retten könne, über die aber niemand reden wolle: Verzicht.

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„Die Proteinwende ähnelt der Energiewende“

Tierethiker Jens Tuider von ProVeg reagiert pragmatisch. „Wir haben so viele dringliche Probleme, dass wir es uns gar nicht leisten können, etwas nicht in Erwägung zu ziehen.“ Gemeint ist die Tatsache, dass unser Planet den Heißhunger auf Fleisch von künftig fast 10 Milliarden Menschen nicht wird stillen können. Aktuell werden jedes Jahr mehr als 60 Milliarden Tiere geschlachtet – Meereslebewesen ausgenommen. Auf 70 Prozent aller Agrarflächen wächst Futter für Tiere, deren Haltung mehr Treibhausgase freisetzt, als alle Transportemissionen zusammen – und nebenbei laut ProVeg sogenannte „Zoonosen“ begünstigt: von Tier zu Mensch und umgekehrt übertragene Infektionskrankheiten wie die Vogelgrippe, BSE, Mers – und höchstwahrscheinlich auch Covid-19.

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„Natürlich ist pflanzliche Ernährung die optimale Lösung, aber die Zahl der Vegetarier*innen und Veganer*innen steigt nicht so rapide an, wie wir uns das wünschen“ , sagt Tuider. Die der Flexitarier*innen, also Menschen, die selten oder wenig Fleisch essen, hingegen schon.

Falls der Markteintritt mit gezüchteten Burger-Pattys und Hähnchenfleisch 2022 gelingt, liegt schon die nächste Vision in der Schublade. Ido Savir von SuperMeat glaubt: Sobald die Technologie ausgereift sei und es kompakte Bioreaktoren gebe, würden Konsument*innen ihr tierleid-freies Fleisch nicht mehr in Supermärkten kaufen, sondern zuhause züchten.

Für den Fall, dass der Markteintritt 2023 immer noch „kurz bevorsteht“, gibt Jens Tuider zu bedenken: „Die Proteinwende ähnelt der Energiewende. Das ist ein zäher Prozess, aber er ist notwendig.“ Solange die Endprodukte nicht zäh sind.

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